Pythagoras-Zitat zum Thema Weiblichkeit. Kontext?

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3 Antworten

Wo dieses Zitat vorkommt, weiß ich nicht, aber laut Bertrand Russells Philosophiegeschichte wurden Frauen in den pythagoreischen Orden gleichberechtigt aufgenommen - er ist also evtl. nicht das optimale Beispiel für "Dämonisierung".

Die Pythagoreer haben diese Lehre vom Zoroastrismus übernommen. Demnach entstehe alles aus dem Kampf der Kräfte des Guten und des Bösen. Zum ersten zählen das Licht und der Mann, zum letzteren die Finsternis und die Frau. Angeblich hat sich Pythagoras mit Zarathustra persönlich getroffen, wobei man sagen muss, dass so gut wie nichts über das Leben von Pythagoras historisch gesichert ist.

Was zitiert wird, steht bei Simone de Beauvoir, Das andere Geschlecht (zuers 1949: Le deuxième sexe), dem Buch vorangestellt (als oberer von 2 Texten) und wird im Buch noch einmal aufgegriffen.

Simone de Beauvoir, Das andere Geschlecht : Sitte und Sexus der Frau. Aus dem Franzischen von Uli Aumüller und Grete Osterwald. Reinbek bei Hamburg : Rowohlt-Taschenbuch-Verlag, 2000 (Rororo ; 22785), S. 107:
„Während die Männer die Unterdrückung der Frau festschreiben, haben sie Angst vor ihr.“

„Das Andere ist die Passivität gegenüber der Aktivität, die Vielheit, die die Einheit zerbricht, der Stoff als Gegensatz zur Form, die Unordnung, die der Ordnung widersteht. So ist die Frau dem Bösen geweiht: »Es gibt ein gutes Prinzip, das die Ordnung, das Licht und den Mann geschaffen hat, und ein böses Prinzip, das das Chaos, die Finsternis und die Frau geschaffen hat«, sagt Pythagoras.“

Eine Quellenangabe steht nicht dabei. Eine Stelle bei den Fragmenten der Vorsokratiker, zu denen Hermann Diels und Walther Kranz eine Standardausgabe herausgegeben haben, deren Zählung üblicherweise verwendet wird (FVS = Fragmente der Vorsokratiker, zum Teil hinzugefügt DK = Diels/Kranz), könnte aber gemeint sein.

Was Pythagoras selbst gelehrt hat und was die älteren Pythagoreer vertreten haben, ist kaum unterscheidbar. Ein Hintergrund ist ein Denken in Polaritäten, von denen die ganze Wirklichkeit durchwaltet ist. Polarität bedeutet: Es gibt einen Pol und einen Gegenpol als Gegensätze, die sich in ihrer Existenz gegenseitig bedingen und ergänzen.

Von manchen werden das Männliche und das Weibliche zu durchgehenden allgemeinen Prinzipien des Seienden aufgestellt.

Zumindest ein Teil der Pythagoreer hat anscheinend das Männliche und das Weibliche als solche Prinzipien dargestellt. Außerdem haben sie die Wirklichkeit als von Zahlenverhältnissen bestimmt bzw. durch sie gekennzeichnet verstanden und Prinzipien von Zahlenverhältnissen her gedeutet.

Bei den Pythagoreern ist das Männliche das Ungerade, das Weibliche das Gerade (Aristoteles, Fragment 203 Rose = Alexander von Aphrodisias, Kommentar zur Metaphysik des Aristoteles 38, 10).

Aristoteles, Metaphysik A 5, 985 b – 987 b enthält eine Darstellung pythagoreischer Lehren.

Eine Richtung der Pythagoreer hat eine Tafel von Gegensätzen aufgeführt, wobei die Prinzipien jeweils Pol und Gegenpol darstellen und die Prinzipien einer Seite der Gegensatzreihe zueinander Entsprechungen sind. Da auch bewertende Begriffe vorkommen, stehen die Prinzipien der einen Seite in Analogie zum Guten, die der anderen Seite in Analogie zum Schlechten.

