Wie findet ihr Recep Tayyip Erdogan? Gut oder schlecht? Und warum?

Das Ergebnis basiert auf 15 Abstimmungen

Schlecht 80%
Gut 20%

24 Antworten

Vom Fragesteller als hilfreich ausgezeichnet
Schlecht

Natürlich hat Erdogan einige Erfolge in wirtschaftlicher Hinsicht vorzuweisen. Auch hat er strikt laizistische und minderheitenfeindliche Regelungen des kemalistischen Regimes revidiert, beispielsweise das Kopftuchverbot für Studentinnen oder diverse Verbote für Kurden. Und zu Anfang seiner Regierungszeit gab es auch einige Demokratisierungsprozesse sowie wichtige Schritte in Richtung Frieden und Rechtstaatlichkeit. So weit, so gut.

Man darf sich davon aber nicht täuschen lassen. Erdogan treibt ein hinterlistiges Spiel. In Wirklichkeit ist er an Demokratie, Menschenrechten und der Freiheit seines Volkes nicht interessiert. Er hat es selber gesagt, Demokratie ist nur der Zug, auf den er aufspringt, bis er am Ziel ist. Genau das erkennen wir sehr gut, wenn wir uns die Entwicklung der Türkei in den letzten Jahren anschauen. Erdogan wird immer autoritärer, immer machtbesessener und verstößt dabei gegen immer mehr Regeln.

Wenn Du Dir eine Meinung zu Erdogan bilden willst, dann musst Du sein Leben genau unter die Lupe nehmen. Aufgewachsen in einem streng konservativen Elternhaus, hat er eine Koranschule besucht und ist schon in jungen Jahren politisch aktiv geworden. Er war ein glühender Anhänger des bekennenden Islamisten Necmettin Erbakan. Dessen Parteien wurden immer wieder aufgrund ihrer Verfassungswidrigkeit verboten, weil sie radikalislamische und gewaltaufrufende Tendenzen hatten. Erdogan war in all diesen Parteien Mitglied, bis er 2001 die AKP gründete. Offiziell bekennt sich die AKP natürlich zu demokratischen Werten und auch Erdogan schwadroniert gerne von Demokratie. Man muss sich aber nur einmal diverse Aussagen von ihm durchlesen, die er auf Reden, Pressekonferenzen oder in Interviews so gemacht hat. Oder diverse Gesetzesvorschläge, die er getätigt hat. Dabei scheint dann sein wirkliches Weltbild durch. Und das unterscheidet sich nicht groß von dem von Necmettin Erbakan. Da ist der Chauvinismus der eigenen glorifizierten konservativ-sunnitischen Ideologie. Der Hass auf eine Trennung von Staat und Religion, der Hass auf alles Westliche. Der Drang, sich in das Privatleben der Leute einzumischen, die Sittenpolizei zu spielen. Die Machtbesessenheit, die Skrupellosigkeit gegenüber Andersdenkenden und Kritikern.

Für die Türkei ist dieser Mann gefährlich, weil er immer mehr Macht an sich reißt, sodass das Volk fast gar nicht mehr die Möglichkeit hat, ihn tatsächlich aus eigener Kraft wieder loszuwerden. Gewaltenteilung existiert in der Türkei nicht mehr. Sowohl Justiz als auch Polizei, Militär und ein Großteil der Medien sind unter Kontrolle Erdogans. Demonstrationen werden entweder direkt verboten oder sofort skrupellos zerschlagen. Kritische Journalisten, Politiker und Akademiker werden eingesperrt. So etwas kann man auch als jemand, der das Wirtschaftswachstum der AKP befürwortet und mit der konservativ-sunnitischen Ideologie übereinstimmt, nicht gutheißen. Ein Staat muss unabhängig sein und Bürgerrechte garantieren. Vor allem ist es ein Trugschluss zu glauben, alles sei unter der AKP besser geworden. Wir haben haufenweise Bauprojekte, Moscheen und Einkaufszentren schießen wie Pilze aus dem Boden. Doch sowohl die Moscheen als auch die Einkaufszentren stehen häufig leer und müssen teilweise wieder geschlossen werden. Es gibt aber einen erheblichen Mangel an Schulen, Universitäten, Krankenhäusern, Frauenhäusern etc.! In so etwas wird nicht investiert. Immer nur Wirtschaft und Religion. Das Volk soll arbeiten, das Volk soll konsumieren und das Volk soll von der konservativ-sunnitischen Ideologie eingeschläfert werden, damit es dem Führer Erdogan hinterhertrottet. Daran sieht man, dass sich Erdogans Politik in erster Linie auf den eigenen Machterhalt auslegt. Er steht sich aber selbst im Weg. Auf der einen Seite will er das Volk zu seinem erzkonservativen Ideal uniformieren. Auf der anderen Seite sorgt er mit seiner Macho-Rhetorik und seiner Sturköpfigkeit dafür, dass das Volk so gespalten ist wie selten zuvor. Das innenpolitische Konfliktpotenzial ist extrem hoch.

