Wieso sehen viele die Werke von Hermann Hesse als Trivialliteratur an?

5 Antworten

Grobbeldopp hat überzeugend erläutert, warum man Hesse aus subjektiven Gründen zur Trivialliteratur zählen kann.

Es gibt aber auch zwei Gründe, die mit dem Literaturbetrieb zusammenhängen:

  1. Schon 1957 hat Karlheinz Deschner, ein mit mancherlei Preisen geehrter Autor, in seiner Schrift "Kitsch, Konvention, Kunst" versucht, die Vorzüge einiger zu Unrecht relativ wenig gelesener Autoren durch Vergleich mit viel gelesenen Autoren zu mehr Ansehen zu verhelfen. Dazu hat er u.a. aus Hesses umfangreichen Werk einige Stellen herausgesucht, die wenig gelungen sind. Denen hat er z.B. Passagen aus Musils Werk gegenüber gestellt, die von hervorragender Sprachbeherrschung zeugen. - Anhand dieser Beispiele konnte auch ein durchschnittlicher Leser, dem Hesses Werke nicht gefielen, Begründungen finden, die mangelnde Qualität vermuten ließen.
  2. Wichtiger aber ist: Autoren, die geringe Verkaufszahlen erreichen, sind - verständlicherweise - nicht selten neidisch auf Autoren, die besser verdienen. Vor allem, wenn sie aufgrund des Urteils maßgeblicher Kritiker der Meinung sein dürfen, besser und Wichtigeres schreiben zu können als der erfolgreichere Kollege. - So hat selbst Thomas Mann, der durchaus gut verdient hat, seinem Kollegen Lion Feuchtwanger, der höhere Auflagen erzielte und der öfter Drehbücher für Hollywood schreiben durfte, den Erfolg geneidet. Und Robert Musil hat Stefan Zweig, weil der weit weniger anspruchsvoll und sehr gekonnt, spannend und eingängig schrieb, geradezu herabgesetzt. Das Urteil eines solchen Autors (Musil und Th. Mann gehören mit Kafka zu den bei Literaturkritikern angesehensten Schreibern deutscher Prosa im 20. Jahrhundert) wiegt natürlich schwer. Und dem schließt man sich gern an, um als sachkundig zu gelten.
  3. Marcel Reich-Ranicki hat natürlich Recht, wenn er Thomas Mann und Kafka über Hesse stellt; aber er hat auch Werke von Grass zerrissen, anfänglich sogar die Blechtrommel abgelehnt. Schließlich darf ein Literaturkritiker nicht nur loben.

Aber Hesses "Siddhartha" und sein "Steppenwolf" sind bei Literaturkennern sehr anerkannt. Der "Demian" ist psychologisch hoch interessant. Diese Werke sind weit von Trivialliteratur entfernt.

Hesse hat aber durchaus manches geschrieben, was man in jungen Jahren mit Begeisterung lesen kann, was aber gegen anspruchsvolle Literatur durchaus abfällt.

Im Übrigen erschafft sich jeder Leser selbst seine Literatur, und da kann es durchaus sein, dass das, was er aus einem Text von Hesse gewinnt, weit wertvoller ist als das, was er mit Musil, Mann, Kafke oder Goethe und Schiller anfangen kann.

Hallo

Ich finde den Vorwurf nachvollziehbar. Es gibt viele Leute die Hesse nicht lesen können oder nicht mehr lesen können, die sozusagen immun dagegen sind oder es automatisch als kitschig betrachten, geht mir bisweilen auch so.

Das Warum find ich nicht so leicht zu begründen. Ich finde, immer wenn man ein Werk als kitschig und trivial ansieht heißt das dass man dem ganzen nicht folgen will oder kann weil man sich wegen der Machart und Thematik nicht mitgenommen und angesprochen fühlt, sondern sich des Eindrucks nicht erwehren kann, etwas durchschaubares, künstliches, wenig abwechslungsreiches, im Ausdruck verarmtes oder eigenartiges vor sich zu haben, man findet sich abgestoßen auf einer Metaebene der Betrachtung wieder wo man nicht runterkommt, man kann es nicht ernst nehmen.

