Wurde das Volkslied "Die Gedanken sind frei" auch in der DDR gesungen?

6 Antworten

Vom Fragesteller als hilfreich ausgezeichnet

Ja, natürlich! In ihrem Selbstverständnis war die DDR der Hort der Freiheit - nämlich der Freiheit des Menschen von der Ausbeutung durch den Menschen. Freiheit wurde nicht mit Bewegungsfreiheit übersetzt.Außerdem herrschte Gedankenfreiheit - insofern jedermann seine Gedanken in dem Falle für sich behielt, wenn sie nicht systemkonform waren. (In meinem Reich herrscht Redefreiheit, sprach der Löwe. Bei mir kann jeder reden, was ich will!) Wer gegen das "naturgesetzlich" bewiesene Fortschrittssystem des Kommunismus argumentierte, hätte nach dem Verständnis der Kommunisten auch gegen den nächsten Frühling demonstrieren können, war also per se verrückt. Deshalb nordeten sie dieses Lied in den historischen Kontext des Kampfes der bürgerlichen und später proletarischen Revolution ein und kamen nicht einmal (offiziell) auf den Gedanken, es könnte gegen sie gerichtet sein. Das dämmerte ihnen erst Ende der Achtziger, als es zunächst vermehrt in den Kirchen und später auf den Straßen gesungen wurde. Da hatte Mielke aber schon ganz andere Sorgen, als singende Leute zu verjacken.Ich habe als Student der Medizin in den frühen Achtzigern das Gaudeamus Igitur gesungen, wofür ich dreißig Jahre früher erbarmungslos relegiert worden wäre. Während des Abiturs in der Schule das Deutschlandlied gesungen - nicht deswegen verhaftet, kein Parteimitglied gewesen oder denen zum Munde geredet, Intelligenzlerkind gewesen, Eltern ohne Einfluss, keine drei Jahre zur Armee gewesen, nie Stasispitzel gewesen, bei der Stasi im Knast gesessen und doch einen Studienplatz Medizin bekommen mit einem 2.0er Abitur-Durchschnitt - also ganz so repressiv waren die zum Schluss nicht mehr, wenn man sie nicht frontal anging.Kotofeij K. Bajun-Preußischer Landbote-

Danke für deine ausführliche Antwort! Du schreibst"...kamen nicht einmal (offiziell) auf den Gedanken, es könnte gegen sie gerichtet sein. Das dämmerte ihnen erst Ende der Achtziger, als es zunächst vermehrt in den Kirchen und später auf den Straßen gesungen wurde."

Wie passt das zusammen mit der systematischen Gehirnwäsche in den Stasi-Gefängnissen, der psychischen Folter, die es ja mindestens schon seit den 60er Jahren gab? War das nicht beides gegen die Gedanken der Regimegegner gerichtet? Kann man sein Volk singen lassen

"Und sperrt man mich ein in finstere Kerker,das alles, das sind vergebliche Werke.Denn meine Gedanken zerreißen die Schrankenund Mauern entzwei, die Gedanken sind frei!"

und gleichzeitig regimekritisches Gedankengut ausmerzen wollen?

0
@Millefleurs

Nun, weder die DDR noch die Staatssicherheit waren homogene Strukturen, auch wenn sie heute oft pauschalisiert und simplifiziert dargestellt werden, um sie besser vermitteln zu können. Es wird Dich daher überraschen zu hören, dass die meisten Witze über das Regime aus den Reihen des Ministeriums für Staatssicherheit stammen. Viele Funktionäre waren auch keine Idioten und waren sich der Insuffizienz des Regimes durchaus bewußt. Der Direktor des CIS Halle, eines der führenden Institute der Schweißtechnik in der Welt, war ein Manager westlichen Typus'. Solche Leute haben andere nicht geschurigelt und in hirnlose Idioten verwandelt. Mit wem hätten sie die DDR dann weiter am Leben erhalten sollen? Mit Zombies? Die da Gehirnwäsche betrieben haben, waren zumeist Fanatiker niederer Ränge, die glaubten ihre niedrigen Instinkte hinter großen Ideen verschanzen und an irgendwelchen Feindbildern abarbeiten zu müssen. Das konnten sie besonders dann sehr gut, wenn sie auf Fanatiker trafen, die eben anderen Ideen anhingen (Freya Klier bspw.) Blieb man mit seiner Kritik im sublimen, intelligenten und vor allem nicht in grundsätzlich feindlich gesonnenen Bereich, konnte man manchmal schon sehr wirkungsmächtig werden. Nicht immer, wie das Beispiel Robert Havemanns zeigt. Aber einen Stefan Heym kannte jeder, eine Christa Wolf hatte großen Einfluss, wie auch ein Bertold Brecht und viele, viele andere. Und die haben noch ganz andere Sachen auf den Markt geworfen, als "die Gedanken sind frei..." Beispiel Brecht: "Nach dem AUFSTAND des 17. Juni sagte der Vorsitzende des Schriftstellerverbandes Kurt Bartels (KuBa), das Volk habe sich das Vertrauen der Regierung verscherzt und könne es nur durch verdoppelte Arbeit zurückgewinnen. Wäre es da nicht besser, die Regierung löste das Volk auf und wählte ein neues!" Was glaubst Du, wie oft ich dieses Bonmot zitiert habe und auch dafür hat mich die Stasi nicht abgeholt. Da ging es um ganz andere Sachen.Herzliche Grüße Kotofeij