Aristoteles, Metaphysik A 5, 986 a = DK 58 B 5

ἕτεροι δὲ τῶν αὐτῶν τούτων τὰς ἀρχὰς δέκα λέγουσιν εἶναι τὰς κατὰ συστοιχίαν λεγομένας,
πέρας καὶ ἄπειρον,
περιττὸν καὶ ἄρτιον,
ἓν καὶ πλῆθος,
δεξιὸν καὶ ἀριστερόν,
ἄρρεν καὶ θῆλυ,
ἠρεμοῦν καὶ κινούμενον,
εὐθὺ καὶ καμπύλον,
φῶς καὶ σκότος,
ἀγαθὸν καὶ κακόν,
τετράγωνον καὶ ἑτερόμηκες.
ὅνπερ τρόπον ἔοικε καὶ Ἀλκμαίων ὁ Κροτωνιάτης ὑπολαβεῖν, καὶ ἤτοι οὗτος παρ' ἐκείνων ἢ ἐκεῖνοι παρὰ τούτου παρέλαβον τὸν λόγον τοῦτον· καὶ γὰρ ἐγένετο τὴν ἡλικίαν Ἀλκμαίων <νέος> ἐπὶ γέροντι Πυθαγόρᾳ, ἀπεφήνατο δὲ παραπλησίως τούτοις·

Aristoteles, Metaphysik. Übersetzt von Hermann Bonitz. Auf der Grundlage der Bearbeitung von Héctor Carvallo und Ernesto Grassi neu herausgegeben von Ursula Wolf. Reinbek bei Hamburg : Rowohlt-Taschenbuch-Verlag, 2007 (Rororo ; 55544 : Rowohlts Enzyklopädie), S. 50 – 51:
„Andere aus derselben Schule nehmen zehn Prinzipien an, welche sie in entsprechenden Reihen zusammenordnen: Grenze und Unbegrenztes, Ungerades und Gerades, Einheit und Vielheit, Rechtes und Linkes, Männliches und Weibliches, Ruhendes und Bewegtes, Gerades und Krummes, Licht und Finsternis, Gutes und Böses, gleichseitiges und ungleichseitiges Viereck. Dieser Annahme scheint auch der Krotoniate Alkmaion zu folgen, mag er sie nun von jenen odermögen jene sie von ihm übernommen haben; denn Alkmaion war ein jüngerer Zeitgenosse des Pythagoras und sprach sich auf ähnliche Weise aus wie diese.“

Die Vorsokratiker. Band 1: Thales, Anaximander, Anaximenes, Pythagoras und die Pythagoreer, Xenophanes, Heraklit. Griechisch-lateinisch-deutsch. Auswahl der Fragmente und Zeugnisse, Übersetzung und Erläuterung von Laura Gemelli Marciano. Düsseldorf : Artemis & Winkler, 2007 (Sammlung Tusculum), S. 161 und S. 163:
„Andere Pythagoreer behaupten, die Prinzipen seien zehn, die sie nach Begriffsreihen anführen:
Grenze – Unbegrenztes
Ungerades – Gerades
Eines – Vielheit
Männliches – Weibliches
Ruhendes – Bewegtes
Gerades – Gekrümmtes
Licht – Dunkel
Gutes – Schlechtes
Quadrat – Rechteck
So scheint auch Alkmaion aus Kroton gedacht zu haben, und entweder hat dieser von ihnen diese Auffassungen übernommen oder jene von ihm; denn Alkmaion war in seiner Jugendalter, als Pythagoras in hohem Alter war, und äußerte sich ähnlich wie diese.“

Albrecht 25.01.2013, 05:34

S. 218: „Die Tafel der Gegensätze, die Aristoteles hier wiedergibt, geht sehr wahrscheinlich auf die späteren Pythagoreer zurück, deren Lehrer durch Speusipp, den Schüler Platons, dargestellt worden war […]. Sie sind keine spätere Erfindung, sondern eine Überarbeitung der im früheren Pythagoreismus bestehenden Tafeln.“

