Also einen türkischen Namen, der so klingt, gibt es nicht. Höchstens Gökce. Woran machst Du denn Deine Vermutung fest, dass das Mädchen türkisch ist? Weißt Du auch ihren Nachnamen? Denn daran könnte ich wiederum erkennen, aus welchem Land bzw. Kulturkreis sie stammt.

Ich habe einfach mal "Derje" bei Facebook eingegeben und nach Personen mit diesem Namen gesucht. Dieser Name scheint in Äthiopien sehr verbreitet zu sein, jedenfalls kamen lauter äthiopische Facebook-Nutzer heraus. Allerdings scheint es ein Männername zu sein...

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Salam aleikum,

du wirst keine eindeutige Pflicht für das Kopftuch finden im Quran. Hier findest Du eine ausführliche Analyse dazu: http://tavhid.de/?p=1416

Ganz einfach erklärt ist es so, dass es früher überall in den Wüstenregionen üblich war, einen Schleier zu tragen (in Saudi-Arabien tragen ja sogar Männer eine Art "Kopftuch"), alleine schon wegen der Sonne und dem Staub. In den islamisch geprägten Regionen gab es außerdem früher die Regelung, dass Sklavinnen und Frauen aus der gesellschaftlichen Unterschicht keinen Schleier tragen durften, sondern nur Frauen aus dem höheren gesellschaftlichen Stand. So konnte man leicht unterscheiden zwischen diesen Gesellschaftsgruppen. Und das Kopfhaar der Frau hatte früher sowieso noch eine andere Symbolik, da es als besonders "keusch" oder "aufreizend" galt, wenn eine Frau die Haare offen trug.

Im heutigen Kontext ergibt es natürlich keinen Sinn mehr. Gerade hier in Europa gibt es weder Wüstenklima, noch ist es besonders außergewöhnlich oder sexuell, wenn man als Frau die Haare offen trägt. Wenn man der islamischen Kleidervorschrift nachkommen will, dann sollte man also z.B. nur darauf achten, nicht zu freizügig herumzulaufen oder sich vielleicht zu aufreizend zu schminken und zu stylen. Klar gibt es irgendwelche zurückgebliebenen Prediger, die behaupten, es sei eine unbedingte Pflicht, Kopftuch zu tragen oder den ganzen Körper in so ein Gewand zu hüllen. Heutzutage gibt es aber immer mehr vernünftige Stimmen, die eine andere Sichtweise befürworten. Man sollte sich eben von den Scharlatanen nichts einreden lassen, da wird unsere Religion leider zu allem möglichen Schwachsinn missbraucht, so wie es ja auch Prediger gibt, die behaupten, Musik sei verboten oder Frauen dürften kein Auto fahren. Das sind dann Auslöser dafür, dass der Islam in so einem schlechten Licht gesehen wird und man uns "normalen" Muslime damit gleichsetzt.

Also: Natürlich kann man als Muslima Kopftuch tragen, wenn man gerne will und das Gefühl hat, so am besten der religiösen Anordnung nachzukommen. Eine Pflicht ist es aber auf keinen Fall. Ich halte eher wenig von diesem Kleidungsstück, weil es meinem Empfinden nach unnötig polarisiert, meistens sowieso nur wegen der Erziehung der Eltern getragen wird und man ja auf viel einfacherem und für eine Frau gemütlicherem Wege die Bekleidungsregelung aus dem Quran befolgen kann. :-)

Hier ist auch ein meiner Meinung nach sehr guter Beitrag von einer Muslima zum Thema Kopftuch: https://de.qantara.de/inhalt/koran-auslegung-warum-ich-als-muslima-kein-kopftuch-trage-0

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Es ist vollkommen legitim, dass Du Kopftücher nicht gut findest. Ich finde sie auch nicht gut und kann es auch begründen:

Erstens steckt hinter der Idee des Kopftuches ein Menschenbild, mit dem ich mich nicht identifizieren kann und das nicht der Realität entspricht. Denn dass muslimische Frauen (angeblich) ein Kopftuch tragen sollen, wird damit begründet, dass sie ihre sexuellen Reize nicht den Männern zeigen sollen. Ich finde, mit dieser Begründung werden Frauen und Männer gleichermaßen diskriminiert. Den Frauen raubt man die Freiheit, dass sie ihre Haare frei tragen oder nach Belieben stylen dürfen. Da Männern selbiges erlaubt ist, ist es schlichtweg eine diskriminierende Regelung gegenüber dem weiblichen Geschlecht. Gleichzeitig fühle ich mich als Mann diskriminiert, weil man mich unter den Generalverdacht stellt, ich könne meine Triebe beim Anblick von Frauenhaaren nicht kontrollieren. Einen solchen Vorwurf weise ich vehement zurück. Letzten Endes sollen sich Frauen also jeden Morgen die Mühe machen, ihr Kopfhaar unter einem Tuch zu verstecken, bloß weil Männer angeblich nicht ihre Triebe kontrollieren können - Frauen sollen also für ein vermeintliches Fehlverhalten der Männer büßen. So kann man sich natürlich auch eine Macho-Kultur rechtfertigen. Ich sage klar und deutlich, dass wenn Männer eine vernünftige Erziehung mit einem gesunden und gleichberechtigten Rollenbild erhalten, dann sind sie sehr wohl in der Lage, ihre Triebe unter Kontrolle zu halten und dann braucht sich auch keine Frau Sorgen machen, ob möglicherweise eine Strähne ihres Kopfhaares in der Öffentlichkeit sichtbar sein könnte. Der Witz an der Sache ist ja, dass je mehr man das Kopfhaar versteckt, man einen umso größeren Bohei darum macht... soll also heißen, eigentlich wird das weibliche Kopfhaar erst durch diesen ganzen Verhüllungsquatsch sexualisiert... denn in einer Gesellschaft, in der jede Frau die Haare offen trägt, kriegt kein Mann einen Ständer bloß aufgrund von Kopfhaaren.

Du irrst aber in dem Punkt, dass Du glaubst, dass alle oder die meisten kopftuchtragenden Frauen dazu gezwungen werden. Ich kenne den türkisch-muslimischen Gesellschaftskreis sehr gut und kann Dir aus eigener Erfahrung sagen, dass viele dieser Mädchen und Frauen das Kopftuch mit Stolz und aus Überzeugung tragen. Nicht, weil sie die oben erläuterte Begründung, die hinter dem Kopftuch steckt, befürworten. Sondern, weil sie blind und stolz dem Islam folgen und glauben, Allah würde von ihnen verlangen, dass sie das Kopftuch tragen. Das genügt schon vollkommen, denn Allahs Regeln werden nicht hinterfragt. Dazu kommt dann noch die Anerkennung von der eigenen Community, also von den Eltern und der restlichen Verwandtschaft, Freundes- und Bekanntenkreis... denn eine streng gläubige Muslima zu sein, gilt als etwas Gutes und "Cooles".

So weit, so gut. Jetzt könnte man natürlich aus Reflex den Islam oder das Kopftuch verteufeln, öffentlich dagegen hetzen und strikte Verbote aussprechen. Das würde aber rein gar nichts bringen, denn damit bestärkt man die konservativ-muslimische Community nur in ihrer Haltung. Der richtige Weg besteht meiner Ansicht darin, dass dafür gesorgt wird, dass sich ein zeitgemäßer und dementsprechend liberaler Islam etabliert, in dem es keine Kopftuchregel mehr gibt. Bis dahin kann man nur höflich mit diesen Menschen umgehen und ihnen eben zeigen, dass es völlig wurscht ist, ob sie nun ein Kopftuch tragen oder nicht. (Auf Nachfrage würde ich durchaus erklären, warum ich Kopftücher pesönlich ablehne, aber solange mich danach niemand fragt, braucht man das Thema auch nicht anzusprechen.) Mehr deutsch-türkische oder deutsch-arabische Freundschaften und Liebesbeziehungen fördern ebenso das zwischenkulturelle Verhältnis. Dann kommen wir eines Tages auch an einen Punkt, an dem die türkisch-muslimische Community "den Westen" nicht mehr als Feindbild ansieht sondern es eigentlich auch ganz cool findet, westlich und deutsch zu sein. Aber wie gesagt, dazu braucht es einen liberal ausgelegten Islam, denn ansonsten werden die Eigenschaften "muslimisch" und "modern" immer ein Entweder-Oder sein.

