Kann man Nietzsche wörtlich nehmen? Was bedeutet "Gott ist tot" Glaubte er an Gott?

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5 Antworten

Nietzsche behauptet an keiner Stelle selbst, dass Gott tot ist. Dazu müsste man sich allerding mit den beiden Stellen in "Die fröhliche Wissenschaft" und
"Also sprach Zarathustra" auseinandersetzen.

In "Die fröhliche Wissenschaft" behauptet das der "tolle Mensch" als Vorwurf an die Menschen. Am Ende stellt er selbst fest "Ich komme zu früh", sagte er
dann, "ich bin noch nicht an der Zeit." - D.h. "Gott ist tot" ist ein
gesellschaftlicher Prozess und noch im Gange
. (Text in: )

Im Zarathustra heißt es:

"Also sprach der Teufel einst zu mir: »auch Gott hat seine Hölle: das ist seine Liebe zu den Menschen.

Und jüngst hörte ich ihn dies Wort sagen: »Gott ist tot; an seinem Mitleiden mit den Menschen ist Gott gestorben.«"

Hier spricht wieder nicht Zarathustra selbst sondern zitiert denTeufel. An keiner Stelle also kann man behaupten, dass Nietzsche behauptet, dass Gott tot sei. Es gibt aber auch keinen Existenzbeweis Gottes sondern die Zusammenhäng lassen eher darauf schließen, dass Nietzsche Gott als eine

gesellschaftliche Leitidee

auffasst, die sich die Menschen selbst kaputt machen, ohne bereits eine neue gefunden zu haben. Das läuft auf Feuerbachs Religionskritik hinaus.

Religion, Gott, das sind für Nietzsche gesellschaftliche Phänomene, die durchaus in ihren Witkungen ernst zu nehmen sind, wie er es in seiner Jugend erfahren hat. Nietzsche will eine "positive Moral" im Kontrast zur lebensverneinenden Moral des Christentums. Nihilismus kommt, wenn man das gesellschaftliche Leitideal "Gott" abschafft, ohne eine neue, positive Moral dagegen setzen zu können. Aber er selbst will nicht als Guru dafür in die Verantwortung genommen werden. Er gibt Anstöße zur Diskussion.

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Kommentar von OneACE22
06.07.2017, 17:02

Also kann man sagen, dass er nicht an einen Gott (als Wesen oder etwas in der Art) sondern an "Gott" als Gesellschaftliche Leitidee glaubte?

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Wer Nietzsche ernst nimmt, wer ihm glaubt, ist verloren! Das hat einmal Thomas Mann gesagt. Bestätigt wird diese Auffassung durch Nietzsche selbst. So hat er bei seinen Lesern den ironischen Vorbehalt für sein Werk eingefordert, es sei ’durchaus nicht nötig, nicht einmal erwünscht, Partei... für mich zu nehmen: im Gegenteil, eine Dosis Neugierde, wie von einem fremden Gewächs, mit einem ironischen Widerstande, schiene mir eine unvergleichlich intelligentere Stellung zu mir’ (s. Zitat bei Rüdiger Safranski, S. 310).


Dass Nietzsche Gott tatsächlich für tot hielt, kann man bezweifeln; denn in einem Essay sagt er: „Wir haben ihn getötet!“ - das scheint mir ein Widerspruch zu seiner „Gott-ist-tot“- Lehre zu sein. Denn Gott müsste ja irgendwann - nach seiner obigen Feststellung - gelebt haben.

 

Nietzsches Lehre vom Willen zur Macht („Die Welt ist Wille zur Macht und nichts außerdem und ihr alle seid Wille zur Macht und nichts außerdem!“) ist die logische Folgerung aus seiner „Gott-ist-tot“ Behauptung. „Macht“ muss man als Metapher begreifen; sie bedeutet alles, was einen Menschen stark, eben „mächtig“ macht, z.B. ein Talent, eine besondere Befähigung u.a.m. Wer kein Atheist ist, wird sein Schicksal, seine Talente und Fähigkeiten immer auf Gott beziehen und deshalb den Willen zur Macht und damit verbunden Stolz, Ehrgeiz, Ruhmsucht, gierige Versilbern seines Erfolges ablehnen.

