Was bedeutet "spießig"

3 Antworten

Ich leihe mir mal eine Antwort von meinem nicht mehr aktiven Freund "schlaumeier1012" aus:

Der Grundzug des Spießertums ist die Pose. Es ist die Anpassung an etwas, das man deshalb für angebracht hält, weil es den Applaus der Umstehenden einbringt, weil es "angesagt" ist.

Ein Spießer ist, wer über Alternativen verfügt, aber den Weg der Anpassung wählt, wissend, dass vordergründige Stromlinienform sein herausragendes Persönlichkeitsmerkmal darstellt, ein Feigling vor den Trends und zeitgeistigen Grundbegriffen, Moden und Etiketten, einer, der (und eine, die) dem Nachgeplapper von Begriffen und Ideologien mehr Raum gibt, als dem eigenen Gedanken.

Spießertum, das ist eine künstliche, gekünstelte, nicht so ganz ehrliche Mentalität, ist der Opportunismus, der nur jubelt, weil es der Situation entspricht. Spießertum ist die Wahl der bequemen Option.

aus: Holger Rust: "Die Revolution des Spießertums: Wenn Dummheit epidemisch wird", Quadriga-Verlag

Diese Definition weicht in interessanter Art teilweise von meiner eigenen, zwei Minuten später abgeschickten Definition ab.

Während nach meiner Definition der Spießer "altmodisch" ist, richtet er sich nach der Schlaumeier-Definition gerade nach den neuesten, gerade angesagten Modetrends. Die Schnittmenge dieses scheinbaren Widerspruchs ist wohl, dass der Spießer sich in opportunistischer Weise an Konventionen hält.

Wenn sich die gesellschaftlichen Konventionen ändern, dann ändern sich auch die Meinungen und das Aussehen des Spießers, der sein Fähnchen nach dem Wind hängt.

Nehmen wir aber einmal an, dass es gesellschaftliche Konvention wäre, tolerant, liberal, avangardistisch und weltoffen zu sein und in kreativer Weise neue Ideen zu verwirklichen, wäre es dann auch spießig, tolerant, liberal, avangardistisch und weltoffen zu sein un in kreativer Weise neue Ideen zu verwirklichen?

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@Paguangare

Nehmen wir aber einmal an, dass es gesellschaftliche Konvention wäre, tolerant, liberal, avangardistisch und weltoffen zu sein und in kreativer Weise neue Ideen zu verwirklichen, wäre es dann auch spießig, tolerant, liberal, avangardistisch und weltoffen zu sein un in kreativer Weise neue Ideen zu verwirklichen?

Nein, das wäre nicht spießig!

Es wäre aber spießig so zu tun, als ob man tolerant, liberal, avantgardistisch und weltoffen ist, sich so auf auf ein Podest stellt, sich abgrenzt oder Zugehörigkeit demonstriert, andere des Spießertums bezichtigt, um sich so in der Pose des toleranten, liberalen, avantgardistischen Weltbürgers zu präsentieren.

PS Wir alle sind ein wenig spießig - kein Grund zur Beunruhigung!

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@PeVau

Ist Spießertum denn grundsätzlich mit einer negativen Konnotation besetzt, oder gibt es dem auch positive Seiten abzugewinnen?

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@Paguangare

Gute Frage! Allerdings fällt mir nichts ein, was positiv sein könnte.

Wir sollten uns aber nicht allzu sehr über Spießer aufregen, denn das wäre wohl ziemlich spießig. ;-)

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@PeVau

Stellen wir uns einmal einen spießigen Grundschüler vor:

Er kommt grundsätzlich rechtzeitig zum Unterricht, hat immer alle Arbeitsmaterialien parat, hat immer seine Hausaufgaben vollständig gemacht. Sein Schriftbild ist sehr ordentlich und strukturiert.

Er passt immer auf, was die Lehrerin sagt und schreibt fleißig mit. Er läßt sich niemals ablenken, spricht nicht dazwischen, meldet sich, wenn er etwas weiß. Dass er bei der Sache ist, macht er auch dadurch deutlich, dass er kluge Anmerkungen hervorbringt und konstruktive Zwischenfragen stellt.

