Warum hat sich Esperanto nicht durchgesetzt?

8 Antworten

Sicher kann man nicht sagen, warum sich Esperanto nicht durchgesetzt hat oder warum es nicht durchgesetzt wurde - aber man kann Faktoren angeben, die die Verbreitung behindert haben.

  • Esperanto klingt sehr überzeugend: Eine internationale Sprache, die wesentlich leichter zu erlernen ist. Esperanto lässt sich in etwa einem Drittel der Zeit lernen, die man für dasselbe Niveau in anderen Sprachen braucht - statt 1000 oder mehr Stunden für das Englische braucht man also nur 300 oder vielleicht weniger Stunden in EsperantoM nab spart dann 700 Stunden, etwa ein halbes Arbeitsjahr.

Man kann das auch in Geld ausdrücken: In Frankreich kostet z. B. der schulische Sprachunterricht insgesamt etwa 8 Milliarden Euro jährlich, pro Bürger etwa 130 EUR. Mit Esperanto könnte man das auf die Hälfte oder weniger reduzieren, jeder Bürger würde damit mindestens 50 EUR pro Jahr an Steuern sparen. Das macht in ganz Europa viele Milliarden Euro.

Allerdings gibt es ein großes Problem: Diese möglicherweise gesparten Gelder sind zum Großteil Gehälter und Honorare für Lehrer von Englisch und anderen Sprachen. Daher ist klar, dass viele Sprachlehrer (wenn sie nicht schon Esperanto sprechen) in Esperanto eine Gefahr für ihre berufliche Zukunft oder die ihrer jüngeren Kollegen sehen. Ebenso bedroht Esperanto potentiell auch die Professoren für die häufig gelehrten Fremdsprachen (oder zumindest die Stellen für Assistenten usw.) - schließlich bilden die Hochschulen die Fremdsprachenlehrer aus. Auch die Dolmetscher und Übersetzer haben kein großes Interesse daran, dass Esperanto sich weiter verbreitet - wenn die Bürger weltweit sich direkt miteinander unterhalten können, werden deren Jobs weniger gebraucht. Auch die heutigen Organisatoren von Sprachreisen und alle damit verbundenen Tätigkeiten und Mitarbeiter hätten von Esperanto eher Nachteile.

Auch für Leute, die eine oder mehrere Fremdsprachen beherrschen, die sie beruflich einsetzen, ist eine weitere Verbreitung von Esperanto eher ungünstig: Würde Esperanto wichtiger, wären die anderen Sprachen weniger wichtig. Der ganze Aufwand, den jemand betrieben hat, um Englisch und andere Sprachen gut zu beherrschen, würde dann an Wert verlieren.

Das alles sorgt wohl mit dafür, dass Esperanto nicht wirklich im Interesse z. B. der Mitarbeiter der EU-Kommission ist, die ja Dolmetscher, Übersetzer oder mehrsprachige Mitarbeiter sind. Auch bei der sonstigen Führungsschicht vieler Länder beruht die berufliche Position zum Teil auf Kenntnissen in nationalen Fremdsprachen - somit haben praktisch alle diese Leute kein persönliches Interesse an einer weiteren Verbreitung oder gar einer Durchsetzung des Esperanto.

Natürlich wird so etwas nicht offen gesagt. Niemand sagt über ein Projekt, dass er dagegen ist, weil es zwar für die Gesamtbevölkerung günstig wäre, aber für ihn persönlich ungünstig.

Esperanto ist in starkem Maße eine Rationalisierung - und wie praktisch alle Rationalisierungen spart es Arbeitszeit und kostet dadurch Arbeitsplätze, Menschen müssen sich eine neue Beschäftigung suchen. Der Unterschied zu vielen anderen Rationalisierungen ist, dass Esperanto die Arbeitsplätze von sehr gut ausgebildeten Personen bedroht, von Leuten aus der Führungsschicht der Länder. Es ist immer so, dass die von Rationalisierungen bedrohten Menschen sich dagegen wenden - im Fall von Esperanto sitzen diese Leute aber an den Schalthebeln, z. B. für den Schulunterricht, und das nutzen sie auch aus um für sich und ihre Gruppe die Positionen zu erhalten. Direkt dagegen kann man nur sehr wenig tun. (Aber es gibt andere Wege, s. u.)

