War die Reichsgründung von 1871 eine "Revolution von oben"?

 - (Geschichte, Deutschland, Europa)

2 Antworten

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Eine Revolution ist eine tiefgreifende Umwälzung. Eine Anzahl von Zeitgenossen hat die Reichsgründung als „Revolution von oben“ bezeichnet. Völlig abwegig ist diese Betrachtungsweise daher nicht. Allerdings gibt es keine breitangelegte umfassende Veränderung. Der Begriff „Revolution“ kann höchstens sehr eingeschränkt herangezogen werden. Neu ist nur der staatliche Organisationsrahmen. Innenpolitisch wurde keine Revolution vollzogen. Die Herrschaftsverhältnisse innerhalb der Gesellschaft veränderten sich nicht. Die politischen Führungsschichten blieben an der Macht.

Die Reichsgründung hatte als Ergebnis den einheitlichen Nationalstaat Deutschland. Dabei wurden gewaltsame Mittel eingesetzt (Kriege 1864, 1866, 1870/1). 1866 annektierte Preußen Schleswig-Holstein, Hannover, Kurhessen, Nassau und Frankfurt. Dabei wurden historisch entstandene Staaten und nach traditionell-konservativer Sichtweise legitime Dynastien beseitigt. Auch eine gewisse Vereinheitlichung und Modernisierung, die mit dem Deutschen Kaiserreich kam, störte altkonservativ Eingestellte.

Die Reichsgründung hat die Einheit verwirklicht, ein Ziel der gescheiterten Revolution 1848/9, aber nicht die Freiheit, wie sie damals erhofft wurde.

Eine Beteiligung des Volkes kann in einer inneren Nationsbildung gesehen werden. Es gab Entwicklungen zu einem einheitlicheren Wirtschaftsraum (der Zollverein war dabei eine wichtige Einrichtung). Eine nationale Bewegung war vorhanden und Bismarck hat ihre Schubkraft für seine Ziele verwendet. Bei dem Krieg gegen Frankreich gab es große Zustimmung.

Die Verfassung war im Wesentlichen die 1867 beschlossene Verfassung des Norddeutschen Bundes. Bismarck ist seit 1866 den Nationalliberalen etwas entgegengekommen (Einheit als Ziel, Schaffung einer Verfassung und Spielraum in der Wirtschaft). Dabei war aber die Anerkennung seiner Leitung und der Vorherrschaft der preußischen Führungsschicht Grundlage. Die Zusammenarbeit konnte auch beendet werden (1878).

Der mobilisierte Nationalismus ist nicht verschwunden, hat sich aber von einer liberalen und demokratischen Ausrichtung zunehmend entfernt. Das Volk hat an dem Akt der Reichsgründung nicht mitgewirkt. Es war Adressat der bei der Kaiserproklamation verlesenen Ansprache.

Der Reichstag des Norddeutschen Bundes und die Landtage der süddeutschen Staaten haben der Verfassung für das Deutsche Kaiserreich zugestimmt. Wirklich politisch gestaltet haben sie diese dabei nicht. Am 18. Dezember 1870 hat eine Delegation von Abgeordneten des Norddeutschen Reichstages (Kaiserdeputation) mit dem Reichstagspräsidenten Eduard Simson an der Spitze König Wilhelm I. von Preußen in Versailles besucht und ihn gebeten, die Kaiserkrone anzunehmen (Kernaussage der am 10. Dezember beschlossenen Adresse: „Vereint mit den Fürsten Deutschlands naht der Norddeutsche Reichstag mit der Bitte, daß es Ew. Majestät gefallen möge, durch Annahme der deutschen Kaiserkrone das Einigungswerk zu weihen“.).

Das allgemeine (für Männer) und gleiche Wahlrecht war für die damalige Zeit fortschrittlich (Bismarck hat bei der Einführung 1867 an eine eher konservative Einstellung in der Landbevölkerung gedacht). Das Deutsche Kaiserreich war aber eine konstitutionelle Monarchie. Ein vollständiges parlamentarische System wurde nicht geschaffen (Regierung nicht dem Parlament gegenüber verantwortlich).

In Preußen, das eine Hegemonie im Bundesrat hatte, blieb bis 1918 das Dreiklassenwahlrecht in Kraft.

Danke für Ihre ausführliche Darstellung. Sie erwähnen auch die gesellschaftlichenn Tendenzen z.B. bei der "inneren Nationsbildung", die die Einheit mitgestaltet haben. Doch Sie verweisen auf die übermächtige Rolle Bismarcks bzw. Preußens bei der Reichsgründung.

Für mich ist aber gerade die Adresse des Norddeutschen Reichstages ein Zeichen für die Einheit "von unten". Sie erwähnen richtig, wer die Adresse an den preußischen König im Dezember 1870 übertragen hat: Es war der Parlamentspräsindent Eduard Simson - der selbe Eduard Simson,der Präsident der Deutschen Nationalversammlung zwischen Dezember 1848 und Mai 1849 war. Er war dabei, als König Friedrich-Wilhelm IV. die Kaiserkrone angeboten wurde. (Mehr über Simson auf Wikipedia: http://de.wikipedia.org/wiki/Eduard_Simson)

Die Botschaft dieser Adresse ist eindeutig: Die Einheit Deutschlands ist ein Prozess von oben und unten. Eduard Simson schlägt eine Brücke zwischen der Revolution von 1848/49, wo das Volk maßgeblich war, und der Einheit unter Preußens Federführung.

