Was sollte ich von Goethe oder Shakespeare lesen?

11 Antworten

Ich empfehle das wahrscheinlich meistzitierte Werk von Goethe: Götz von Berlichingen - natürlich in der Sturm und Drang-Fassung ;-). Gute Geschichte, flüssig zu lesen, macht Spaß.

Ansonsten ist die Novellensammlung "Unterhaltung deutscher Ausgewanderten" auch sehr kurzweilig.

Von den großen Werken würde ich erst einmal die Finger lassen - Faust, Wilhelm Meister, Wahlverwandtschaften usw., da braucht man Zeit und Vorerfahrungen mit der Materie. Von diesen am ehesten Faust, das macht, wenn man sich dann die Zeit nimmt, schon unfassbar viel Spaß. Aber als Einstieg besser die zuerst genannten.

Der Zauberlehrling

Hat der alte Hexenmeister

Sich doch einmal wegbegeben!

Und nun sollen seine Geister

Auch nach meinem Willen leben.

Seine Wort' und Werke

Merkt ich und den Brauch,

Und mit Geistesstärke

Tu' ich Wunder auch.

 

Walle! walle

Manche Strecke,

Daß, zum Zwecke,

Wasser fließe,

Und mit reichem, vollem Schwalle

Zu dem Bade sich ergieße.

 

Und nun komm, du alter Besen!

Nimm die schlechten Lumpenhüllen!

Bist schon lange Knecht gewesen;

Nun erfülle meinen Willen!

Auf zwei Beinen stehe,

Oben sei ein Kopf!

Eile nun und gehe

Mit dem Wassertopf!

 

Walle! walle

Manche Strecke,

Daß, zum Zwecke,

Wasser fließe

Und mit reichem, vollem Schwalle

Zu dem Bade sich ergieße.

 

Seht, er läuft zum Ufer nieder;

Wahrlich! ist schon an dem Flusse,

Und mit Blitzesschnelle wieder

Ist er hier mit raschem Gusse.

Schon zum zweiten Male!

Wie das Becken schwillt!

Wie sich jede Schale

Voll mit Wasser füllt!

 

Stehe! stehe!

Denn wir haben

Deiner Gaben

Vollgemessen! -

Ach, ich merk es! Wehe! wehe!

Hab ich doch das Wort vergessen!

 

Ach, das Wort, worauf am Ende

Er das wird, was er gewesen.

Ach, er läuft und bringt behende!

Wärst du doch der alte Besen!

Immer neue Güsse

Bringt er schnell herein,

Ach! und hundert Flüsse

Stürzen auf mich ein.

 

Nein, nicht länger

Kann ich's lassen;

Will ihn fassen.

Das ist Tücke!

Ach! nun wird mir immer bänger!

Welche Miene! welche Blicke!

 

O du Ausgeburt der Hölle!

Soll das ganze Haus ersaufen?

Seh ich über jede Schwelle

Doch schon Wasserströme laufen.

Ein verruchter Besen,

Der nicht hören will!

Stock, der du gewesen,

Steh doch wieder still!

 

Willst's am Ende

Gar nicht lassen?

Will dich fassen,

Will dich halten

Und das alte Holz behende

Mit dem scharfen Beile spalten.

 

Seht, da kommt er schleppend wieder!

Wie ich mich nur auf dich werfe,

Gleich, o Kobold, liegst du nieder;

Krachend trifft die glatte Schärfe.

Wahrlich! brav getroffen!

Seht, er ist entzwei!

Und nun kann ich hoffen,

Und ich atme frei!

 

Wehe! wehe!

Beide Teile

Stehn in Eile

Schon als Knechte

Völlig fertig in die Höhe!

Helft mir, ach! ihr hohen Mächte!

 

Und sie laufen! Naß und nässer

Wird's im Saal und auf den Stufen.

Welch entsetzliches Gewässer!

Herr und Meister! hör mich rufen! -

Ach, da kommt der Meister!

Herr, die Not ist groß!

Die ich rief, die Geister,

Werd ich nun nicht los.

 

"In die Ecke,

Besen! Besen!

Seid's gewesen.

Denn als Geister

Ruft euch nur, zu seinem Zwecke

Erst hervor der alte Meister."

Den finde ich traumhaft :-)

Hier gibt es noch eine Interpretation bzw. Antworten auf Fragen.

https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Zauberlehrling

Nach meinem Gefühl ist der "Urfaust" noch besser als der Götz zum Einstieg geeignet. Nur kommt man an den Text nicht immer leicht heran. 

Du kannst aber hier schon einmal zu lesen anfangen: 

http://www.zeno.org/Literatur/M/Goethe,+Johann+Wolfgang/Dramen/Faust+%5Bin+urspr%C3%BCnglicher+Gestalt%5D/%5BSt%C3%BCcktext%5D 

Ganz in der Nähe findest zu zum Vergleich auch den Götz. 

Vorwarnung: Ich war Deutschlehrer und liebe solche Passagen wie

"MEPHISTOPHELES.

Bei aller verschmähten Lieb! Beim höllischen Element!

Ich wollt, ich wüßt was Ärgers, daß ich's fluchen könnt.

FAUST.

Was hast? was petzt dich dann so sehr?

So kein Gesicht sah ich in meinem Leben.

MEPHISTOPHELES.

Ich möcht mich gleich dem Teufel übergeben,

Wenn ich nur selbst kein Teufel wär."

Dagegen finde ich das berühmte Götz-Zitat vergleichsweise langweilig, aber auch andere wie z.B.:

»Wo viel Licht ist, ist starker Schatten.« (Erster Akt – Jagsthausen. Götzens Burg/Götz) Götz spricht gerade mit seinem Sohn, die beiden haben sich lange nicht gesehen, der Sohn, Karl, will seinem Vater beweisen, was er alles gelernt hat, aber als sein Vater ihn fragt, ob er den Herrn von Berlichingen kennt, da weiß der Sohn keine Antwort, und als der Vater den Sohn fragt, warum er seinen Apfel gebraten essen will und nicht roh, sagt dieser, dass es ihm so besser schmecke. Als dann Adelbert von Weislingen, den Götz gefangen hält, um ihn zu manipulieren, eintritt und sagt: »Glückliches Kind! das kein Übel kennt, als wenn die Suppe lang ausbleibt. Gott laß’ euch viel Freud am Knaben erleben, Berlichingen«, antwortet Götz: »Wo viel Licht ist, ist starker Schatten – doch war mir’s willkommen.«

Wegen der kurzen Inhaltsangabe habe ich den obigen Text zitiert. ImOriginal heißt es freilich: "Wo viel Licht ist, ist starker Schatten – doch wär mir's willkommen." (http://www.zeno.org/Literatur/M/Goethe,+Johann+Wolfgang/Dramen/G%C3%B6tz+von+Berlichingen+mit+der+eisernen+Hand/1.+Akt)

Wenn du bis dahin gekommen bist, hast du dich schon fast in den Götz eingelesen. 

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@Fontanefan

Auch ich war Deutschlehrer und kann mich deinem "Faust"-Vorschlag nur anschließen !

Meine Begeisterung für "Faust" ist ungebrochen, seit mein Deutschlehrer mich für das opus zu begeistern verstand (Anfang der roaring sixties) !

pk

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