Was ist Bolschewismus?

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Das Wort „Bolschewismus/Bolschewist“ geht auf das russische Wort большинство (bolschistwo) zurück, das „Mehrheit“ bedeutet.

Es bezieht sich auf den radikalen Flügel der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands (SDAPR), der von Wladimir Illitsch Uljanow, genannt Lenin, geführt wurde. Die Eigenbezeichung Большевики (Bolschewiki, „Mehrheitler“) war eigentlich Ettikettenschwindel, denn innerhalb der SDAPR bildeten die Bolschewiki eigentlich die Minderheit.

Auf dem 2. Parteitag von 1903 gelang es Lenin, mit knapper Mehrheit einen Antrag auf Umbau der SDAPR zur Kaderpartei durchzubringen, weil ein Teil der Delegierten aufgrund eines Streits die Sitzung verlassen hatte (eine Stragtegie, die auch aus Stupa-Sitzungen kennt).

Seitdem nannten sich Lenins Anhänger selbst stolz Bolschewiki und ihre damals unterlegenen Gegner Mеньшевики (Menschewiki, „Minderheitler“), sie verloren erst gegen Ende des Ersten Weltkrieges so an Boden, dass sie schließlich unterlagen. 1923 wurden sie in der neu gegründeten UdSSR verboten.

Als Bolschewismus wurde ursprünglich die politische Agenda der Bolschewiki bezeichnet, wozu der Sturz des Zaren (denn dann übrigens die Februarrevolution von 1917 und nicht die Bolschewiki bewerkstelligten) und die schrittweise Schaffung einer „Diktatur des Proletariats“ unter Führung einer einzelnen Partei zählten (der späteren KPdSU). Im Grunde deckt sich dies ziemlich genau mit dem Begriff des Marxismus-Leninismus, der ja den Namen des Bolschewikenführers enthält.

Sehr schnell, auch unter dem Eindruck des Roten Terrors (den Lenin ganz offiziell so nannte und verkündete) wurde „Bolschewismus“ zum Kampfwort, der von der politischen Rechten in Deutschland auf alles Linke angewandt wurde. Die Antisemiten unter den Rechten verbanden das Wort auch früh mit dem Adjektiv „jüdisch“, worin ihnen dann auch schnell die Nationalsozialisten folgten.

Natürlich hatten sich etliche Juden in sozialistischen Parteien engagiert, da sie im Zarenreich stark benachteiligt waren, und mit Lew Dawidowitsch Bronstein, genannt Trotzkij, hatten die Bolschweki einen prominenten Spitzenpolitiker jüdischer Abstammung. Dennoch ist die Verquickung natürlich Schwachfug. KPdSU-Generalsekretär Stalin, der Sieger im Machtkampf nach Lenins Tod 1924, war eher ein (anders als Hitler allerdings pragmatischer) Antisemit.

Dennoch spielte das Mem des „jüdischen Bolschewismus“ in der NS-Kriegsführung eine wichtige, und zwar verheerende Rolle. Nach dem Zweiten Weltkrieg kam das Wort „Bolschewismus“ aus der Mode, wohl auch, weil es von den Nationalsozialisten besonders häufig gebraucht wurde. Stattdessen war vom Kommunismus die Rede.

Unter dem Oberbegriff "Sozialismus" gibt es 4 sehr unterschiedliche Ausrichtungen:

1) die sozialdemokratische Ausrichtung (demokratisch)

2) die ökologische Ausrichtung (demokratisch)

3) die kommunistische Ausrichtung (diktatorisch)

4) die anarchistische Ausrichtung (Auflösung hierarchischer Strukturen) 

Der Bolschewismus gehört zur kommunistischen Richtung.

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