Platons Höhlengleichnis, was hat Sokrates genau damit zu tun?

4 Antworten

Platon war Schüler Sokrates' und hat viele Dialoge von ihm und seinen Gesprächspartnern aufgeschrieben. Jedoch hat Sokrates niemals selbst etwas aufgeschrieben, deshalb weiß niemand genau, wie viel von seinen eigenen Ansichten Platon dazugereimt hat. Das Höhlengleichnis kenne ich nur ohne ein Gespräch von Sokrates. Aber ob es nun mit Sokrates' Lehren mehr oder weniger zu tun hat - aufgeschrieben hat es ganz sicher Platon.

Sokrates hat keine schriftlichen Werke verfaßt, in denen er seine philosophischen Gedanken dargelegt hat.

Den Dialog »Politeia«, in dem das Höhlengleichnis vorkommt, hat Platon geschrieben. Das Höhlengleichnis ist kein Gespräch, das tatsächlich zwischen dem historischen Sokrates mit anderen Personen stattgefunden hat.

Schüler/Freunde des Sokrates haben begonnen, sokratische Dialoge zu schreiben. Sie zeigten damit eine Wertschätzung für ihn. Sie wollten sein Philosophieren nachahmen, vielen ging es auch darum, durch schriftliche Darstellung Sokrates eine Art literarisches Denkmal zu setzen. Außerdem konnten sie dabei eigene Gedanken transportieren, indem in literarischer Fiktion ein sehr bekannter Philosoph diese vortrug.

Erhalten sind neben Platons Dialogen auch sokratische Dialoge, die Xenophon geschrieben hat. Nur spärliche Reste gibt es von den Dialogen, die Aischines, Antisthenes, Eukleides aus Megara und Phaidon aus Elis verfaßt haben.

Der platonische Sokrates ist eine Dialogfigur in kunstvoll gestalteten literarischen Werken. Er tritt in fast allen Dialogen Platons auf und übernimmt in den meisten die Gesprächsleitung/ist Hauptwortführer. Die Dialogfigur wird dabei oft verwendet, um Gedanken Platons zu äußern.

Was für philosophische Auffassungen Sokrates genau hatte, kann zu einem großen Teil nicht mit ausreichender Sicherheit festgestellt werden.

Die Frage nach den Gedanken des historisch echten Sokrates ist umstritten.

Unter Platons Werken kommt die Apologie (kein Dialog, sondern Verteidigungsrede des Sokrates vor dem Gericht; keine Aufzeichnung der tatsächlichen Rede, sondern einerseits eine Annäherung daran, andererseits ein literarisches Kunstwerk) dem historischen Sokrates mit großer Wahrscheinlichkeit am nächsten. Dafür spricht der Vergleich mit anderen Zeugnissen von Sokratikern und der vertretene Standpunkt über die Unsicherheit menschlichen Wissens (Platon, Apologie 20 d - 23 b). In den Frühdialogen (zu denen der Dialog »Politeia« nicht gehört) ist am ehesten noch etwas vom historischen Sokrates anzunehmen. In den dann folgenden Dialogen vertritt die Dialogfigur Sokrates auch Auffassungen, die der historische Sokrates nicht vertreten hat, sondern die erst Platon entwickelt hat.

Das Höhlengleichnis beruht auf der Ideenlehre, die ein von Platon stammender gedanklicher Ansatz ist. Platon könnte der Überzeugung gewesen sein, Sokrates habe mit seinen Überlegungen dazu, was z. B. die Gerechtigkeit ist, im Grunde auf so etwas abgezielt. Sonnengleichnis, Liniengleichnis und Höhlengleichnis enthalten (vor allem mit Aussagen zur Idee des Guten) auch ein Stück weit etwas zur Prinzipienlehre Platons, von der er mündlich noch mehr dargelegt hat. Der historische Sokrates hat diese Prinzipienlehre nicht gehabt.

Auch wenn spätere antike Autoren mal einen Standpunkt des Sokrates Bezug nehmen und dabei auf Gedanken in einer Textstelle platonischer Dialoge zielen, meinen sie die platonische Dialogfigur Sokrates, nicht den historischen Sokrates.

Die genannte Gefahr für einen vom Sonnenlicht in die Höhle Zurückkehrende, beim Versuch, andere zu befreien, getötet zu werden (Platon, Politeia 516 e – 517 a), kann als Anspielung auf das Schicksal des Sokrates (Anklage, Todesurteil, Hinrichtung) gedeutet werden.

Michael Erler, Platon. Originalausgabe. München : Beck, 2006 (Beck`sche Reihe: bsr - Denker; 573), S. 50:  

„Platons Darstellung des Sokrates läßt neben wohl historischen Zügen Merkmale eines epischen, aber auch eines tragischen Heros erkennen, der z. B. im Phaidon zeigt, daß und wie man mit Emotionen umzugehen hat. Vor allem aber ist er mit Verhaltensweisen ausgestattet, die ihn als platonischen Idealphilosophen und damit als literarische Figur kenntlich machen.“

„In den frühen wie den späteren Dialogen (z. B. im Philebos) verhält sich Sokrates wie jener platonische Protophilosoph, der im Höhlengleichnis die Höhlenbewohner «zwingt, Rede und Antwort zu stehen, darüber was es (sc. das Seiende) denn sei» (Rep. 515d), sie dadurch ratlos werden läßt (Aporie) und ihnen auf diese Weise Abkehr von eingebildetem Wissen und Umkehr zum wahren Wissen ermöglicht.“

Rep. = Respublica (Politeia/Staat)

S. 50 – 51:„Platons Sokratesfigur hat also sicherlich einen historischen Kern. Doch ist dieser angereichert mit philosophischen Vorstellungen, die ihn zwar in bewußtem Kontrast zu den zeitgenössischen Sophisten zeigen […], die aber Platons Vorstellungen vom Verhalten des wahren Philosophen entsprechen, wie er sie Sokrates selbst in den Dialogen formulieren läßt. Der Leser wird daher immer wieder an den fiktionalen Charakter der Darstellung erinnert, etwa wenn Platon historische Widersprüchlichkeiten in die Handlung einbaut oder auf Personen und Ereignisse anspielt, die nicht in die Lebenszeit des historischen Sokrates passen, welche in den Dialogen geschildert wird.“

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Platon hat die Kunstfigur Sokrates geschaffen, um eigene Gedanken auszudrücken, ihm seine Ideen in den Mund gelegt. Natürlich wusste Platon, dass Sokrates selbst nichts Schriftliches hinterlassen hat. Die Meinung der Gelehrten, wie viel wirklich von Platons Sokrates wenigstens seine Wurzel in den Lehren des Sokrates hat, ist sehr umstritten. Auffallend ist, dass Platons Werke als Grundlage des Idealismus und einer idealistischen Theologie komplett überliefert wurden, während alle übrigen Überlieferungen großenteils verschollen sind, weil sie von den idealistischen Wahrheitsliebhabern beseitigt wurden. Nicht mal Aristoteles ist komplett überliefert. Eigene Ideen einer historisch bekannten und gut beleumundeten Person in den Mund zu legen, war in der Antike nicht unüblich, sodass es immer wieder Säuberungen gab, um die sogenannten Pseudos von den echten Schriften zu trennen. Dieses Phänomen haben wir ja auch mit dem Neuen Testament, wo sich spätere Autoren auf Apostel berufen.

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