  • Natürlich würde Esperanto auch die Position der großen und mächtigen Länder ein wenig schmälern. Die USA verdienen sehr viel Geld mit Kultur-Export, Filme u. a. Da haben sie eine günstige Position. Würde Esperanto weiter verbreitet, wäre diese Vormachtstellung bedroht. Also wenden sich die großen Staaten tendenziell gegen Esperanto (oder unterstützen es einfach nicht). China ist eine Ausnahme (s. esperanto.china.org.cn mit täglichen Esperanto-Nachrichen aus China), da die Chinesen wohl nicht damit rechnen, dass der Westen in großem Maße Chinesisch lernen wird.

  • Während Esperanto für gut ausgebildete Erwachsene und Berufstätige eine Bedrohung darstellen kann, ist es für manche Jugendliche und junge Erwachsene attraktiv. Ein Zwölfjähriger kann Esperanto mit etwa 50 Stunden Aufwand so weit lernen, dass er Kontakt mit der ganzen Welt aufnehmen kann. Das bietet keine andere Sprache - Esperanto ist in dieser Altersstufe konkurrenzlos.

Das Problem ist, dass diese Altersgruppe nur wenig von Esperanto und den Anwendungsmöglichkeiten weiß - was man nicht kennt, kann man nicht lernen. Die Esperanto-Aktiven tun viele Dinge - nur selten informieren sie konzentriert diese Altersgruppe. (Etwa ein Drittel der Esperanto-Lernenden haben mit Esperanto zwischen 14 und 18, ein weiteres Drittel zwischen 19 und 29 angefangen - das ist eine sehr lohnende Zielgruppe!)

(Fortsetzung als Kommentar)

Woher ich das weiß:Hobby – Spreche seit 1977 Esperanto; bin E.-Pressesprecher

Ehe ich fortfahre, hier eine Zusammenfassung der Gründe (nach meiner Ansicht): Es gibt zu viele Leute, die von einer weiteren Verbreitung von Esperanto eher persönliche Nachteile erwarten, und sehr wenig Leute, die davon größere Vorteile hätten, so dass sie bereit wären, sich stark zu engagieren. Das erläutere ich im folgenden.

Man könnte denken, alle Esperantosprecher müssten etwas dafür tun, dass sich Esperanto weiter verbreitet. Ein wenig tun auch sehr viele Esperantosprecher und helfen an allen möglichen Stellen mit. Sie zahlen Mitgliedsbeiträge, sie abonnieren Zeitschriften (und hoffen, dass sie mit einem kleinen Teil des Abo-Preises auch die entsprechende Organisation unterstützen), sie fahren zu Esperanto-Veranstaltungen (und unterstützen auch damit die veranstaltende Organisation), sie schreiben Artikel für Wikipedia oder übersetzen Facebook oder Tatoeba usw. Das ist alles gut und nützlich. Vermutlich kann man auch nicht sehr viel mehr erwarten - schließlich interessiert sich auch ein Tennisspieler vor allem für sein Tennisspielen und ein Schachspiel für sein Schachspielen; beide stehen nur ganz selten in der Fußgängerzone und werben für Tennis oder Schach, das ist normal.

Um Esperanto mit Macht zu verbreiten, wäre mehr nötig: Werbung und Öffentlichkeitsarbeit auf professionellem Niveau. Das gibt es an so mancher Stelle, aber das gab und gibt es weit weniger als nötig wäre, um Esperanto in stärkerem Maße zu verbreiten. Nach meinem Eindruck liegt das daran, dass es nur ganz wenige Menschen mit einem professionellen und materiellen Interesse an einer Verbreitung des Esperanto gibt. Pressearbeit kostet Arbeitszeit, Werbung kostet Geld - das kann beides zum Teil geschenkt und gespendet werden, aber diese Menge ist gering.

Andere Innovationen verbreiten sich dadurch, dass die Gelder für Werbung zurückfließen, indem der Werbende etwas verkauft - Handys oder Computerprogramme usw. Bei Esperanto ist das schwierig. Wenn ich einen Presseartikel z. B. in Saarbrücken veröffentliche (wenn ich da eine Esperanto-Veranstaltung organisiere) und Leute dadurch anfangen Esperanto zu lernen (z. B. im Internet), wird mein Esperanto-Kurs in Berlin dadurch nicht voller. Und bis vor kurzem hat auch keiner der Internet-Anbieter es erwogen, mir Geld für Pressearbeit zu zahlen. Was auch schwierig ist, weil die meisten kein Geschäftsmodell haben, das Geld für so etwas wie Werbung und Öffentlichkeitsarbeit für Esperanto abwirft.

