Welche Kennzahlen weisen auf eine (drohende) Insolvenz?

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1 Antwort

Die Kennzahl "Liquidität II. Grades" ist der deutlichste Faktor für eine drohende Insolvenz, bzw. ein grellroter Marker für dringenden Handlungsbedarf.

Wenn die Liqui II deutlich unter 100% liegt, drohen mittelfristig Zahlungsschwierigkeiten, und es müssen Mittel aus der Liquidität III. Grades verflüssigt werden.

Ist auch die Liqui III unter 100%, liegt ein gravierendes Liquiditätsproblem vor, und es müssen Mittel von außen beschafft werden (Kredit- oder Kapitalaufnahme).

Ist auch das nicht möglich, steht die Insolvenz nahezu unausweichlich an.

 

Grundsätzlich ist auch eine Überschuldung der Indikator für eine drohende Zahlungsunfähigkeit. Befindet sich ein "nicht durch Eigenkapital gedeckter Fehlbetrag" auf der Aktivseite der Bilanz, bedeutet das schlicht, dass mehr Schulden als Vermögenswerte (zu Buchwerten) vorhanden sind.

Eine Fortführung des Unternehmens ist dann z.B. nur möglich, wenn die Stillen Reserven die Situation wieder umkehren würden, bei positiver Fortführungsprognose...

So ohne weiteres darf man die Stillen Reserven aber nicht in der Buchhaltung aufdecken - zumindest nicht nach HGB.

 

Tricksereien:

Die beliebtesten - legalen - Tricksereien finden rund um den Geschäfts- und Firmenwert (Goodwill) an. Auch mit selbstgeschaffenen immateriellen Vermögensgegenständen lässt sich einiges manipulieren.

Dabei wird die Aktivseite künstlich aufgebläht. Da auf der Passivseite aber keine zusätzlichen Schulden entstehen, erhöht sich - wer bleibt noch übrig? - das Eigenkapital.

Finanzanalysten lassen sich davon aber nicht täuschen. Sie rechnen bei ihrer Analyse beide vorgenannten schlicht raus, und kommen dann entsprechend zu einem düsteren Rating.

Bei der Bewertung von Langzeit-Rückstellungen z.B. setzt man willkürlich einen höheren Abzinsungssatz ein (nach HGB nicht so ohne weiteres erlaubt, in IFRS aber durchaus möglich), wodurch ein geringerer Barwert der Rückstellung entsteht.

Bei dem Barwert eines Produktionsgutes (nach IFRS) macht man es genau umgekehrt. Man setzt einen niedrigeren Zinssatz an. Der Discounted Cashflow - also die Summe er erwarteten zukünftigen Einzahlungen des Produktionsgutes - steigt dann plötzlich.

Oder man aktiviert ganz großzügig Entwicklungskosten, obwohl das Produkt und dessen Marktakzeptanz in den Sternen steht.

Mojoi 05.07.2017, 17:17

Google mal Gowex. Das war ein spanischer Anbieter für WLAN-Hotspots.

Der hat seine Bilanzen so geschickt getrickst (hier allerdings schon mit krimineller Energie), dass man bei oberflächlicher Betrachtung nichts auffälliges bemerken konnte, auch nicht bei der Analyse der Kennzahlen.

Das Unternehmen Gotham City hat die verschiedensten Kennzahlen auf Logik und Konsistenz untereinander geprüft (was normalerweise kein Finanzanalyst macht) und hat sich mit den Kennzahlen der Wettbewerber der Branche vertraut gemacht und Auffälligkeiten im Vergleich gesucht.

Bei dieser Geschicht ist es einerseits Bombe, wie Gowex seine Zahlen erfolgreich gefälscht hat, andererseits aber auch wiederum Bombe, mit welchen Kniffen und Gedankenexperimenten Gotham City das entlarvt hat.

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