Warum ist Sokrates nicht geflohen?

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Gründe für die Achtung vor den Gesetzen stehen bei Platon, Kriton 46 b – 54 d.

Sokrates ist wegen angeblichen Religionsfrevels (Asebie; ἀσέβεια [asébeia]), da er nicht die von der politischen Gemeinschaft der Athener verehrten Götter verehre und ihre Existenz leugne, sie durch andere Gottheiten (seine innere Stimme, das Daimonion) ersetzen wolle und die Jugend verführt und verdorben habe, zum Tode verurteilt worden. Bis zur Vollstreckung dieses Urteils blieb ihm noch etwas Zeit.

Freunde versuchten, ihn vor der Hinrichtung zu bewahren (Platon, Kriton 44 b – 46 a; Xenophon, Apomnemoneumata [griechisch: Ἀπομνημονεύματα; Erinnerungen an Sokrates; lateinischer Titel: Memorabilia]; Diogenes Laertios 2, 60 und 3, 36). Es gab die Möglichkeit, Gefängniswärter zu bestechen, Sokrates aus Athen wegzuführen und anderswo in Griechenland bei Gastfreunden von den Freuenden des Sokrates zu einem sicheren Ort zu bringen.

Freunde besuchten ihn im Gefängnis (wohl Juni 399 v. Chr.) und einer (nach Platon war dies Kriton; Diogenes Laertios 2, 60 und 3, 36 gibt an, Idomeneus habe geäußert, Aischines habe sich für eine Flucht ausgesprochen, Platon wegen einer Feindschaft mit Aischines dessen Argumente auf Kriton übertragen) legte ihm nahe, eine günstige Gelegenheit zur Flucht zu nutzen.

Sokrates ergriff nicht die Gelegenheit und angebotene Hilfe, vor der Hinrichtung zu fliehen, sondern blieb im Gefängnis. Sokrates lehnte eine Nutzung einer Fluchtmöglichkeit, um sich der Vollstreckung des Urteils zu entziehen, ab.

Offenbar war Sokrates überzeugt, mit einer Flucht Unrecht zu begehen.

Das Todesurteil gegen sich selbst hielt er für Unrecht, was für ihn aber kein von ihm in Vergeltung begangenes Unrecht seinerseits rechtfertigen konnte.

Offenbleiben muß, wieviel von der Argumentation, die im Dialog Platons im Einzelnen vorkommt, tatsächlich Auffassung und Motiv des geschichtlichen Sokrates gewesen ist.

Neben allgemeinen ethischen Gründen (ein wichtiges Argument ist, sich dem Rechtsverfahren durch Flucht zu entziehen, sei Gesetzesverletzung, was den Rechtsstaat beeinträchtigen kann; wenn sich Bürger beliebig über Gesetze und Rechtsurteile hinwegsetzen, zerfällt eine Rechtsordnung) werden auch Argumente verwendet, die in besonderen persönlichen Umständen liegen

Die Gesetze werden als Übereinkunft zwischen Staat und Individuum gedeutet.

Sokrates verdanke seine Existenz, seinen Lebensunterhalt, seine Erziehung, seine Teilhabe an vielem Schönen, sein ganzes langes Leben, das er führen konnte, letztlich den Gesetzen des Staates (der Polis) und ihrem Ordnungsrahmen. Die Gesetze seien noch mehr zu achten als die Eltern.

Sokrates habe die Verhältnisse im Staat und die Gesetze kennengelernt und hätte fortziehen können, wenn sie ihm nicht gefallen. Indem er dageblieben sei, habe er sich zu Gehorsam gegenüber den Gesetzen verpflichtet. Sokrates habe Athen fast nie verlassen, nur einmal zum Ansehen eines Festes am Isthmos von Korinth und sonst bei Feldzügen, mit dem athenischen Heer ziehend. Er habe ein langes Leben über Zeit gehabt, über die Gesetz Athens zu einer Beurteilung zu kommen, und sie gebilligt, ihnen Zustimmung gegeben und denen anderer Staaten durch sein Dableiben vorgezogen. Wenn einzelne Leute Rechtsurteile nicht gelten ließen, sondern sie beseitigten und zunichte machten, könne ein Staat nicht bestehen, sondern würde zerrüttet. Soweit an ihm liege, richte er den Staat durch Davonlaufen unter Mißachtung des Urteils zugrunde.

Flucht würde die Übereinkunft und ein Versprechen brechen und den Gesetzen, dem Staat und dem Vaterland Schaden zufügen.