Sehr oft gibt es die Vorstellung, möglichst viele Leute sollten Esperanto lernen - und daher sollte möglichst alles zu geringen Preisen oder kostenlos angeboten werden. Das ist nicht zutreffend. Wenn der Wochenendkurs 50 EUR kostet und deshalb nur Geld für den Lehrer, nicht aber für Werbung übrig ist, dann kann kaum geworben werden und demzufolge kommen auch nur wenige Teilnehmer. Würde der Kurs z. B. 80 EUR kosten, hätte man Geld für Werbung übrig. Dann schreckt evtl. jemand von der Teilnahme zurück (Ermäßigung bleibt weiterhin möglich) - aber es gibt um so mehr Leute, die informiert wurden und daher kommen können. Profis wissen das und kalkulieren ihre Angebote entsprechend - in Esperanto-Organisationen wird die Preisgestaltung aber sehr oft von Ehrenamtlichen gemacht, die in ihrem Berufsleben keine Preiskalkulationen durchführen.

Bietet man dennoch Esperanto-Unterricht zu üblichen, aber moderaten Preisen an (die Volkshochschulen nehmen z. B. etwa 5 EUR pro Kursteilnehmer und Stunde), kann man mit zwei Effekten rechnen. Zum einen erläutern einem Esperantosprecher (auch die, die kaum Zeit für Esperanto aufwenden), dass man überhöhte Preise habe und damit Leute von Esperanto abhalte. Zum anderen gibt es die Konkurrenz der niedrigen Preise und selbst die eigenen Kursteilnehmer ärgern sich evtl., dass sie mehr gezahlt haben als bei anderen Kursen (von denen sie aber evtl. nichts erfahren hätten ohne die eigene Werbung...). Eher unerfreulich - und das erhöht nicht die Neigung, Kurse zu normalen Preisen anzubieten und die zugehörige Werbung damit zu finanzieren. (Das Problem, dass Esperantosprecher angegriffen werden, die für ihre Arbeit Geld erhalten, ist uralt - schon Zamenhof hatte um 1910 eine solche Auseinandersetzung.)

Mir ist auch schon gesagt worden, ich sollte das Wort "Marketing" in Sachen Esperanto vermeiden. Das klingt wohl manchen zu geschäftsmäßig...

Ein wichtiger Punkt ist noch die Darstellung von Esperanto. Spricht man von Esperanto als einer Weltsprache, die von jedem gelernt werden müsse, ist Esperanto sofort in der Ecke der Versager, weil das ja bisher nicht geklappt hat. (Und man provoziert den Widerstand der ganzen Sprachenlobby, s.o.) Stellt man Esperanto einfach als eine Sprache dar, so wie sie heute besteht, kann sich jeder überlegen, ob er das attraktiv findet. Die Erfahrung lehrt, etwa einer von hundert findet das spannend - wie geschrieben, vor allem Jüngere. Auch in besonderem Maße mathematisch Interessierte, Programmierer und Sprachenfans.

Erstmal so weit :)

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@WunschRolshoven

Danke, für die Antworten. Ich hoffe ehrlich gesagt auf eine internationale Sprache und bin auch auf die Zukunft gespannt. ;)

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Ich gehe nicht daon aus, dass sich in den nächsten fünfzig Jahren eine andere Weltsprache durchsetzen wird. Die Prognosen der Fachleute sind, dass es regionale Sprachen geben wird. In Südamerika und Südeuropa sind Spanisch, Portugiesisch und Italienisch oft wichtiger als Englisch, in Ostasien ist Chinesisch wichtig, im arabischen Raum und Nachbarländern Arabisch, in Russland und Nachbarländern Russisch. Wenn die Inhalte nur regional bedeutend sind, nicht aber weltweit, ist es sinnvoller, sie auch nur in einer regionalen Sprache anzubieten. Und wenn der Kunde die Landessprache gut spricht, die regionale Sprache einigermaßen und Englisch eher mäßig, dann wird ein Unternehmen das Angebot natürlich eher in der örtlichen oder zumindest regionalen Sprache anbieten.

Ansonsten sinkt der Anteil der Englisch-Muttersprachler an der Weltbevölkerung - um 1950 waren es etwa 10 %, jetzt sind es etwa 5 %. Das stützt die Stellung des Englischen auch nicht. Nur das Chinesische hat einen höheren Anteil an Muttersprachlern an der Weltbevölkerung - aber in Europa wüsste niemand, warum sich ein Niederländer und ein Deutscher auf Chinesisch unterhalten sollten...

