Was ist richtig: Ich glaube, dass man es lässt, zu machen, oder dass man es zu machen lässt?


20.05.2024, 02:15

Wenn jemand auch weiß, wie diese Regeln heißen, wäre es wunderbar :)

3 Antworten

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Ich vermute mal, Du meinst „etwas lassen“ (=„etwas nicht (mehr) tun“), wobei das Objekt ein Infinitivsatz ist. Dein Hauptsatz wäre also

  • Man lässt es, [etwas] zu machen.

Der Satz ist zwar formal korrekt, aber ohne mein eingefügtes [etwas] ziemlich unverständlich. Ich nehme als Beispiel besser

  • Ich lasse es, alles zu kritisieren.

Schon dieser Satz ist untypisch. Ohne jede Ergänzung (Ich lasse es lieber/in Zukunft/...) sagt man eher „Ich unterlasse es, ...“, „ich lasse es sein, ...“ oder „ich lasse/sehe davon ab, ...“.

Nun denn, der Infinitivsatz ist hier nachgestellt und hat ein Korrelat-es im Hauptsatz. Das bleibt auch so, wenn der ganze Satz zum Nebensatz wird:

  • Er hofft, dass ich es lasse, alles zu kritisieren.

Das entspricht Deiner erste Variante

  • Ich glaube, dass man es lässt, [etwas] zu machen.

Theoretisch darf man den Infinitivsatz aber auch direkt in den Satz einfügen:

  • Alles zu kritisieren lasse ich.
  • ⇒ ? Er hofft, dass ich alles zu kritisieren lasse.

Das entspricht Deiner zweiten Variante

  • [Etwas] zu machen lässt man.
  • ⇒ ? Ich glaube, dass man [etwas] zu machen lässt.

Bei vielen Verben geht das problemlos und ist oft sogar guter Stil. Aber beim Verb „lassen“ in der Bedeutung „unterlassen“ schießt man sich damit ins eigene Knie: Es gibt „lassen+Infinitiv“ und „etwas (sein) lassen“, daneben auch die Verben „zulassen“ und „zumachen“ (=schließen). All das führt dazu, dass man den Satz mindestens zweimal lesen muss. Und die schwammigen Begriffe „man“ und „machen“ erleichtern das Verständnis auch nicht.

Fazit: Du hast zwei hoffnungslos verunglückte Hauptsätze grammatikalisch korrekt in Nebensätze umgewandelt.


Hurricanenik 
Beitragsersteller
 22.05.2024, 17:54

Lieber ralphdieter,

Ihre Erklärung ist unglaublich nützlich. Ich verstehe, dass der ursprüngliche Satz in der Frage fast oder vollkommen sinnlos erscheinen kann. Nun weiß ich, dass man Infinitivsätze nach der dass-Konjunktion doch bilden kann.

Was den ursprünglichen Kontext angeht, wie ich es unten erklärt habe, wollte man "lassen" im Sinne "erlauben" benutzen. Ist es richtig, dass "lassen" als "erlauben" und "nicht mehr tun" auf jeden Fall als Vollverb verstanden werden? Im Gegensatz zu "lassen sich + Vollverb".

Noch eine kurze Frage... aus Ihren Beispielen könnte man schließen, dass beide Rheinfolge korrekt sind:

  • "Ich glaube, dass man es lässt, [etwas] zu machen" und
  • "Ich glaube, dass man [etwas] zu machen lässt".

Verstehe ich richtig, dass diese 2 Sätze theoretisch - in ihren "reinen" grammatischen Formen - gleiches bedeuten und man die verschiedene Reihenfolge hier als Stillmittel verstehen kann?

Besten Dank für die Informationen.

Nik

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ralphdieter  22.05.2024, 20:40
@Hurricanenik

Beide Sätze sind grammatisch. Allerdings ist eine eingeschobene Infinitivgruppe oft irritierend, besonders wenn sie etwas komplexer ist. Am Satzende, ggf. mit Korrelat-es, wird der Satz leichter verständlich:

  • Offenbar ist perfekt deutsch zu sprechen nicht ganz einfach.
  • Offenbar ist es nicht ganz einfach, perfekt deutsch zu sprechen.

Bei meiner Internetsuche nach „Infinitivgruppe“ ist mit kein einziges Beispiel untergekommen, bei dem sie im Satzinnern steht. Deshalb empfehle ich Dir grundsätzlich die Platzierung am Satzende. Alles Andere braucht wohl sehr viel Sprachgefühl.

