Interpretation dieser zwei Sätze?

4 Antworten

Die zwei Sätze in der Fragebeschreibung und der dritte in einem Kommentar erwähnte Satz stammen von dem Schriftsteller Siegfried Lenz, der am 14. März 1986 in Hamburg in der Freitagsgesellschaft einen Vortrag »Geschichte erzählen - Geschichten erzählen« gehalten hat.

Der Inhalt ist auch in der FAZ veröffentlicht worden:

Siegfried Lenz, Geschichte erzählen : ein Essay. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Nr. 238 vom 11. Oktober 1986, Beilage „Bilder und Zeiten“

Die Interpretation gelingt besser, wenn der ganze Abschnitt (Anfang des Vortrags/Essay) gelesen wird, in dem die drei Sätze stehen.

Siegfried Lenz, Geschichte erzählen - Geschichten erzählen. In. Siegfried Lenz, Über das Gedächtnis : Reden und Aufsätze. 1. Auflage. Hamburg : Hoffmann und Campe, 1992, S. 20 - 21 und Geschichte erzählen - Geschichten erzählen. In. Siegfried Lenz, Werkausgabe in Einzelbänden. Band 20: Essay. 2. 1970 - 1997. 1. Auflage. Hamburg : Hoffmann und Campe, 1999, S. 165 – 166:  

„Geschichte - wir erfahren es bei jeder Gelegenheit - ist immer schon dargestellte Geschichte. Was sich auch wo und wann begeben hat: es kommt auf uns durch einen Vermittler, durch einen Augenzeugen, einen Betroffenen, einen Chronisten. So sehr wir uns auch bemühen, menschliche Vergangenheit in reinem, in purem Zustand zu erfahren, am Ende zeigt sich, daß es vergeblich ist: das Überlieferte ist immer schon interpretiert. Gebrochen durch ein Temperament, verdunkelt durch Interessen, entstellt durch unzureichendes Wissen oder in Anspruch genommen durch Ideologie, zeigt sich uns das historische Faktum zumindest in seltsamer Oszillation. Selbst auf die Quelle ist nicht unbedingt Verlaß : der Historiker weiß, wie sehr er auf »Zeugen wider Willen« angewiesen ist, bevor er der Quelle letztes Vertrauen schenken kann. Marc Bloch hat gezeigt, daß dreiviertel aller Heiligenviten des Hochmittelalters keinerlei zuverlässige Befunde über die Porträtierten enthalten; das unbeabsichtigt Erzählte indes verschafft uns stichhaltige Kenntnisse über die Lebensweise der Epoche.

Daß der historische Stoff nicht ein für alle Zeit unumstrittener Besitz ist, daß er unter dem Blickwinkel einer jeweiligen Epoche immer wieder anders referiert, analysiert, beurteilt wird, liegt an seinem Charakter: er ist unerschöpflich. Er ist von angestammter Mehrdeutigkeit. »Tief ist der Brunnen der Vergangenheit«, schrieb Thomas Mann. Geschichte als vergangenes menschliches Tun, als abgelebte Wirklichkeit ist nicht restlos ergründbar. Sie ist der ambivalente Reichtum universaler Erfahrung. Sie ist das verrätselte Geflecht von Lebensbedingung und Handlung, von Menschen in der Zeit, von Kräften in der Zeit. Geschichte ist der Fundus von Ängsten, Taten, Irrtümern und Träumen, den wir mit wechselnden Resultaten befragen. Sie ist ein trügerisches Kontinuum ohne Ziel, das vertraute Fremde, in dem nach einem Sinn zu suchen müßig ist. Vergangenheit ist aber auch ein Anlaß, uns selbst immer von neuem auszulegen und dabei unsere Möglichkeiten zu erkunden. Wer das Staunen vor der Historie noch nicht verlernt hat, wird zugeben müssen, daß sie auch mit feinstem wissenschaftlichen Besteck nicht so an die die Gegenwart heranerklärt werden kann, daß kein fragwürdiger Rest mehr bleibt. Vermutlich liegt das daran, daß alle Geschichte die Tendenz hat, in Geschichten aufzugehen oder in Dramen; und jede bedeutende Geschichte, jedes große Drama ist kaum auslotbar, bietet uns nur Erkenntnisse auf Zeit.“

1) Geschichte - wir erfahren es bei jeder Gelegenheit - ist immer schon dargestellte Geschichte.“

Die in der Fragebeschreibung überlegte Anpassung an die aktuelle Epoche ist nur ein Teilgesichtspunkt. Es geht aber auch um alte Darstellungen, z. B. die Darstellung des peloponnesischen Krieges durch den griechischen Geschichtsschreiber Thukydides. Grundsätzlich ist gemeint: Geschichte wird in Darstellungen geschildert. Geschichte ist etwas, das die Menschen zum Großteil nicht selbst unmittelbar erfahren haben, sondern das ihnen in Darstellungen vermittelt wird. Die Menschen erhalten dabei nicht das vergangene Geschehen objektiv in einem reinen Zustand (einfach genau so, wie es gewesen ist), nicht schlichtweg das, was sich begeben hat. Eine Sichtweise der Personen, die Geschichte in einer Darstellung vermitteln, ist beteiligt. Äußerungen von einem Geschehen betroffener Menschen, Mitteilungen von Augen- und Ohrenzeugen/-innen, in Chroniken Berichtetes, Werke der Geschichtschreibung sind Darstellungen, nicht die Tatsachen selbst, auch in dem Fall, daß das tatsächliche Geschehen richtig wiedergegeben wird. Auch Quellen können nicht als unbedingt zuverlässig gelten, sondern sind quellenkritisch zu untersuchen.