Keiner weiß, wie sich Esperanto verbreiten wird. Klar ist wohl, dass es immer mehr kostenlose Angebote für Sprachenlernen im Internet geben wird und dass Esperanto ab etwa 20 angebotenen Sprachen oft mit aufgenommen wird. (Dazu trägt auch das Web 2.0 bei, Esperanto kann von Nutzern hinzugefügt werden. Für das Unternehmen ist das günstig, die Zahl der möglichen Nutzer erhöht sich dadurch - und vielleicht kann man denen noch etwas anderes anbieten...)

Das erleichtert nicht nur das Esperanto-Lernen, sondern trägt nebenbei zur Öffentlichkeitsarbeit von Esperanto bei. Es wird damit überdeutlich, dass eine Zeitung wie die Neue Zürcher in ihrem Heft Folio einfach nur groben Unsinn erzählt, wenn sie einen "Nachruf aufs Esperanto" immer noch im Netz anbietet. (Und dass eine Kunstsprache wie Esperanto keine Kinderlieder und keine Gedichte, keine Flüche, Witze und Redensarten hätte, das ist seit über hundert Jahren falsch. Schade, dass eine eigentlich angesehene Zeitung solche Unwahrheiten weiterhin verbreitet.)

Wenn man von Esperanto spricht, ist die Antwort sehr oft, "ach, ich dachte, das gebe es nicht mehr". Wenn sehr viele Leute das glauben, interessiert sich natürlich kaum einer für Esperanto und nur sehr wenige lernen es. In dem Maße, in dem Esperanto nebenher auf Sprachlernseiten (aber auch z. B. in der Wikipedia oder auf der Firefox-Seite) mit angeboten wird, dürfte sich damit das Interesse an Esperanto erhöhen. In Ungarn kann man sehen, dass sich die Zahlen der Esperantosprecher in den letzten zwanzig Jahren vervierfacht haben - dank einer verstärkten Präsenz in der Öffentlichkeit (und weil Esperanto Wahlpflichtfach an sehr vielen Universitäten ist) http://www.eszperanto.hu/egyeb/alk/nepszamlalas-2011.htm .

Die Zukunft ist damit einigermaßen offen - es ist durchaus denkbar, dass sich die Zahl der Esperantosprecher in den nächsten zwei Jahrzehnten verzehnfacht, wenn denn jeder ab zehn oder vierzehn Jahren erfährt, was Esperanto ist und wie es heute genutzt wird.

Woher ich das weiß:Hobby – Spreche seit 1977 Esperanto; bin E.-Pressesprecher

WunschRolshoven: "In Ungarn kann man sehen, dass sich die Zahlen der Esperantosprecher in den letzten zwanzig Jahren vervierfacht haben - dank einer verstärkten Präsenz in der Öffentlichkeit (und weil Esperanto Wahlpflichtfach an sehr vielen Universitäten ist)"

Die angegebenen Zahlen geben keineswegs die von Esperantosprechern, sondern von Absolventen einer Sprachkompetenzprüfung in Esperanto an. Zu den dafür immer noch beeindruckenden Zahlen kam es, als sich Esperanto (durch die Initiative einzelner weniger Personen) in einer Nische des Bildungssystems etablierte. Es gab nämlich ein neues Gesetz, dass Studenten ihren Universitätsabschluss nur dann anerkannt bekommen, wenn sie hinreichende Kompetenz in einer (oder zwei) Fremdsprache(n) nachweisen. Die oben erwähnten Personen haben es dabei geschafft, Esperanto in die Liste derjenigen Sprachen zu bekommen, in denen vom Staat Ungarn zugelassene Institute die Kompetenz prüfen dürfen.

Da Esperanto nun auch für Ungarn wesentlich leichter erlernbar ist als andere Fremdsprachen, war es kein Wunder, dass sehr viele Studenten auf Esperanto auswichen (und damit immerhin einen der großen Vorteile des Esperanto praktisch bestätigten). Man kann diese, die sich nach der bestandenen Prüfung offensichtlich nicht mehr mit Esperanto beschäftigten, kaum als "Esperantosprecher" bezeichnen. Der Ungarische Esperanto-Bund (HEA), einer von mehreren Esperanto-Vereinigungen in Ungarn, hat nach dem Jahrbuch 2014 des Welt-Esperanto-Bundes gerade einmal 126 Mitglieder, der selbständige Jugendverband (HEJ) 233.

