Ist Hartz IV gerecht und ausreichend?

Das Ergebnis basiert auf 22 Abstimmungen

Ja 40%
Unterschiedlich 36%
Nein 22%

29 Antworten

Unterschiedlich

Ob es ausreicht, kommt sicher sehr auf den Lebensstandard und die Einstellung an. Es gibt Minimalisten, die mit sehr wenig auskommen und keinen Verlust fühlen. Es gibt Menschen, die unbewusst einen hohen Lebensstandard haben - z.B. nur Fertigessen, heizen in jedem Raum Tag und Nacht usw. - und mit dem Geld Probleme hätten. Besonders, wenn so etwas wie Kaufsucht oder eine milde Form, "Kaufen als Hobby" dazu kommt.

Die Frage ist mMn nicht so sehr, ob man mit dem Geld auskommt, sondern auch, ob man mit den restlichen Anforderungen vom Amt zurecht kommt. Viele belastet das Ganze psychisch so sehr, dass die Chancen auf einen Job immer geringer werden. 

Viele Studenten kommen mit weniger als dem Hartz-IV Satz zurecht. Einige Rentner evtl. auch (besonders, wenn man die Miete nicht mit einbezieht).

Das Problem ist eher die soziale Isolation, wenn sich der Freundeskreis mehr leisten kann und man nicht mehr mithalten kann und die Gewohnheit an unseren Lebensstandard. Je weiter man zurückgeht - immer ein Jahrzehnt mehr - desto besser hätten viele mit dem Geld leben können, weil viele Ausgaben damals noch nicht so üblich waren. Beispiele sind Smartphone, Bioessen, bestimmte Hobbys. Wenn man mal schaut, wie ein Mensch in den 70ern, 50ern, 20ern, 1900 etc. gelebt hat, sieht man, dass man mit viel weniger zurecht kommen könnte und sogar glücklich sein könnte, aber es eben nicht mehr gewohnt ist. 

Nur ein Beispiel: Meine Großmutter hat in den 50ern/60ern einmal die Woche Fleisch gekocht für die ganze Familie, den Rest der Woche gab es lokales, saisonales Gemüse, also im Vergleich zu heute wenig Vielfalt. Wasser wurde aus dem Hahn getrunken, keine Wasserflaschen gekauft. Gebadet wurde anfangs mit einem Eimer in der Wanne (keine Ahnung, warum genau). Zigaretten wurden einzeln gekauft. Süßigkeiten für die Kinder gab es nur zu besonderen Gelegenheiten. Nachts kamen ihre Verwandten, die keine Wohnung hatten, und es wurden überall in der Wohnung Matratzen ausgelebt, auf denen teilweise 2 Leute schliefen. Ein eigenes Zimmer hatte keiner. Hatte man etwas, z.B. als Kind eine Tafel Schokolade, wurde das mit allen geteilt (Geschwister, Eltern, wer noch im Haus war). Essen wurde eingemacht, so weit wie möglich gestreckt (meine Oma arbeitete als Putzfrau, ungelernt, und versorgte teilweise mit diesem Gehalt alleine 15 Personen, für die sie kochte. Einkäufe von ihrem Geld alleine).

Meine Mutter und meine Oma mussten zu Fuß gehen oder mit der Straßenbahn fahren, meine Oma lief mehrere Kilometer zur Straßenbahnhaltestelle. Winters wie Sommers. Auch im Regen. Das war alles möglich und man hatte kein Gefühl des Mangels, weil es den meisten anderen auch so ging. Kleidung unter Geschwistern wurde ohne Scham geteilt (Pullis der älteren Schwester aufgetragen). Selten kaufte man etwas Neues für sich, das nicht notwendig war, Sachen wurden genutzt, bis sie kaputt waren und nicht mehr repariert werden konnten oder an anderen (Kinder) weitergegeben. Urlaub kannte man nicht oder nur selten, meist in der näheren Umgebung. Es wurde viel gebastelt, improvisiert, aus der Natur gesammelt (auch Früchte, Bombeeren für Marmelade etc.), es wurde viel draußen gespielt, Bücher wurden ausgeliehen statt gekauft, Zeitschriften wurden unter Verwandten und Nachbarn getauscht.

