Was ist die Ich-Illusion?

6 Antworten

Ich bin Buddhist und werde versuchen, diese Frage so verständlich wie zu beantworten, ohne zu philosophisch zu werden.

Das Ich

Unser "Ich" ist eine Simulation unseres Gehirns. Dabei wird im Bewusstsein eine Trennung geschaffen zwischen dem individuellen "Ich" und dem Rest der Welt.

Wenn wir zB bewusstlos werden, dann haben wir kein "Ich" mehr, weil diese künstliche Trennung durch das Gehirn wegfällt.

Einheit

Eigentlich sind wir ja ein Teil dieser Welt, genau wie ein Baum, oder ein anderer Mensch, aber diese Einheit mit Allem ist uns nicht bewusst, oder wir erfassen sie nur intellektuell, nicht als Erfahrung.

Da wir dieses Bewusstsein der Einheitserfahrung nicht haben, sehen wir uns als "Mittelpunkt der Welt" an, um den sich alles dreht.

In Wirklichkeit sind wir nur Teil einer Gesamtheit und unsere ach-so-wichtige Individualität daher nicht von der Bedeutung, die wir ihr beimessen.

Wahrnehmung und Bewertung

Angeblich filtert das Gehirn 90 Prozent aller Sinneseindrücke gleich
wieder aus, weil es sonst mit der Verarbeitung der Informationen
überfordert wäre.

Außerdem nehmen wir die Welt aufgrund unserer Konditionierungen durch Erziehung, Gesellschaft und Lebenserfahrung immer durch einen subjektiven Filter wahr, der auf dem Ich basiert.

Wir sagen "Die Frau ist schön, das Essen ist lecker, das Auto super" - ganz selbstverständlich, als wären das unumstößliche Wahrheiten.

Doch eine andere Person findet die gleiche Frau unattraktiv, das gleiche Essen ungenießbar und das gleiche Auto einfach nur langweilig.

Die Ursache dafür ist das simulierte "Ich"

"Ich bewerte diese Frau als schön, Ich bewerte das Essen als lecker, Ich bewerte das Auto als super"

Wir sehen niemals die wahre Realität der Dinge, sondern immer eine subjektive Realität des Ich-Filters.

Dennoch identifizieren wir uns völlig mit all diesen Bewertungen und halten sie für absolut und ewig. Damit kommen wir auch zum nächsten Punkt.

Ewige Veränderung

Der Buddhismus lehrt, das alles der ewigen Veränderung unterworfen ist und es nichts konstantes gibt - keinen Gott, keine Seele und kein Ich.

Denn dein "Ich" ändert sich ständig.

Du bist zB geschäftlich erfolgreich - deshalb bist du glücklich. Doch dieses Glück ist nicht ewig, sondern existiert nur in deinem Bewusstsein.

Schon im nächsten Moment erhältst du trotz deines Erfolgs deine Kündigung. Du wirst traurig - das bedeutet nur, dass dein Bewusstsein sich ändert.

Du fühlst dich gekränkt. wirst wütend. Dadurch ändert sich dein Bewusstsein, also das, was dein Ich ausmacht.

Wer bist du nun? Der Glückliche? Der Traurige? Der Wütende?

Letztlich bist du gar nichts - denn du hast nichts, was wirklich "Du" bist, denn alles sind vorübergehende Eigenschaften, die sich ändern.

Koan

Zen-Meister geben ihren Schülern gelegentlich Koan, das sind paradoxe Geschichten, die mit dem Verstand nicht zu lösen sind, da sie über das "Ich" hinausgehen. Da gibt es etwa die Forderung;

"Zeige mir dein wahres Wesen! Zeige mir das Gesicht, das du hattest, bevor dein Vater und deine Mutter geboren wurden!"

Wenn man das jetzt liest merkt man...da ist nichts. Da gab es kein "ich".

Erst unsere Eltern (äußere Einflüsse) haben ein "Ich" entstehen lassen.

Genau wie damals, sind wir aber eigentlich "leer"...wie ein Blatt Papier.

Alles was wir "Ich" nennen, ist nur von außen daraufgeschmiert worden. In Wirklichkeit sind wir immer noch ein leeres Blatt Papier.

Nur weil wir uns einbilden, dass zu sein, womit wir uns identifizieren, halten wir uns für einen tollen Roman - in Wirklichkeit sind wir eine leere Seite.

Der Buddhismus als Weg

Der Buddhismus lehrt, wie wir uns von diesen ganzen Illusionen und Verhaftungen mit den Bewertungen befreien können.

Denn jede dieser Dinge ist vergänglich und so leiden wir an der Vergänglichkeit der Dinge, an der Vergänglichkeit des Ich.