Die vorsokratischen Philosophen : Einführung, Texte und Kommentare. Von Geoffrey S. Kirk, John E. Raven und Malcolm Schofield. Ins Deutsche übersetzt von Karlheinz Hülser. Stuttgart ; Weimar : Metzler , 2001, S. 370 – 371:
„Andere Mitglieder derselben Schule erklären, es gebe 10 Prinzipien, nämlich die, welche sie in Form von Begriffspaaren anführen: Begrenztes und Unbegrenztes; Ungerades und Gerades; Eins und Vieles; Rechtes und Linkes; Männliches und Weibliches; Ruhendes und Bewegtes; Gerades und Krummes; Licht und Dunkel; Gutes und Böses; Quadratisches und ungleichseitig Viereckiges. In dieser Weise scheint auch der Alkmaion aus Kroton die Sache aufgefaßt zu haben; und entweder übernahm er diese Auffassung von ihnen oder jene übernahmen sie von ihm; denn Alkmaion stellte ganz ähnliche Behauptungen wie sie auf."

S. 370 Anm. 15: Einige Handschriften überliefern den Halbsatz so: καὶ γὰρ ἐγένετο τὴν ἡλικίαν Ἀλκμαίων ἐπὶ γέροντι Πυθαγόρᾳ, ἀπεφήνατο δὲ κτλ., »denn dem Alter nach war Alkmaion ‹?jung› in Pythagoras' hohem Alter und behauptete …«. So geschrieben ist der Text offensichtlich verderbt, Ross (ad loc.) tut zweifellos recht daran, Ab und Alexander zu folgen und die zusätzlichen Wörter als fälschlich in den Text eingedrungene Randnotizenauszulassen, obwohl sie vermutlich eine zutreffende Information enthalten.“

S. 371: „Anders als die in 430 berichteten Spekulationen greift die Tafel der Gegensätze keine der […] ursprünglichen pythagoreischen Ideen auf. Sie sieht aus wie das Werk von jemand, der von Parmenides' kosmologischem Dualismus und von den Figuren beeindruckt war, auf die in 437 Bezug genommen wurde; diese suchte er dann mit anderen eleatischen und mathematischen Konzepten zu verknüpfen und unter die pythagoreischen Prinzipien von Grenze und Unbegrenztem, Ungeradem und Geradem zu subsumieren. Die Tafel hat wenig interne Struktur; aber es ist verlockend, zu schließen, daß Grenze und Unbegrenztes die grundlegenden Gegensätze sein sollen, die in gewissem Sinn allen anderen unterliegen, auch dem Gegensatz von Ungeradem und Geradem.“

Aristoteles, Nikomachische Ethik 2, 5, 1106b 29 = DK 58 B 7

τὸ γὰρ κακὸν τοῦ ἀπείρου, ὡς οἱ Πυθαγόρειοι εἴκαζον, τὸ δ᾽ ἀγαθὸν τοῦ πεπερασμένου

„Denn das Schlechte ist dem Unbegrenzten zugeordnet, wie die Pythagoreer vermuteten, das Gute aber dem Begrenzten.“

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Albrecht 25.01.2013, 07:13

Margarita Kraus, Weiblich/männlich II. Vormoderne. In: Historisches Wörterbuch der Philosophie. Band 12: W – Z. Basel : Schwabe, 2004, Spalte 346 - 358

Spalte 346: „Das Denken in Polaritäten scheint ein Grundzug nicht nur des Abendlandes zu sein; die Polarität von weiblich und männlich ist dabei eine grundlegende; […]. »Das meiste, was den Menschen betrifft, ist paarweise« (δύο τὰ πολλὰ τῶν ἀνθρωπίνων) referiert ARISTOTELES den Pythagoreer ALKMAION und zitiert den erstmalig begrifflich fixierten - nicht wie in der Dichtung oder frühen Philosophie in Bildern implizierten - Gegensatz von ‹männlich› und ‹weiblich› aus der Gegensatztafel der Pythagoreer, die wohl in akademischer Tradition überliefert ist: Zehn Gegensatzpaare (Systoichien) sind aufgeführt, wobei »männlich/weiblich« an 5. Stelle hinter »Grenze/Unbegrenztes, Ungerade/Gerades, Eines/Vieles, rechts/links« steht und vor den Gegensatzpaaren »Ruhendes/Bewegtes, Gerades/Krummes, Licht/Dunkel, gut/Böse, Quadrat/Rechteck«. Da nach der Lehre der Pythagoreer alles durch Zahl dominiert ist, hängen die Paare sachlich zusammen und können – zumindest teilweise – strukturell analog verstanden werden. Grenze, Einheit und Quadrat sind dem Männlichen (ἄρρεν) und Gutem (ἀγαθὸν) zugeordnet, Vielheit und Rechteck dem Weiblichen (θῆλυ) und Schlechtem (κακόν).“