Die Übersicht, auf der HEA den Esperanto-Unterricht an Schulen und Universitäten wiedergibt, nennt keine einzige Universität, an der Esperanto Wahlpflichtfach ist. Auch hier dürfte eine Verwechslung mit der möglichen Wahl von Esperanto bei einer vorgeschriebenen Sprachkompetenzprüfung vorliegen.

http://www.eszperanto.hu/index-esp.htm

Auf dieser Seite siehe die Informationen unter

La stato de Esperanto en Hungarujo - kompakta resumo ('Der Stand des Esperanto in Ungarn - kompakte Zusammenfassung')

und

Amasa instruado de Esperanto en Hungarujo ('Massenunterricht von Esperanto in Ungarn')

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@RudolfFischer

Die Behauptung von Rudolf Fischer, die Zahlen des von mir angegebenen Links mit "nepszamlalas2011" seien Zahlen von "Absolventen einer Sprachkompetenzprüfung", ist falsch. Das Wort "nepszamlalas" bedeutet "Volkszählung", wie man mit Online-Lexika nachprüfen kann. Die Daten für 1990 und 2001 sind auf den Seiten des ungarischen Statistischen Amts einsehbar, Link auf der unten angegebenen Statistik-Seite.

Dass in Ungarn Esperanto Wahlpflichtfach an sehr vielen Universitäten ist, hatte ich bereits geschrieben. Dies gilt allerdings erst ab etwa 2001, die Verdoppelung der Sprecherzahlen zwischen 1990 und 2001 hat andere Gründe.

Zahlen der ungarischen Esperanto-Examenskandidaten finden sich z. B. auf https://eo.wikipedia.org/wiki/Statistiko_de_Esperantujo#Hungario .

Die Mitgliedszahlen von Esperanto-Verbänden sind nicht sehr aussagekräftig für eine Beurteilung von Esperanto; sie sind oft fehlerhaft, hängen vom aktuellen Zustand des Verbands ab usw. Außerdem kann man heute Esperanto sehr wohl sprechen (und Esperanto fördern) ohne Mitglied in einem Esperanto-Verband zu sein. Aus ähnlichen Gründen würde auch niemand die Zahlen einer Vereinigung für Deutsche Sprache als wichtiges Kriterium für den Zustand des Deutschen heranziehen.

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Diese Frage wird immer wieder gestellt, ist so aber im Ansatz falsch: Sprachen setzen sich nicht "von selbst" durch, weil sie ja gelernt werden müssen und damit ein hohes Maß von Anstrengung und auch einiges an Begabung verlangen.

Sprachen werden nur durch Bildungssysteme durchgesetzt: Englisch wurde in Deutschland vorgeschriebene erste Fremdsprache in allen Schulen. Durch diese sprachpolitische Maßnahme wurde es die "beliebteste" Fremdsprache in Deutschland.

Esperanto hat sprachpolitisch (nicht sprachwissenschaftlich) den Nachteil, dass es eine Sprache der Bürger, nicht Sprache der Mächtigen sein soll. Gerade deshalb gibt es keine Macht- oder Finanzlobby für Esperanto. Auch nationalistische Gründe, die eigene Nationalsprache zu verbreiten, fallen aus. Endlich wird es nicht durch Eltern als Muttersprache an die Kinder weitergegeben, sondern muss als Fremdsprache gelernt werden (Ausnahmen bestätigen die Regel).

Hinzu kommt folgender Teufelskreis: Esperanto würde nur bekannt, wenn es im Bildungssystem verankert wäre. Das wird aber nicht gemacht, weil die Bildungspolitiker (die von Esperanto als Sprache keine Ahnung haben) dafür eine entsprechende Forderung aus der Wirtschaft oder von den Eltern erwarten. Obwohl es sowohl für die Wirtschaft (die teils für interne Zwecke mit erheblichen Mitteln ein abgespecktes ! Englisch entwickeln lässt) als auch für die Eltern der Schulkinder (Esperanto als hervorragend geeignete grundlegende Fremdsprache) gute Gründe dafür gibt, ein Angebot an Esperantounterricht in den Schulen zu fordern, machen sie das nicht, weil sie Esperanto nicht kennen, und so schließt sich der Kreis.

Es ist eine weit verbreitete Illusion zu glauben, dass sich das Bessere in unserer Gesellschaft "automatisch" durchsetzt. Dafür gibt es auch andere Beispiele.

