Wahrer Kern von Daphne (Mythologie)

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2 Antworten

Ein wahrer Kern kann in der Sage/dem Mythos von Apollon und Daphne zu einem in Einsichten auf dem Gebiet der Psychologie gesucht werden, vor allem in der Darstellung bei Ovid, Metamorphosen 1, 452 – 567: Wenn Begehren und Liebesverlangen ausschließlich auf einer Seite vorhanden sind und nötige Voraussetzungen zu ihrer Erweckung auf der anderen Seite nicht gegeben sind, ist eine glückende Liebesverbindung nicht zu erwarten. Ein heftiges Bedrängen und Verfolgen bei Abwendung und Flucht ist ein falsches Vorgehen. Der von Leidenschaft angetriebene Apollon erweckt so nicht Vertrauen. In die Ende getrieben und anderer Fluchtmöglichkeiten und Auswege beraubt fleht Daphne in einem Verzweiflungsschritt um ihre Umwandlung.

Zum anderen ist in der Sage/dem Mythos als wahrer Kern die Verbindung von Apollon zum Lorbeer enthalten.

Die Geschichte von Apollon und Daphne ist eine Aitiologie/aitiologische Erzählung, weil sie Erscheinungen durch eine Erzählung über einen Ursprung (αἴτιον [aítion]) in der Vergangenheit erklärt.

Der Lorbeer, griechisch Daphne (δάφνη) genannt, spielte eine wichtige Rolle im Apollon-Kult. Lorbeer war eines der Attribute (ein Attribut ist in diesem Zusammenhang eine kennzeichnende Beigabe in der Darstellung) des Gottes Apollon (griechisch: Ἀπόλλων; lateinisch: Apollo). Die Person Daphne (griechisch: Δάφνη) hat einen entsprechenden Eigennamen.

In der Darstellung Ovid, Metamorphosen 1, 557 – 565 beschließt Apollon nach der Umwandlung (Metamorphose) Daphnes zu einem Lorbeerbaum die Verbindung zum Lorbeer, damit Daphne als Baum die Seine werde.

Apollon verkündet vom Lorbeer her seine Orakelsprüche (Homerischer Hymnos 3, 396). Lorbeer-Haine umgaben vor allem Apollon-Heiligtümer.

Die Pythia, die weissagende Priesterin in Delphi, kaute Lorbeer-Blätter (Pausanias 10, 24, 5) zum Gewinnen mantischer Fähigkeit (Mantik ist die Seherkunst), bevor sie den mit Lorbeer umkränzen Dreifuß bestieg.

Ein Lorbeer-Zweig war Siegespreis bei den Pythischen Spielen in Delphi, die zu Ehren Apollons stattfanden (Pausanias 10, 7, 8; Plinius, Naturalis historia 15, 127).

Diener und Schützlinge Apollons wie die Sänger und Dichter verwendeten als Zeichen. Hesiod, Theogonie 29 – 34 gibt eine Darstellung, durch Übergabe eines Lorbeerkranzes von den mit Apollon verbundenen Musen zum Dichter geweiht worden zu sein. Horaz, Carmen 3, 30, 14 - 16 wünscht sich, von Melpomene (eine der Musen) mit einem delphischen Lorbeer bekränzt zu werden.

In Theben wurde für Apollon das Fest der Daphnephoria (Δαφνηφοϝία) gefeiert.

Vgl. als Infomation z. B.:

Fritz Graf, Apollon. In: Der neue Pauly (DNP) : Enzyklopädie der Antike ; Altertum. Herausgegeben von Hubert Cancik und Helmuth Schneider. Band 1: A - Ari. Stuttgart ; Weimar : Metzler, 1996, Spalte 863 – 868

Christian Hünemörder, Lorbeer. In: Der neue Pauly (DNP) : Enzyklopädie der Antike ; Altertum. Herausgegeben von Hubert Cancik und Helmuth Schneider. Band 7: Lef – Men. Stuttgart ; Weimar, Metzler, 1999, Spalte 440 - 442

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baldjeanfriede 24.03.2014, 11:42

Besser hätte ich es auch nicht sagen können. Hut ab!

