Was sind die Ursachen von Sado/Masochismus?

27 Antworten

SM : Krankheit?!

Es gab mal eine Zeit, da wurde Dissoziation für eine Krankheit gehalten. Heute ist sich die Psychiatrie da nicht mehr (eindeutig / einstimmig) sicher. Kein Wunder, zumal wir keine Ahnung davon haben, was Persönlichkeit, Identität, Bewusstsein, Un(ter)bewusstsein eigentlich sind. Wir klassifizieren sie nach ihren Symptomen und beobachten die Wechselwirkungen. Wir schreiben überall "Normal" drüber, wenn die Allgemeinheit oder das, was man dafür hält mangels besseren Wissen oder ehrlichen Umfragedaten das auch so praktiziert / ist / darstellt / mag und dergleichen. Jeden Ausreisser davon bezeichnen wir daher als abnormal - und was also vermeintlich ungewöhnlich ist, ist automatisch eine Krankheit. Denn pro Körper nur eine Person, nein, nehmen sie den nächsten Körper, dieser hier ist schon besetzt! So bleibt unser Leben überschaubar - und die Sonne dreht sich auch weiterhin um die flache Erdscheibe... Es gibt glücklicherweise Psychiater, die das in Frage stellen. Hauptsächlich deswegen, weil wir kaum etwas WIRKLICH über uns selbst wissen.

SM ist ein ventilartiges Reizspiel.

Es wird mit sexuellen Machteffekten gereizt. Abnormal? Dann ist jegliches Angestelltenverhältnis auch abnormal. Denn auch hierbei hat einer Macht (der Chef / die Chefin) und einer muss ackern und hat nix zu melden. Unsere ganze menschliche Gesellschaft ist auf solchen Hierarchien gebaut, das fängt schon in der Familie an. Das Kind möchte durchs Leben geführt werden, solange es noch nicht erwachsen ist. Denn alleine schafft ein Kind das nicht. Das kann sich einprägen, es kann sich kombinieren mit anderen Faktoren, seien sie gefühlstechnisch positiver oder negativer Natur und findet im Akt der Liebe seinen sexuellen Katalysator bzw. sein Ventil.

Ein Beispiel für einen Hintergrund: Viele Mädchen hängen ihren Vätern nach. Einige wollen sogar insgeheim mit ihnen schlafen, haben zumindest solche Phantasien. Wie ist das zu erklären? Möglicherweise so, dass sich das Anlehnungs- und Schutzbedürfnis abstrakter Natur mit der Person im "Bauch" verbindet, zu der man volles Vertrauen hat. Unsere Gefühle werden nicht von uns gesteuert, sie tauchen wie Ideen auf. Genauso entstehen dann entsprechende Muster, die nach irgendeiner Vergegenständlichung trachten, nach einem Ventil, um verarbeitet, gelebt werden zu können. Unsere Tränen behielten wir ja auch nicht für uns, wenn wir traurig waren. Dominante Persönlichkeiten entsprechen diesem Muster später.

Beim Liebesakt werden wir sprichwörtlich zu Tieren, selbst die Schmusekuschler. Aus und Vorbei das Schön- und Hochgeistige, wir werden von "niederen" Trieben regiert. Im wahrsten Sinne des Wortes, denn das limbische System, also die Etage in unserem Hirn unterhalb des Neokortex ist dabei am aktivisten. Evolutionär gesehen haben wir diesen Hauptpart des Hirns von den Tieren geerbt. Wir sind nur in unserer Grosshirnrinde ein Wesen mit edlen Tugenden. Moral, Gerechtigkeitssinn, Kalkulationen, all das findet man nur dort, so scheint es. Aber das ist nicht alles, was wir sind. Letztlich, ob es uns passt oder nicht, besitzen wir auch einen tierischen Teil, der beim Sex aktiv wird. Auf welche Weise - das bleibt jedem selbst überlassen. Wichtig ist SM von Vergewaltigung oder gar Pädophilie (was auch eine Vergewaltigung ist) zu unterscheiden. Letztere definieren sich dadurch, dass der sexuelle Akt GEGEN den Willen eines Beteiligten stattfindet, bzw. selbst im seltenen Fall, wo Kinder das tatsächlich wollen: wie viele andere Dinge auch, können sie auch dies nicht für sich selbst entscheiden. Ihre Reifung ist noch nicht abgeschlossen, Schäden sind vorhersehbar und wahrscheinlich. Ein extremer Grenzfall ist dann gegeben, wenn einer der beiden Erwachsenen bewusst zu Schaden kommen will. Zum Beispiel offensichtlicherweise beim Kannibalismus. Das Leben ist ein schützenswertes Gut, Sex hat einen psychologisch motivierten Hintergrund, dient der Bereicherung des Lebens und dessen Fortsetzung im Falle einer Zeugung. Keines von beiden lässt sich mit dem genannten Extrembeispiel kombinieren, daher steht es auch meines Erachtens nach völlig richtig und rechtens unter Strafe. Wir sind weder reine Vernunftswesen, noch triebgesteuerte Tiere, sondern eine Mischung aus beiden. Für die Ambivalenzen, die sich daraus ergeben, gibt es aber in unserem geregelten Alltag keinen Platz, daher finden sie Ihre Bühne beim "Akt" :). Diese Ambivalenzen sind in jedem Menschen drin. Oder wie kann man sonst erklären, dass eine ganze Ecke Frauen brutale Schlägertypen ablehnt, mit Kuschelbärchies aber langfristig gesehen auch nicht glücklich wird? Oder dass Männer reine "Hinterherlauf-"Freundin über kurz oder lang langweilig und sexuell abturnend finden, während sie bei Hausdrachen als Lebenspartnerin schnell Reißaus nehmen? Und selbst das kann man nicht verallgemeinern, denn es gibt für beides Gegenbeispiele. Letztlich kann man feststellen, dass der Mensch in Symbiosen leben möchte. SM ist eine solche.