 

Nichtsdestoweniger muss man fragen, was Nietzsche heute noch so bedeutend und berühmt macht. M.E. ist es gerade seine Lehre vom Willen zur Macht. Sie ist nicht etwas, was Nietzsche – wie einige sagen – in unzulässiger Weise verabsolutiert hat, was er also gewissermaßen falsch gesehen hat, sondern es ist etwas durch und durch Reales, um nicht zusagen: Herrschendes.

Man gucke sich um! Was ist der entscheidende Antrieb in den Menschen? Moral, Humanität, Nächstenliebe? Nein, jeder will in seinem Leben an Macht gewinnen, das heißt seine Talente entfalten, seine Fähigkeiten ausspielen, besser sein als der andere, und dann möchte er seine Erfolge stolz herumzeigen. („Man befördert sein Ich stets auf Kosten des Andern“, sagt Nietzsche).

Das mag moralisch nicht in Ordnung sein, aber es ist die Realität unserer Welt. Nietzsche hat das als einziger klar herausgearbeitet, und damit ist er für mich dem wahren Wesen der Welt und des Menschen am nächsten gekommen, er ist für mich der größte Philosoph (neben Schopenhauer)!  


Nur in einem hat sich Nietzsche m.E. geirrt: in der Formulierung „...und nichts außerdem.“ Der Mensch ist zwar Wille zur Macht, aber er ist darüber hinaus noch etwas anderes (einige jedenfalls, die meisten nicht!): da er eine Seele hat, lässt er sich auch vom Bedürfnis seiner Seele leiten, und dieses Bedürfnis ist „machtfrei“.











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Kommentar von OneACE22
07.07.2017, 23:53

Danke für die ausführliche Antwort, eines hat sich mir jedoch nicht genau hervorgetan: Du scheinst dich gut auszukennen. Würdest du behaupten, dass er Atheist war und den Glaube an Gott als negativ gewertet hat?

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Befasst Du Dich mit Philosophie, kommst Du schnell dahinter, dass für Gott und Götter nicht viel Platz ist, die gehören zur Metaphysik.
Relativ schnell kommst dann auf Staat und Macht und nimmst die Religion aus der Gleichung.

Es ist Dieseits völlig schnurz, ob es Gott gibt, wie ebenso ob es ein wie-auch-immer Jenseits gibt.
Selbst für ein Jenseits braucht es keinen Gott.

Zu Nietzsches Zeit, war "Gott" noch gegenwärtig, nur eben genau nicht existent.

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Kommentar von OneACE22
06.07.2017, 17:00

Soll das die Bedeutung des Zitats sein?

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HIER NOCHMAL DER KOMMENTAR:

