"Eine Tugend ist die richtige Mitte zwischen zwei Lastern" ~ Aristoteles - Wie ist dies zu deuten?

4 Antworten

Im Internet wird „Eine Tugend ist die rechte Mitte zwischen zwei Lastern.“ als Aristoteles-Zitat angegeben und mit „Eine Tugend ist die richtige Mitte zwischen zwei Lastern.“ ist die Aussage sachlich zutreffend wiedergegeben.


Ob Aristoteles genau zitiert ist, erscheint mir zweifelhaft. Es fehlt ein Stellenbeleg.

Inhaltlich hat Aristoteles die genannte Auffassung vertreten.

Es sind dabei nicht zwei bestimmte Laster gemeint. Die Aussage ist allgemein auf Charaktertugenden/Vortrefflichkeiten des Charakters bezogen (nicht dagegen auf Verstandestugenden/Vortrefflichkeiten des Verstandes wie z. B. Klugheit und Weisheit, bei denen ein gesteigertes Ausmaß kein Zuviel sein kann, bei dem es sich um ein Laster/eine Schlechtigkeit handelt). Allerdings ist in der Aussage nicht enthalten, ein tugendhafter/vortrefflicher Mensch komme mit nichts in Berührung, von dem eine Versuchung ausgehen kann. Charaktertugend/Vortrefflichkeit des Charakters zeigt sich darin, sich nicht zu etwas Falschem verleiten/hinreißen zu lassen. Aristoteles versteht Charaktertugend/Vortrefflichkeit des Charakters als in der Mitte zwischen zwei Lastern/Schlechtigkeiten liegend, nämlich zwischen zwei einander entgegengesetzten Extremen, die beide das Richtige verfehlen. Seine Begriffsbestimmung macht darauf aufmerksam, daß Verfehlungen nach zwei Extremen hin geschehen können, einem Zuviel (Übermaß/Übertreibung) und einem Zuwenig (Zurückbleiben hinter dem Erforderlichen/Mangel).

Bei der Deutung ist es wichtig, das Vorhandensein von zwei Dimensionen berücksichtigen, eine Dimension des Seins/Wesens und eine Dimension des Wertes.

Bei der Charaktertugend der Tapferkeit besteht die Dimension des Seins/Wesens in dem Mut/der Zuversicht, die Dimension des Wertes in einer guten inneren Einstellung gegenüber dem, von dem Schrecken ausgehen kann. Tapferkeit ist in der Dimension des Seins/Wesens Mitte zwischen Tollkühnheit als Laster/Schlechtigkeit des Zuviel (Übermaß/Übertreibung) und Feigheit als Laster/Schlechtigkeit des Zuwenig (Zurückbleiben hinter dem Erforderlichen/Mangel). In der Dimension des Wertes ist dagegen Tapferkeit Äußerstes/Höchstmaß.

Heranzuziehen ist für die Deutung der Text von Aristoteles, Nikomachische Ethik 2, 5 – 9; 3, 9 – 15; 4, 1- 15; 5, 9.

Lehre von der Mitte (μεσότης [mesotes]):

Aristoteles versteht Charaktertugend/Vortrefflichkeit des Charakters allgemein und die einzelnen Tugenden/Vortrefflichkeiten des Charakters als (richtige) Mitte, die zwischen einem Zuviel (ὑπεϱβολή [hyperbole]; Übertreibung/Übermaß) und einem Zuwenig (έλλειψις [elleipsis]; Zurückbleiben/Mangel) liegt.

Die Tugenden/Vortrefflichkeiten des Charakters haben einen Bezug zu Affekten (Leidenschaften), die mit Lust und Schmerz verbunden sind (Aristoteles, Nikomachische Ethik 2, 2; 2, 4; 2, 5).

