Wie können Schauspieler nur so viel Text behalten?

10 Antworten

Zeitlich nicht mehr ganz aktuell, die Frage, aber ich möchte trotzdem gern antworten:

Spielen bedeutet nicht, ein Gedicht aufzusagen und dabei mit den Augen zo rollen und einen Arm zu bewegen...:o)!

Sowohl für den reinen Text und seinen Inhalt/seine Bedeutung als auch für das dazugehörige Spiel ist eine sehr hohe Konzentration nötig, die man lernen und trainieren kann, die aber besser auch schon "mitgebracht" werden sollte - eine Begabung, sich Blicke, Worte, Stimmen, Töne, Bewegungen, Abläufe, Stimmungen, Orte, Gegenstände etc. gut und möglichst über mehrere Sinne, also auf vielen Ebenen parallel, einprägen zu können.

Ein Trick ist z. B. der, diese Dinge möglichst sicher und fest miteinander zu verknüpfen, sich schon beim Lesen eines Textes die Szene in allen Einzelheiten auszumalen. Dabei koppeln sich emotionale Eindrücke und "innere" Bilder nach und nach mit dem gesprochenen Text. (gleich zu Beginn immer laut üben, sprechen, nicht still lesen!

Beispiel Theater (Film funktioniert in Text-Fragmenten):

Sie geht in der Szene an einem bestimmten Punkt zum Tisch und stützt sich auf die Kante. Wenn sie im Kopf dieses "Auf-die-Kante-Stützen" mit dem dazugehörigen Text gekoppelt hat, reicht später nur ein scharfer, kühler Druck unter der Hand (wie von Holz) und die Vorstellung, sich nach vorn zu lehnen...und der Text ist plötzlich automatisch da.

Das funktioniert auf der Bühne auch mit den "Einsätzen" der Spielpartner: Geht er zur Tür und sie sieht seinen Rücken, kommt ihr Text schon bei der Drehung, die er macht und ist präsent, wenn sie ihn sagen muss - wenn sie den Anblick des Rückens mit dem Textbeginn gekoppelt hat.

Bevor es an Ensemble-Proben im Bühnenbild geht, sitzt natürlich jeder Schauspieler zunächst allein (zuhause) mit seinen Texten in der Vorbereitung für die Proben. Hier ist es Gewohnheit, Übung, eine zur Verfügung stehende und gut trainierte hohe Konzentration und auch bereits die Verknüpfung mit z.B. zugehöriger Mimik, die die Worte früh "koppelt".... auch Bewegungen, Atmen, Stimmfarbe helfen dem Gehirn, sich später exakt zu erinnern.

Runzle ich die Stirn bei einem bestimmen Wort, einer Textstelle, weil die Mimik hier den Inhalt unterstreicht und ihm entspricht, dann kommt später beim Stirnrunzeln automatisch der Text - oder beim Handheben, beim gespielten Wutanfall, dem Erheben der Stimme, beim Nehmen des Mantels, bei der Drehung, dem Hinsetzen auf den Stuhl...

Die Koppelung ist es, die macht, daß der Text später schnell abrufbar ist. Gut gelernte Texte, die mit der Szene und den Emotionen "gekoppelt" sind, bleiben oft über viele Jahre.

Ausprobieren! Nimm irgendein Buch, suche eine Textstelle mit wörtlicher Rede und lerne sie auswendig, versetze Dich in die Person, in die Worte, den Inhalt, gib Emotionen in die Stimme, fühle es nach, "er-lebe" es. Arbeite eine passende Gestik, dann eine Mimik aus und lerne dann den Text plus alles Andere zusammen, "im Paket". Der Rest ist Training.

Dies ist nur eine Methode, es gibt viele, und jeder Schaupieler arbeitet mit seinen persönlichen Methoden... Schauspiel ist etwas so "Praktisches" - es ist sehr schwer, dies alles theoretisch und als Text zu erklären. Hoffe, ich konnte trotzdem weiterhelfen?