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Wieso kontrolliert Polizei so oft Migranten?

Meinem Freund und mir ist gestern was passiert, was mich richtig wütend macht, wir waren auf den Weg zu einem Restaurant und auf diesem Weg wurden wir bzw eher mein Freund von der Polizei aufgehalten, da um die Ecke ein Supermarkt ausgeraubt wurde, man könnte denken, normale Vorgehensweise, aber ich habe mir heute mal die Beschreibung des Täters angeschaut und das passt null auf meinem Freund zu also wieso die Kontrolle? Mein Freund wurde dann ohne Grund durchsucht obwohl er nichts gemacht und nichts illegales dabei hatte, auf die Frage wieso die Durchsuchung, meinte der Beamte, weil wir es können, ja so macht man sich echt beliebt bei der Bevölkerung. Nun kommt hinzu, dass mein Freund Türkische Wurzeln hat und diese ihm nunmal in Form von schwarzen Haaren und Gesichtszügen ansieht, bin selber Deutsche, aber ich fand das gestern einfach mega rassistisch, andere wurden nicht kontrolliert aber mein Freund schon? Vorallem da er nichtmal in die Täterbeschreibung passt. Dass war aber nicht das erste mal, dass er von Beamten rassistisch behandelt wurde, einmal saßen wir im Zug und es roch stark nach Cannabis und obwohl mein Freund garnicht kifft wurde ausgerechnet er von der Bundespolizei im vollen Zug verdächtigt und kontrolliert. Einmal gab es eine Massenschlägerei in der Innenstadt und obwohl mein Freund nichtmal dabei war, wurde er grundlos auf die Wache genommen und drei Stunden festgehalten und einmal hatte man ihn grundlos verdächtigt, dass er dealt und das nur weil er am Bahnhof auf jemanden wartete. Also das kann ja mal passieren, aber das ist meiner Meinung nach zu oft um Zufall zu sein. Vorallem ist er integriert, er hat sogar zwei gute deutsche Freund und hat einen in seiner Shishabar eingestellt, er ist tolerant und ein richtig guter Mensch, keine Ahnung wieso er immer verdächtigt wird. Daher frage ich mich ob die Polizei spezielle Anweisungen hat Migranten öfter zu kontrollieren und unter Generalverdacht zu stellen? Eventuell ist jemand sogar Polizist und kann mir das erläutern.

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Naja, samstagsabends wird ein Auto mit zwei oder drei jungen Leuten drin auch öfter von der Polizei zur allgemeinen Verkehrskontrolle angehalten, als eines in dem eine 50-jährige Person sitzt. Ist das dann Diskriminierung gegenüber jungen Leuten, weil man sie unter Generalverdacht stellt, sie würden z.B. alkoholisiert oder unter Drogenrausch stehen?

Die Polizei hat eben keine andere Wahl, als die Menschengruppen zu kontrollieren, die statistisch gesehen bestimmte Delikte häufiger begehen. Möglicherweise haben sie (je nach Situation) auch eine Personenbeschreibung (z.B. "dunkelhaarig, groß, südländischer Migrationshintergrund") für den konkreten Fall erhalten und kontrollieren deshalb die Leute, die dieser Personenbeschreibung entsprechen.

Wenn Menschen mit türkischem oder arabischem Migrationshintergrund eben überdurchschnittlich oft bestimmte Kriminaldelikte begehen, dann kann das viele Gründe haben (niedriges soziales Milieu, schlechter Bildungsabschluss, schlechte Berufsperspektive, gewaltbeinhaltende Erziehung...) und muss ja nicht automatisch deren eigene Schuld sein oder an deren Genen liegen. Insofern sollte man sich da nicht immer sofort beleidigt/diskriminiert fühlen und in die Opferrolle stellen.

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Fassen wir doch mal zusammen:

  • Die Medien sind in der Türkei extrem stark zensiert. Jede Woche werden neue Journalisten inhaftiert, rausgeschmissen oder sonst wie eingeschüchtert. 90% der Zeitungen sind unter der Kontrolle der Regierung und verbreiten nur Pro-Erdogan-Propaganda. Es wurden in den letzten Jahren über 200 Zeitungen, Zeitschriften und Nachrichtenagenturen geschlossen. Ebenso werden die wichtigsten Fernsehsender von der Regierung kontrolliert. Im staatlichen Fernsehsender hat Erdogan drei mal so viel Sendezeit bekommen wie die Opposition. Nicht anders sieht es im Internet aus: Die AKP kann ohne Gerichtsbeschluss einfach Inhalte im Internet löschen, die sie für "gefährlich" oder "verfassungswidrig" hält. Zudem werden regelmäßig soziale Netzwerke abgeschaltet, wenn es wieder einmal zu irgendeinem Skandal kam. Solange die Medien als Informationsquelle für die Bürger nicht frei und unabhängig sind, können sich die Menschen praktisch keine ausgeglichene und objektive Meinung zu ihren Politikern bilden.
  • Die Opposition wird schikaniert: Größtenteils von der HDP, aber auch von der CHP wurden diverse Abgeordnete unter absurden Vorwürfen verhaftet. Dies schafft einerseits ein Image der Kriminalität und schüchtert zum anderen die Politiker ein, laute Kritik zu äußern.
  • Die Justiz arbeitet nicht unabhängig. Schon seit Jahren, insbesondere aber nach dem Militärputschversuch wurden tausende Richter gefeuert und durch regierungstreue Marionetten ersetzt. Das Gesetzbuch (samt der darin enthaltenen Bürgerrechte) schützt einen somit als Bürger nicht mehr, da richterliche Beschlüsse nach freier Willkür ausgesprochen werden, man ist also praktisch rechtelos. Dies schüchtert viele Bürger ein, auf Demonstrationen zu gehen oder im Internet bzw. auf der Straße ihre Meinung offen kundzutun. Wer eine Erdogan-kritische Meinung hat, muss mit täglicher Angst leben.
  • Der Ausnahmezustand verstärkt den Effekt der ohnehin schon nicht mehr wirklich vorhandenen Gewaltenteilung in der Türkei. Erdogan kann per Dekret regieren, also einfach machen, was er will. Niemand steht ihm im Weg. Der Ausnahmezustand trat nach dem Militärputschversuch am 21.07.2016 in Kraft und wurde seitdem 6 mal (!!!!) verlängert. Man könnte vereinfacht auch sagen, seit gut zwei Jahren regiert Erdogan legal als Quasi-Diktator.
  • Erdogan hat diese Wahl mutwillig und zu seinem eigenen Vorteil vorgezogen, zum einen um die Opposition zu überraschen und zum anderen, weil die wirtschaftlichen Probleme der Türkei in den kommenden Monaten immer heftiger in Erscheinung treten werden.
  • Bei dieser Wahl wurde an vielen Ecken herumgepfuscht: Beispielsweise wurden Wahllokale von Ortschaften, in denen die HDP die stärkste Partei ist, kilometerweit umverlegt in Orte, in denen die AKP die besten Stimmwerte hatte. Rentner, die AKP gewählt haben, haben Wahlgeschenke von rund 1000 Lira von der Regierung bekommen (Bestechung!). Und zu guter Letzt wurden wie schon bei den letzten Wahlen viele Wahlbeobachter und Wahlhelfer nicht reingelassen und es gibt Videobeweise von vorgefertigten Stimmzetteln. Ob all diese Manipulationen das Gesamtergebnis der Wahl entscheidend geändert haben, lässt sich schwer sagen. Egal wie groß oder klein die Manipulationen jedoch waren - es bleiben Manipulationen und die haben in freien und demokratischen Wahlen nichts verloren!