Ich versuche es mal ganz kurz:

Die sadomasochistischen Neigungen entspringen den vielfältigen Formen der Misshandlung in Kindheitstagen. Das wird dann durchmischt mit der Persönlichkeit des Wesens, das da unbedarft auf die Welt kommt mit einem bestimmten, noch vollkommen unausgeprägten Grundcharakter. Und am Ende gibt es dann eben eine ganz breite Palette sadomasochistischer Bedürfnisse und Verhaltensweisen – manche wollen nur die psychische Erniedrigung (selbst erdulden oder ausüben), und am anderen Ende der Palette wird es manchmal schon ziemlich brenzlig (das sollten nur Leute machen, die sich wirklich zu 100 % gegenseitig vertrauen und die auch etwas vom menschlichen Körper verstehen, im physiologischen und medizinischen Sinne).

Spannender als der Sadomasochismus sind die Biografien, die dahinter stehen.

Du hast auf jeden Fall Recht -Daumen hoch- Aber das so zu lesen ... brachte mich grade einfach nur zum heulen...

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Also bist du der Auffassung das der Ursprung dieser Neigungen auf Missbrauchserlebnissen aus der Kindheit beruhen..?

Sehr interessant, keine Kritik nur hast du da Quellen oder Nachweise für. Würde mich sehr interessieren.

Danke

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@owl2mor

Sorry, wachse spät mit Antwort rüber...

Es gibt offenbar Ansätze in der Psychoanalyse, im Rahmen derer unmittelbare Schlüsse gezogen werden. Laut einer "Wilma Maria" (die offensichtlich professionell als dominante Dienstleisterin tätig ist oder zumindest war) sind hier relevant: Sigmund Freud, Erich Fromm, Karen Horney, Wilhelm Reich, und ein Schweizer Ethno-Psychoanalytiker Fritz Morgenthaler. Weiterhin geht diese Dame (Protokoll eines Vortrags aus dem Jahre 2002: Wilma Maria, "Sado-Masochismus und Partnerschaft: Licht- und Schattenseiten von SM-Praktiken") auf einen - wie sie ihn benennt - New-Age-Papst und LSD-Spezialisten Stanislaw Grof ein. - Ich weise hierauf nur erweiternd hin; das heißt nicht, dass ich mich selbst mit deren Ansätzen und Theorien weitergehend auseinandergesetzt habe. Die beiläufige Einbeziehung solcher Darstellungen zeigt aber auf, dass man bei im Detail unterschiedlicher Gewichtung und Auslegung darin konform geht, dass frühkindliche und mithin vorgeburtliche oder Geburtserfahrungen die sexuelle Prädestination mitbestimmen. Ich selbst habe mich der Thematik nicht über die eigentliche "Psychoanalyse" angenähert und finde dem Menschen angemessenere Erklärungs- und Erkenntnismuster in der Primärtherapie. Arthur Janov hat in den 1960er und 1970er Jahren selbst als Therapeut praktiziert; später hat er sich auf die Lehre und auf die Publikation von Schriften beschränkt. Es gibt noch heute die einen oder anderen Bücher von ihm, die immer mal wieder neu in Taschenbuch-Form aufgelegt werden. Janov hat nie den Anspruch erhoben, im wissenschaftlichen Sinne eine "Theorie" aufzustellen. Das Erklärungsmuster dieses primär-therapeutischen Ansatzes lässt eindeutig auch Rückschlüsse zum Thema des Sado-Masochismus und sexueller SM-Praktiken zu. Dennoch bitte ich dringend, sich dabei nicht nur auf die frühkindliche Erfahrung rein körperlicher Gewalt zu versteifen! Auch die psychische Gewaltanwendung spielt eine erhebliche Rolle. Weiterhin sollten Geburtserlebnisse mit in Betracht gezogen werden (die den körperlichen wie auch psychischen Gewalterlebnissen zuzurechnen sind).