An sich interessiert er sich nicht für die Unterrichtsinhalte, d.h. wenn sie nicht im Unterricht dran wären, würde er sich nicht damit beschäftigen. Er erweckt aber immer nach außen einen interessierten Eindruck.

Da er immer gut gelernt hat, erzielt er auch gute bis sehr gute Noten.

Er ärgert niemals seine Mitschüler und benutzt grundsätzlich keine Schimpfwörter, da er weiss, dass seine Lehrerin so etwas missbilligen würde. Schwächeren Mitschülern hilft er bereitwillig, weil er weiß, dass das von ihm eingefordert wird und ihm zusätzliche Sympathiepunkte bei der Lehrerin bringt.

Wenn Dienste von ihm eingefordert werden, erfüllt er sie immer ohne Murren. Nie protestiert er gegen irgendwelche Forderungen, die an ihn gestellt werden.

Bei Streichen beteiligt er sich nicht. Jedoch verrät er seine Mitschüler nicht, weil er weiß, dass seine Lehrerin keine Denunzianten schätzt.

Solch ein Schüler ist also total spießig, angepasst, brav und opportunistisch. Nun ist doch Spießertum angeblich negativ. Das müsste dann aber heißen, dass die Lehrerin etwas an diesem Schüler auszusetzen haben müsste. Sie müsste versuchen, ihn von diesem Spießertum wegzubringen. Wird sie dies machen?

Vermutlich nicht. Im Gegenteil wird der Schüler gute Beurteilungen für seine überfachlichen Kompetenzen bekommen.

Was schließen wir hieraus?

  • Hat die Anpassung an gesellschaftliche Konventionen nicht auch etwas Positives? Was wäre denn, wenn sich alle ständig als Rebellen gebärden würden?

  • Ist Schule einfach eine spießige Institution, die die Hervorbringung spießiger Charaktere fördert?

  • Sollten Erziehungspersonen mehr darum bemüht sein, die zu Erziehenden zum Widerspruch und zum eigenständigen Denken anzuregen? Wie aber ist das möglich, wenn ich mir als Lehrer einen Idealschüler wünschen würde und diesem dann erzählen würde, er solle gefälligst nicht meinen Erwartungen entsprechen, weil das sonst spießig wäre?

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@Paguangare

Ich denke nicht, dass es spießige Grundschüler gibt. Einübung gesellschaftlicher Spielregeln gehören zum notwendigem Lern- und Entwicklungsprozess. Dieses Beispiel scheint mir ungeeignet.

Ein Spießer ist nicht jemand, der sich anpasst, sondern jemand, der sich wider die Vernunft anpasst, um zu gefallen. Da bin ich auch schon beim ersten Satz meiner Antwort: "Der Grundzug des Spießertums ist die Pose."

Jetzt zu unterscheiden, was Pose ist und was nicht, dürfte nicht immer leicht fallen.

Bei jemandem, der Ordnung, Pünktlichkeit und Akkuratesse wie ein Banner vor sich her trägt, um anderen zu zeigen, wie schlecht sie sind und um sich selbst über die anderen zu erheben, ist es ziemlich einfach. Das ist ein Spießer! (Und wenn er auch noch einen röhrenden Hirsch an der Wand und eine Schrankwand "Eiche rustikal" im Wohnzimmer stehen hat, sowieso!) ;-)

Dass heißt aber noch lange nicht, dass jemand, der ordentlich, pünktlich und akkurat I S T und vielleicht gleichzeitig noch mit Hirsch und "Eiche rustikal" ausgestattet ist, schon alleine deshalb ein Spießer ist.

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@PeVau

Ich schließe daraus, dass man, um Spießer zu sein, ein bestimmtes Mindestalter haben muss. Spießer im Kindesalter kann es nicht geben. Es muss also einen Unterschied zwischen "Streber" und "Spießer" geben. Wo liegt denn dieser Unterschied?