Fazit: Man kann in Berichten, Tabellen und Indexen von diversen unabhängigen Organisationen nachlesen, was für ein Schurkenstaat die Türkei leider ist. Egal ob es um Pressefreiheit geht, um Korruption, um die Unabhängigkeit von Legislative, Judikative und Exekutive oder um die Einhaltung von Menschenrechten - überall befindet sich die Türkei in einem erbärmlichen Zustand. Unter solchen Bedingungen können, wie von mir hier erläutert, keine freien oder unabhängigen demokratischen Wahlen stattfinden. Die größte Ironie, die Krone aller Skandale ist ja, dass Erdogan aufgrund seiner gefälschten Diplome rein rechtlich nicht einmal hätte Ministerpräsident oder Staatspräsident sein dürfen, keinen einzigen Tag. Solche Absurditäten findet man sonst nur in absolut unterentwickelten Bananenrepubliken. Leider sind die allermeisten Erdogan-Fans immun gegen eine kritische Auseinandersetzung mit ihrem Führer. Plausible Argumente oder unwiderlegbare Fakten werden schlichtweg ignoriert, stattdessen schenkt man den absurdesten Verschwörungstheorien Glauben, weil es besser in das eigene Weltbild passt. Ich als Deutschtürke schäme mich aufrichtig für jeden einzelnen Menschen mit türkischem Migrationshintergrund, der für Erdogan gestimmt hat. Sich von dem großmäuligen Autokraten das eigene Ego aufpolieren lassen und deswegen unseren türkischen/kurdischen Schwestern und Brüdern die Hölle auf Erden herbeizuwählen, ist einfach nur egoistisch und rückgratlos.

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Da kann ich dir https://ahvalnews.com/ empfehlen. Es ist ein wirklich unabhängiges Nachrichtenportal, das in den Sprachen Türkisch, Arabisch und Englisch aufrufbar ist. Der Verlag "Al Arab Publishing" aus London ist ebenfalls total unabhängig, transparent und ausschließlich im Mediengeschäft tätig.

Besonders gut an Ahvalnews finde ich, das die Berichterstattung im Gegensatz zur türkischen Presse ziemlich objektiv ist. Also in der Türkei gibt es ja zum einen die regierungsnahe Presse, die Erdoğan nur in den Himmel lobt und keine Kritik äußert. Und dann gibt es die (in Teilen noch übrig gebliebene) oppositionelle Presse, die Erdoğan nur durch die negative Brille betrachtet. Von beiden Seiten kann man keine wirklich objektive Berichterstattung bekommen. Ahvalnews bietet da eine gute Alternative.

LG

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Sorry, aber das ist Bullshit. Klar ist die kurdische Kultur - genau wie alle anderen Kulturen des Nahen Ostens - patriarchalisch geprägt. Da gibt es keinen wirklichen Unterschied im Vergleich zur türkischen Gesellschaft oder zur arabischen.

Wenn man sich aber mal die Ideale von Abdullah Öcalan und der PKK anschaut (und damit möchte ich keineswegs seine terroristischen Aktionen schönreden), dann sind die ganz klar feministisch. So sind die Werte des Marxismus, feministisch und laizistisch. In der DDR zum Beispiel hatten Frauen auch mehr Rechte als in Westdeutschland, was sicher auch daran gelegen hat, dass die Kirche weniger Macht hatte.

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Oh ja, du siehst das vollkommen richtig, damit hast du Erdoğan finanziert. Und zwar aus zwei Hauptgründen:

Erstens: Der Tourismus zählt zu den Haupteinnahmequellen der türkischen Wirtschaft. Eigentlich hat die türkische Wirtschaft keine besondere Produktivität vorzuweisen, oder kennst du türkische Exportprodukte (außer vielleicht Feigen und Granatäpfeln)? Die Wirtschaft fußt auf ausländischen Krediten, auf dem Konsum des eigenen Volkes und auf dem Tourismus. Hast du bemerkt, wie Erdoğan plötzlich schwach geworden ist, als Russland Sanktionen ausgesprochen hat und die russischen Touristen weggebrochen sind? Da hat er plötzlich (und das sieht man bei einem Macho wie Erdoğan selten) klein bei gegeben und sich für den abgeschossenen Kampjet bei Putin entschuldigt. Daran sieht man, wie wichtig ihm der Tourismus ist.

Zweitens: Erdoğans Macht hängt einzig und allein von der wirtschaftlichen Gesundheit des türkischen Staates ab. Geht es der Wirtschaft gut, bleibt Erdoğan an der Macht. Dann ist den einfachen Leuten auf dem Land Rechtsstaat und persönliche Freiheit egal, Hauptsache es läuft wirtschaftlich gut. Und die Leute, die protestieren, werden mundtot gemacht, wie man ja gesehen hat. Sogar die Gezi-Proteste, die heftigsten Demonstrationen in der Geschichte der Türkei, haben nichts gebracht. Aber du kannst dir sicher sein, wenn es den Leuten an den Geldbeutel geht, wenn die Arbeitslosigkeit ansteigt, dann hat Erdoğan auch die eigenen konservativen Wähler gegen sich. Guck dir Venezuela an, die Partei MVR ist seit 1998 an der Macht und sehr beliebt beim Volk gewesen. Aber jetzt, wo die Wirtschaftskrise tobt, steht nur noch eine Minderheit hinter ihr. Wenn es um existenzielle Nöte geht, spielen Ideologie oder Sympathie keine Rolle mehr.

Lass dir übrigens nichts von den Leuten sagen, die behaupten, Erdoğan wäre ein guter Präsident für die Kurden. Das ist riesiger Schwachsinn. Er hat ihnen lediglich völlig selbstverständliche Rechte zurückgegeben, also z.B. ihre Sprache benutzen zu dürfen. Natürlich ist das positiv, aber nichts, wofür man ihn in den Himmel loben muss. Die Kurden sind Erdoğan nur so lange lieb, wie sie ihm Wählerstimmen geben und seine Pläne für einen konservativ-religiösen Ein-Mann-Staat unterstützen, so wie es einige kurdische AKP-Politiker tun. Aber für die Interessen der linksgerichteten kurdischen Bevölkerung, die die Mehrheit ausmacht, hat er kein Ohr. Ganz im Gegenteil, die HDP hat er politisch zerstört, indem er sie kriminalisiert und ihre Spitzenpolitiker weggesperrt hat. Und in zahlreichen kurdischen Städten wie Diyarbakir, Nusaybin, Sirnak usw. hat er Bürgerkriege gegen die aufständische Bevölkerung geführt. In Syrien und im Irak versucht er, die kurdischen Streitkräfte auszuschalten und unterstützt lieber Islamisten wie den Taliban-Ableger Al-Nusra, den er bewiesenermaßen mit Waffen beliefert hat.

Also: Lieber keinen Urlaub in der Türkei machen. Wenn du was Südliches willst und keinen Bock auf die Standartreiseziele Spanien & co hast, dann entscheide dich besser für Griechenland, Kroatien oder Tunesien. Die kommen der Türkei geographisch und kulturell so ziemlich am nächsten.

LG

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Nein. Es wird sie auch in nächster Zeit nicht geben. Das ist nur Schwätzerei von Erdoğan, um den Westen ein bisschen zu provozieren und seine Anhänger anzustacheln. Zu dem Zeitpunkt passte das ganz gut ins Stimmungsbild, die Leute wollten Gülen am Galgen sehen und Erdoğan hat diese Stimmung aufgefangen. Gleichzeitig hat er damit dem Westen die lange Nase gezeigt und gesagt: "Ich mach' was ich will".

Man kann jedenfalls zwei Dinge festhalten:

1. Die Todesstrafe tatsächlich wiedereinzuführen, wird Erdoğan nicht tun, weil er es sich mit dem Westen nicht endgültig verscherzen will. Es könnte aber durchaus sein, dass nochmal die eine oder andere Provokation in diese Richtung kommt.

2. Dass Erdoğan jedoch alleine schon darüber redet, die Todesstrafe unter Umständen wieder einführen zu wollen, zeigt ganz eindeutig, dass die Menschenrechte keinen Wert für ihn haben. Wer die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte kennt und sie befürwortet, würde niemals auch nur ansatzweise zustimmende Worte für die Todesstrafe finden.