Meine Oma hat immer als Putzfrau gearbeitet, aber durch einen Zufall zuletzt eine Stelle in einem Amt gehabt, durch die sie eine sehr gute Rente bekam, mehr als viele heute. Am Ende ihres Lebens hätte sie viel Geld zum Ausgeben gehabt (wenn das betreute Wohnen nicht so teuer gewesen wäre), hat aber nur Leitungswasser und Säfte getrunken und immer noch günstige, saisonale Gerichte gekocht. Neues wurde nur gekauft, wenn es einen Anlass gab und sie wäre nicht auf die Idee gekommen, dass sie etwas Neues kaufen muss, damit es ihr besser geht (wie das heute oft üblich ist). Oder überhaupt den Wunsch zu entwickeln, etwas Neues zu kaufen. Sie hatte alles, was sie brauchte, das reichte ihr.

Eine andere Verwandte von mir, mit sehr viel Geld, lebte nach dem gleichen Prinzip: Alles Notwendige war da, Neues wurde nicht gebraucht, 40 Jahre lang. 

Wenn wir heute einen Mangel spüren, liegt das oft an der Gewohnheit, ständig mal etwas Neues kaufen zu müssen, das strenggenommen nicht nötig ist. Wenn man das einstellen würde und auch beim Essen auf "saisonal, günstig, vegetarisch" achten würde (Fleisch ist eher teuer, Fertiggerichte sind es auch), käme man wohl viel besser mit dem Geld zurecht und hätte weniger Geldsorgen. Und käme auch mit Hatz-IV (besser) zurecht. 

Aber wird sind zu sehr daran gewöhnt, immer wieder Neues zu kaufen, Altes zu ersetzen, weil es alt ist, nicht, weil es kaputt ist, mit der Mode zu gehen, aus Frust zu kaufen, mit den Freunden mithalten zu müssen. Wie viele noch funktionsfähige Röhrenfernseher wurden wohl in den letzten Jahren zum Elektroschrott gegeben? Wie viele funktionsfähige Handys und Computer?

Das Problem ist oft nicht das (wenige) Geld, das Problem ist der Lebensstandard, die Freizeit, die mit kostenpflichtigen Hobbys verbracht wird, das Fehlen einer Vorstellung vom guten Leben mit wenig Geld/ Ansprüchen, das Gleichsetzen von Spaß mit Geld, Armut mit Schande und Frust, Kaufen mit Freude oder gar Hobby. Auch mangelndes Wissen übers Haushalten, Ausbessern, Selbermachen, teilweise Leben aus der Natur (einiges kann man sich dort noch kostenlos holen, aber zunehmend  weniger). Als Kind war ich im Herbst immer aufgeregt, weil Bucheckern gesammelt wurden (gegessen) und Kastanienmännchen gebastelt wurden. Heute ist die Vorstellung eher, dass man Kinderspielzeug und -unterhaltung kaufen muss; das gilt auch für Erwachsene(nunterhaltung/ Hobbys). Und diese Dinge fressen oft sehr viel Geld.

Unterschiedlich

Natürlich kann man sich damit keinen großen Luxus gönnen, aber es reicht.

Der Regelsatz ist 404€, dazu kommt ja oft noch "Wohngeld". Ich habe in meine Ausbildung jeden Monat etwa 340€ zum Leben, wenn ich die Miete von meinem Gehalt abziehe. Davon muss ich dann auch die Heimfahrten bezahlen um meine Freunde und meinen Freund zu sehen. Natürlich auch Essen, Kleidung, Hygiene, Hobbies,... Unterstützung von meinen Eltern bekomme ich nicht, da ich selbstständig sein will, im Notfall würden sie aber helfen. Oft habe ich aber sogar ein wenig über und kann es z.B. für einen günstigen Urlaub sparen und etwas zusätzlich in meinen Bausparvertrag tun, den ich für meine VL habe. Dort gibt es nämlich noch mehr Zinsen, da es ein "älterer Vertrag" ist und da er vor 25 abgeschlossen wurde, komme ich ja am Ende dran, wenn ich das Geld nicht für die Wohnung benutzen will. 