Danke, das war ein sehr ausführliche und schnelle Antwort. ;) Nun habe ich noch eine weitere Frage. Ich Reise sehr gerne (Schweden, Norwegen, Amerika) fort und nun möchte ich noch gerne Fragen ob es sich Lohnen würde dafür die Sprache zu lernen?

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@verreisterNutzer

Da man den Leuten nicht ansieht, ob sie Esperanto können, kann man nicht auf der Straße jemanden X-Beliebigen ansprechen. Dafür gibt es aber zahlreiche Kontaktadressen, nach Ländern und Städten geordnet.

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@verreisterNutzer

Ich bin in diesen drei Ländern (falls mit Amerika USA gemeint ist) gewesen und habe jedes Mal Kontakt zu örtlichen Esperantosprechern gehabt. Ich fand das in allen Fällen sehr nett.

Man kann übrigens auch schon mit recht wenig Esperanto-Kenntnissen Pasporta Servo nutzen, wenn man ernsthaft am Weiterlernen interessiert ist (und nicht den Eindruck macht, man wolle nur die Gastfreundschaft ausnutzen). Eine Freundin von mir war mit Freunden vier Wochen mit Pasporta Servo in Skandinavien unterwegs - zu Beginn konnte sie kaum mehr als die Grundgrammatik, am Ende sprach sie recht brauchbar.

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Die Vermutung, die (staatlichen) Bildungssysteme seien entscheidend für die Durchsetzung einer Sprache, teile ich so nicht. Bevor eine Sprache in die Bildungssysteme aufgenommen wird, hat sie in der Regel schon eine beachtliche Position erreicht. Das Englische hatte z. B. um 1887 bereits etwa 100 Millionen Muttersprachler - das war nach dem Chinesischen wohl weltweit der zweite Platz. Es war naheliegend, dass viele Eltern wollten, dass ihre Kinder Englisch lernen, zumal es ja seit Jahrhunderten eine große Rolle in Deutschland spielt - z. B. wurde schon damals viel englische Literatur gelesen, aus der auch Zitate in die Alltagssprache übernommen wurden (s. Büchmanns Geflügelte Worte). Schon Leibniz lernte um 1670 Englisch - ohne staatlichen Einfluss.

Insofern sind die Bildungssysteme der letzte Schritt - zunächst lautet aber die Frage, wie eine Sprache (wie Esperanto) so viel Bedeutung erlangt, dass sie überhaupt ein ernstzunehmender Kandidat für eine Aufnahme in die Bildungssysteme wird. Dafür ist nötig, dass sehr viele Menschen erfahren, dass es Esperanto gibt und wie es heute verwendet wird - speziell junge Menschen.

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@WunschRolshoven

Es geht hier um die Bekanntheit von Esperanto, nicht von Nationalsprachen. Natürlich weiß jeder, was Japanisch ist: die Sprache in Japan.

Wer aber den Begriff "Esperanto" hört, weiß meistens nichts darüber. Seit weit über 100 Jahren haben private Initiativen und Vereine versucht, der Bekanntheit von Esperanto zu einer weiteren Verbreitung zu verhelfen. Den Durchbruch gab das nicht.

Es ist keine Vermutung, sondern evident, dass nur ein Esperantounterricht, der in Schulen angeboten wird, weiteren Teilen der Bevölkerung zu einer praktischen Erfahrung mit Esperanto verhelfen könnte.

In den Volkshochschulen kann man den Unterschied zwischen Nationalsprachen und Esperanto leicht selbst erfahren: Zu Kursen in Nationalsprachen melden sich Leute, die wissen, dass das eine Sprache ist, die in bestimmten Ländern gesprochen wird. Dieses Vorwissen fällt bei Esperanto weg. Daher bekommt man in der Regel keinen Esperantokurs in der VJS zustande, wenn man dabei nur dieselben Reklamemethoden verwendet wie bei anderen Sprachen. Statt dessen muss man erst die Leute informieren, was Esperanto ist, wie es funktioniert und wo man es sprechen kann. Dann findet man meist genügend Interessierte, die auch bei einem VHS-Kurs mitmachen.

Diese Aussagen sind Tatsachen, die ich selbst x-fach in Volkshochschulen erlebt habe. Ein Schulunterricht würde sowohl für das notwendige Vorwissen als auch für den Kurs sorgen.