Teil 1:

Tricks, die hier "mal eben" anzuwenden wären, gibt es nicht (Immer noch nicht! ;-)). Du stellst die Frage wiederholt, @rosehip hatte Dir aber schon beschrieben, dass die Texte an den Charakter, an dessen komplexe Situation und an das innere und äußere Geschehen in diesem Moment, in dieser Szene gekoppelt und mit innerer sowie Körperhaltung, mit Gestik, Mimik, dem äußeren Raum und auch mit den Aktionen des Gegenspielers gekoppelt werden müssen.

Schauspieler lernen ihre Texte nicht losgelöst von diesen unterschiedlichen Aspekten und Ebenen, so als würden sie ein Nikolausgedicht um des puren Textes willen aufsagen. Sie nehmen ihre Texte strukturiert und entlang eines Prozesses wahr, innerhalb diesem sich dieser Text für den Charakter auch auf natürliche Weise in dieser Szene entwickelt haben würde:

Es gibt diese inhaltlich logische Folge an Worten, Aktionen und Reaktionen - und diese wird verwendet wie ein Geländer, an dem sich die einzelnen Abschnitte des Textes jeweils "entlang hangeln". Wer ein inneres Bild, ein Bewusstsein dieses "Geländers" hat, kann dort die Textabschnitte wie in ein Raster einfügen, sie erhalten ihren spezifischen Platz und werden nicht mehr fallen gelassen oder vertauscht, verwechselt, wenn sie dort einmal "angedockt" wurden.

Besser ließe sich darüber anhand eines praktischen Beispiels reden - Es es für Laien nicht leicht zu beschreiben, weil ihnen zunächst die Fähigkeit fehlt, einen längeren Text oder Monolog als etwas Komplexeres wahrzunehmen, als diese Aneinanderreihung von Worten und Zeilen meinen lässt. Auch in der Schule werden Schüler darauf getrimmt, Texte um der Texte willen auswendig zu lernen und nicht viel mehr und anderes dabei heraus zu holen. Daher ist es zunächst diese völlig andere Perspektive auf den Prozess des Auswendiglernens und des Textes selbst, der auch das Einprägen längerer Texte schließlich möglich machen kann.

DIe Fähigkeit zum Erlernen von viel Text baut sich auf langem Weg und über Tairining auf, es gibt hier kein schnelles Rezept, das spontan anzuwenden wäre. Ich lerne gewohnheitsmäßig immer wieder lange Passagen, z.B. aus Büchern oder Filmen auswendig, um hier fit zu bleiben. Dabei erfasse ich den Text inhaltlich als Ganzes und vollziehe zunächst im Detail nach, wo genau der "Erzähler" hier steht, welche persönliche Position er zum Geschehen einnimmt, was da geschieht, was genau er (also in diesem Fall ich) berichtet und was dies auf unterschiedlichen Ebenen (für ihn / für mich in der Rolle)bedeutet.

Zu Textinhalten gibt es - je nach Anlegen des Charakters - unterschiedliche Haltungen einzunehmen. Sich hier für eine zu entscheiden und den gesamten Text über diese "Schiene" laufen zu lassen ist der erste Schritt und wird zu diesem frühen Zeitpunkt beim Lernen den Text bereits an eine Rolle und innere Haltung "heften". Ich weiß dann, warum ich an dieser Stelle einen Satz so oder anders betonen möchte, hier zögere, dort schneller werde, Emotion zulege oder mit der Stimme, mit Tempo, mit Gestik oder Mimik spiele etc.. Es wird hier also bereits sehr früh der gesamte Charakter mit dem, was er generell aussagen will und mit allem, was ihn ansonsten ausmacht und was er im gesamten Stück (oder Roman oder Film) beiträgt und vermittelt, gekoppelt - und DARÜBER wird dann der Text mehr und mehr aufgenommen.