Sokrates habe sich den Gesetzen immer in besonderem Maße verpflichtet gefühlt und nicht auf Verbannung plädiert (ein Antrag, dem die Richter nach dem Schuldspruch vermutlich erwartetet und wohl am ehesten für angemessen gehalten hätten; Sokrates hat vielleicht zuerst sogar eine Ehrung für sich vorgeschlagen und sich schließlich bereiterklärt, einen Strafe von 30 Minen zu zahlen; vgl. Platon, Apologie 36 d – 17 b; Platon, Kriton 53 c).

Flucht würde seine Freunde in Gefahr bringen.

Eine Flucht sei nicht mit seinem früheren Leben vereinbar. Seine Sache würde als unhaltbar gelten und die Richter mit ihrem schlechten Urteil über ihn als bestätigt dastehen lassen.

Eine Flucht bedeute in diesem Fall Schaden für die Seele (weil die Flucht Begehen von Unrecht ist) und Gefahr für sein Ansehen.

Bei einer Flucht stünde ihm ein unwürdiges Leben bevor.

In den nächstgelegenen wohlgeordneten Staaten würde er als Feind der Verfassung und Verderber der Gesetze gelten.

Ihm drohe eine abschätzige Meinung als alter Mann mit wahrscheinlich nur noch wenig übrigbleibender Lebenszeit (Sokrates war damals 70 Jahre alt nach Platon, Apologie 17 d; Platon, Kriton 52 e), der sich nicht scheue, durch Übertretung von Gesetzen nach einem längeren Leben zu gieren.

Zu dem Thema gibt es Darstellungen in Büchern, z. B.:

Klaus Döring, Sokrates, die Sokratiker und die von ihnen begründete Tradition. In: Sophistik, Sokrates, Sokratik, Mathematik, Medizin (Grundriss der Geschichte der Philosophie. Begründet von Friedrich Ueberweg. Völlig neu bearbeitete Ausgabe. Herausgegeben von Helmut Holzhey. Die Philosophie der Antike - Band 2/1). Herausgegeben von Hellmut Flashar. Basel ; Stuttgart : Schwabe, 1998, S. 163

Christoph Kniest, Sokrates zur Einführung. 2., verbesserte Auflage. Hamburg : Junius, 2012, S. 165

Michael Erler, Platon (Grundriss der Geschichte der Philosophie. Begründet von Friedrich Ueberweg. Völlig neu bearbeitete Ausgabe. Herausgegeben von Helmut Holzhey. Die Philosophie der Antike - Band 2/2). Basel ; Stuttgart : Schwabe, 2007, S. 116 - 121

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Sokrates war damals im Greisenalter von 70 Jahren - was für die damalige Zeit ein hohes Alter war. Für jemanden, der Zeit seines Lebens in Athen gelebt hat, der dort als tapferer Krieger und Philosoph einen Namen hatte, das alles aufs Spiel zu setzen, um in der Verbannung, der Fremde zu sterben mit der Tatsache, dass er durch seine Flucht seinen Feinden Recht gegeben hätte, sich selbst und seine Lehre beschädigt hätte und das weitere Auftreten seiner Freunde, das war für Sokrates ein zu hoher Preis. Ohne seine Standhaftigkeit würde heute niemand mehr von ihm sprechen. So ist er zu einem "Heiligen" der Philosophie geworden.

Viele märthyrer hätten fliehen können, aber das pflichtgefühl gegenüber einer art höheren aufgabe war wichtiger.

Einem eher logisch veranlagten geist kann man sowas wohl ebenso wenig erklären wie den sinn von glaube und kunst :-)

Lg max

Ähm, was denkst du denn, wie einfach es ist bzw damals war, aus einem Gefängnis auszubrechen???

es haben ihn viele die flucht angeboten und aus einigen aufzeichnungen geht hervor , dass man die wachen bestechen konnte... ... also war es möglich

nein es hatte ein philosophischen hintergrund denke ich

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@nadjanudel

Es gibt keinerlei eigene "Aufzeichnungen" von Sokrates. Alles, was man überihn weiß, weiß man lediglich aus Sekundär- und weiteren quellen! hast du mal selber stille Post gespielt...? Da geht es zumeist nur um einen einzigen banalen Satz! Hier um eine geschichte, die nur auf Hörensagen über jahrtausende hinweg basiert!

"Glaube denen, die die Wahrheit suchen, und zweifle an denen, die sie gefunden haben." André Gide

Ansonsten kannst du mal versuchen, bei deinem lehrer damit zu reüssieren, indem du sein verhalten als "Kadavergehorsam gegenüber einer abstrakten Norm" dechiffrierst. immerhin unterwirft er sich einer Strafe, die wir heute mit Fug und Recht als unmenschlich und würdelos ansehen und verhält sich nach dem Moto "Führer befiehl, wir folgen dir!" Auf diese Form der normentreue hätte sich auch jeder KZ-Schlächter berufen können... :-)

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