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Ganz knapp und vereinfacht erklärt:

Erdoğan hat der Türkei einen wirtschaftlichen Aufschwung gebracht (mehr Arbeitsplätze, Bekämpfung von Armut, mehr Straßen, Einkaufszentren usw.). Er hat den Kurden einige ihrer Rechte zurückgegeben. Er ist ein guter Redner und ein Anführertyp, deswegen verehren seine Anhänger ihn, weil sie sich nach einer Führerfigur sehnen auf die sie ihre Wünsche projizieren können. Sie wünschen sich so einen Macho-Typen, der ihren Nationalstolz aufpoliert.

Erdoğan regiert allerdings sehr autoritär und unterdrückt seine Kritiker. Von Jahr zu Jahr hat er den demokratischen Rechtsstaat mehr und mehr abgeschafft. Das bedeutet, Justiz, Polizei, Geheimdienst und Militär arbeiten nicht mehr unabhängig. Immer wieder gibt es Verhaftungswellen, bei denen tausende Unschuldige ins Gefängnis gesteckt werden. Die Türkei ist das Land mit den weltweit meisten Journalisten im Knast. Die Türkei ist nach China das Land, in dem am meisten Zensur im Internet vorgenommen wird. Freie Meinungsäußerung ist somit sehr gefährlich in der Türkei, denn als Bürger hast du keine Rechte mehr, auf die du dich bei einer Anklage berufen kannst. Wie gesagt, Polizei und Justiz handeln nicht nach gesetzlichem Rahmen sondern machen, was Erdoğan will. In türkischen Gefängnissen findet Folter statt und Erdoğan spricht darüber, die Todesstrafe wieder einzuführen. Insgesamt lässt sich feststellen, dass Erdoğan das türkische Volk gerne nach seinen Wunschvorstellungen formen möchte, zu einem frommen konservativreligiösen Volk. Durch zahlreiche Gesetzesänderungen zwingt er auch liberale/säkulare Muslime oder Andersgläubige, nach diesen Regeln zu leben.

Warum regiert Erdoğan so autoritär? Weil er in seinem Leben viel betrogen und schmutzige Geschäfte gemacht hat, was ihn in einem funktionierenden demokratischen Rechtsstaat seinen Job als Präsident gekostet hätte (gefälschtes Diplom, größter Korruptionsskandal der türkischen Geschichte usw.). Also muss er den Rechtsstaat aushebeln, um an der Macht bleiben zu können. Außerdem ist Demokratie für ihn nur ein Mittel zum Zweck, das er so lange benutzt, wie es ihm selbst nützt (Zitat Erdoğan 1998: "Die Demokratie ist nur der Zug, auf den wir aufspringen, bis wir am Ziel sind."). Inzwischen ist die Demokratie für ihn ein Hindernis, seine Ziele durchzusetzen. Er hat keine Lust, Rücksicht auf andere Meinungen zu nehmen, sondern glaubt, nur weil er seine Wahlen gewinnt, könne er machen was er will.

Wer ist für Erdoğan, wer ist gegen ihn? In der Türkei sind ca. 40-45% für Erdoğan, 55-60% hassen ihn abgrundtief. Das heißt, eigentlich ist sogar die Mehrheit gegen ihn. Nur splittern sich seine Gegner in Kemalisten, Bozkurts und Kurden auf, weswegen sie es nicht schaffen, bei den Wahlen Erdoğan abzuwählen.

In Deutschland ist die Mehrheit für Erdoğan. Das hat zwei Gründe: Erstens sind 85% der Deutschtürken Nachfahren von Einwanderen aus Zentralanatolien. Also genau dem Teil der Türkei, aus dem Erdoğan die meisten Stimmen bekommt. Heißt also, die ganze Familie schwärmt für Erdoğan und die Kinder wachsen mit konservativen Werten auf. Kein Wunder, wenn sie dann selber irgendwann Erdoğan toll finden, sie haben praktisch keine andere Wahl. Wenn 85% der türkischen Einwanderer damals aus der Westtürkei, also aus Städten wie Izmir, Muğla und Tekirdağ gekommen wären, dann wären heute fast alle Deutschtürken Erdoğan-Gegner. Zweitens fühlen sich viele Deutschtürken in Deutschland nicht akzeptiert und deswegen gefällt ihnen so ein Macho-Typ wie Erdoğan, der eine große Klappe hat und den Westen beschimpft. Hinzu kommt noch, dass wenn man in Deutschland geboren und aufgewachsen ist, man gar kein Gefühl dafür hat, wie es sich anfühlt, als Bürger keine Rechte zu haben. Das kann man sich einfach nicht vorstellen, dass theoretisch in der Nacht die Polizei in die Wohnung stürmt und dich einfach mitnimmt, weil du einen regierungskritischen Artikel geschrieben hast. In Deutschland würde das nicht passieren und wenn, dann würdest du sofort sagen: "Hey, ihr habt kein Recht dazu, ich verklage euch!" und du würdest vor Gericht dann wahrscheinlich Recht bekommen. In der Türkei sagen dir die Polizisten: "Tja, Pech gehabt, A*schloch, kannst es ja gerne versuchen, du hast eh keine Chance vor Gericht!"...

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Sowohl als auch. Die Frage ist ja, verdächtig wofür? Für tatsächliche Verbrechen, oder nur für die falsche Meinung? Fakt ist, es sitzen tausende Unschuldige in Haft.

Hier kannst du zahlreiche persönliche Geschichten von unschuldigen inhaftierten Journalisten aus der Türkei nachlesen: http://www.fr.de/Journalisten+in+Haft./

Einen Fall davon möchte ich mal als Beispiel kurz hier teilen:

Die Bilder gingen um die Welt. Ende Oktober vergangenen Jahres steht ein grauhaariger Mann vor dem Redaktionsgebäude der säkularen türkischen Tageszeitung „Cumhuriyet“ in Istanbul und gibt einigen Journalisten ein Interview. Man sieht ihm an, dass er nicht so recht weiß, ob er lachen oder weinen soll. „Das hier ist eine Komödie“, sagt der Mann in weißem Hemd und schwarzer Lederjacke. „Das wird man der Welt nicht erklären können.“ Er solle verhaftet werden, weil er Cartoons zeichne, sagt er dann, „ausschließlich wegen Cartoons. Ich denke, jeder ist in der Lage, das selbst einzuordnen.“ Sagt’s, umarmt einige Freunde und Kollegen und macht sich dann selbst auf den Weg zur Polizei. Zum Verhör.

Der Mann, der an diesem Tag vor fast einem Jahr vom neuen Ermittlungsverfahren gegen sich erfahren hat und danach erst einmal neun Monate im Gefängnis verschwand, heißt Musa Kart und ist einer der bekanntesten Karikaturisten der Türkei. Bereits seit den 70er Jahren veröffentlicht der 1954 geborene Kart Karikaturen in verschiedenen Zeitungen, seit 1994 zeichnet er fast täglich für die oppositionelle Zeitung „Cumhuriyet“, deren Redaktionsmitglied er ist. Für seine Arbeit ist er mehrfach mit internationalen Preisen ausgezeichnet worden.

Wie 16 seiner Kollegen von „Cumhuriyet“ steht Kart aktuell in Istanbul vor Gericht, ihm wird die Unterstützung einer Terrororganisation vorgeworfen. Genau wie viele andere Journalisten, die seit dem gescheiterten Putschversuch vom Juli vergangenen Jahres mit umstrittenen Strafprozessen überzogen werden, soll er laut Anklage die Hizmet-Bewegung des türkischen Predigers Fethullah Gülen unterstützt haben – und zugleich die verbotene kurdische Arbeiterpartei PKK. Beide Gruppen gelten in der Türkei von Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan als Staatsfeinde, die türkische Regierung macht Anhänger Gülens auch für den gescheiterten Putschversuch verantwortlich. 