Außerdem hatte ich früher gedacht, dass die Spießer von ihren eigenen reaktionären Ansichten und Verhaltensweisen wirklich überzeugt seien, und dies nicht aus dem Grunde tun, weil sie posieren wollen. Wer so engstirnig ist wie ein Spießer, bleibt doch auch gegen äußere Widerstände bei seinen alten Ansichten und wiederholt verbohrt immer dieselben Sprüche, auch wenn er sich dabei lächerlich macht und Spott erntet. So etwas kann man doch nicht als "Posieren" bezeichnen.

Ist diese Sicht des Begriffs "spießig" nun völlig falsch, oder könnte daran auch etwas Wahres sein?

Und wer besitzt überhaupt die Deutungshoheit über den Begriff "Spießer" und "spießig"?

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@Paguangare

Unterschied zwischen Streber und Spießer? Gibt es denn überhaupt Streber? Oder ist das nur ein Kampfbegriff, mit dem gute Schüler von anderen Schülern denunziert werden?

Ist „spießig“ wirklich ein Synonym für reaktionär und konservativ? Ein Mensch, der seine Einstellungen und sein Verhalten halbwegs vernünftig begründen kann, ist doch noch kein Spießer, nur weil seine Ansichten konservativ und reaktionär sind. Wenn seine Hauptbeweggründe aber aus „Das war schon immer so!“, „Was sollen die Nachbarn denken? usw. besteht, dann kann man wohl davon ausgehen, dass es ein Spießer ist. Vernunft ist also auch ein Kriterium, das Spießertum ausschließt.

Die Attitüde, die den Spießer ausmacht, besteht nicht nur im Posieren vor anderen, sondern auch vor sich selbst. So wird die Pose Bestandteil der Persönlichkeit. Da kann es schon passieren, dass man sich als Fels in der Brandung sieht und als einziger dem Untergang des Abendlandes trotzt.

Ein Kretin, der sich für einen Kunstliebhaber hält, deshalb von Ausstellung zu Ausstellung pilgert und die Exponate mit Kennermiene betrachtet, obwohl er nichts versteht, ist ein Spießer, der sich für einen Kunstliebhaber hält. Er glaubt daran, ein gebildeter Kunstliebhaber zu sein. Rate mal, wie der oder die auf jemanden reagiert, der offen zugibt, nichts mit Kunst am Hut zu haben.

Ob die Sicht des Begriffes „spießig“ richtig oder falsch ist, möchte ich nicht apodiktisch festlegen. Und wenn man überlegt, wer die Deutungshoheit über den Begriff hat, dann sollte man auch wissen, dass der Autor des in meiner Antwort genannten Buches ein ehemaliger Berater von Helmut Kohl war. Als solcher hatte er vielleicht auch ein Interesse daran, den Begriff „Spießertum“ aus seinem alleinigen konservativ-reaktionären Kontext zu lösen. Ein interessanter Denkansatz ist das allemal.

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"Spießig" bedeutet: Wie ein Spießbürger, also ein engstirniger Kleinbürger.

Dieser hat bestimmte Moralvorstellungen und bevorzugt eine bestimmte Geschmacksrichtung, z.B. bei der Kleidung oder der Wohnungseinrichtung.

Die Moralvorstellungen eines Spießbürgers sind konservativ, intolerant und autoritätshörig.

Was ein Spießbürger gar nicht abkann, sind Verstöße gegen Sekundärtugenden, wie Ordnung, Sauberkeit, Pünktlichkeit.

Er liebt es, über andere Leute zu meckern, die nicht seinen Vorstellungen entsprechen, und sie zurechtzuweisen.

Der Geschmack eines Spießbürgers ist altmodisch oder konventionell, scheußlich, weder elegant noch frisch.

Von der Sexualmoral her ist er prüde.

Frauen sieht er am liebsten als Hausfrau und Mutter. Kinder sollen ihren Eltern gehorchen.

Zum Lachen geht der Spießbürger in den Keller, soll heißen er kennt keinen Humor.

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