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  1. Was soll ein "wahrer Kern" sein,
  2. warum soll Ovid den "wahren Kern" in eine Sage verpacken?

Es ist allerdings wahr, dass Lorbeerbäume nie Sex mit Göttern haben. Mehr Wahrheit braucht er nicht. Was @Albrecht zur psychologisirenden Darstellung und Charakterzeichnung sagt, ist ganz wichtig für die Ovidpassage, kann aber nur unter gesundheitgefährdenden Verrenkungen als "Wahrheit" durchgehen. Ovid hat ja keine verborgene Wahrheit entdeckt. Seine Leistung besteht in der künstlerisch überzeugenden Darstellung eines Verhältnisses, das sich jede Omma vorstellen kann und vielleicht kennt. Darin unterscheiden sich die Metamorphosen auch von Grimms Märchen: Ovid stellt Menschen/Götter, Handlungen, Motivationen und Beziehungen auf raffinierte Weise dar, Grimms Märchen bieten nicht sonderlich tiefgehende, mehr "äußerliche" Geschichten. Außerdem gehen Grimms Märchen immer gut aus.

Wichtig ist, auch wenn man besser Ausgangspunkt als "wahrer Kern" sagt, dass die Geschichte angeblich die Ursache für die Verbindung von Apoll mit dem Lorbeer ist. Dazu hat @Albrecht das Wichtigste geschrieben. Für Ovid als Dichter war vielleicht besonders wichtig, dass Apoll als Dichtergott einen Lorbeerkranz trägt und Dichter zur Auszeichnung einen Lorbeerkranz erhalten konnten, gewissermaßen zum Dichter gekrönt wurden. Google und wikipedizifiere mal poeta laureatus, "belorbeerter Dichter". Zu Ovids Zeit lebte dieses Motiv, jedenfalls in der Dichtung: Horaz beendet das letzte Gedicht (3,30: Exegi monumentum) sein drittes Odenbuch mit den Versen mihi Delphica lauro cinge volens, Melpomene, comam ("bekränze mir, Melpomene [eine Muse], freudig mit Delphischem Lorbeer mein Haar"). Später war der poeta laureatus ein fester Begriff, es gibt ihn heute noch (http://en.wikipedia.org/wiki/Poet_laureate und viele weitere google-Treffer mit Bildern). (Jetzt sehe ich, dass @Albrecht das schon erwähnt hat.) Gleichzeitig war Horaz nicht der erste, der sich in seiner Dichtung als Apollonpriester stilisiert hat, womit auch die Verbindung zur Pythia als Apollonpriesterin hergestellt ist. (link reiche ich nach)

Schließlich wurden nicht nur Dichter belorbeert, sondern auch Feldherren und Kaiser beim Triumph. Der Siegerkranz war nicht mehr unbedingt aus echtem Lorbeer, sondern aus Gold im "Lorbeerimitat", denn vertrocknete Lorbeerblätter lassen sich schlecht als Triumphzeichen im Tempel aufhängen. Das steckt hinter den Versen 562f.

Lorbeerkränze waren also Insignien von (manchen) Apollonpriestern und apollinischen Wahrsagern, von Dichtern, besonders von poetae laureati, und siegreichen Feldherren beim Triumphzug, die ihre Triumhzeichen anschließend im Tempel aufhingen. Jedenfalls tat das Augustus, der sich selbst als "apollinisch" darstellte.

Was davon wirklich für die Daphne-Geschichte wichtig ist, müsst ihr selber schauen. Sie begründet erst einmal nur die Verbindung von Apollon und dem Lorbeer nach dem sogenannten "aitiologischen Schema". Aber vielleicht steckt mehr dahinter?