Noch am Tag seiner Verhaftung, vor seiner Redaktion, erklärte Musa Kart, wie lächerlich er die Vorwürfe finde: Er habe in den vergangenen Jahren Dutzende kritische Karikaturen sowohl über Gülen und seine Bewegung als auch die PKK veröffentlicht. „Ich werde nicht aufgeben“, sagte Kart. „Ich habe keinen Grund, mich zu verstecken oder wegzulaufen. Alles, was ich schreibe und zeichne, ist öffentlich.“ (http://www.fr.de/panorama/journalisten-in-haft-das-hier-ist-eine-komoedie-a-1358969)

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Naja, ein wirklich demokratischer Rechtsstaat war die Türkei auch vor Erdoğan nicht. Die Kurden wurden rechtlich massiv diskriminiert, es existierte bis 2002 noch die Todesstrafe (die allerdings seit 1984 nicht mehr durchgeführt wurde) und das Militär besaß eine große Macht, um mal einige Beispiele zu nennen. Zudem war und ist die Türkei ein Entwicklungsstaat, die großen ländlichen Gebiete sind teilweise ohne vernünftige Strom-, Wasser- oder Gasverbindung ausgestattet. Natürlich gab es in diesen Gebieten dann viel Selbstjustiz und Werte wie Pluralismus, Selbstentfaltung, Geschlechtergerechtigkeit usw. existierten praktisch nicht. Das sind Dimensionen, die man sich erstmal vor Augen führen muss, wenn man in Deutschland aufgewachsen ist. Meine Eltern haben noch so Sachen miterlebt, wie z.B., dass man im Winter die Verstorbenen nicht begraben konnte, weil der Boden zu hart war. Die hat man dann auf Bäume gebunden und das Begräbnis auf das Frühjahr verlegt.

Du hast gefragt, ob die Türkei genau so autokratisch sei wie früher, nur dass die herrschende Ideologie eine andere sei. Das ist gar nicht mal so falsch formuliert. Ganz vereinfacht gesagt regierten früher die Kemalisten auf eine autoritäre Weise und setzten Laizismus und Nationalismus mit radikalen Mitteln durch. Dann folgte eine Zeit mit vielen Regierungswechseln (die kemalistische Partei CHP wurde mehrmals ab- und wiedergewählt und ist zuletzt 1979 in der Regierung gewesen). Nach dem Jahr der Wirtschaftskrise 2001 wurde dann Erdoğans AKP gewählt, die seitdem die Macht innehält. Die Vorwürfe, die Erdoğan immer den Kemalisten macht, von wegen sie hätten diktatorisch regiert und die religiöse Bevölkerung unterdrückt - genau die gleiche Unterdrückung erfährt heute die säkulare, linksliberale Bevölkerung und mit ähnlich autoritären Mitteln regiert Erdoğan heute.

Ich möchte das genauer erläutern: Erdoğan hat der Türkei einen enormen wirtschaftlichen Aufschwung gebracht, von dem insbesondere die Landbevölkerung profitiert hat. Bei den Zahlen, die er dazu nennt, sollte man allerdings aufpassen. Man muss sie im Kontext betrachten: 2001 erlebte die Türkei die größte Wirtschaftskrise ihrer Geschichte. Danach kam Erdoğan an die Macht. Wenn er dann seine Wirtschaftszahlen mit dem wirtschaftlichen Tiefpunkt von 2001 vergleicht, dann wirken sie natürlich umso imposanter.

Es stimmt auch, dass Erdoğan in den Anfangsjahren seiner Regierungszeit Schritte vorgenommen hat, die zur Demokratisierung beigetragen haben. Das liegt u.a. daran, dass Erdoğan damals unbedingt in die EU wollte und die dafür erforderlichen Kopenhagener Kriterien erfüllen musste. Erdoğan gab beispielsweise den Kurden viele ihrer Rechte zurück, sprach sich für einen Friedensprozess mit der PKK aus und schaffte die Todesstrafe ab.

Von Jahr zu Jahr wurde Erdoğan aber autoritärer und das ist kein plötzlicher Gesinnungswandel. Er war nie ein überzeugter Demokrat, das hat er sogar 1998 selbst in einer Rede preisgegeben: "Die Demokratie ist nur der Zug, auf den wir aufspringen, bis wir am Ziel sind.". Eigentlich fängt Erdoğans demokratiefeindliches Spiel schon damit an, dass er schon in den Neunzigerjahren zusammen mit Fetullah Gülen und dessen Sekte begonnen hat, den türkischen Staat zu unterwandern. Der Kemalismus sollte zerstört werden und Justiz, Polizei, Militär und Bildungswesen durch konservativ-religiöse Leute der islamistischen Millî Görüş-Bewegung ersetzt werden. 2007 wurden dann im sogenannten Ergenekon-Prozess hunderte unschuldige Kemalisten durch gefälschte Beweisführung inhaftiert. Darunter waren Militärs, Geschäftsführer, Juristen, Journalisten und Politiker. Natürlich haben sich die Kemalisten gegen diese Ungerechtigkeit zur Wehr gesetzt, mit allen demokratischen Mitteln, die ihnen zur Verfügung standen. Erdoğans Reaktion bestand darin, die demokratischen Möglichkeiten zu beschneiden. Seitdem wird die Pressefreiheit missachtet, die Versammlungsfreiheit beschränkt und Justiz und Polizei arbeiten zunehmend ungerechter. 2013 bei den Gezi-Protesten, welche die heftigsten in der Geschichte der Türkei waren und sich zum Ende hin in Anti-Erdoğan-Demonstrationen umwandelten, sah sich Erdoğan erneut berufen, die Demokratie weiter zu beschränken. Das gleiche Spiel folgte bei weiteren Skandalen, wie dem Korruptionsskandal, den bürgerkriegsähnlichen Zuständen in den Kurdengebieten und zuletzt dem Putschversuch. Inzwischen ist die Türkei an einem Punkt angelangt, in der Justiz, Polizei, Geheimdienst und Militär fast komplett von Erdoğan-folgsamen Leuten besetzt wurden, was bedeutet, dass es praktisch keine Gewaltenteilung mehr gibt und du als Bürger keine Rechte mehr hast, auf die du dich berufen kannst. Pressefreiheit existiert nur noch in Bruchteilen. Es finden gezielte staatliche Säuberungen von Kritikern statt: Im Moment, wo der Ausnahmezustand noch gilt, werden einfach willkürlich Regierungskritiker aus allen gesellschaftlichen Lagern inhaftiert. Kritiker aus dem konservativen Lager werden in den Topf "Gülen-Anhänger" geworfen. Kritiker kurdischer Herkunft werden in den Topf "PKK-Mitgliedschaft" geworfen. Kritiker aus dem kemalistischen/säkularen Lager werden entweder auch in eine dieser beiden Töpfe geworfen, was völlig absurd ist, oder sie werden wegen "Landesverrat" verhaftet, wie eine Reihe von Journalisten, die über Waffenlieferungen an syrische Islamisten berichtet haben und CHP-Politiker, die sich für sie stark gemacht haben. In den Gefängnissen findet Folter statt und Erdoğan droht damit, die Todesstrafe wieder einzuführen (was er bereits 2012 schonmal wollte).

Fazit: Ja, auch vor Erdoğan war die Türkei kein wirklich demokratischer Rechtsstaat. Ja, Erdoğan hat einige gute Sachen geleistet, vor allem eben den wirtschaftlichen Aufschwung, der die Lebenssituation tausender Menschen verbessert hat. Aber das ist keine Legitimierung, kein Freifahrtsschein dafür, eine Autokratie zu errichten. Unter dem Strich ist die Türkei heute weniger demokratisch, frei und rechtstaatlich als in den Jahren vor Erdoğans Amtsantritt. Seit Atatürk hat kein türkischer Politiker so viel Macht über das Land gehabt wie Erdoğan. Das muss man sich mal vorstellen, so viel Macht ausgerechnet in den Händen eines Mannes, der korrupt und ein Betrüger ist, der Demokratie und Menschenrechte mit den Füßen tritt, der ein hitzköpfiges Gemüt hat. Vor allem aber wird die Türkei nie inneren Frieden finden, solange Erdoğan regiert. Er regiert nach dem Prinzip "Teile und herrsche". In der ganzen Türkei gibt es Hass und Spaltung statt Zusammenhalt. Man kann politische Lager vielleicht unterdrücken und dadurch verhindern, dass sie parlamentarische Macht bekommen. Aber Ruhe wird dadurch nie einkehren, der lebendige Beweis dafür sind der Palästinenser-Konflikt in Gaza und der Kurdenkonflikt in der Türkei. Die unterdrückten Säkularen, Liberalen, Linken und Kurden ... sie alle werden für innere Unruhe in der Türkei sorgen, solange sie von Erdoğan unterdrückt werden.