Zu dem Satz „Gott ist tot“: Viele sagen, man dürfe den Satz „Gott ist tot“ nicht wörtlich nehmen. Es sei damit nur gemeint, dass der christliche Gott von den Menschen getötet worden sei; Nietzsche selbst habe aber einen anderen Gott oder ein Jenseits nicht ausgeschlossen. Also wäre er dann ein Agnostiker. Wie immer ist das bei Nietzsche nicht eindeutig: Es gibt in der Tat Aussprüche, welche diese These unterstützen: „Es ist wahr, es könnte eine metaphysische Welt geben; die absolute Möglichkeit davon ist kaum zu bekämpfen....“ (Menschliches, Allzumenschliches I) Oder: „Die Widerlegung Gottes, eigentlich ist nur der moralische Gott widerlegt“. (Bemerkung im Nachlass). Dagegen stehen etliche andere Sätze: „Man sagt nicht ’Nichts’, man sagt dafür ’Jenseits’ oder ’Gott’“; oder: „(Der Atheismus) versteht sich bei mir aus Instinkt“ u.a.. Man sollte deshalb Nietzsche nicht wörtlich und auch nicht Ernst nehmen: Wer es trotzdem tut – sagte schon Thomas Mann – „wer ihm glaubt, ist verloren.“ Nietzsche selbst hat einmal zu erkennen gegeben, dass seine Philosophie eigentlich nur eine Art Gedankenspielerei ist, dass er sie nur als „Diskussionsgrundlage“, auf keinen Fall aber als ideologisches Programm aufgefasst wissen wollte: ‚Es ist durchaus nicht nötig, nicht einmal erwünscht, Partei..... für mich zu nehmen: im Gegenteil, eine Dosis Neugierde, wie von einem fremden Gewächs, mit einem ironischen Widerstande, schiene mir eine unvergleichlich intelligentere Stellung zu mir’ (s. Zitat bei Rüdiger Safranski, S. 310). Dieses Zitat bestätigt auch die Meinung von Gunzelin Schmid Noerr (in „Geschichte der Ethik“), der sagt, man dürfe Nietzsche auf keinen Fall wörtlich nehmen. „Man kommt seinen eigentlichen Intentionen nur dann auf die Spur, wenn man erkennt, dass dort nichts als unmittelbar geltend behauptet wird, vielmehr alles auf ein kritisiertes Gegenüber bezogen ist.“ -  Außerdem: wenn man sieht, welche ungeheuerlichen Konsequenzen der Nietzsche-Nihilismus nach sich zieht (von Tobias87 treffend beschrieben), dann müsste jeder halbwegs vernünftige Mensch sagen: das ist nicht Ernst zu nehmen! Erst recht, wenn man sich die folgenden Nietzsche-Sprüche ansieht: „Jene ungeheure Größe zu gewinnen, um, durch Züchtung und andererseits durch Vernichtung von Millionen Missratener, den zukünftigen Menschen zu gestalten und nicht zugrunde zu gehen an dem Leid, das man schafft und dessengleichen noch nie da war“ („Wille zur Macht“, Nr. 964); oder: „Die Schwachen und Missratenen sollen zugrunde gehen, erster Satz unserer Menschenliebe, und man soll ihnen noch dazu helfen“ („Antichrist“, Anfang). In „Jenseits von Gut und Böse“ (Nr. 265) heißt es: „Der Egoismus gehört zum Wesen der vornehmen Seele“. Nicht nur Robert Nachtwey („Der Irrweg des Darwinismus“, Berlin 1959) fragt sich da, wie weit die nervenkranke Phase dieses Philosophen eigentlich zurückreicht. Sicher hat Nietzsche – und dafür ist er berühmt – viel Erhellendes über die Welt und das Leben gesagt; aber wenn er (wieder im „Antichrist“) meint: „Was ist schädlicher als irgendein Laster? Das Mitleiden der Tat mit allen Missratenen und Schwachen – das Christentum“, dann kann man nur (milde) sagen: die Flügel des Wahnsinns flatterten schon bedenklich.

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Kommentar von Haldor
08.07.2017, 12:43

Der Kommentar scheint – jedenfalls in großen Teilen – von
mir zu sein.

Zur Frage: war Nietzsche ein Atheist bzw. bewertete er den Glauben an Gott negativ?

Die Frage lässt sich nicht eindeutig beantworten. Schon der
Essay „Der tolle Mensch“ lässt Zweifel an seinem Atheismus aufkommen. „Gott ist tot – wir haben ihn getötet!“ heißt es darin; also müsste Gott einmal gelebt haben. Man könnte diese Aussage symbolisch interpretieren: wir haben das Göttliche in uns getötet, also ist es jetzt tot.

In Bezug auf die christliche Gottesvorstellung ist Nietzsche
allerdings (radikaler) Atheist. „...dass wir keinen Gott wiederfinden, weder in der Geschichte noch in der Natur noch hinter der Natur, - sondern dass wir, was als Gott verehrt wurde, nicht als „göttlich“ …. empfinden.“ (zitiert bei Walter Kaufmann „Nietzsche“, S. 117). Der Nietzsche-Spezialist Kaufmann schreibt hierzu: „Was Nietzsche verwirft, ist die geistige Disposition und die moralische Haltung, die seiner Meinung nach untrennbar mit dem christlichen Glauben
verbunden sind.“

Von sich sagte Nietzsche: „… der Atheismus versteht sich bei
mir aus Instinkt. Ich bin zu neugierig, zu fragwürdig, zu übermütig, um mir eine faustgrobe Antwort gefallen zu lassen. Gott ist eine faustgrobe Antwort, eine Undelikatesse gegen uns Denker – im Grunde sogar bloß ein faustgrobes Verbot an uns: ihr sollt nicht denken!“ (zitiert bei Kaufmann, a.a.O. S, 117).

Walter Kaufmann deutet diesen Atheismus Nietzsches als „Folge eines Grundentschlusses (des Philosophen), alle Prämissen in Frage zu stellen und so lange zu verwerfen, als sie sich nicht mit guten Gründen als unvermeidlich erweisen.“ (a.a.O. S. 117).

M.a.W.: Der Atheismus Nietzsches ist nicht endgültig und
radikal. Man könnte Nietzsche als einen Agnostiker bezeichnen.

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