Man kommt also nicht umher, das Fazit zu ziehen: Erdogan muss vom Thron gestoßen werden. Je schneller, umso besser.

Nun zu Deiner Frage nach dem PKK-Konflikt:


Nein, der aktuelle Krieg gegen die PKK ist in keinster Weise nachvollziehbar. Zuerst müssen wir einen Blick auf den Hintergrund werfen. Die Friedensverhandlungen zwischen der türkischen Regierung und der PKK waren auf einem sehr guten Stand, eigentlich so gut wie noch nie. Man hätte den scheinbar unendlichen Konflikt, der so viele Tote gefordert hat, durch gemeinsame Vereinbarungen endlich Vergangenheit werden lassen. Doch dann kamen die Wahlen. Die AKP war auf dem schlechtesten Kurs seit ihrer Regierungszeit. Also hat Erdogan seinen letzten Trumpf gezogen und eine massive verbale und politische Offensive gegen die PKK und die "prokurdische" Partei HDP gestartet. Mit der Intention, dafür Wählerstimmen vom nationalistischen Teil des Volkes zu erhalten. Seine Taktik ist aufgegangen, die AKP konnte erneut mit absoluter Mehrheit weiterregieren. Dadurch ist aber der Konflikt mit den Kurden frisch entflammt. Das türkische Militär hat in Syrien und im Irak statt IS-Stellungen in erster Linie Stellungen der kurdischen YPG, PKK und Peschmerga attackiert. Die kurdischen Milizen rächten sich mit Anschlägen und kurdische Bürger sind natürlich zum demonstrieren auf die Straße gegangen.

Erdogan weiß ganz genau, dass man den Kurdenkonflikt nicht militärisch lösen kann. Zwar quasselt er diesen Blödsinn, dass er die PKK auslöschen wird. Das ist rhetorisches Ejakulat, an dem sich die Türken mit Nationalstolz aufgeilen. In Wirklichkeit verschiebt sich das Problem nur und es wird weitere Leichen auf beiden Seiten geben, ehe es eines Tages wieder zu neuen Friedensverhandlungen kommt. Paradebeispiel ist der einige Kilometer entfernte Gaza-Konflikt, mit dem es sich ganz ähnlich verhält.

Wir sehen anhand dieses Beispiels wieder einmal, wie schmutzig Politik ist und wie viele Menschenleben Erdogan auf dem Gewissen hat. Nur des eigenen Machterhalts wegen, hat er den blutigen Weg gewählt und zahlreichen kurdischen und türkischen Familien unsägliches Leid zugefügt. 


6

Leider gibt es in der Türkei keinen anderen Politiker der die Türkei regieren könnte.

0

Die anderen Parteien sind mindestens so schlimm wie die AKP. Die CHP hat jahrzehntelang Muslime unterdrückt. Die HDP unterstützt Terroristen und MHP ist sozusagen die NDP der Türkei.

0
@yldrm66

Es stimmt, dass die CHP früher sehr autoritär und radikal-laizistisch war und Muslimen einige Rechte genommen hat. Aber seit ihrer Gründung im Jahr 1923 und dem heutigen Jahr 2016 hat sich sehr viel verändert. Inzwischen ist sie zu einer sozialdemokratischen Partei geworden, die nicht mehr viel mit dem einstigen kemalistischen Militärregime zu tun hat. Deswegen haben ja auch viele ideologische Kemalisten, wie z.B. Emine Ülker Tarhan, die Partei verlassen.