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Die Hdp will doch einen kurdischen Staat gründen.

Nein, das ist nicht die Absicht der HDP. Wie kommst du darauf? Die HDP setzt sich für die Rechte ethnischer Minderheiten (Kurden, Jesiden, Drusen, Aramäer usw.) im Rahmen des türkischen Staates ein.

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Habe einen türkisch-kurdischen Migrationshintergrund, möchte dir aber trotzdem eine Antwort auf deine Frage geben:

Wenn Erdoğan und seine Anhänger das Wort "neidisch" benutzen, dann ist das ein kläglicher Versuch, der berechtigten Kritik aus Deutschland ihre Legitimation zu nehmen. Verstehst du? Der Inhalt der Kritik wird einfach ignoriert. Stattdessen wird die Motivation hinter der Kritik in Frage gestellt. Indem man den Deutschen vorwirft, sie wären neidisch auf die Türkei, lobt man sich einerseits indirekt selbst (denn Neid kann ja nur im Bezug auf positive Errungenschaften aufkommen) und stuft andererseits den Deutschen die Berechtigung zu ihrer Kritik herab. Nach dem Motto: "Ihr wollt uns Türken ja nur unsere Erfolge schlecht reden.". Es wird also so getan, als würde es normalerweise keinen Grund zur Kritik geben und die Deutschen würden, nur weil sie neidisch auf Erdoğan seien, mit der Lupe nach Kritikpunkten suchen. Das ist eine beliebte Taktik, weil dann muss man sich wie gesagt dem Inhalt der Kritik nicht stellen.

Erdoğans Anhängerschaft ist in weiten Teilen inzwischen aber so fanatisiert, dass sie ihm blind folgen. Eine kritische Reflexion der Aussagen und politischen Entscheidungen findet nicht statt. Deswegen kaufen sie ihm auch das billige "Neid-Argument" ab. Es ist eine bequeme und einfache Begründung: Wir sind super, die anderen sind neidisch auf uns, über Kritik müsst ihr euch keine Gedanken machen. Baba Erdoğan regelt alles, vertraut ihm ruhig blind.

Zudem haben Erdoğans Anhänger eine ganz andere Vorstellung und Wertung von Gefühlen wie Stolz als die Deutschen. In den einfachen Bevölkerungsschichten ist es üblich, dass man sich mit Statussymbolen selbst profiliert. Zum Beispiel mit einem teuren BMW rumzufahren. Das pusht das eigene Ego. Weil damit zeigt man den anderen ja, ich fahre ein schickes Auto, ich habe Geld (= ich habe einen hohen sozialen Status). Das gleiche ist auch in Afrika zu beobachten, da profilieren sich die Leute gerne mit schicken Anzügen, Hüten und Gehstöcken. Im Prinzip steckt ein Minderwertigkeitskomplex dahinter; nämlich der Wunsch, von anderen Aufmerksamkeit, Beachtung und Anerkennung zu bekommen.

Genau nach dem gleichen Prinzip funktionieren auch Erdoğans Prahlereien, von irgendwelchen neuen Bauprojekten wie seinem protzigen Präsidentenpalast. Bei seinen Anhängern kommt das gut an, weil das wieder Statussymbole sind. Damit kann man angeben und sagen: "Wir Türken haben diesen Mega-Flughafen und unser Präsident lebt in einem Palast, der größer ist als das Weiße Haus in Washington.". Natürlich ist sowas total kindisch. Eigentlich ist es ein Zeichen purer Arroganz und primitivster Angeberei, wenn ein Präsident in einem Entwicklungsstaat wie der Türkei, wo Teile der Landbevölkerung nicht mal fließendes Wasser haben und der Strom regelmäßig ausfällt, sich so einen milliardenschweren Protzpalast bauen lässt. Die Bevölkerung müsste auf die Barrikaden gehen und sagen, das ist eine Ohrfeige für die Armen. Klar hat Erdoğan der Landbevölkerung neue Straßen gebaut, das stimmt schon. Aber das ist eben trotzdem kein Grund dafür, so viel Geld in einen Palast zu stecken, von dem die Allgemeinheit keinen Nutzen hat. Und überhaupt eine Sache von Respekt und Anstand, dass man solange es Menschen gibt, die keinen Strom oder Heizung haben, nicht in einem Palast auf Goldkissen schläft. Erdoğan sollte sich ein Beispiel nehmen am ehemaligen Präsidenten Uruguays, José Mujica, dem "ärmsten Präsidenten der Welt", der nur 10% seines Präsidentengehaltes behalten hat und in einer kleinen Hütte auf dem Land lebte. Das war ein echter Volksmann, der die Lebenssituation seiner Landsleute nachvollziehen konnte. Dagegen ist ein Erdoğan, der glaubt, nur weil er seit 15 Jahren regiert und der Türkei wirtschaftliches Wachstum beschert hat, stünde es ihm zu, einen auf Sultan zu machen, eine primitive Witzfigur. Aber so ist er halt, der kleine Recep Tayyip. Das ist wahrscheinlich sein Kindheitstraum gewesen, eines Tages mal Sultan zu sein. Wie war das noch gleich? Ach ja, Minderwertigkeitskomplexe... ;-)

Um wieder auf das eigentliche Thema zurück zu kommen: Viele Erdoğan-Anhänger gehen von ihrer eigenen Denkweise aus und glauben deshalb wahrscheinlich wirklich, die Deutschen könnten neidisch sein auf diese Statussymbole. Da zeigt sich wieder, in was für unterschiedlichen Lebenswelten und Kategorien von Moral man sich befinden kann.

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Wie kann ich eine richtige Muslimische Frau sein?

As salamu Alejkum we rahmetullah we barakatuh und zwar habe ich eine Frage beziehungsweise ich weiß nicht mehr weiter und ich hoffe, dass mir meine Brüder und Schwester helfen können. Ich bin 16 Jahre und komme aus Bosnien. Ich habe mich früher nicht so oft mit der Religion beschäftigt als wie heute. Ich habe einen Freund seit 10 Monaten, er ist Araber und kommt aus dem Irak. Seitdem ich mit ihm zusammen bin, zeigte es mir alles im Islam. Er hat mir beigebracht richtig zu beten und mir beigebracht, was Halal und Haram sei. Ich habe jeden Tag den Qur‘an gelesen und ich muss Alhamdulillah sagen, dass er mir das alles beigebracht hat. Ich habe dieses Jahr Ramadan gefastet und ging auch in der Früh in die Mosche, aber genau jetzt fängt das Problem an und zwar meine Eltern hassen meinen Freund über alles. Sie hassen ihn, weil er aus einer anderen Herkunft kommt und die Kultur und die Mentalität bei ihnen anders ist. Sie hassen ihn, weil er nicht meine Sprache sprechen kann und sie hassen ihn, weil er mich religiös gemacht hat, wie mit dem beten, Qur‘an lesen, Ramadan fasten und so weiter. Ich will weiterhin beten und sogar ein Kopftuch tragen. Ich will eine richtige muslimische Frau sein, aber das kann ich wegen meinen Eltern nicht. Mein Bruder hasst meinen Freund, wollte ihn letztens zusammen schlagen, da er meinte, dass er ein Zigeuner sei und ich eine Schande in der Familie bin. Mein Vater trinkt jeden Tag Alkohol und er mag‘ garkeine Araber. Mein Freund betet, raucht nicht, trinkt auch garkein Alkohl, aber das stört meinen Vater, er meint, dass er mir nichts im Leben bieten kann. Ich habe nicht die Möglichkeit zu beten, da in meinem Haus es nur Alkohl und Party gibt. Ich fühle mich manchmal so, als ob Shaytans in meinem Haus wären. Meine Mutter redet die ganze Zeit schlecht über meinen Freund und sie meint, dass sie ihn abschieben möchte hin und her. Es verletzt mich einfach. Ich möchte ein gutes Leben haben und das machen, was Allah w‘tala von mir verlangt. Ich habe auch schon so oft mit meinen Eltern darüber gesprochen, aber es ist sogar ein paar mal eskaliert, wo mein Vater sogar bei mir Handgreiflich zugegriffen hat. Inschallah, könnt Ihr mir helfen.