Aristoteles, Nikomachische Ethik 2, 6, 1106 b 36 – 1107 a 8:

„Die Tugend/Vortrefflichkeit (ἀετή [arete) ist also eine wählende/vorsätzliche Haltung/Einstellung (ἕξις [hexis]; lateinisch: habitus), die in der auf uns bezogenen Mitte liegt, die durch vernünftige Überlegung bestimmt ist, und zwar durch die, mittels derer der Kluge die Mitte bestimmen würde. Sie ist aber Mitte von zwei Schlechtigkeiten, einer des Übermaßes und einer des Mangels. Und ferner ist sie insofern Mitte, als die Schlechtigkeiten teils hinter dem, was in den Leidenschaften und Handlungen sein soll, zurückbleiben, teils darüber hinausschießen, die Tugend/Vortrefflichkeit aber das Mittlere sowohl findet als auch wählt. Daher ist die Tugend/Vortrefflichkeit nach ihrem Sein/ihrer Wesenheit/ihrer Substanz (οὐσία [ousia]) und ihrem Begriff, der angibt, was sie ist, Mitte, hinsichtlich des Besten und des Guten aber Äußerstes/Höchstes.“

Die Mitte (μεσότης) bei Aristoteles ist eine innere Haltung/Einstellung (denkbar ist, sie als eine Verhaltensdisposition zu bezeichnen), die auf ein richtiges Verhältnis zu Affekten (Leidenschaften) und auf das in einer Lage angemessene Verhalten ausgerichtet ist. Sie ist nicht mit Durchschnittlichkeit und Mittelmäßigkeit zu verwechseln, worauf volkstümliche Vorstellungen über einen goldenen Mittelweg (lateinisch: aurea mediocritas) leicht hinauslaufen.
Die Mitte bei Aristoteles ist auch nicht etwas, das für alle und immer stets quantitativ genau das Gleiche ist. Die gemeinte Mitte hat nicht einen mathematisch genau gleichen Abstand von Extremen. Sie kann je nach einer bestimmten Situation und der handelnden Person (z. B. sind Körperkraft und finanzielle Verhältnisse individuell unterschiedlich) unterschiedlich liegen und auch mal deutlich zu einer Seite hin.

Die Mitte der Sache hat den gleichen Abstand von den beiden Extremen und ist für alle Menschen ein und dasselbe (Aristoteles, Nikomachische Ethik 2, 5, 1106 a 29 - 31). Das Mittlere in Bezug auf die Menschen (auf uns) ist dagegen weder zuviel noch zuwenig, dies aber nicht für alle als ein und dasselbe (Aristoteles, Nikomachische Ethik 2, 5, 1106 a 31 - 32).

Sonderfall Gerechtigkeit: Bei der Gerechtigkeit gibt es eine gewisse Abweichung vom Schema. Wie Aristoteles selbst darlegt (Aristoteles, Nikomachische Ethik 5, 9, 1133 b – 1134 a), ist Gerechtigkeit eine Mitte der Sache, nicht eine Mitte „für uns“. Gerechtigkeit ist nicht etwas, das bei Steigerung falsch ist, sondern die von der Mitte der Sache abweichenden Extreme sind jeweils Ungerechtigkeit. Dies ist kein grundsätzliches die Richtigkeit der Lehre von der Mitte widerlegendes Argument, sondern eines gegen die starke Betonung der Mitte durch Aristoteles; Mitte zu sein, ist eine Erscheinungsform bei den Charaktertugenden, aber das entscheidende Wesensmerkmal ist das Angemessene und nach der praktischen Vernunft/Klugheit (φϱόνησις [phronesis]; sie verbindet ein Wissen über allgemeine Prinzipien mit umsichtiger und geschickter Anwendung im Einzelfall) Richtige.

Beispiele für eine bestimmte Charaktertugend/Vortrefflichkeit des Charakters:

Tapferkeit (ἀνδρεία [andreia]) ist Mitte zwischen Tollkühnheit (θρασύτης [thrasytes]) und Feigheit (δειλία [deilia]). Menschen können sich vom Schrecken übermäßig bestimmen lassen oder tatsächlich bedrohliche Gefahren nicht angemessen beachten. Beides ist falsch und hat nachteilige Folgen. Die Bedrohung fügt einen wirklichen Schaden zu oder Menschen lassen sich unnötig davon abhalten, ihre Lebensziele zu verwirklichen.
Wenn Menschen vor gar nichts Angst zu haben, steht dies zu kluger Überlegung in Gegensatz. Zwar ist bei der Tugend der Tapferkeit das Standhalten vor dem, das erschrecken kann, wichtig. Es kommt aber auf richtige Ziele und angemessene Beurteilung der Verhältnisse an. Ein Höchstmaß an Zuversicht in allen Fällen ist nicht gut, weil es auf eine dumme Selbstüberschätzung und eine Unterschätzung von Gefahren hinausläuft. Wenn tatsächliche Gefahren zu Unrecht geringschätzt und vernachlässigt werden, ist diese Tollkühnheit etwas, das Grund für ein Scheitern sein und unangenehme Folgen haben kann. Sie ist ein unvernünftiges Verhalten und ein Charakterfehler.