Es ist kein super schönes Leben mit großer Vielfalt, aber man kann sich gesund ernähren und hat alles was man zum Leben braucht.

Da muss es dann eben nicht der 50€ Handyvertrag mit dem neusten Handy sein, ständig Party mit Alkohol oder rauchen. Man kann auch mal den Freunden sagen, dass man nicht immer weg gehen möchte oder einfach gerade kein Geld dafür über hat. Echte Freunde verstehen das. Zudem habe ich bei Klamotten viele Basics, die einfach zu allem passen. Man muss nicht ständig ein komplett neues Outfit kaufen.

Hartz 4 soll eben keinen Luxus versprechen, sondern das Überleben mit allem dafür notwendigem sichern. Die Frage nach der Gerechtigkeit kann dabei vermutlich nie beantwortet werden. Die einen sagen, wer nicht arbeitet sollte nichts bekommen, der andere meint es wäre zu wenig, damit kann man ja kein gutes Leben habe usw. Fakt ist, wie haben eine soziale Marktwirtschaft, da gibt es eben eine Hilfe in Form von Hartz 4 und Co, weil eben nicht nur der Markt, sondern auch das soziale beachtet wird. Gerecht für alle kann es nie sein, ich würde auch gerne weniger Abgaben zahlen, gerade bei meinem geringen Gehalt (auch wenn ich es in der Steuererklärung zurück hole fehlt es im ersten Jahr eben). Ich sehe aber ein, dass es sowas in der Art geben muss, aus sozialen Aspekten. Würde ich meinen Job verlieren, dann würde ich auch Hilfen vom Staat wollen.

Den Punkt "wer nicht arbeiten will" finde ich sehr schwer. Denn wie bemisst man das? Nicht jeder bei dem es so wirkt, will es wirklich nicht und nicht jeder der engagiert wirkt ist es wirklich.

Ich kenne jemanden, der immer richtig schlechte Bewerbungen schreibt um ja nicht genommen zu werden, aber ja so wirkt als wolle er und er könne nur nicht besser (dabei kann er es!). Andere verpassen mal einen Termin, weil sie so viel anderes für potentielle Jobs planen, suchen, vorbereiten (z.B. lernen) usw. und wirken dann als hätten sie kein Interesse und würden sich nicht bemühen.  


Wirklich schwer stelle ich es mir mit Kindern vor. Immerhin herrscht gerade in der Schule ja schon ein großer Druck "mithalten" zu können bei neuen Handys, modernen Klamotten usw.

Zudem deckt das Kindergeld und der Zuschuss pro Kind oft nicht die Kosten, wenn man Essen, Kleidung, Schulkram und Co aufrechnet. Eine Bekannte von mir konnte nach der Realschule nicht mit aufs Gym gehen und will das Abi nun bald nachholen, da ihre Eltern damals kein Geld dafür hatten. Das fängt beim einmalig zu kaufenden Taschenrechner für 80€ an (ohne die Funktionen hätte man in der Oberstufe die Klausuren nicht schaffen können in der vorgegebenen Zeit, da wir ein neues Modell hatten gab es auch keine Gebrauchten von Abiturienten) und geht mit regelmäßigen Ausgaben weiter.

 Daher hat sie sich, um ihre Eltern nicht zu belasten, gegen das Abi und für eine Ausbildung entschieden. Die Klassenfahrten konnte sie sich nur leisten, weil ein mal der Schulverein und ein mal unsere Lehrer die Kosten getragen haben, die das Amt nicht zahlen wollte (es gab nur einen kleinen Zuschuss). Das ganze wurde nie offiziell gemacht, es hieß nur wer es nicht zahlen könne solle sich bei unserer Klassenlehrerin melden. Das es so bezahlt wurde weiß ich nur, weil es meiner Freundin peinlich war und sie mich daher zum Gespräch mitgenommen hatte. Man muss dazu sagen, ihre Eltern arbeiten beide, bekommen aber wegen zu geringem Lohn Hilfen vom Staat.