Die HDP steht natürlich mit der PKK im Austausch, was aber nicht bedeutet, dass sie "Terroristen unterstützt". Da finde ich Deine Sichtweise sehr undifferenziert. Die HDP ist keine reine Kurdenpartei, sondern die "Partei der Völker", in der alle verschiedenen Ethnien der Türkei (somit auch Türken) aktiv sind. Sie setzt sich zusammen aus Politikern der ehemaligen DBP, aber ebenso aus kleinen linken Bewegungen, aus Aktivisten von Gewerkschaften, Frauenrechtsorganisationen, Homosexuellenorganisationen und Umweltbewegung. Somit plädiert sie für Minderheitenrechte, linke politische Ideen und Demokratie.

Was die MHP angeht, da stimme ich Dir absolut zu. Eine rechtsradikale Partei, gegen die in Deutschland die AfD und die NDP ein Furz sind.

Als Kapitalismuskritiker und Befürworter von Demokratie, Menschenrechten und Freiheit wünsche ich mir ein Mitte-Links-Bündnis als Regierung der Türkei.

2
Schlecht

Erdogan hat sich sicher einige Verdienste erworben in den Jahren als er als Ministerpräsident die Türkei regierte. In dieser Zeit hat die Türkei einen wirtschaftlichen Aufschwung erlebt, und es schien zumindest so, als ob auch die Säkularisation, d.h. die Trennung von Religion und Staat voranschreite.

Dann aber hatte Erdogan die nach der türkischen Verfassung maximal zulässige Amtszeit als Ministerpräsident erreicht. Er hat sich deshalb zum Präsidenten wählen lassen. und arbeitet seither daran, die türkische Verfassung auszuhebeln und die Macht vom Parlament, dem Ministerpräsidenten und seiner Regierung wegzunehmen und die Macht im Präsidentenamt zu konzentrieren. "Alle Macht für Erdogan".

Jetzt nutzt er den gescheiterten Militärputsch dazu, Kritiker seiner Machtpolitik mundtot zu machen, und hat dabei den Rechtstaat völlig ausgehebelt. Lehrer, Richter, Staatsanwälte, Journalisten werden einfach festgenommen und ohne Prozess ins Gefängnis gesteckt. Demonstrationen gegen seine Regierung werden von der Polizei niedergeknüppelt. 

So hat die Türkei was die Situation des Rechtstaates und der Demokratie in der Türkei sowie den Umgang mit Andersdenkenden und Minderheiten betrifft, einige Rückschitte gemacht. Erdogan verspielt als Präsident das Kapital, das er sich als Ministerpräsident erarbeitet hatte. Für die Türkei wäre es besser er träte ab und es würden ein neuer Präsident und ein neues Parlament gewählt. Die zentrale Regierungsgewalt sollte wie früher beim Ministerpräsidenten und seiner Regierung angesiedelt werden.

Schlecht

Erdogan ist ein Diktator der die Türkei von Europa weg in Richtung eines islamischen Landes führen möchte. Hier geht es nicht um das Wohl der Menschen - diese sind für ihn bloß ein Mittel zur Macht. Um möglichst viele auf seine Seite zu bekommen hetzt er momentan das türkische Volk gegen Europa auf. Ich persönlich finde die Entwicklung schade, da ich die Türkei noch vor 5 Jahren als ein durchaus Europa-reifes Land erfahren habe. Derzeit ist an einen Beitritt aber nicht einmal im Traum zu denken. Das weiß Erdogan bzw. er will auch in diese Richtung, auch wenn er das Gegenteil behauptet und Europa nun vorwirft, an allem Schuld zu sein. Spätestens nach den ersten Massenhinrichtungen der Putschisten und festgenommenen Terroristen (sind ja nur ca. 100.000) wird den in der Pendeluhr schlafenden Europäischen Politikern klar werden, mit wem sie zu tun haben. Umkehrbar ist diese Entwicklung wohl nicht mehr, solange Erdogan am Leben ist. Mit diesem Menschen ist Verhandeln sinnlos - der versteht diese Art der Sprache nicht, bzw. will sie nicht verstehen. Daher: Schlecht

Was möchtest Du wissen?