Weitere Hinweise: J. Konrad Stettbacher, "Wenn Leiden einen Sinn haben soll". Er hat als Schweizer Therapeut auch primärtherapeutisch gearbeitet, aber völlig unabhängig von Janov (hat seinen Ansatz auch unabhängig von Janov entwickelt!). Jean Leadloff, "Auf der Suche nach dem verlorenen Glück". Hat nichts mit Primärtherapie zu tun, trägt aber zum Gesamtverständnis bei (wichtig!). Frédérik Leboyer, "Geburt ohne Gewalt". Ein Frauenarzt und Geburtshelfer. Sehr aufschlussreich!!! Darüber hinaus verzichte ich auf die etwaige Darlegung einer mehr oder minder "kompletten Bibliothek" (nicht wörtlich zu nehmen!). Wenn Du an die erwähnten Bücher und Autoren kommen kannst und sie VERSTEHST, dann verstehst Du den Menschen! Aber ich muss warnen: Wenn Du diese Bücher frisst wie Brot, dann bleibt die Erkenntnis aus; wenn Du die Botschaften, Hinweise und Anstöße der Bücher verinnerlichst, dann geht der Weg dieser Erkenntnis nicht schmerzfrei ab.

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Das trifft sicher auf den einen oder anderen zu und bedarf dann vermutlich auch einer Behandlung, aber pauschalisieren würde ich das auch wieder nicht. Ich kann da auch nur aus eigener Erfahrung sprechen, aber ich empfinde kein Bedürfnis nach Bestrafung. Ich finde einfach die Vorstellung spannend mal die Kontrolle abzugeben oder zu übernehmen, beides gleichermaßen und ich finde der eigentliche Reiz kommt erst daher dass beide Partner wirklich wollen was sie da tun. Ich will damit nur sagen, zwischen sexuellem Sadismus und einer tatsächlichen Bereitschaft/Freude daran jemandes Grenzen zu überschreiten liegen Welten. Genausowenig verhalten sich masochisten zwangsläufig Selbstzerstörerisch oder haben Minderwertigkeitskomplexe. Ausnahmslos jede Form sexueller Vorlieben kann zu echter Gewalt führen wenn man sie nur lange genug verteufelt und unterdrückt.

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@Roland1988

Wenn das für Dich spannende Spielchen sind, um die Palette der sexuellen Ertrüchtigungen zu erweitern, dann ist das okay. Aber die Feststellung, dass Du "kein Bedürfnis nach Bestrafung" empfindest, greift in Fragen der sadomasochistischen Praktiken einfach viel zu kurz. Leider wirft aber die einschlägige Branche genau dieses Licht auf SM: (Fast) Alle Rituale, die man praktiziert findet, zielen auf "Bestrafung" ab. Aber im Kern geht es nicht um Bestrafung, sondern um SCHMERZ!

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Da du sinngemäß geschrieben hast "egal, in welcher Ausprägung", schildere ich mal mein Empfinden.

Wie es bei (und in) Menschen aussieht, die eine extreme Form des Sado-/Masochismus für ihre Sexualität oder Befriedigung brauchen, weiss ich nicht.

Aber einen gewissen Hang zur Unterwerfung/ Dominanz haben bestimmt viele Menschen. Ich glaube schon, dass viele Männer es reizvoll finden, ihre (Sexual)Partnerin (ein wenig) zu dominieren, ihr Anweisungen zu geben, die auch ausgeführt werden müssen, ihre Unterwerfung und ihre "Demut" und völlige Hingabe wahrzunehmen. Der Ton kann etwas bestimmter sein, der Mann darf feste zupacken und sich nehmen, was er möchte.