Danke im Vorraus. Ma salame

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Irgendwas kommt mir an deiner Frage komisch vor. Deine Familie soll also (obwohl ihr muslimische Bosnier seid) sooo schlimm sein, alle trinken Alkohol und bei euch finden regelmäßig Partys statt?? Hier übertreibst du aber ordentlich, oder? Und dein Freund ist der superperfekte Muslim? Komisch, dann hättet ihr aber keinen außerehelichen Geschlechtsverkehr haben dürfen, wie du es im Mai in deiner Frage geschrieben hast.... da scheint dein Freund ja eine gewisse Doppelmoral zu haben, außereheliche Beziehung, außerehelichen Sex, aber weil er betet und keinen Alkohol trinkt ist er der Vorbilds-Muslim?

Ich wäre an deiner Stelle eher vorsichtig mit ihm. Ist er überhaupt gebildet? Nur weil er Arabisch als Muttersprache hat und deswegen leichter den Koran lesen kann und vielleicht als Kind eine Koranschule besucht hat, heißt das nicht, dass er deswegen mehr Ahnung vom Islam hat. Merke dir, konservativ zu sein bedeutet nicht automatisch, die Religion richtig zu verstehen und zu praktizieren... sondern eben nur, sie auf traditionelle Weise zu verstehen. Also dass ihm der Islam wichtig ist und er ihn ernst nimmt, ist ja gut, aber ich bezweifle mal, dass er zeitgemäße Auslegungsformen kennt, wie z.B. die von Mouhanad Khorchide.

PS: Du redest sehr schlecht über deine Eltern, der Prophet sagte jedoch, man soll seinen Eltern Respekt und Ehre erweisen.

Viel Glück

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Nein, bei den meisten Jungs und Männern sorgt das Kopftuch eher für Desinteresse, weil es oft ein Zeichen dafür ist, dass:

• die Familie streng ist und an alten Wertevorstellungen festhält (und darauf hat kein Junge/Mann Bock, weil es das Kennenlernen und Daten schwieriger macht und ein Risiko für Stress oder Ärger ist)

• die Frau selber nach alten Wertevorstellungen lebt

• die Frau ihre eigene Sexualität dämonisiert, unterdrückt und verleugnet

Das Kopftuch ist keine religiöse Pflicht und ich selbst habe als Muslim schon oft beobachtet, dass Kopftuchträgerinnen vor allem nach außen hin einen auf "stolze Muslima" machen wollen, um Anerkennung von anderen Muslimen zu kriegen. Von daher finde ich auf den ersten Blick auf jeden Fall Frauen ohne Kopftuch interessanter. (Natürlich muss man einen Menschen erst persönlich kennenlernen, um wirklich über ihn urteilen zu können, aber du hattest ja nach dem ersten Eindruck gefragt.)

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Hallo erstmal!

Um die Gesamtsituation zu verstehen, müssen wir mit dem historischen Kontext anfangen: Die Türkei wurde als laizistischer Staat gegründet, was bedeutet, dass es eine strikte Trennung zwischen Staat und Religion gab. Dafür hatte Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk gesorgt, der die Türkei nach den Prinzipien des Kemalismus, seiner Gründungsideologie, formen wollte. Dies sorgte vor allem deshalb für Konfliktstoff, weil die kemalistische Regierung den Laizismus teilweise sehr radikal umsetzte (z.B. durch ein Kopftuchverbot für Studentinnen) und weil ein Teil der Bevölkerung das Kalifat des osmanischen Reiches zurückhaben wollte. Somit stand auf der einen Seite die laizistische Regierung, die das mächtige Militär zur Unterstützung hatte, und auf der anderen Seite die Kräfte des politischen Islam. Letztere fühlten sich von der kemalistischen Regierung unterdrückt und gründeten Widerstandsgruppen und politische Parteien, die sich für eine islamistische Republik einsetzten. Diese Bewegung wird "Millî Görüş" genannt; ein wichtiger Gründervater dieser Bewegung ist Necmettin Erbakan, der so etwas wie der politische Ziehvater von Recep Tayyip Erdoğan war. Erbakan war von 1974-1978 sowie von 1996-1997 Ministerpräsident der Türkei, wurde allerdings vom kemalistischen Militär 1980 geputscht. Seine Parteien wurden regelmäßig aufgrund ihrer Verfassungswidrigkeit verboten, weswegen er ständig neue Parteien gründete, die jedoch nur namentlich und nicht inhaltlich Unterschiede aufwiesen. Erbakan klagte zwei Mal vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte gegen die Parteiverbote, allerdings bestätigten die Richter in beiden Fällen die Verbotsurteile.

Machen wir einen kleinen Sprung in das heutige Zeitalter: Nachdem also Erbakans Parteien keinen nachhaltigen Erfolg verzeichnen konnten, kristallisierten sich in den 90er Jahren andere Strategien und andere Protagonisten in der islamistischen Millî Görüş-Szene heraus. Die zwei wichtigsten Namen sind Recep Tayyip Erdoğan und Fetullah Gülen. Ihre Zusammenarbeit war wie eine perfekte Ehe: Gülen als stiller, im Hintergrund agierender Stratege, der seine Gülen-Bewegung aufgebaut hatte, eine "Sekte mit Konzernstruktur". Sein Ziel bestand darin, die wichtigsten Institutionen und Schaltstellen des Staates, der Medien und der Wirtschaft zu unterwandern sowie durch eigen gegründete Bildungseinrichtungen die heranwachsenden Generationen zum politischen Islam zu bekehren. Erdoğan als politischer Akteur, als das Aushängeschild in der Öffentlichkeit, durch sein Charisma und seine emotionalen Reden. Er äußerte sich nicht so auffällig und radikal wie Erbakan (vor allem nicht nach seiner Inhaftierung nach einer antidemokratischen Rede 1998), sondern hielt sich moderat und bedeckt, bekannte sich sogar zum Laizismus. Erdoğan wurde Bürgermeister von Istanbul und 2001, nachdem die Türkei ihre bislang größte Wirtschaftskrise durchfuhr und das Volk Veränderungen wollte, zum Ministerpräsidenten.

Mit vereinter Kraft gelang es Erdoğan und Gülen also, gegen ihren gemeinsamen verhassten Todfeind, den Kemalismus, vorzugehen. Der Plan schien weiter aufzugehen, als 2007 im sogenannten "Ergenekon-Prozess" hunderte unschuldige Kemalisten durch gefälschte Beweisführung inhaftiert wurden. Darunter waren Militärs, Geschäftsführer, Juristen, Journalisten und Politiker. Doch wie so oft, wenn zwei Führungspersonen am Höhepunkt ihrer gemeinsamen Macht stehen, kommt es irgendwann zu internen Streitigkeiten. Der gemeinsame kemalistische Feind war es, der die beiden unterschiedlichen Persönlichkeiten zu einem unschlagbaren, sich gegenseitig ergänzenden Team vereint hatte - doch nachdem dieser Feind entmachtet und handlungsunfähig gemacht wurde, traten die Unterschiede der Persönlichkeit immer stärker zum Vorschein und Meinungsverschiedenheiten und Machtansprüche kollidierten zunehmend. Und so kam es, dass der ruhige Gülen und der testosterongeladene Erdoğan innerhalb weniger Jahre zu Erzfeinden wurden. Der wohl berühmteste Journalist der Türkei, Can Dündar, schrieb in einem Gastbeitrag für die FAZ: "Bei der Übernahme des Staates war die Beute so ungeheuer groß, dass Streit über die Verteilung ausbrach. Wer sollte welche Ausschreibung erhalten, wer welches Ministerium leiten, wer bei Entscheidungen zu kritischen Themen das letzte Wort haben?"