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Bei Deinen Sätzen habe ich „etwas lassen“ im Sinne von „etwas nicht (mehr) tun“ / „etwas aufgeben“ verstanden. In der Bedeutung von erlauben / tolerieren / initiieren wird lassen wie ein Modalverb mit Infinitiv ohne zu verwendet:

  • Ich lasse mein Auto reparieren. (Ich mache es nicht selbst)
  • Ich lasse die Kinder spielen. (Ich verbiete es ihnen nicht)

Statt des Infinitivs passt auch ein Akkusativobjekt:

  • Ich lasse mein Auto in der Garage.
  • Ich lasse die Kinder zu Hause.

Aber Vorsicht! die Phrasen

  • Lass es!
  • Lass es sein!
  • Lass es bleiben!

meinen genau das Gegenteil: „Hör damit auf!“. Das gilt auch dann, wenn es kein Befehl ist und das es durch einen Infinitiv mit zu ersetzt wird:

  • Ich lasse das Rauchen beim Autofahren.
  • Ich lasse es, beim Autofahren zu rauchen.

Jetzt frag mich bloß nicht, woran man erkennen kann, dass lassen hier diese gegenteilige Bedeutung hat. Nur beim Infinitiv ist es klar: mit zu=aufhören, ohne zu=erlauben.

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Nun zu Deinem Kommentar unter Milkasways Antwort:

  • Online-Arbeiten lassen dich mehr Zeit für dich selbst widmen.

Das ist okay, aber irgendwie um die Ecke gedacht.

  • Online-Arbeiten lassen dir mehr Zeit für dich selbst.

klingt natürlicher. Aber mit man als Subjekt habe ich so meine Probleme: Man lässt sich massieren, berieseln oder unterhalten, aber das geschieht alles passiv. Widmen passt da einfach nicht ins Schema. Vielleicht liegt es auch daran, dass „sich Zeit lassen“ (=„keine Eile haben“) eine feststehende Wendung ist. Bei Deinem Satz

  • Man lässt sich dadurch mehr Zeit ··· (für sich selbst widmen.)

ist im ersten Teil alles klar (aber falsch), und was dahinter kommt, bringt einen nur durcheinander. Aber was soll's! Als Nebensatz lautet er nach den üblichen Regeln:

  • ..., dass man sich dadurch mehr Zeit für sich selbst widmen lässt.

Das finite Verb steht am Ende, und die Infinitivgruppe direkt davor.

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Hurricanenik 
Beitragsersteller
 22.05.2024, 22:15
@ralphdieter

Mein Gott, ich habe 10 Jahre im Deutschunterricht verbracht und ich glaube, dass ich noch 10 Jahre das Verb "lassen" lernen werde :D

Ich glaube, ich habe den Kernpunkt mitbekommen. Ich finde "lassen" sehr spannend und lustig besonders für Nicht-Deutsch-Muttersprachler.

Nochmals herzlichen Dank für die Antworten.

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Ehrlich gesagt verstehe ich den Satz in beide Richtungen nicht. Kannst du noch Kontext geben oder den Satz auf Englisch schreiben?


Hurricanenik 
Beitragsersteller
 20.05.2024, 17:21

Danke sehr für Ihre Antwort. Ich habe den Kontext so verständlich wie möglich unten erklärt.

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Wenn es in deinem Satz darum geht, etwas nicht zu machen, würde ich es so schreiben:

Ich glaube, man sollte es sein lassen.

Ansonsten wüsste ich beim besten Willen nicht, worum es in diesem Satz gehen sollte. Kannst du einen Kontext mitliefern?


Hurricanenik 
Beitragsersteller
 20.05.2024, 17:20

Ja, klar. Der angegebene Beispiel möchte ich nur als Muster der Struktur geben. Der Kontext sieht folgend aus: Nach 2021 sind zahlreiche s.g. Online-Arbeiten entstanden. Bei diesem Format hat man eine Möglichkeit, sich mehr Zeit für sich selbst zu nehmen.

Ein Freund von mir wollte es wie folgt formulieren: Ich glaube, dass man dadurch (durch solche Arbeiten) lässt, die Zeit sich selbst zu widmen (?).

Die Reihenfolge der Infinitivkonstruktion ist mir völlig unklar, da es normalerweise entweder um klassische Nebensätze oder um Infinitivkonstruktionen geht. (Dass eine Infinitivkonstruktion eine Art vom Nebensatz ist, ist mir auch bekannt).

Die Frage besteht darin, wie man genau die Reihenfolge hier bilden musste, wenn man so einen Satz doch sagen / schreiben möchte?

Danke sehr für Ihre Antwort.

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Hurricanenik 
Beitragsersteller
 20.05.2024, 17:24

Oder darf man einfach sowas im Deutschen nicht machen (gleichzeitige Verwendung eines Nebensatzes und einer Infinitivkonstruktion)?

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