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Albrecht 25.01.2013, 07:52

Ursula I. Meyer, Das Bild der Frau in der Philosophie. Aachen : ein-Fach-verlag, 1999 (Philosophinnen ; Band 8), S. 14 – 18

S. 14 - 15: „Pythagoras interpretierte die Welt also mit Hilfe eines mathematischen Modells. Die Zahlenverhältnissse sind Träger der Harmonie der Welt, das zentrale Prinzip seiner Philosophie. Wie die musikalische Harmonie, besteht auch die der Welt im Zusammenklang und der Übereinstimmung der einzelnen Elemente. Es gibt darin zwei entgegengesetzte Seiten, die im Gleichgewicht stehen müssen, um die Balance zu gewährleisten. Aristoteles überliefert die pythagoreische Gesetzestafel, auf der diese Gegensatzpaar dargestellt sind. Sie werden von Pythagoras mit den Attributen männlich und weiblich gleichgesetzt. Auf der einen Seite stehen dann begrenzt, eines, rechts, ungerade, gut, hell, männlich, auf der anderen unbegrenzt, vieles, links, gerade, schlecht, dunkel und weiblich. Allerdings war die pythagoreische Vorstellung nicht hierarchisch, also eine Seite dominiert die andere, sondern beide müssen in Harmonie stehen, um Welt in Gleichgewichst zu halten. Diese gegensätzlichen Attribute stehen also hier noch gleichwertig nebeneinander. Aber sie tauchen später immer wieder auf, dann allerdings mit einer klaren Hierarchie, die das Licht über das Dunkel und das Männliche über das Weibliche stellt.

Das Harmonieprinzip ist ein zentraler Bestandteil der pythagoreischen Philosophie und ein Grundgedanke, der von vielen seiner Schülerinnen auch in späteren Zeiten (die Schule bestand noch nach Pythagoras' Tod weiter) aufgenommen wurde. Diese Harmonie herzustellen, sowohl im eigenen Leben (moralischer Grundsatz) als auch in der Gesellschaft (politischer Grundsatz) soll das Ziel jedes Menschen sein.

Vor allem der moralische Aspekt dieses Prinzips, und zwar bezogen auf das Leben der Frauen, wurde von den Pythagoreerinnen behandelt. Der Biograph des Pythagoras, Iamblichos, überliefert siebzehn von ihnen namentlich. Bekannteste ist sicherlich die Frau des Pythagoras, Theano von Kroton (ab 550 v.u.Z.). Sie war seine Schülerin und Kollegin und hat nach seinem Tod die Leitung der Schule übernommen. Auch ihre Töchter Arignote, Myia und Damo waren Philosophinnen.“

S. 18: „Pythagoras war also einer der wenigen Philosophen seiner Zeit, der den Frauen eine relativ gleichberechtigte Teilhabe an der Philosophie und am moralischen Leben der Gemeinschaft zusicherte. Aber trotzdem die pythagoreischen Philosophinnen selbst Ausnahmefrauen waren, argumentierten sie streng im bestehenden Rollenklischee. Zwar sollen sich auch Frauen mit Philosophie befassen, diese aber nur im häuslichen Leben einsetzen. Allerdings wird die Funktion der Familie und des Haushaltes gegenüber dem öffentlichen Leben als gleichberechtigt gesehen. Und die Frau kann durch ihre eigene harmonische Lebensführung gesellschaftlichen Einfluß ausüben."

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