Suizid in Eurem Umfeld?
Hat es in Eurem Umfeld oder von jemandem, den ihr persönlich kennt, schon mal einen Suizid gegeben?
97 Stimmen
24 Antworten
In meiner Heimatstadt gab es in den letzten 20 Jahren einige Leute, die sich das Leben nahmen. Die kannte ich nicht persönlich, das heißt, ich wusste wer er war und kannte die Familie so peripher, aber ich war mit den Personen nicht jeweils persönlich bekannt oder gar befreundet. Einmal hat sich ein ca. 25-jähriger Jungjäger aus Liebeskummer mit seinem eigenen Gewehr im Hochsitz erschossen, einmal hat sich jemand nach einer Krebsdiagnose erhängt, dann hat der Vater einer ehemaligen Mitschülerin sich das Leben genommen und ein anderer hat sich wegen Depressionen aufgehängt. Das kam immer mal wieder mal vor, man erfuhr es so beiläufig im Stadtgespräch. Auch ein ehemaliger Mitschüler hat sich ca. 2008 das Leben genommen - da gab es wohl extreme Probleme in der Familie, mit denen er nicht mehr fertig wurde. Da war ich sogar auf der Beerdigung.
XXX
Eine (angeheiratete) Verwandte von mir hat sich vor einigen Jahren mit um die 60 nach langem depressivem Leidensweg (über 30 Jahre) das Leben genommen - das hat mich lang beschäftigt, zumal ich die Vorgeschichte kannte; zu mir hatte sie Vertrauen und mir hat sie viel erzählt. Ich habe mich immer wieder gefragt, ob ich ihr nicht hätte helfen oder noch mehr beistehen können - aber wahrscheinlich hatte sie zu dem Zeitpunkt selbst schon kein Interesse mehr an ihrem Leben.
Ich stellte mir hinterher mit einiger Fassungslosigkeit die Frage, ob man es nicht gemerkt hat oder ob man es hätte verhindern können - sie hatte sich in einer Rehaklinik, in der sie wegen der Krankheit war, erhängt. Ich hatte bis unmittelbar vor dieser Reha den Eindruck, es ginge ihr zwar wie üblich nicht besonders gut, aber die Lage sei dennoch nicht bedrohlich. Ich fragte mich auch, was in ihr vorgegangen war bzw. wie schlecht es jemandem gehen muss, der so weit geht. Ich wusste aber auch, dass ich ihr im Rahmen meiner Möglichkeiten das gegeben hatte, das ich ihr geben konnte an Hilfe, Beistand, Verständnis und Toleranz - und ich vermutete, dass sie einfach nicht mehr wollte/nicht mehr konnte und 30 Jahre Leiden an einem Stück ihr als genug erschienen sind.
Aus menschlicher Sicht - auch weil ich ihr Leiden sehr gut kannte und wusste, was sie tief in ihrem Innersten berührte und wie sehr sie darunter litt, dass sie von der Öffentlichkeit jahrelang als Simulantin wahrgenommen wurde und mit Sätzen wie "da lang hin, dass du was zu schaffen hast, dann würdest auch nicht so heulen - hab dich nicht so" abgefertigt worden ist, sich selbst in Selbsthilfegruppen oder von Therapeuten, die sie wahrscheinlich nie verstanden oder kapiert haben, wiederholt nicht ernstgenommen und auch unfreundlich behandelt fühlte (einmal war ich dabei, das war auf einer Messe, zu der ich sie in der Sache begleitet habe ... da kam sie aufgelöst zu mir und sagte, eine Frau an einem Stand irgendeiner Selbsthilfegruppe habe sie gar nicht ernstgenommen, ich glaubte es ihr!) - konnte ich ihren Entschluss, so sehr ich trauerte und so nahe mir das ging, letztlich sogar irgendwie nachvollziehen. Das hat es mir auch leichter gemacht es zu akzeptieren, dass sie diesen Weg wählte und dass es ihr vielleicht jetzt besser geht.
Mein bester Kumpel sagte mir damals: Reisende soll man nicht aufhalten - wer sich seines Lebens entledigt, der hat offenbar so riesengroße und tragische Probleme mit sich und seiner Welt usw., dass er keinen anderen Ausweg gesehen hat. Im Grunde kann man das so stehen lassen.
Allerdings nicht in der Zeit, als ich zu ihm Kontakt hatte. Ich betreute einige Zeit jemand, der aus der rechten Szene ausgestiegen war. Der Kontakt hat sich dann durch den Tod eines gemeinsamen Freundes durch Autounfall, zerschlagen.
2 Jahre später erfuhr ich, dass er rückfällig geworden war und sich, als die Polizei ihn stellen wollte, selbst gerichtet hätte.
Nun ein Freund meines Bruders hat sich damals das Leben genommen nachdem seine Freundin mit ihm Schluss gemacht hatte.
Eine Kollegin von mir hat sich vor ein paar Jahren das Leben genommen, am Ostersonntag. Gründonnerstag machte ich Überstunden und obwohl sie Urlaub hatte, tauchte sie noch spät im Büro auf und stand mit einer vollbepackten Tasche in meinem Türrahmen.
Ich dachte sie wird mir jetzt schöne Feiertage wünschen aber das was sie sagte, war eher ein Abschied. Dabei wirkte sie strahlend glücklich. Irgendwie dachte ich mir, es stimmt was nicht aber wegen dem Bürostress habe ich das ausgeblendet.
Dienstags kam sie nicht zur Arbeit und hatte sich auch nicht gemeldet. An dem Tag musste eine Kollegin aushelfen und sagte später in einem Nebensatz, dass alle persönlichen Gegenstände aus dem Büro der anderen verschwunden waren. Da ahnte ich etwas schlimmes, aber so etwas spricht man nicht aus. Einige Tage später wurde dann erzählt, sie habe einen Autounfall gehabt und ich hatte aus dem Nichts einen Termin bei der Abteilungsleitung. Da saß mein Teamleiter, dem ich gesagt hatte, dass ich die Kollegin noch donnerstags spät gesehen hatte, mit der Tasche. Mir wurde dann dort gesagt, dass sie sich suizidiert hat und ich niemandem davon erzählen soll, dass sie noch mal im Büro war. Man wies mich an, die Legende vom Autounfall zu unterstützen. Den Rest des Gesprächs habe ich vergessen, weil ich nicht mehr zu weinen aufhören konnte. Die Kollegin hatte eine zweijährige Tochter.
Man schickte mich dann für den Rest des Tages nach Hause. Später sprach mich dann ein Kollege aus einer anderen Abteilung auf die Kollegin an. Er sagte mir, dass sie sich auf die Gleise der Haltestelle XY gelegt habe und die Kameras dort ausgewertet wurden. Kurz bevor der Zug einfuhr, soll sie versucht haben rauszuklettern, schaffte es aber nicht mehr.
Bei der Beerdigung taten sich dann schlimmste Abgründe auf, über die ich hier nichts schreiben möchte. Der Grund für den Suizid lag im familiären Umfeld.
Ein 16ähriges Mädchen, das ich sehr gut kannte, hat sich erhängt, weil sie in der Schule gemobbt wurde. Ich kannte sie von ganz klein an. Ich empfand es als Störung des Kontinuums. Ich hätte damals die Mobber zu Brei geschlagen, hätte ich herausgefuden, wer es war.