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@RudolfFischer

Vor vielen Jahren hat mir mal mein Vater erläutert, welche Stufen neue technische Verfahren durchlaufen: Erst macht man Experimente im Labor, dann betreibt man eine Laboranlage, später gibt es eine Pilotanlage, dann baut man eine kleine Betriebsanlage, dann eine größere. Jeweils ist das ein Schritt von etwa 1:10. Die Erfinder wollen immer gleich alles - aber die Praktiker wissen, dass es sinnvoller ist, Schritt für Schritt voranzugehen und immer aus den bisherigen Erfahrungen zu lernen.

Mit einer neuen Sprache wie Esperanto ist es recht ähnlich. Die Über-Begeisterten wollen am liebsten die sofortige Einführung in das Bildungssystem der Schulen und träumen vom "Durchbruch". Aber die Welt ist nicht so unvorsichtig, eine bisher nur in kleiner Runde gesprochene Sprache sofort in großem Maßstab einzuführen. Die Welt verlangt - zu Recht, finde ich - dass sich eine solche neue Sprache Stück für Stück verbreitet (oder von den bisherigen Sprechern und ihren Organisationen selbst weiter verbreitet wird). Erst wenn diese Verbreitung gut voran geht, ist der Rest der Welt bereit, sich ernsthaft damit zu beschäftigen.

Zur Verbreitung von Esperanto trägt man daher vor allem durch viele kleine Schritte bei - durch Zeitungsartikel, durch Information an Schulen und Universitäten, durch Unterricht, durch Internet-Seiten usw. Das Träumen vom Angebot des Esperanto in Schulen (womöglich noch als Pflichtfach für alle) bringt nichts - beim heutigen Stand der Verbreitung ist das illusorisch.

Es ist im übrigen so, dass man in gewisser Weise den heutigen Wert des Esperanto klein redet, wenn man immer von der allgemeinen Einführung spricht. Bei Außenstehenden entsteht dann leicht der Eindruck, Esperanto habe seinen wahren Wert erst nach der Einführung - bisher könne man wenig damit anfangen und es lohne sich auch nicht, jetzt schon Esperanto zu lernen. Außerdem lautet eine Standard-Antwort, die Esperanto-Vertreter würden nun schon seit über hundert Jahren von der allgemeinen Einführung, z. B. in Schulen, reden - das habe aber bisher nicht geklappt, also sei Esperanto ein Versager.

Man könnte denken, Esperanto-Vereine würden sich in starkem Maße für die Verbreitung von Esperanto einsetzen. Tatsächlich organisieren diese Vereine vor allem die gemeinsame Verwendung von Esperanto. So ähnlich wie ein Tennisverein das Tennisspielen organisiert und nur am Rande Werbung für Tennis macht.

1980 bin ich Pressesprecher der Deutschen Esperanto-Jugend geworden (den Posten gab es vorher nicht). Als ich nach meinen Kollegen in den Jugendverbänden der anderen Esperanto-Jugend-Landesverbände suchte, wurde ich nicht fündig - ich war der einzige; den anderen Verbänden war Pressearbeit nicht so wichtig (und letztlich entstand der Posten in der Deutschen Esperanto-Jugend auch nur, weil ich das machen wollte). Ich habe später immer wieder erlebt, dass Esperanto-Verbände und -Funktionäre sehr gut leben können ohne dass sich irgendjemand mit Sorgfalt um Pressebeziehungen kümmert. Viele Veranstaltungen, anlässlich derer man der Öffentlichkeit Esperanto in der Praxis vorstellen könnte, werden der Presse nicht (oder nicht mit Engagement) mitgeteilt. Wenn aber Esperanto nicht in der Presse auftaucht, wird es als tot eingeschätzt.

Es gibt keinen grundsätzlichen Unterschied zwischen Esperanto und Nationalsprachen an den Volkshochschulen. Esperanto ist einfach eine selten gesprochene Sprache, ebenso wie Vietnamesisch oder Albanisch. Auch für diese Sprachen ist es vermutlich schwer, einen VHS-Kurs zustande zu bringen (es mag aber gelingen, wenn man privat Teilnehmer sucht).

Besser als das ja bisher erfolglose Bemühen um Schulunterricht scheint mir die Vorstellung von Esperanto in Schulen zu sein, in einer oder zwei Schulstunden, möglichst für alle Schüler irgendwann im Laufe ihrer Schullaufbahn (am besten ab 10 Jahren). Damit wird das nötige Vorwissen verbreitet, das die Schüler brauchen, um sich dann für (oder gegen) das Erlernen von Esperanto zu entscheiden. Das tut dann erfahrungsgemäß etwa jeder hundertste - das scheint wenig, würde aber zu einer erheblichen Vergrößeruung der Esperanto-Sprachgemeinschaft führen.

