Was meint karl marx mit Religion ist das Opium fürs volk?

12 Antworten

Zum Verweis auf Lenin unter den Beiträgen als Urheber des Zitates: Das ist zwar richtig aber es würde schon sehr viel "Kreativität" benötigen die Originalaussagen von Marx zu diesem Punkt anders verstehen zu wollen. Man kann sicher zu dem Ergebnis kommen das Marx der Denker / Intellektuelle von beiden war, eben Philosoph. Aber in der Analyse hat Lenin es - wahrscheinlich intuitiv - auf den Punkt gebracht während Marx in einer komplexeren Gesamtsicht verblieben ist. Aber dennoch stehen seine Sätze: "Und zwar ist die Religion das Selbstbewusstsein und das Selbstgefühl des Menschen, der sich selbst entweder noch nicht erworben, oder schon wieder verloren hat. (...) Dieser Staat, diese Societät produzieren die Religion, ein verkehrtes Weltbewusstsein, weil sie eine verkehrte Welt sind. Die Religion ist die allgemeine Theorie dieser Welt, ihr enzyklopädisches Compendium, ihre
Logik in populärer Form, ihr spiritualistischer Point-d'honneur , ihr Enthusiasmus, ihre moralische Sanktion, ihre feierliche Ergänzung, ihr allgemeiner Trost- und Rechtfertigungsgrund. Sie ist die phantastische Verwirklichung des menschlichen Wesens, weil das menschliche Wesen keine wahre Wirklichkeit besitzt.
Der Kampf gegen die Religion ist also mittelbar der Kampf gegen jene Welt, deren geistiges Aroma die Religion ist."

Und hier decken sich Lenins Ausspruch und das allgemeine Verständnis zur Interpretation der Ausführungen von K. M. zu diesem Thema.

Das Zitat ist leider nicht korrekt. Hier die Passage (in Wikipedia zu finden):

Das religiöse Elend ist in einem der Ausdruck des wirklichen Elendes und in einem die Protestation gegen das wirkliche Elend. Die Religion ist der
Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüth einer herzlosen Welt, wie sie
der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium des Volks.

Die Aufhebung der Religion als des illusorischen Glücks des Volkes ist die Forderung seines wirklichen Glücks. Die Forderung, die Illusionen über seinen Zustand aufzugeben, ist die Forderung, einen Zustand aufzugeben, der der Illusionen bedarf. Die Kritik der Religion ist also im Keim die Kritik des Jammertales, dessen Heiligenschein die Religion
ist.“


– Karl Marx: Einleitung zu Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie; in: Deutsch-Französische Jahrbücher 1844, S. 71f, zitiert nach MEW, Bd. 1, S. 378-379

"Opium für das Volk" hat später Lenin geschrieben und man darf darüber spekulieren, warum er das Marx-Zitat geändert hat. Es ist nämlich ein Perspektivwechsel, ein Verursacherwechsel enthalten. Bei Marx sind es die Umstände, die das Volk zur Religion greifen lassen. Bei Lenin wird dem Volk mit Religion Tröstung vorgegaukelt. Das ist ein Riesenunterschied und eindeutig von der politischen Agitation bestimmt.

Inzwischen betet ja auch der kommunistisch erzogene Putin wieder fleißig in allen orthodoxen Kirchen und will sogar eine in Paris mit einweihen. Armer Marx: DIe Welt ist halt doch etwas komplexer als seine vereinfachenden Modellvorstellungen. Hätte er schon die Filme von "Don Camillo und Peppone" gesehen, hätte er seine Aussagen vielleicht korrigiert. Aber seine Zeit war halt noch vom Wahn der Vernunft geprägt, die ihnen Kant und Hegel hinterlassen haben.

Wahn der Vernunft? Ich sehe in Marx Ideen und Beschreibungen der Gesellschaft zwar auch viele Fehler und meiner Meinung nach nicht umsetzbare Dinge und manchmal auch die nötige Multiperspektivität, aber Soziologie ist halt schwer greifbar. Außerdem gibt es keine Lösung, die wirklich alle Menschen zufrieden stellen könnte, da der Mensch zu individuell und egostisch von Natur aus ist.

ABER das Religion DAS größte Übel ist, welches Gesellschaften und die ganze Menschheit belügt und von der Realität ablenkt ist Fakt.

Marx zeigt auf, dass Menschen die Hoffnungslos oder enttäuscht sind, sehr schnell in Ideologien flüchten, in denen sie sich eine bessere Welt versprechen. Religionen sind genau auf solche Menschen spezialisiert. Sie lullen sie ein, führen sie in einen Rausch, so wie bei Opiaten. Somit manipulieren sie den Menschen und verschleiern ihm die Realität.

Lenin sagte genau das selbe! Auch er sagte, dass die Religion dem Volk Hoffnung vorgaukeln würde. Wo soll da der "Riesenunterschied" sein?

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@wildcarts2

@wildcarts2

Genau genommen widersprichst Du Dir in Absatz 2 und 3. Wenn sich die Menschen selbst in Religion flüchten, sind es die Menschen, die evtl. eine falsche Strategie wählen, mit ihren Problemen fertig zu werden. Auch in Abschnitt 3 fällst Du unbegründet vom Aktiven ins Passive. Erst sind es die Menschen, die sich selbst die Religionen als Ausweg wählen, dann sind es die (von wem erfundenen?) Religionen, die die Menschen in die Irre führen. Das ist eine unbegründete Verschiebung von Verantwortung, die auf ein Vorurteil hinweist. Und darum fällt Dir nicht auf, dass auch die Aussage Lenins sich von der von Marx unterscheidet: Marx wählt die passive Variante, und Lenin kehrt es in eine aktive um, macht das Eigengeschöpf zum Teufel. Das mag als Propaganda durchgehen, aber nicht als saubere Denke.

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Hi,- K. M. meint damit, dass Religion, hauptsächlich als die institutionalisierte "Religion" der "Verkündungseliten",  i. d. R. die Menschen zur Duldsamkeit und damit zur Duldung bestehender Ungerechtigkeiten "erzieht" sowie dadurch den Fokus ihrer Aufmerksamkeit von der konkreten Beschäftigung mit der Überwindung dieser Ungerechtigkeiten in einem konkreten Diesseits auf vage Hoffnungen und "ungedeckte Schecks" von Heilsversprechen in einem nebulösen "Jenseits" ablenkt. - Damit ist (institutionalisierte (Verkündungs-) Religion aus der Natur der Sache heraus natürlicher Teil des Herrschaftsapparates.

Gruß

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