Freigiebigkeit (ἐλευθεριότης) ist Mitte zwischen Verschwendungssucht (ἀσωτία) und Knauserei/Geiz (ἀνελευθερία). Bei Verschwendung wird nicht ausreichend darauf geachtet, woher gegeben wird und was das ist, wofür ausgegeben wird. Es mangelt an kluger Auswahl: Das Nützliche und Angenehme ist im Verhältnis zum Aufwand gering. Beim Geiz ergibt sich kein schönes und gutes Leben. Auch der Nachteil im Bezug auf ein freundschaftliches Verhältnis zu anderen Menschen könnte angegeben werden.

Aristoteles stellte die ,,goldene Mitte´´ als Prinzip dar. So z.B. zwischen Tollkühnheit(Laster und Feigheit(Laster) liegt der Mut(Tugend),hat aber dabei nicht beachtet,auf welche Handlungen oder Verhaltensweisen sich diese 3 Dinge überhaupt beziehen.Das kann positiv,aber auch negativ ausfallen,ist daher auch Auslegungssache.Taugt daher nicht als Prinzip und ist schon vor langer Zeit widerlegt worden.Tollkühnheit kann mitunter dazu beitragen Menschenleben zu retten.Wäre in diesem Fall also kein Laster. Gruß

hi, ich interpretier das so. Zu jedem Pol gibt es einen Gegenpol. Man sollte aber nicht im einen, noch im anderen Extrem leben, sondern einen Mittelweg finden. Sozusagen soll man nicht Schwarz-Weiß denken. Es gibt auch Grauzonen. LG Korinna

52

In den beiden letzten Sätzen kommt es zu einem Hineinrutschen in eine falsche Deutung. Aristoteles unterscheidet deutlich zwischen guten und schlechten inneren Einstellungen, zwischen einem richtigen Handeln und einem verfehlten. In der Farbmetapher ist Tugend als Weiß zu denken, die Laster/Schlechtigkeiten (die Extreme) beide als Schwarz. Grau wäre Mittelmäßigkeit. Vielleicht hat die Nichtberücksichtigung der Dimension des Wertes (des Besten und des Guten) dazu beigetragen, die Aussage nicht voll zu verstehen.

2

Hallo Community bin Raucher wie werde ich zum Dampfer?

Hallo Leute , Ich bin seit 3 Jahren Raucher und habe eine Nikotinsucht und möchte mir das Rauchen abgewöhnen.Aber ich mag das Rauchen und möchte zur E Zigarette umsteigen.Denkt ihr dass es besser ist für meine Gesundheit wenn ich Dampfe und wie werde ich die Nikotinsucht los.Was für eine E Zigarette empfehlt ihr mir?Habt ihr Erfahrungen mit E Zigaretten und wie wirkt der Rauchstopp auf eure Gesundheit?

...zur Frage

Quellen richtig angeben in einer Hausarbeit?

Hallo!

Ich schreibe gerade meine Hausarbeit über Platons Dialog "Gorgias" im Fach Ethik (Lehramt). Das ist die erste wissenschaftliche Arbeit, die ich schreibe und ich bin daher noch sehr hibbelig und habe Angst etwas falsch zu machen.

Mir geht es um das richtige Angeben von Quellen. Ich weiß, dass ein wörtliches Zitat natürlich mit einer Quelle (in einer Fußnote oder im Text) hinterlegt werden muss. Das ist logisch. Ein indirektes Zitat bzw. nicht-wörtliches Zitat ja genau so, richtig?