Noch das: Ovid verwendet das aitiologische Schema, womit er die Frage beantwortet "Warum ist der Lorbeer dem Apollon heilig". Das bedeutet weder, dass er selbst die Geschichte für die Ursache hielt, noch dass irgendjemand anders das tat. Nicht erst seit Kallimachos' Aitia ("Ursprungssagen") haben Dichter mit diesem Schema gespielt. Kallimachos stellt sehr seltsame Fragen: "Warum opfert man auf Paros den Chariten ohne Flötenmusik und unbekränzt [...], warum trägt das Kultbild der Hera auf Samos einen Weinstock im Haar?" (Markus Asper, Kallimachos: Werke, Darmstadt 2004, S. 23--4). Das Schema war so eingespielt, dass ein Dichter nicht mehr unbedingt suchen musste, ob es irgendwo irgendwann bei irgendwem tatsächlich eine Ursprungssage für etwas Bestimmtes gab, sondern selbst welche erfinden konnte. Apollon und Lorbeer waren an vielen Orten und in vielen Kontexten verbunden, vielleicht hat er dann nach dem aitiologischen Schema einfach eine Geschichte gebastelt? Die Daphne-Sage hat, jedenfalls nach unserem Wissen, niemand vor Ovid erzählt.

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Oberfrosch 24.03.2014, 13:22

Nachdem ich das geschrieben hatte, fand ich http://de.wikipedia.org/wiki/Lorbeerkranz Einer der ersten Sätze ist allerdings haarsträubend: "In den kultischen Handlungen um den griechischen Gott Apollon übernahm der Lorbeer eine bestimmte Aufgabe, indem er ihn an die geliebte Nymphe Daphne erinnerte, die vor seinen Nachstellungen gerettet wurde, indem sie von ihrem Vater in einen Lorbeerstrauch verwandelt wurde: So entstand der erste Lorbeerbaum. Für Apoll wurde der Strauch durch die Verwandlung heilig, daher trug er als Ausdruck seines Kummers und Schmerzes über die nicht erwiderte Liebe einen Lorbeerkranz auf dem Kopf." Die Autoren des Artikels nehmen Ovid beim Wort und meinen, Ovid habe den wirklich wahren Grund mit der Daphne-Geschichte erzählt. Diese Geschichte ist aber dazu nicht geeignet -- sie ist auch nicht wirklich jugendfrei -- und wird vor Ovid nirgends erzählt. Schon gar nicht in Apollonkulten.

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Oberfrosch 24.03.2014, 13:45
@Oberfrosch

Zum Motiv "der Dichter als Apollonpriester". Horaz beginnt sein drittes Odenbuch (wie es endet, habe ich schon geschrieben) mit Odi profanum vulgus et arceo; / favete linguis : carmina non prius / audita Musarum sacerdos / virginibus puerisque canto. "Ich hasse das gemeine/unreine Volk und halte es fern. Schweigt: Lieder/Gedichte, die es vorher nicht zu hören gab, trage ich als Priester der Musen [damit auch Apollons] den Jungen und Mädchen vor". Anschließend spricht er über Könige und Feldherren und darüber, dass "jetzt", also unter Augustus, Alles besser wird.

Horaz stellt sich in dem Gedicht als Priester dar, der zu den Jungs und Mädels spricht, die initiiert werden. Tatsächlich hat er aber auch ein Gedicht für Jungs und Mädels geschrieben, die es vor einem Priester sangen, das carmen saeculare: http://en.wikipedia.org/wiki/Carmen_Saeculare

Ich sage nicht, dass das unmittelbar für die Daphne-Geschichte wichtig ist, es gehört aber zu den lebensweltlichen Erfahrungen Ovids, die er mit Apollon, Lorbeer usw. gemacht hatte, als er die Daphne-Geschichte schrieb.

Ich will eurem Referat nicht vorgreifen, aber ist es nicht bemerkenswert, dass Apollon mit seinem Lorbeer hier so überhaupt nicht heiligmäßig dargestellt wird? Ein Gott, der einer drittklassigen Nymphe hinterherwetzt, die nichts von ihm wissen will -- das erinnert doch, abgesehen vom Alter, eher an die Opas, die sich am Nacktbadestrand der Uni Konstanz herumtrieben ... Wenn man die Geschichte so liest, ergibt sich nicht zwangsläufig eine Verbindung zu den Triumphlorbeeren am Ende.

Wie gesagt, ersetze "wahrer Kern" durch "lebensweltlichen Hintergrund".

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