Deshalb wird man auch niemals dauerhaft glücklich... es gibt immer etwas das schöner zu sein scheint, die Lösung zu sein scheint...wir sind neidisch auf Andere...das sind die drei Geistesgifte "Hass, Gier, Unwissenheit"

Laut dem Buddhismus sind wir alle leere Blätter, Teil eines großen, leeren Buches und erkennen diese Einheit in der Leerheit nicht.

Dabei bedeutet "erkennen" nicht "intellektuell verstehen", so dass man mit dem Kopf nickt "soso, ich bin also leer...", sondern um die Erfahrung.

Diese Erfahrung kann man in der Meditation machen. Durch die buddhistische Praxis löst man sich von den Ich-Mustern und erfährt schließlich ganz konkret, als Nichts ein Teil des Nichts zu sein.

Im Buddhismus versucht man, zwischen Ich und Nicht-Ich zu unterscheiden. Diese Unterscheidung hört sich vielleicht ganz leicht an, ist aber beim genauen Hinsehen doch nicht so einfach.

Wie willst du herausbekommen, was alles nun wirklich Du bist und was alles etwas anderes ist? Sind deine Gedanken du? Sind bestimmte Gedanken von dir du - und andere nicht? Ist überhaupt das Denken du? Sind deine Gefühle du? Ist dein Körper du? Ist dein Sehen, dein Hören, dein Fühlen du?

So kannst du bei allem, wo du meinst, dass das dein Ich wäre, fragen, ob du das wirklich bist. Und wenn sich nun etwas von dem, was du als Ich bezeichnest, ändert? War es dann vorher du oder ist es jetzt du oder wird es in einem späteren Zustand du sein?

Dein Körper verändert sich, spätestens alle 7 Jahre sind sämtliche Körperzellen komplett ausgetauscht. Dein Denken verändert sich, deine Meinung, dein Geschmack, deine Hobbies, ... wann ist es du? Oder ändert sich das, was du Ich nennst, laufend? Dann müsste aber in dem Veränderten dennoch etwas sein, was sich gleichbleibt, damit es jederzeit du selbst ist.

Was ist dann eigentlich Ich? Gibt es Ich - oder erscheint "mir" nur etwas ein Ich zu sein?

Soviel vielleicht mal zum Weiterdenken.

... und um es auf einen nachvollziehbaren Level zu bringen, schau mal was ich hier gefunden habe ....... :-)


Was mit ‚Nicht-Ich‘ gemeint ist, möchte ich hier in Form einer prakti-

schen Betrachtung nochmal verdeutlichen: Erlauben Sie den verschie-
dene Gedanken, Gefühlen, Empfindungen, Emotionen, allen inneren
und äußeren Wahrnehmungen da zu sein, ohne etwas damit tun zu
müssen.
Was auch immer Sie in sich oder an sich wahrnehmen, können Sie es
erleben, ohne stillschweigend davon auszugehen, der Besitzer davon zu
sein, dem all dies widerfährt?

Wenn Sie ein Körpergefühl spüren, können Sie es erleben als bloß ein
Körpergefühl und nicht als ‚mein‘ Körpergefühl?

Wenn Sie einen Gedanken erleben, können Sie ihn erfahren als einen
Gedanken und nicht als ‚meinen‘ Gedanken?

Bemerken Sie, inwieweit es Ihnen gelingt, diese Empfindungen bloß als
Empfindungen zu sehen und nicht als ‚meine‘ Empfindungen.

Können Sie Gedanken denken, ohne der Besitzer davon zu sein?
Einfach nur Gedanken und nicht ‚meine’ Gedanken’?


Das Gleiche können Sie üben mit Qualitäten wie Angst, Schuld, Sorgen,
Ärger, Traurigkeit, Langeweile aber auch mit Freude, Mitgefühl, Großzü-
gigkeit und so weiter.


Können Sie mit allen Qualitäten wohlwollend umgehen, egal, wie sie
sich gerade anfühlen? Sie einfach da sein lassen, genau so, wie sie sind,
ohne der Besitzer davon zu sein?


Falls Sie gegen diese Betrachtung etwas Widerstand verspüren, ist das
ganz normal, denn Sie haben vielleicht das Gefühl, Ihnen werde etwas
genommen und Sie müssten bekanntes Gebiet aufgeben.


Wir nehmen an, dass wir Dinge wirklich besitzen. Das liegt auch an
der Sprache, die wir benutzen. Wir sagen: Das ist mein Körper, meine

Frau, mein Mann, mein Kind und nehmen an, dass das wirklich so ist.

Und das machen wir unser ganzes Leben lang.

Wir haben verschiedene Dinge angehäuft und gehen davon aus, dass
sie uns gehören.

Buddha sagte: ‚Wenn du die Dinge wirklich besitzt, solltest du auch
fähig sein, diese Dinge zu kontrollieren.‘







Was möchtest Du wissen?