Bei Hesse ist oft die blumige Sprache und der heilige Ernst ein Problem für Leute, die Holzschnittartigkeit einiger seiner Charaktere, die Schwärmerei, der religiöse Ton, die leichtfertige Begeisterung für Spirituelles die eben merkwürdig sein kann wenn man sie nicht teilt im Sinne von man kann einiges eben komisch und nichtssagend finden was mit großem Ernst als Erkenntnis vorgetragen wird, die vielleicht etwas plumpe und aufringliche Art wie die Psychologie der Zeit eingewoben wird.

Es gibt eben Leute die "kaufen" Hermann Hesse nicht ab was er schreibt, und sein "Feuer" wirkt dann umso befremdlicher. So als würde man einem pubertierenden zuhören- und das passt ja auch ein bisschen weil Jugendliche Hesse oft besonders geliebt haben.

Hesse beschreibt Kafka als einen "merkwürdigen Dichter, welcher mit seiner Arbeit nie zufrieden war". Diese Aussage ist wohl darauf zurückzuführen, dass Kafka bekanntermaßen den Wunsch äußerte, alle seine unveröffentlichten Werke und Aufschriebe mägen nach seinem Tot verbrannt werden.

Die beiden kannten sich und sind sogar miteinander verreisst Kafka war Perfektionist und Hesse ein Träumer literarisch war Kafka stärker und Hesse philosophisch.

Hesse gehört nicht zur Trivialliteratur. Er hat den Mut, humanistisch zu denken und verleugnet seine Innerlichkeit und seine neuromantische Tendenzen nicht, während der Mainstream eher die Katastrophenliteratur liebt.

Als Gegner der Linken wird er von der linken Literaturszene misstrauisch beäugt, die ihn als Nazigegner auch nicht als Reaktionär abstempeln kann.

Er ist der weltweit meistgelesene deutsche Autor des 20. Jahrhunderts, weit vor Mann, Brecht und Grass. Auch das verübeln ihm die Größen des Literaturbetriebs. Ein altes deutsches Vorurteil: Was sich gut verkauft, kann nicht gut sein. Und so ist Hesse in Japan und den USA beliebter als bei deutschen Germanistikprofs.

Die Merkmale der Trivialliteratur sind eindeutig: Zurechtbiegung des Handlungsverlaufs auf ein Happyend hin, Schwarz-Weiß-Charakteristik, banaler Stil mit einer Menge feststehender Redewendungen, Plattitüden en masse, wenig abwechslungsreicher Satzbau. Von alle dem ist bei Hesse nichts zu finden.

Blumiger Stil ist eher ein Merkmal des Kitsches. Aber die Sätze müssen schon erheblich und schwülstig überladen sein, um als Kitsch zu gelten; sonst kann man leicht „Die Leiden des jungen Werthers“ für Kitsch halten

Ich begeistere mich vor allem für den relativ unbekannten Roman „Gertrud“. Hesse schreibt hier einen geradezu großartigen Stil. Die Charaktere sind „wahrheitsgemäß“ dargestellt, d.h. die Figuren treten uns glaubhaft entgegen, ihr Handeln und Sprechen wirkt nicht gekünstelt, nicht unecht.

Denn darauf kommt es an: auf die künstlerische Wahrhaftigkeit der Darstellung (Heidegger: „Kunst ist das Ins-Werk-setzen der Wahrheit“).

Die deutschen Vergangenheitsbewältiger der 50er, 60er und 70er Jahre könnte man schon eher unter „trivial“ einordnen. Man analysiere mal sorgfältig die Romane von Böll, Grass, Lenz und wie sie alle heißen. Das ist mehr oder weniger Gesinnungskitsch in der Form der Schwarz-Weiß-Charakteristik: Die Nazis, die in den genannten Romanen auftreten (z.B. „Ansichten eines Clowns“, „Deutschstunde“, Die Blechtromnmel“) sind allesamt Idioten, dumme Auguste, lächerliche Trolle oder infernalische Halunken. Die Antifaschisten dagegen – das sind seriöse, echte Menschen (ist gleich unerträgliche Schwarz-Weiß-Charakteristik!).

Was möchtest Du wissen?