Nun, wurde mir jetzt aus einigen Ecken gesagt, dass ich im Prinzip ALLES im Text hinterlegen muss. Ich dachte bisher, dass ich sogenannte Fakten (was weiß ich.. Sokrates ist im Jahr blablabla gestorben) auch kennzeichnen muss?! Stimmt das nun?

Ich dachte eigentlich, dass es reicht, wenn ich NUR fremde GEDANKEN und MEINUNGEN im Text angebe und dann eben am Ende nochmal ausführlich im Literaturverzeichnis, wie es sich gehört. Ich dachte, dass bei so Sachen, die halt so sind wie sie sind, die Angabe der Quelle im Literaturverzeichnis ausreicht!

Wer kann mir da helfen? Es ist doch recht dringend.

Vielen DANK!

...zur Frage

Erklärung zu "Ich weiß, dass ich nichts weiß."?

Ich verstehe nicht, wie man darauf kommt. Klar, es gibt so ein großes Spektrum von Wissen, dass selbst jemand der sein ganzes Leben lang lernt und nachdenkt, nur einen Bruchteil vom gesamten Wissen hat. Aber wieso spricht Sokrates von "nichts" ? Jeder weiß etwas. Manche wissen mehr als andere. Das ist kein Geheimnis, auch wenn manche bei manchen Themen mehr wissen als andere, es gibt höchstwahrscheinlich keine 2 Menschen, die exakt die gleiche Menge an Wissen angesammelt haben. Oder bezieht sich das Zitat darauf, dass wir Menschen nur vermuten können, weil alles auf Vermutungen beruht und wir deshalb nicht "wissen" können ? Oder ist das Zitat das Aushängeschild des Zeitalters in dem wir uns befinden, in den Ethik und Moral über Logik und Rationalität stehen und jeder Mensch auf die gleiche Stufe gesetzt wird (Was das Wissen und die Intelligenz betrifft), auch wenn es logisch gesehen nicht möglich ist  ?

...zur Frage

Kann mir jemand diesen Text erklären? (Eine Untersuchung der Prinzipien der Moral-David Hume)

„Obwohl aber die Vernunft, wenn sie vollständig informiert und ausgebildet ist, hinreichend sein mag, um uns über die schädlichen und nützlichen Folgen von Eigenschaften und Handlungen aufzuklären, so ist sie jedoch allein nicht hinreichen, um moralischen Tadel oder moralisches Lob hervorzurufen. Nutzen ist immer eine Ausrichtung auf ein bestimmtes Ziel, und wenn das Ziel uns vollkommen gleichgültig wäre, dann würden wir dieselbe Gleichgültigkeit den Mitteln gegenüber fühlen. Es ist notwendig, dass sich hier ein Gefühl einstellt, das bewirkt, dass wir das nützliche dem Schädlichen vorziehen. Dieses Gefühl kann nichts anderes sein als eine Freude über das Glück der Menschheit und eine Empörung über deren Elend, da sie die verschieden Ziele sind, auf deren Verwirklichung Tugend und Laster hinzielen. Die Vernunft belehrt uns hier über die verschieden Tendenzen der Handlungen und die Menschlichkeit trifft eine Entscheidung zugunsten derjenigen Handlungen, die nützlich und wohltätig sind. (...)“

Ich verstehe dieses Zitat einfach nicht, kann mir jemand sagen was damit gemeint ist?

...zur Frage

Quelle zum Zitat: "Der Mensch handelt schlecht, wenn er das Gute nicht weiß."

Sokrates soll einst gesagt haben: "Der Mensch handelt schlecht, wenn er das Gute nicht weiß.". Ich vermute mal, dass er das so in etwa einst in eines der Platonischen Dialogen gesagt hat. Da Sokrates ja viel herumging, um mit Leuten Gespräche zu führen, vermute ich, dass er dieses Zitat mal in einem Gespräch verwendete, in welchem aber, weiß ich nicht. Der Dialog HIPPARCHOS (der mit dem "Gewinnsüchtigen") passt da nicht richtig rein.

Ich hoffe, dass ihr mir helfen könnt. Ich suche eine Quelle, woraus dieses Zitat abgeleitet wurde.

...zur Frage

Was möchtest Du wissen?