Warum kein Paramedic-gestützter Rettungsdienst in DE?

Das Ergebnis basiert auf 8 Abstimmungen

Notarztgestütztes System beibehalten 87%
andere Antwort 12%
Paramedic-System wäre sinnvoll 0%

7 Antworten

Vom Fragesteller als hilfreich ausgezeichnet
Notarztgestütztes System beibehalten

Hi,

ich bin streng genommen kein Befürworter eines Rettungsdienstes, der ausschließlich mit nicht-ärztlichem Personal arbeitet - aus unterschiedlichen Gründen.

Ein Rettungsdienst, der rein nach dem anglo-amerikanischen System ("Load an Go") arbeitet, ist letztendlich auf den schnellen Transport ausgelegt - bei manchen Notfallbildern genau das richtige, bei anderen hingegen nicht sinnvoll.

Die Paramedics sind in einem solchen System auf sich allein gestellt - das hat zur Folge, dass diese sehr weitreichende Kompetenzen verfügen. Kann positiv sein (da unmittelbare Hilfe möglich), aber auch negativ (Anwendungsfrequenz vieler Maßnahmen zu gering, um darin wirklich geübt zu sein).

Zumindest in Deutschland haben wir die rechtliche Problematik des Arztvorbehalts - invasive Maßnahmen sind grundsätzlich dem Arzt vorbehalten, nicht alle können delegiert werden. Heißt: schon hier müsste man unter den derzeitigen Rahmenbedigungen Abstriche in der Patientenversorgung machen.

Hier wäre eine Anpassung der rechtlichen Rahmenbedingungen und auch der Ausbildung von nicht-ärztlichem Rettungsfachpersonal notwendig.

Davon abgesehen besteht einfach auch kein Bedarf, das bestehende System zu ändern.

Die Kombination aus qualifizierten Rettungsfachpersonal mit entsprechender Ausbildung und qualifizierten Notärzten mit klinischer Erfahrung halte ich für ein sehr effektives System und international gesehen auch eines der besten.

Weniger gravierende Notfälle werden zielgerichtet durch Rettungsassistenten und Notfallsanitäter abgearbeitet, bei schwereren steht der Notarzt zur Verfügung. Auch das macht das System durchaus effizient und flexibel.

Ein Manko bleibt allerdings: schon jetzt bewegen sich Notfallsanitäter in einer rechtlichen Grauzone bei Anwendung invasiver Maßnahmen - hier muss letztendlich Rechtssicherheit und bestenfalls bundesweit einheitliche Richtlinien für deren Anwendung geschaffen werden. Der "Pyramidenprozess" wurde leider vielerorts noch nicht umgesetzt.

LG

Zumindest in Deutschland haben wir die rechtliche Problematik des Arztvorbehalts - invasive Maßnahmen sind grundsätzlich dem Arzt vorbehalten, nicht alle können delegiert werden. Heißt: schon hier müsste man unter den derzeitigen Rahmenbedigungen Abstriche in der Patientenversorgung machen.

Wie du schon geschrieben hast, wäre für ein Paramedic System eine Änderung der gesetzlichen Grundlagen notwendig, so dass kein Nachteil für die Patienten entsteht.

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Der große Vorteil des Notarztes ist, dass er sehr viel flexibler ist. Notfälle halten sich naturgemäß nicht an Lehrbücher und Fallbeispiele, sondern können sehr viel komplizierter sein.

Nehmen wir einfach mal an, eine Frau hat einen hypertensiven Notfall; sie hat sich in irgendwas reingesteigert, und durch den Stress ist ihr Blutdruck durch die Decke geschossen, sodass es ihr schlecht ging, die Nase anfing zu bluten und so weiter. Es besteht eindeutig die Indikation, den Blutdruck vor Ort zumindest ein Wenig zu senken. Was macht der Notfallsanitäter? Er hat ein Medikament, das er geben darf, nachdem die Kontraindikationen ausgeschlossen sind. Oh mist: die Frau ist schwanger, da darf er dieses Medikament nicht geben. Nun könnte er handeln wie ein Paramedic: die Frau einfach einpacken und ins Krankenhaus düsen. Was sicherlich den Stresspegel erhöht, die Leidenszeit verlängert und somit nicht optimal ist.

Was kann ein Notarzt machen? Nun, er ist berechtigt, Medikamente auch außerhalb ihres eigentlichen Nutzungszwecks anzuwenden, der sogenannte "off-label-use". Vielleicht kennt er ein Medikament, das zwar nicht zum Blutdrucksenken gedacht ist, aber auch diese Wirkung hat, ansonsten kaum was bewirken dürfte und somit ausprobiert werden kann. Oder er kann aufgrund seines fundierten Fachwissens entscheiden, dass die Schangerschaft vielleicht noch nicht so weit fortgeschritten ist, als dass das normale Medikament problematisch wäre.

Solche Fälle sind gar nicht mal selten. Es kann immer mal vorkommen, dass sich ein Notfall nicht lehrbuchmäßig darstellt oder aus sonstigen Gründen die verschiedenen Standard-Procedere nicht eingehalten werden können. Und ein Medizin-Studierter, der eben die Befugnis hat, auch außerhalb der Standards zu handeln, wird eine weitaus größere Rechtssicherheit haben, wenn er es tatsächlich anders macht als vorgegeben.

Andererseits hat man zumindest in unserem Rettungsdienstbereich festgestellt, dass Notärzte bremsen. Man hat vor einigen Jahren den Standard-Schlaganfall von der Notarzt-Indikationsliste entfert (es fährt also der Rettungswagen solo); ein Jahr später hat man die Einsatzzeiten verglichen: Mit Notarzt stand der Rettungswagen durchschnittlich 8 min länger vor Ort, bevor er in die Klinik startete. Obwohl er auch nur eine Untersuchung durchführt, Sauerstoff gibt und ne Infusion legt - im Bedarfsfall noch den Blutdruck moderat senkt. Die gleichen Maßnahmen stehen auch unseren RAs und NotSan zur Verfügung, und sie sind schneller. 8min! So viel machst du kaum kaputt, wenn du statt mit Sonderrechten ohne fährst.

Unterm Strich: Ich finde das Notarztsystem sehr sinnvoll, weil es der Individualität der Einsatzrealität entspricht. Man muss aber sichergehen, dass die Notärzte die SOPs kennen und sich zwecks Zeitersparnis daran halten, wenn nichts dagegen spricht.

Woher ich das weiß: Berufserfahrung
Notarztgestütztes System beibehalten

Der Notfallsanitäter hat eine deutlich umfassendere Ausbildung als ein Rettungsassistent und kann/darf mehr Maßnahmen anwenden. So kommt es teilweise vor, dass der Patient schon vollständig versorgt ist, auch medikamentös, wenn der Notarzt eintrifft. Dennoch sieht das NotSanG weiterhin eine notärztliche Therapie bei lebensbedrohlichen Erkrankungen und Verletzungen vor. Der Notfallsanitäter bleibt in diesen Fällen also ein "Überbrücker", auch wenn er innerhalb dieser Zeit deutlich mehr machen kann als sein Vorgänger, der Rettungsassistent, ist er kein Ersatz für einen Notarzt in lebensbedrohlichen Fällen. Dazu müsste man die Ausbildung nochmal verändern und klarere Kompetenzen schaffen. Eine komplette Abschaffung des Notarztes halte ich für nicht sinnvoll, wobei ich schon der Meinung bin, dass der Notfallsanitäter mehr eigenständig abarbeiten könnte, den Notarzt sollte man als Backup aber behalten.

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