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Da kann aber etwas nicht stimmen. Ich kenne viele aus der bildungsfernen Schicht, die ihr Abi geschrieben und studiert haben und heute fein raus sind und sogar ihre Dissertation abgeliefert haben.

Das kann nicht sein, nur wegen eines Taschenrechners, den ja auch noch das Jobcenter bezahlt.

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@schleudermaxe

es war ja nicht nur der Taschenrechner, aber das ist eben einer der großen Punkte. Der Rest sind viele kleine Beträge, die sich aber sehr schnell aufsummieren. 

Das Jobcenter hätte gezahlt, aber wieder nur einen sehr kleinen Betrag weil sie so einen teuren nicht für nötig halten, er aber für die Schule nötig ist. Ohne hat man keine Chance! Alle Details kenne ich nicht, war da ja auch noch jünger, nur dass sie es über Monate, auch in Verbindug mit der Schule, versucht haben und die Bekannte es am Ende dann gelassen hat, ihren Eltern zuliebe.

Unser Jobcenter hat aber generell keinen guten Ruf und stellen sich bei vielem quer und die Schulen hier fordern viel teuren Kram. Meine Eltern meinten mal, dass die Oberstufe von uns pro Person (alleine durch "Pfilchaufgaben", ohne Hefte usw) fast doppelt so teuer war wie bei meiner Cousine. Meine Tante und meine Eltern hatten das alles mal gesammelt und verglichen. Aber da wir auf dem Dorf wohnen, kann man nicht einfach zu einer anderen Schule, weil die Anbindungen fehlen und man extrem weit fahren müsste... Alleine zu unserer Schule hatten manche über 45 Minuten Anfahrt, wenn sie gebracht wurden, mit dem Schulbus entsprechend länger.

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Unterschiedlich

Wer mi Transferleistungen Gerechtigkeit erzeugen will, hat falsche Vorstellungen.

Wie will man einen so relativen Begriff wie "Gerechtigkeit" in Vorschriften fassen?

Die Lebenssituationen der Menschen sind dafür zu verschieden.

Man kann nur eine Grundversorgung sicherstellen.

Wie schwierig das ist, sieht man daran, dass es Leute gibt, die es schaffen, das System zu unterlaufen und auch Leute, die nicht bereit sind sich in das System einzupassen und lieber auf der Straße leben.

Es gibt Menschen, die dort hineinfallen und es schaffen binnen Wochen, oder Monaten wieder heraus zu kommen und es gibt Familien, die sich seit mehr als einer Generation in dem System etabliert haben.

Wir dürfen nicht übersehen, dass ein Wertewandel zumindest in einem kleinen Teil der Bevölkerung stattgefunden hat.

Zumindest die, die über 55 sind, werden sich wie ich daran erinnern, dass uns von den Eltern mindestens 3mal wöchentlich vorgebetet wurde: "Geh zur Schule, lern schön, mache das, was der Lehrer sagt, Du sollst es mal besser haben als wir."

Wir haben heute einen Anteil an der Bevölkerung (keine Ahnung ob 5, 10, oder mehr %), wo die Kinder morgens alleine und ohne gemeinsam mit den Eltern (oder zumindest einem Elternteil) gefrühstückt zu haben, selbständig in die Schule gehen müssen. Zum Teil, weil die Eltern schon vorher für die Arbeit aus dem Haus mussten, zum Teil weil die noch besoffen im Bett liegen.

Einige dieser Kinder schaffen es, beissen sich durch und werden erfolgreich, aber sehr viele scheitern daran.

Was ich z. B. überhaupt nicht verstehe, warum gerade die Eltern, die in ALG II abgerutscht sind, sich da nicht mehr kümmern. Solange sie noch keine Arbeit gefunden haben, könnten sie sich ja besonders kümmern.

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