Sokrates benutzt Fässer?

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2 Antworten

Mit den Fässern gibt es zwei von der Dialogfigur Sokrates dargelegte bildliche Vorstellungen bei Platon, Gorgias 493 a - 494 b.

Zum Finden eines Beispiels ist eine einen Schritt allgemeinere Betrachtung nützlich: Die Fässer sind Gefäße/Behälter, die etwas aufnehmen können (im Dialog werden Lebensmittel wie Wasser, Wein, Honig und Milch genannt).

Andere Gefäße/Behälter sind z. B. Krüge, Tonnen, Bottiche, Kessel, Töpfe, Dosen, Tanks, Beutel, Säcke.

Der Seelenteil der Unverständigen/Unvernünftigen, in dem sich Begierden befinden, ist wie ein Gefäß/ein Behälter, das/der nicht dicht ist/nicht fest schließt. Dieser Seelenteil der Unverständigen/Unvernünftigen wird wegen seiner Unersättlichkeit mit einem löchrigen/durchlöcherten/durchbohrten/lecken oder morschen Fass verglichen.

Als andere Beispiele können andere löchrige/durchlöcherte/durchbohrte/lecke/morsche Gefäße/Behälter genommen werden wie ein durchlöcherter Krug, eine löchrige Tonne, ein Bottich mit herausgezogenem Spund, ein durchbohrter Kessel, ein lecker Topf, ein aufgerissener Tank, eine aufgeplatzte Dose, ein unten aufgeschnittener Sack, ein unten aufgeschlitzer Beutel.

Von den Menschen in der Unterwelt gelten als die unglücklichsten die Uneingeweihten und sie tragen/bringen mit einem durchlöcherten Sieb Wasser in ein durchlöchertes Fass. Darin steckt einen Anspielung auf den Mythos der Danaiden, die nach einigen Vorstellungen eine Strafe erhalten haben, Wasser in ein durchlöchertes Fass oder ein Fass ohne Boden zu schöpfen.

Die Dialogfigur Sokrates will Besonnenheit/Selbstbeherrschung/Maßhalten (σωφροσύνη) als Weg zu einem glücklichen Leben zeigen, in Gegensatz zu Kallikles, der für ein natürliches Recht der Stärkeren eintritt (nur dem Gesetz nach sei Unrechtleiden besser als Unrechtun, der Natur nach umgekehrt) und ein Mehrhaben für der Natur nach schön/gut und gerecht hält. Kallikles meint, wer richtig leben wolle, müsse seine eigenen Begierden möglichst groß sein lassen und nicht zügeln (Zügellosigkeit). Einschränkung/Selbstbegernzung lehnt er ab.

Platon nennt in einem anderen (wohl später geschriebenen) Diaog den Seelenteil, in dem sich die Begierden befinden, das Begehrliche (τὸ ἐπιθυμητικόν). Platon, Politeia 435 a - 441 c unterscheidet drei Teile in der Seele als Arten der seelischen Ausrichtung/seelische Strebeformen (die Teile/Arten/Formen werden εἴδη, γένη oder μέρη genannt):

1) das Vernünftige (τὸ λογιστικόν)

2) das Muthafte/sich Ereifernde [in der Bedeutung von engagiert sein] (τὸ θυμοειδές)

3) das Begehrliche (τὸ ἐπιθυμητικόν)

Die zweite bildliche Vorstellung bei Platon, Gorgias 493 a - 494 b stellt zwei Lebensweisen gegenüber, eine des besonnenen/maßvolle/selbstbeherrschten Menschen und eine des zügellosen Menschen. Die Flüssigkeiten/Quellen (= Mittel zur Erfüllung von Begierden/Bedürfnisbefriedigung) sind knapp und nur mit Mühen und Schwierigkeiten zu beschaffen. Der besonnene/maßvolle/selbstbeherrschte Menschen gießt/leitet nichts hinzu, denkt nicht sorgenvoll daran, sondern verhält sich ruhig und zufrieden. Der zügellose Mensch hat durchlöcherte und morsche Fässer und ist gezwungen, sie Tag und Nacht aufzufüllen oder äußerste Schmerzen/Kümmernisse zu erleiden. Diese Gegenüberstellung legt nahe, die Lebensweise des besonnnenen/maßvollen/selbstbeherrschten Menschen für besser und glücklicher zu halten als die Lebensweise des zügellosen Menschen.

Diese bildliche Vorstellung ist überzeugender darin, Schwächen von Zügellosigkeit und völligem Fehlen von Maßhalten aufzuzeigen, als darin, gänzlichen Verzicht als Weg zum glücklichsten Leben nachzuweisen.