Als Frau kann man das als sehr lustvoll empfinden, wenn man "frei" und aufgeschlossen ist, sich mit dem (Sexual)Partner auf einer Ebene bewegt, sich ausserhalb des Bettes Respekt zollt und den anderen wertschätzt. Es ist nur ein sexuelles "Spiel". Macht und Unterwerfung sind keine Abnormalitäten... jeder Mensch übt in irgendeiner Weise Macht aus oder unterliegt auch mal Bestimmungen, wieso nicht auch bei der schönsten (Neben)Sache der Welt?

Mein Mann muss schon dominant sein... Einen Kuschelbären brauche ich nicht. :-)

Der Vorgang der Unterwerfung oder der Dominanz ist bereits in der Keimzelle der Evolution begründet und gehört sogar zu den Spielen der Machtkämpfe (Rudel). Nur krankhaft wird es dann, wenn diese Vorgänge zur Suchtbefriedigung herhalten oder wenn Lebewesen geqäult werden oder geqäult werden wollen. Das kann sexuell motiviert sein, muss aber nicht.

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Sicher sind keine ängste Ursache des Masochismus. eher ein erhöhtes Reizniveau bei den Neurotransmittern. Diese Studie ist sehr erhellend : "Konsensueller Sadomasochismus. Eine empirische Prüfung von Bindugsstil und Sozialisationseinfluss": http://psydok.sulb.uni-saarland.de/volltexte/2008/2339/pdf/HAFOS_76.pdf Das mangelnde Selbstbewusstsein scheint mir nicht Ursache, sondern Folge des Masochismus zu sein, in einer intoleranten, tabuisierenden Gesellschaft. das Gefühl, nicht normal zu sein, mit niemandem reden zu können, Lust zu haben, aber von normalen Männern immer nur angeödet zu sein - das bringt das Selbstwertgefühl ganz schön ins Wanken! hat man dann aber den richtigen Partner gefunden, der den dominant-sadistischen Part uebernimmt: aus meiner Erfahrung kann ich mit vollem Selbstbewusstsein und mit der Sicherheit, dass ich keine traumatischen Kindheitserlebnisse habe, sagen: es ist die Erfüllung. und je mehr man liebt, umso mehr kann man geben. noch ein Literaturtipp, von einer, die wirklich recherchiert hat: "Sina-Aline Geißler: Lust an der Unterwerfung. Frauen bekennen sich zum Masochismus.". eine Erkenntnis dieses Buches ist, dass gerade oft gebildete, beruflich erfolgreiche Mittelstandsmaedchen, die eine gewaltfreie, z. T. Antiautoritaere Erziehung genossen haben, masochistische werden und sich in der Sexualität unterwerfen wollen. umgekehrt sind die dominant-sadistischen Männer im normalen Leben die bestens Freunde, hören zu, sind einfühlsam und wertschätzend. Gegensätze gehören zum Leben. man muss für sich selbst die Synthese betreiben. sich nicht pathologisieren lassen und glücklich werden. der Sadomasochistische Bundesverband setzt sich z. B. Dafür ein, dass SM aus dem Krankheitskatalog unter Sexualstörungen herausgenommen wird, weil es eine veraltete Ansicht ist und viele Studien zeigen, dass SM Eine Präferenz, aber keine Krankheit ist, so wie Homosexualitaet ja auch mittlerweile als normal und gesund anerkannt ist. So, nun genug, von einer glücklichen, selbstbewussten, aber doch ganz devoten Masochistin.

Gute Frage die ich mir auch schon gestellt hab. Aber warum, wieso, weshalb weiß ich auch nicht. Lustempfinden, Spaß, Persönlichkeit, Kindheit. Es wirken sicher viele Faktoren zusammen und bei jedem auch wieder andere.

Zu der Diskussion krank oder nicht, kann ich nur sagen, dass uns die Amerikaner mit ihren Diagnosekriterien (DSM) einen Schritt voraus sind: "Die Phantasien, sexuell dranghaften Bedürfnisse oder Verhaltensweisen verursachen in klinisch bedeutsamer Weise Leiden oder Beeinträchtigungen in sozialen, beruflichen oder anderen wichtigen Funktionsbereichen." Erst wenn das erfüllt ist wird die Diagnose gestellt. In Deutschland gilt der ICD, in dem dieses Kriterium noch nicht aufgenommen ist. Wenn hier von Perversion usw. gesprochen wird sollte vielleicht bedacht werden, dass auch Homosexualität bis 1991 im ICD als Krankheit aufgeführt war...

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