Ein genauer Zeitpunkt, zu welchem die Konflikte anfingen, lässt sich schwer feststellen. Anfangs waren es interne Streitigkeiten, die nicht an die Öffentlichkeit gelangten. Erst im Nachhinein kritisierte Gülen beispielsweise, Erdoğan habe 2006 angefangen, hohe Staatsbeamte nach persönlichen Sympathien auszuwechseln. Erste öffentliche Konflikte gab es im Jahr 2010; Erdoğan hatte in Zusammenarbeit mit der Hamas eine Hilfsflotte gegen die Gaza-Blockaden in Israel organisiert. Dabei wurden 9 Türken von israelischen Kommandos erschossen. Gülen kritisierte dies öffentlich und warf Erdoğan Hitzköpfigkeit vor; klüger sei es gewesen, Gespräche mit Israel zu führen. Es folgten weitere Meinungsverschiedenheiten, beispielsweise auch beim gewaltsamen Vorgehen Erdoğans gegenüber den Gezi-Protesten 2013. Oder bei Erdoğans geplantem Präsidialsystem, mit dem Gülen nicht einverstanden war.

Letztendlich saß natürlich Erdoğan an der politischen Schaltstelle und auch charakterlich ist Erdoğan der dominantere Typ, somit ist es nicht verwunderlich, dass er es auch war, der am Ende bei Meinungsverschiedenheiten seine Interessen durchdrückte. Die öffentliche Kritik seines ehemaligen Weggefährten und der damit drohende Verlust der Unterstützung der einflussreichen Gülen-Sekte erzürnten Erdoğan, der im Rahmen der Gezi-Proteste ohnehin in öffentlicher Kritik stand. Von nun an folgte ein gegenseitiger Schlagabtausch: Erdoğan ließ die Nachhilfe-Lernzentren, welche die Haupteinnahmequellen Gülens waren, schließen. Als Reaktion darauf ließ Gülen im Winter 2013 der türkischen Presse Telefonmitschnitte von Erdoğan und seinen Familienangehörigen zuspielen. So kam der größte Korruptionsskandal der türkischen Geschichte ans Licht. Erdoğan wiederum erklärte Gülen zum Verräter und Staatsfeind Nr.1 und ging weiter gegen seine Institutionen vor, am symbolträchtigsten ist wohl die Schließung der bis dato auflagestärksten (und Gülen-nahen) Tageszeitung Zaman, welche von der Polizei gestürmt wurde.

Den Rest kennst du sicherlich selber: Gülen sitzt am kürzeren Hebel, seine letzten Versuche der Gegenwehr bestanden darin, dass er der Presse Informationen zum gefälschten Diplom Erdoğans hat zuspielen lassen (wodurch bewiesen wurde, dass Erdoğan gar nicht hätte Ministerpräsident werden dürfen). Jedoch zeigte dies bei all den anderen Skandalen und Betrugsvorfällen, die an Erdoğans Biographie haften, keine sonderliche Wirkung. Seine Kritiker haben ihn auch vorher schon kritisiert, seine Anhänger folgen ihm blind und sind faktenimmun und die Justiz arbeitet nicht mehr unabhängig. Der Putschversuch, welcher vermutlich von einem Zusammenschluss aus kemalistischen und gülenistischen Erdoğan-Kritikern durchgeführt wurde, hat Erdoğan auf taktisch brillante Weise zu seinem Vorteil instrumentalisiert. Schon bevor der Putsch losging, sickerten die Informationen durch den Geheimdienst und andere Militärangehörigte zu Erdoğan durch. Erdoğan ließ den Putsch geschehen, jedoch schon früher als geplant und natürlich waren er und seine Einheiten vorbereitet. Er mobilisierte per Videobotschaft seine Anhänger auf die Straßen, unterstützte sie mit Polizeieinheiten und verkaufte den daraufhin jämmerlich gescheiterten Putschversuch als "Sieg des Volkes" und "Sieg der Demokratie". Die armen Soldaten, die nur ausführende Kräfte waren, wurden von Erdoğan-Anhängern teils zu Tode geprügelt und standen als Bauernopfer da. Erdoğan hatte nun die Legitimierung für das, was er sich wohl immer schon gewünscht hatte; nämlich die Ausrufung des Ausnahmezustandes, die natürlich international nicht kritisiert werden konnte. Seitdem regiert er per Dekret, also als De-Facto-Diktator, da ihm die letzten Überreste des demokratischen Rechtsstaates, die letzten noch unabhängigen Richter, nicht mehr im Wege stehen. Täglich werden neue Kritiker verhaftet, und zwar aus allen politischen Lagern. Ihnen allen wird Terrorismus bzw. Terrorpropaganda vorgeworfen. Es gibt drei Etikette: 1. Das Gülen-Etikett (für Kritiker aus dem konservativen Lager), 2. Das PKK-Etikett (für Kritiker kurdischer Herkunft), 3. Das Kemalisten-Militärputsch-Staatsverräter-Etikett (für Kritiker aus dem säkularen, linken Lager). Um festgenommen zu werden, genügt es schon, ein Buch von Fetullah Gülen zu besitzen, familienbedingte Verbindungen dritten Grades zu einem PKK-Mitglied zu haben oder sich öffentlich hinter die Berichterstattung zu illegalen Waffenlieferungen nach Syrien von Can Dündar zu stellen. Viele werden auch vollkommen grundlos festgenommen und man schreibt ihnen völlig absurde Sympathien zur Gülen-Sekte zu, wie es momentan vielen Säkularen/Kemalisten ergeht (absurd deshalb, weil wie ich schon anfangs erwähnt hatte, die Kemalisten immer schon der Hauptfeind Gülens waren).

Ich hoffe, ich konnte dir deine Fragen beantworten. Wenn du noch mehr über die Türkei wissen willst, kannst du mich gerne fragen. LG

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Ganz einfach: Deutsche mit türkisch-aserbaidschanischem Migrationshintergrund. Oder eine andere, noch genauere Bezeichnung wäre Deutsche mit türkisch-aserbaidschanisch-kurdischen Wurzeln.

Warum? Weil du in Deutschland geboren wurdest, aufgewachsen bist und die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt. Du wurdest also in der deutschen Gesellschaft sozialisiert, lebst einen deutschen Tagesablauf und ich nehme einmal an, dass du von allen Sprachen, die du sprichst, Deutsch am besten beherrschst. Deshalb bist du an erster Stelle Deutsche. (Viele irritiert dieser Gedanke, aber Deutsche/r zu sein, bedeutet nicht, Hans oder Helga zu heißen, sondern Deutschland ist immer schon ein Einwanderungsland und somit ein multiethnischer Staat gewesen.)

Weil deine Mutter Türkin ist und dein Vater aserbaidschanischer Türke und beide nach Deutschland eingewandert (= emigriert) sind, hast du einen türkischen bzw. türkisch-aserbaidschanischen Migrationshintergrund. Dritten Grades hast du aufgrund deiner kurdischen Uroma eben auch kurdische Wurzeln.

Ich würde mir an deiner Stelle aber nicht zu sehr den Kopf darüber zerbrechen, welche Nationalität dir wichtiger ist. Letztendlich ist Nationalität nur eine Verwaltungszugehörigkeit (auf den Papieren am Amt bist du wegen deinem Pass einfach nur Deutsche). Entscheidend für deine Identität ist doch, was für Charaktereigenschaften du hast und was für Werte für dich wichtig sind. Und diese beiden Dinge sind nun mal nicht fest an eine Nationalität gebunden. Es ist doch schön, wenn man multikulturelle Wurzeln hat. So kannst du dir deine eigene Identität zusammenbauen, ganz individuell... da gibt es sicherlich Sachen, die du an der deutschen Kultur besonders schätzt, an der türkischen und an der aserbaidschanischen. Das kannst du dir vorstellen wie ein Supermarkt, in dem du dir deinen Einkaufskorb füllst, eben mit den Sachen, die du als individueller Mensch gerne magst. Am Ende kommt deine ganz persönliche und einzigartige Kombination von Lebensmitteln ( = deine ganz persönliche und einzigartige Identität) heraus. Und - hier schließt sich der Kreis - gerade das ist ja das besondere an Deutschland, dass ganz neue interessante Kulturmischungen zustande kommen. Jeder ist einzigartig, aber am Ende sind wir doch alle Menschen, die besser zurechtkommen, wenn sie miteinander statt gegeneinander leben ;-)

LG

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