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Genau so gut könnte man fragen, warum es immer noch Todesstrafen gibt und Millionen von Menschen verhungern. Es gibt so viele Dinge, von denen Menschen glauben, sie müssten sich durchsetzen. Von allein tun die Dinge das nicht. Die gutwilligen Menschen, die Dinge durchsetzen möchten, die der Menschheit gut täten, sind nicht so erfolgreich wie die Menschen, die Machtausübung und Unterdrückung meinen anwenden zu müssen. Und immer zu den Unterlegenen zu zählen lässt zuweilen resignieren.

Was Esperanto betrifft: Wer an die Idee der Völkerverständigung glaubt und trotz aller Widerstände seine Minderheitenposition nicht aufgibt, dem haftet leicht der Verdacht der Spinnerei oder des Sektierertums an, nur weil es ihm nicht gelingt, zu einer Mehrheitsgruppe aufzusteigen. Dem entsprechend werden Esperantosprecher*innen gern ignoriert und bestenfalls belächelt.

Außerdem gibt es Wichtigeres als sich mit Ausländern verständigen zu können, siehe oben. Die meisten geben sich mit den Status quo zufrieden, manche vielleicht mit der geballten Faust in der Hosentasche. Zu meinem großen Leidwesen geben sich viele Esperantosprecher*innen damit zufrieden die Sprache zu lernen und verzichten darauf sie anzuwenden. Wenn man nicht mit gutem Beispiel voran geht, kann man nicht erwarten, dass auch andere Menschen sich mit der Idee des Esperanto befassen.

Such doch mal nach Esperantosprecher*innen und frag sie, warum sie nicht mehr daran glauben, dass Esperanto Zweitsprache für jeden Menschen wird. Du wirst die unterschiedlichsten Antworten bekommen. Allerdings könnte Dir passieren, dass Du auf die Idee kommst, Esperanto zu lernen und die gute Idee bekannt zu machen, die dahinter steckt.

Das klingt eigentlich sehr logisch. Danke für die schnelle und ausführliche Antwort. ;)

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Die Frage ist natürlich etwas unpräzise und gestattet daher jedem 'seine Antwort'. Also:

1.Esperanto hat sich sehr wohl durchgesetzt - als Plansprache unter allen Mitbewerbern - Sprecher, teilweise muttersprachlich, in der 4. Generation, riesige Literatur (original und übersetzt), Musikgruppen auf hohem Niveau wie z.B Kajto.

  1. Die ökonomisch und politisch herrschende Klasse in Europa hat Esperanto nicht als Kommunikationsmittel akzeptiert. Dies liegt weniger an Esperanto als vielmehr an der Orientierung der herrschenden Klasse - sie ist einseitig an den angelsächsischen Machtzentren orientiert.

  2. China versucht hier ein gewisses Gegengewicht zu erzeugen - die chinesische Esperanto-Bewegung wird über Gebühr gesponsert, einschließlich mit Radiosendungen.

  3. Die Verhältnisse sind sehr instabil - Esperanto hat das Sekten-Image längst abgestreift, es gehört auch nicht zu den 'bedrohten' Sprachen, andererseits orientiert sich die europäische Machtelite ausschließlich am Angelsächsischen. Auch das ist endlich, in absehbarer Zeit.

Was also tun? Lesen, und wer schreiben kann, soll seine Sachen auch in Esperanto schreiben. Manchmal denke icg, es ist gar nicht mal so schlimm, wenn die herrschende Klasse, für ihre Schieß- und Hetzbefehhle die edle Menschheits-Sprache Esperanto noch nicht entdeckt hat für sich.

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Genau so gut könnte man fragen, warum es immer noch Todesstrafen gibt


Warum haben immer alle was gegen Todesstrafen?

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Es wäre ja auch naheliegend, dass sich englisch in der EU bald mal durchsetzt, damit wir noch ein bisschen zusammenrücken können. Für viele ist die Sprache teil ihrer Kultur, mit dem sie sich identifizieren. Wenn man sich als Gruppe abgrenzen kann, fühlt man sich zusammengehörig. Ich fände es auch nicht schlecht, aber das wird noch Jahrhunderte dauern.

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