Ich denke, dass bei Kolosser 1 der Kontext deutlich zeigt, dass „alles“ (griechisch: ta panta) nicht zwangsläufig „absolut alles ohne jede Ausnahme“ bedeuten.
Nehmen wir Kolosser 1:20. Dort heißt es, dass durch Christus „alles“ mit Gott versöhnt werden sollte. Bedeutet das wirklich Satan, die Dämonen und alle endgültig Verurteilten? Die Bibel sagt etwas anderes. Satan und seine Dämonen stehen bereits unter einem Gerichtsurteil (Matthäus 25:41; Offenbarung 20:10). Christus hat also nicht jedes einzelne intelligente Wesen versöhnt, sondern die Möglichkeit geschaffen, dass die Menschheit mit Gott versöhnt werden kann (2. Korinther 5:18, 19; Römer 5:10).
Dasselbe sehen wir in Kolosser 1:28. Paulus sagt, er warne und lehre „jeden Menschen“. Hat Paulus buchstäblich jeden Menschen gelehrt, der damals lebte? Natürlich nicht. „Jeder“ wird hier im Rahmen dessen verstanden, was möglich und gemeint ist.
Genauso verhält es sich mit den Thronen.Nein nicht alle Throne wurden durch ihn geschaffen, der Brief bezieht sich auf die Erben der Heiligen (Vers 12). Die könige und Priester in Jesus 1000 jähriges Friedensreich. Es sind garantiert nicht alle könige und Politiker heute gemeint und im At hat Jehova die Könige Israels gesalbt bzw eingesetzt.
Warum sollte „alles“ in Vers 16 plötzlich absolut und ausnahmslos verstanden werden, wenn Paulus denselben Begriff im selben Kapitel erkennbar eingeschränkt verwendet?
Hinzu kommt die Frage: Wenn Christus wirklich absolut alles erschaffen hätte, müsste er dann nicht auch den Vater erschaffen haben? Doch die Bibel sagt eindeutig, dass seine Kraft und Autorität vom Vater kommen:
„Der Sohn kann gar nichts aus sich selbst tun.“ (Johannes 5:19)
„Der Vater ist größer als ich.“ (Johannes 14:28)
„Das Haupt des Christus ist Gott.“ (1. Korinther 11:3)
„Dann wird sich auch der Sohn selbst dem unterordnen, der ihm alles unterworfen hat.“ (1. Korinther 15:28)
Christus kann also nicht der Ursprung dessen sein, von dem er seine Macht und Autorität empfängt.
Auch der heilige Geist wird nicht als eigenständiger Schöpfer dargestellt, sondern als Gottes wirkende Kraft (Lukas 1:35; Apostelgeschichte 2:17, 18).
Für mich liegt die eigentliche Frage deshalb bei Kolosser 1:15:
„Er ist das Bild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene aller Schöpfung.“
Grammatisch betrachtet gehört der Erstgeborene zur Gruppe, deren Erstgeborener er ist. Die Bibel nennt Jesus außerdem:
„den Anfang der Schöpfung Gottes“ (Offenbarung 3:14)
denjenigen, der „hervorgebracht“ wurde (Sprüche 8:22-30)
Danach gebrauchte Jehova seinen erstgeborenen Sohn als Werkzeug bei der weiteren Schöpfung:
„Durch ihn sind alle anderen Dinge erschaffen worden.“ (Kolosser 1:16, NWÜ)
„Durch ihn hat er die Weltsysteme gemacht.“ (Hebräer 1:2)
„Alles wurde durch ihn ins Dasein gebracht.“ (Johannes 1:3)
Jehova bleibt dennoch die höchste Quelle aller Dinge:
„Für uns gibt es tatsächlich einen Gott, den Vater, aus dem alle Dinge sind.“ (1. Korinther 8:6)
Darum sehe ich in Kolosser 1 keinen Beweis dafür, dass Jesus der allmächtige Gott ist, sondern dass Jehova der Ursprung aller Dinge ist und seinen erstgeborenen Sohn als Werkzeug bei der Schöpfung gebrauchte.
Wenn wir anfangen, jedes „alles“ oder „jeder“ in der Bibel als mathematisch absolut zu verstehen, verlassen wir oft den eigentlichen Kontext der Schrift und bewegen uns in Richtung philosophischer Spekulation.
Paulus warnte genau davor:
„Passt auf, dass euch niemand durch die Philosophie und leeren Trug nach der Überlieferung der Menschen, nach den elementaren Dingen der Welt und nicht nach Christus als Beute wegführt.“ (Kolosser 2:8)
Die Bibel legt sich selbst aus. Deshalb sollte zuerst der unmittelbare Kontext entscheiden, was mit „alles“ gemeint ist, nicht eine philosophische Definition von Absolutheit. Sonst landen wir in der Allbersöhnung :)