Passiv Französisch - se voir und se faire, was ist der Unterschied?

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1 Antwort

se voir und se faire + Infinitiv sind Varianten der Passivform. Man nennt diese Verben "faux réfléchis". 

le permis de conduire lui a été retiré (Passiv)

on lui a retiré le permis de conduire (Paraphrase mit "on")

il s'est fait retirer le permis de conduire (passif à verbe complexe)

il s'est vu retirer le permis de conduire (passif à verbe complexe)

Einen semantischen Unterschied gibt es hier nicht.

"se faire" ist übicher, nicht so gehoben wie "se voir"

das heisst aber nicht, dass man immer das eine oder das andere verwendenkann

man sagt zum Beispiel sagen : elle s'est fait violer. se voir ist hier ausgeschlossen.

Ferner ist gerade dieser Gebrauch bei Feministinnen  umstritten, weil damit die Vorstellung herrsche, dass da Absicht vorliegt (wie bei: je me suis fait remettre les clés de l'appartement). Empfohlen wird  deshalb: elle a été violée.

Dabei sollte hier wie sonst auch der Kontext berücksichtigt werden: niemand hat etwas gegen einen Satz wie:

Il s'est fait licencier pour faute grave

da man ja ohne Weiteres versteht, dass er nicht entlassen werden wollte.


"Einen semantischen Unterschied gibt es hier nicht."

Nur in dem darüber genannten Bsp. oder ganz allgemein nicht?

Ohne dass ich das jetzt wirklich belegen könnte, glaube ich allgemein doch einen semantischen Unterschied zu erkennen:

"Se faire" kommt mir kontextneutral vor, d. h. es bezieht sich - entgegen dem Anschein, es liege hier eine Veranlassung vor - nicht auf die Intention des grammatikalischen Subjekts der Passivkonstruktion:

Unfreiwillig/ gegen den eigenen Willen:
s. dein Bsp. "elle s'est fait violer".

Freiwillig/ auf eigene Initiative:
Devant ses parents, elle s'est fait caresser par son mari pour donner l'impression d'une  vie conjugale harmonieuse.

"Se voir" in der Passivkonstruktion impliziert m. E. stets eine Widrigkeit/ ein Ärgernis (une contrariété) für das betroffene Subjekt,
eine unangenehme Tatsache, mit der es konfrontiert wird.

Aber das ist jetzt eher ein Gefühl. Ich habe bis eben noch nie über diese Frage nachgedacht. Vielleicht fehlt es mir nur an Gegenbeispielen.
 

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@Maxieu

Danke für deine weiterführenden Ausführungen.

Ja, "hier" bezieht sich lediglich auf meine Beispiel-Reihe. Schon der Hinweis, dass man nicht beliebig "se voir" und "se faire" einsetzen kann, legt nahe, dass es sonst Unterschiede geben kann. Aber ich konnte aus Zeitgründen auch nicht darauf eingehen.

Ich bin mit deiner Darstellung von "se faire" voll einverstanden. Es gibt da beide Möglichkeiten, daher die radikalisierende Haltung der Feministinnen bei "se faire violer" - die in meienr Sicht zwar veständlich, aber überzogen ist.

"se voir" dagegen ist nicht unbedingt negativ.  Es gibt viele Beispiele, die das Gegenteil belegen, etwa:

Il s'est vu octroyer un congé supplémentaire.

Elle s'est vu décerner le prix Pulitzer.

"se voir" legt auf jeden Fall nahe, dass es (im Gegensatz zu der einen Möglichkeit bei "se faire") keinen identifikatorischen Prozess  gibt zwischen dem grammatikalischen Subjekt und dem beschriebenen Vorgang. Das Subjekt bekommt da etwas, wofür die Entscheidung nicht direkt bei ihm steht.

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@achwiegutdass

Gefällt mir sehr gut, diese Ergänzung zu "se voir".
Nachdem ich meine eigenen Bemerkungen abgeschickt hatte, fand ich selbst den Ausdruck "Widrigkeit" in dieser Verallgemeinerung zu stark und hätte lieber "Unverhofftheit" geschrieben. Damit wäre ich deiner Erklärung des fehlenden "identifikatorischen Prozesses" recht nahe gewesen.
Wird mal Zeit für ein öffentliches Kompliment: Deine Antworten sind insgesamt zumeist sehr hilfreich.

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