Das Nachvollziehen des emotional und gedanklich logischen Aufbaus des Textes hilft sehr, sich genau diese Schritte klarzumachen und darüber ganz natürlich von einem Satz zum nächsten, von einem Abschnitt zum nächsten, von einer Seite zur nächsten zu finden. Ich lerne auf diese Weise mehrere DinA4-Seiten hintereinander auswendig, mache dies nur nebenher hier und da am Tag, und zwischendurch, beschäftige mich also nicht intensiv und stundenlang mit 4 Seiten Text - aber ich habe nach ca. 4-5 Tagen dann nicht nur 4 dichtbedruckte Steiten sicher auswendig gelernten und reproduzierbaren reinen Text zur Verfügung, sondern die Sache wäre dann zugleich präpariert, um auch gespielt vorgetragen zu werden - innerhalb einer Rolle, mit Emotion, Stimme, Körpersprache und allem, was letztlich dazu gehört - und nicht lediglich als aufgesagter Text, wie man einen solchen z.B. . in der Schulzeit "aufzusagen" gewohnt war.

Der Text muss so verinnerlicht werden, dass er Leben erhält, dass Zuschschauer ihn hören, sehen, fühlen, den Inhalt samt dem Charakter, der ihn darbringt, erleben wollen und können. Diese "Belebung" einer Reihe von Worten, Zeilen, Abschnitten, Seiten ist der wesentliche Punkt, an dem aus einem Haufen Text ein Charakter zu erzählen beginnt, so als würden die Dinge JETZT zum ersten Mal gesagt - und exakt diese Entwicklung am Text ist das Wesentliche, was dann die vielen Kopplungen auf unterschiedlichen Ebenen stattfinden lässt, die das Erlernen von so viel Text erst möglich machen.

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@MissMarplesGown

Teil 2:

Dies muss lange geübt werden, es ist kein "Trick", sondern man lernt dies über die Erfahrung mit Texten und Spielen und auch über die Anknüpfung an das im Schauspieltraining Erlernte. Wenn es um Theater geht, sollte ein Text immer auf der gesamten Basis erarbeitet und eingeprägt werden, auf der er erzählerisch, szenisch, charakterlich etc. "stattfindet". Er muss also bereits über den Prozess des Erlernens und Einprägens ganz dicht an den Charakter heran gearbeitet werden, dann werden die vielen Details seiner Aussagen logisch und emotional nachvollziehbar und beginnen einen roten Faden zu spinnen, der dann nur noch verfolgt werden muss. Dazu wiederum braucht es eine gute Konzentrationsfähigkeit und ein Training, an der Rolle zu bleiben und sich beim Spechen und Spielen innerhalb dieses imaginären Fahrwassers zu bewegen und dort zu bleiben, bis man "durch" ist.

Beim Theater ist dies am Stück nötig, beim Film geschieht dies Häppchenweise und in kleinen Sequenzen.

Das ist Schauspiel. Hier gibt es keine "Tricks", sondern erlernte Technik, Talent, trainierte Fähigkeiten, geistiges Nachvollziehen und Verstehen der Inhalte sowie Erfahrung - dies sind die Werkzeuge zum Erlernen solcher Massen von Texten. Wer hier knapp "Tricks" beschreibt, hat keine Ahnung von der Komplexität von Schauspiel, das nun einmal bereits bei der Entwicklung der Rolle anhand ihrer Texte beginnt. Es wäre contraproduktiv, beim Erlernen des Textes NICHT über den Charakter und seine innere und äußere Story zu arbeiten.

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Die Schauspieler müssen nicht so viel aus wendig lernen weil die Regisseure es für Part Part machen das ist zwar mehr Arbeit aber es lohnt sich also die Schauspieler lernen z.b. den 1. Part auswendig und danach wird der 1.part gefilmt usw.

Also mir ist das immer leicht gefallen, ich konnte seitenweise Text auswendig lernen, innerhalb kurzer Zeit. Ich hab es immer so gemacht: 1. Zeile gelernt, 2.Zeile dazu und immer alles zusammen aufgesagt, dann immer eine Zeile dazu und immer den ganzen Text aufgesagt und wenn der saß, wieder eine Zeile dazu, bis der ganze Text im Kopf war.

jey, warst du auch beim theater oder beim film? wenn ja, ich hätte noch ein paar fragen! :D danke schon mal für die erste antwort!

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@taxey

Oh je, das ist lange her, ich habe mehr als 20 Jahre nichts mehr fürs Theater gemacht, aber die Angewohnheit, Texte zu behalten, ist geblieben.

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