0
@Millefleurs

Nun, weder die DDR noch die Staatssicherheit waren homogene Strukturen, auch wenn sie heute oft pauschalisiert und simplifiziert dargestellt werden, um sie besser vermitteln zu können. Es wird Dich daher überraschen zu hören, dass die meisten Witze über das Regime aus den Reihen des Ministeriums für Staatssicherheit stammen. Viele Funktionäre waren auch keine Idioten und waren sich der Insuffizienz des Regimes durchaus bewußt. Der Direktor des CIS Halle, eines der führenden Institute der Schweißtechnik in der Welt, war ein Manager westlichen Typus'. Solche Leute haben andere nicht geschurigelt und in hirnlose Idioten verwandelt. Mit wem hätten sie die DDR dann weiter am Leben erhalten sollen? Mit Zombies? Die da Gehirnwäsche betrieben haben, waren zumeist Fanatiker niederer Ränge, die glaubten ihre niedrigen Instinkte hinter großen Ideen verschanzen und an irgendwelchen Feindbildern abarbeiten zu müssen. Das konnten sie besonders dann sehr gut, wenn sie auf Fanatiker trafen, die eben anderen Ideen anhingen (Freya Klier bspw.) Blieb man mit seiner Kritik im sublimen, intelligenten und vor allem nicht in grundsätzlich feindlich gesonnenen Bereich, konnte man manchmal schon sehr wirkungsmächtig werden. Nicht immer, wie das Beispiel Robert Havemanns zeigt. Aber einen Stefan Heym kannte jeder, eine Christa Wolf hatte großen Einfluss, wie auch ein Bertold Brecht und viele, viele andere. Und die haben noch ganz andere Sachen auf den Markt geworfen, als "die Gedanken sind frei..." Beispiel Brecht: "Nach dem AUFSTAND des 17. Juni sagte der Vorsitzende des Schriftstellerverbandes Kurt Bartels (KuBa), das Volk habe sich das Vertrauen der Regierung verscherzt und könne es nur durch verdoppelte Arbeit zurückgewinnen. Wäre es da nicht besser, die Regierung löste das Volk auf und wählte ein neues!" Was glaubst Du, wie oft ich dieses Bonmot zitiert habe und auch dafür hat mich die Stasi nicht abgeholt. Da ging es um ganz andere Sachen.Herzliche Grüße Kotofeij

0

Ja, das sang man auch in der DDR, obwohl jeder Sänger für sich selbst dabei entsprechende Gedanken hatte, die aber nicht ausgesprochen wurden, denn, wie das Lied es ja sagt: "Die Gedanken sind frei". Ich weiß kompetent, dass dieses Lied auch auf der Parteischule der Ost-CDU in Burgscheidungen (dort war die Parteischule der Ost-CDU) gesungen wurde, natürlich mit Hintergedanken (und diese waren ja frei). Um das nachvollziehen zu können, müsste man in der DDR gelebt haben.

Ja, es gab sogar eine Schallplatte und ein Liederbuch Anfang der 80er Jahre mit diesem und anderen Studentenliedern. Die hießen: Gaudeamus Igitur. Auch haben wir diese Lieder als Studenten oft gesungen, im Singeclub und ganz offiziell. Nun, nicht gerade zum 7. Oktober, aber sonst schon.

Was möchtest Du wissen?