2) „Das Überlieferte ist immer schon interpretiert.“

Das Überlieferte ist das, was aus der Vergangenheit hinterlassen und an spätere Zeiten weitergegeben worden ist. Das Überlieferte ist eine Deutung des Geschehens. Es wird eine Auswahl getroffen, was für bedeutend und daher überlieferungswürdig gehalten wird. Es versucht, das Geschehen zu verstehen und zu erklären, bei den Ereignissen, Entwicklungen und Strukturen/Zuständen Zusammenhänge zu analysieren. Die Überlieferung enthält Geschichtsbilder. Die Menschen haben Absichten. Es können Beurteilungen vorkommen. Bei der Überlieferung spielen Einflüsse eine Rolle, z. B. die (begrenzten) Kenntnisse, die Position der Autoren, ihre Interessen, Überzeugungen und Weltanschauung/Ideologie

3) „Geschichte als vergangenes menschliches Tun, als abgelebte Wirklichkeit ist nicht restlos ergründbar.“

Zwar trifft es zu, daß die Taten der Menschen in der Vergangenheit nicht mehr zu rückgängig machen sind, aber auf diese Selbstverständlichkeit zielt der Satz nicht ab.

Gemeint ist: Geschichte kann nicht vollständig und abschließend ergründet werden. Ergründen heißt auf den Grund gehen/auf den Grund kommen (ähnlich ist der Ausdruck „auslotbar“). Restlos bedeutet ohne Reste. Das vergangene Geschehen wird immer wieder aus einem neuen Blickwinkel zu rekonstruieren versucht, dargestellt, analysiert, erklärt und beurteilt. Geschichte ist kein unumstrittener Besitz, über den eine vollständige und endgültige allgemeine Einigkeit herbeigeführt ist. Geschichte ist mehrdeutig/ambivalent (doppeldeutig, zwiespältig, mehrdeutig). Der geschichtliche Stoff ist unerschöpflich, kann nicht ausgeschöpft werden. Er wird aus dem Erfahrungs- und Denkhorizont der jeweiligen Gegenwart befragt und gedeutet. Bei den Erklärungsversuchen bleiben fragliche Reste, bei denen unsicher, ob sie die Vergangenheit zutreffend und vollständig erfassen.

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Die Zitate stammen wohl von jemand, der völlig determiniert (bestimmt, festgelegt, begrenzt) denkt.

1) Geschichtliche Vorgänge sind nach ihrem Ablauf nicht mehr frei darzustellen. Durch den Ablauf selbst ist ihre Bewertung bereits festgelegt.

2) Was in der Geschichte geschehen ist, ist auch immer schon erklärt und kann nicht neu interpretiert werden.

3) (aus dem Kommentar) "gründbar" ist hier wohl wirklich im Sinne von "begründbar" gemeint, also "mit einem Grund versehen", obwohl allgemein genommen auch eine andere Definition genommen werden könnte: irgendetwas kann nicht mehr gegründet werden, weil Möglichkeit oder Zeit dafür vergangen sind. (Das passt hier aber nicht.)

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Niemand ist jedoch gezwungen, das auch so zu sehen.

Der erste Satz meint, dass "sobald du von Geschichte erfährst " diese in dem Moment schon Vergangenheit ist, somit zur Geschichte gehört. Im politischen Sinne als Beispiel: heute hören wir in den Nachrichten, dass Angela Merkel nach Frankfurt zu Gesprächen gefahren ist. Sie ist schon gefahren und selbst wenn du es in dem Moment erfährst (über Liveticker) ist es 1 Sekunde später schon Geschichte. Das Überlieferte ist immer schon interpretiert ,meint, dass sobald was "überliefert" wird aus der Vergangenheit das irgendjemand das schon interpretiert hat und für gut oder schlecht beurteit hat. Man kann es vielleicht sogar ausdehnen: in dem Moment, wo du es erzählst einer anderen Person erzählst du subjektiv und in gewissen Stimmlagen und Untertönen, du wertest es schon. Auch eine Form der Interpretation.

Danke dir. Aber noch eine Frage zu diesem Satz hier: Geschichte als vergangenes menschliches Tun, als abgelegte Wirklichtkeit ist nicht restlos gründbar. Was ist damit gemeint? Soll damit gemeint sein, dass die Taten der Menschen in der Vergangenheit nicht mehr zu rückgängig machen sind?

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@LifePRO

uff, was zum Teufel ist in dem Zusammenhang mit gründbar gemeint? ist nicht restlos begründbar? Im Sinne von begreifbar, oder ergründbar/verstehbar?? In diesem Sinne würde ich das so interpretieren, dass dadurch, dass man sie eben nicht wirklich begreifbar machen kann, und dass der Mensch nicht in der Lage ist, die tiefen Zusammenhänge zu verstehen, in Zukunft die gleichen oder ähnlichen Fehler gemacht werden? Also eine ziemich gewagte Interpretation von mir, ich muss da auch rätseln. Deine Interpretation trifft zwar durchaus auch den Kern, aber es kann nicht stimmen. da man ja nie Vergangenheit rückgängig machen kann und das deckt sich nicht mit dem Satz: ist nicht restlos gründbar.  Kläre mich auf, wenn jemand anderes was weiss.

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@Elizabeth2

Dennoch danke ich dir nochmal. Ich kläre dich auf, wenn jemand anderes was weiss.

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@LifePRO

Danke für deine Freundschaftsanfrage. Freunde sind für mich reale Personen, mit denen ich mich reden, treffen oder telefonieren kann. Das ist also nicht gegen dich persönlich.

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