Bei Zügellosigkeit und völligem Fehlen von Maßhalten gibt es keine Selbstkontrolle. Es gilt, alle Wünsche zu erfüllen, alle Begierden zu befriedigen. Es wird keine Unterscheidung getroffen, wie sinnvoll und gut Bedürfnisse sind. Ihre Sättigung/Erfüllung/Befriedigung wird nicht davon abhängig gemacht, ob ihre Verwirklichung für Wohlbefinden und Wohlergehen wirklich nützlich oder eher schädlich ist, die Folgen insgesamt überwiegend angenehm oder unangenehm sind. Ständig entstehen neue Wünsche/Begierden/Bedürfnisse. Es gibt keine Begrenzung. Es besteht Anfälligkeit für manipulierende Fremdbeeinflussung, die uferlos Wünsche/Begierden/Bedürfnisse hervorruft. Diese können sich zum Teil auch gegenseitig behindern. Der Mensch steht unter Druck, ihrer Sättigung/Erfüllung/Befriedigung nachzujagen. Völlig kann dies gar nicht gelingen. Sich beim Versuch abzuhetzen und zu mühen, ist für ein glückliches Leben ungünstig. Ein Unterlassen würde bei der Grundeinstellung aber zu einem unangenehmen Gefühl des Mangels, des Unbefriedigtseins führen. Die Befriedigungen können kurzfristig und flüchtig sein. Es mangelt an rationaler Überlegung und abwägender Beurteilung, die auch auf ein Glück von größerer Dauer ausgerichtet ist. Denken und Verstand sind auf eine bloß dienende Rolle herabgestuft. Sie sind Mittel, um Sättigung/Erfüllung/Befriedigung zu erreichen, haben aber keine leitende Rolle. Sie urteilen daher gar nicht über Ziele, sondern müssen diese als vorgegeben hinnehmen.

Andererseits ist ein Leben völliger Bedürfnislosigkeit für Menschen nicht möglich und bei bloßem Verzicht ist nicht nachvollziehbar, wie daraus ein sehr glückliches Leben hervorgehen könnte. Ein Genießen aus den Vorräten scheint nicht stattzufinden.

Kallikles stimmt in seiner Entgegnung Sokrates jedenfalls nicht zu. Denn es gebe für den mit vollen Fässern keine Lust. Wenn alles angefüllt ist, weder Lust noch Unlust/Schmerz zu haben, heiße, wie ein Stein zu leben (494 a; also wie ein empfindungsloses Ding; ähnlich schon 492 e der Gedanke, wenn die nichts Bedürfenden glücklich wären, dann wären Steine und Tote am glücklichsten). Kallikles hat die Auffassung, ein angenehmes Leben bestehe, wenn möglichst viel hineinfließe.

Michael Erler, Platon (Grundriss der Geschichte der Philosophie. Begründet von Friedrich Ueberweg. Völlig neu bearbeitete Ausgabe. Herausgegeben von Helmut Holzhey. Die Philosophie der Antike - Band 2/2). Schwabe : Basel ; Stuttgart, 2007, S. 140:  

„Die Frage nach der Selbstbeherrschung ergibt, dass für Kallikles Kriterium die Lust und damit die freie Bedürfnisbefriedigung ist (492 c). Sokrates hingegen ist der Meinung, dass Glück gerade in der in der Befreiung von der Tyrannei der Begierden besteht (492dff.). Mithilfe eines Dichters und von Vorstellungen aus dem pythagoreisch-orphischen Umfeld sowie unter Anspielung auf den Danaidenmythos illustriert Sokrates das fruchtlose Bestreben des lustorientierten Lebens, unbegrenztes Begehren stillen zu wollen. Solche Menschen sind wie Nichteingeweihte im Hades, die Wasser in einem Sieb tragen und es in ein löchriges Fass schütten müssen (492d-495b).“

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Das Fass und das Sieb meinst du?

Da geht jedes loechrige Gefaess - Socke  vielleicht?

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masas 29.04.2016, 08:53

wissen sie auch eigentlich was er da versucht zu erklären also wofür stehen die Fässer und was bedeuten sie eigentlich genau

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Steffile 29.04.2016, 09:14
@masas

In der Geschichte geht es darum, dass das unersaettliche Menschen versuchen, weltliche Gueter ins Jenseits (nach ihrem Tod) zu bringen. 

Sokrates will sagen dass das so unmoeglich ist, wie Wasser mit einem Sieb in ein loechriges Fass zu fuellen. 

Also etwa, das Streben nach Reichtum bringt euch nach dem Tod, in der Ewigkeit, gar nix, also kuemmert euch lieber um eure Seele.

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