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Eine Revolution ist ja eine tiefgreifende Veränderung bestehender gesellschaftlicher Verhältnisse. Daher finde ich diese Bezeichnung hier unangebracht. Das einzige, was sich verändert hat, war ja, dass es jetzt ein geeintes Deutschland gab; die Herrschaftsverhältnisse, zementiert durch ein extrem ungerechtes Wahlrecht, blieben ja weitgehend unangetastet. Es dürfte für die Einzelnen kaum Unterschied gemacht haben, ob ihr oberster Feudalherr nun König von Hannover, Preußen oder Kaiser von Deutschland war.

Dass das deutsche Bürgertum schon einiges erreicht hatte und insofern auch Wegbereiter der deutschen Einigung war, trotz der gescheiterten 48er Revolution, sieht man ja an der Schaffung des deutschen Zollvereins, der ja vor allem auf Bestrebungen des Bürgertums zurückging. Auch der preußisch-österreichische Krieg diente ja in gewisser Weise als Vorbereitung. Wie weit das deutsche Volk da allerdings einen Anteil hatte, ist wohl sehr fraglich.

Danke für deinen Beitrag. Den Hinweis mit der Revolution finde ich sehr interessant. Wie viel Revolution, spricht Umwälzung und Änderung, brachte Einigung Deutschlands mit sich? Innenpolitisch ist es Bismarck wirklich gelungen, die Herrschaft der Hohenzoller nicht nur zu festigen, sondern auch zu vergrößern. Aber war das Wahlrecht zum deutschen Parlament, dem Reichtstag, so ungerecht? Zur damaligen Zeit galt es als das modernste Wahlrecht Europas: Es durften ja alle Männer (ab 25 Jahre) unabhängig vom Stand und Steuerklasse wählen. Nicht einmal England, das Mutterland der Demokratie, war so fortschrittlich.

Wie es aussieht hatte die deutsche Einheit im 19. Jahrhundert zwei Gesichter: Gewisse Elemente wie die Herrschaftsverhältnisse wurden beibehalten (konservativer Aspekt); gleichtzeitig waren die Herrschenden bereit, dem Bürgertum gewisse Zugeständnisse zu machen wie z.B. die Schaffung eines nationalen Parlaments (progressiver Aspekt).

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@waterloo186

Danke für den Hinweis mit dem Wahlrecht - da habe ich offensichtlich an das alte preußische Drei-Klassen-Wahlrecht gedacht; Du hast natürlich Recht - das galt ja gar nicht mehr.

Aber ich finde, wenn man von 'Revolution' reden will, müsste es doch weiter reichende Veränderungen geben. Vielleicht könnte man sagen, dass eine Art Revolution durch den riesigen Aufschwung der 'Gründerjahre' stattfand. Aber der war ja nicht eigentlich den Bestrebungen des Bürgertums nach Teilhabe zu verdanken, sondern den französischen Reparationszahlungen nach dem Krieg.

Trotzdem könnte man vielleicht den dadurch und durch die Bismarckschen Zugeständnisse an die Arbeiterschaft entstandenen Wandel als fast revolutionär ansehen, so wie Du in Deiner Eingangsfrage angedeutet hast. Mich würde mal Deine Ansicht interessieren - Revolution von oben oder doch Partizipation der Bürger? Wenn ja, worin würdest Du sie sehen?

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@cadovius

Ich finde, dass die Rolle des Volkes bei dieser Einheit bis jetzt unterschlagen wurde.

Meine Beispiele: Die von Albrecht bereits erwähnte Kaiserdeputation von 18. Dezember 1870, die Gründung des deutschen Nationalvereins 1859, der Historikerstreit zwischen Heinrich von Sybel und Julius F.cker (seinen Namen darf ich hier nicht ausschreiben;-), die Unterstützung Bismarcks durch die Nationalliberalen. Zwar beschränkt sich hier "das Volk" auf das Bildungsbürgertum, aber ich denke, dass einfache Volk hat die Einheit auf ihre Weise unterstützt, zum Beispiel als Soldaten.

Für mich ist der Deutsch-Französische Krieg der eigentliche Einigungskrieg. Und dass dieser Krieg so erfolgreich für Deutschland war, liegt unter anderem in der hohen Motivation der Soldaten gegen den Erbfeind Frankreich und gleichzeitig für ein vereintes Vaterland zu kämpfen. Somit hat Napoleon den eigentlichen Impuls gegeben, die Preußen-skeptischen süddeutschen Völker für Preußen(-Deutschland) zu gewinnen.

Dass bei der Kaiserproklamation eben die Vertreter des Bundesparlamentes und auch einfache Soldaten anwesend waren, verheimlicht das Gemälde von Anton von Werner.

Mein Fazit: Zwar saß das Volk nicht an der Schaltzentren der Macht (wie 1848/49), aber es hat an der Einheit mitgewirkt, so weit sein Einfluß und sein Gestaltungsmöglichkeiten reichten.

Ein gutes Gegenbeispiel ist der Wiedervereinigungsprozess von 1989: Hier verlor die DDR-Führung zunehmend die Kontrolle, während die Stimme des Volkes immer lauter wurde.

Ich hoffe die Community findet noch andere Beispiele, die für bzw. gegen eine Einheit "von oben" sprechen.

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@waterloo186

Danke, deine Ausführungen und die von albrecht1 finde ich sehr informativ und überzeugend. Es war wohl wirklich ein kompliziertes Zusammenspiel vieler Faktoren, bei denen durchaus ein wichtiger Faktor das Streben großer Teile des deutschen Volkes während des ganzen vorausgegangenen Teils des Jahrhunderts nach Einheit war.

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Hallo, warum wird die Reichsgründung ,von 1871 , oft als Revolution von oben bezeichnet?

Stimmt es überhaupt? Und könntet ihr mir eure Ansicht auch gegründen bitte! Danke

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