Könntet ihr mir das Gerundivum erklären?

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Hallo,

das Gerundivum hat je nach Zusammenhang unterschiedliche Bedeutungen.

Zum einen drückt es eine Notwendigkeit aus: Domina laudanda ist eine lobenswerte Herrin (des Hauses) oder: Eine Herrin, die gelobt werden muß oder: die man loben muß, denn solche passiven Ausdrücke können auch unpersönlich übersetzt werden.

Dann kann das Gerundivum einen Zweck, eine Absicht ausdrücken:

Caesar pontem faciendum curavit, Cäsar sorgte dafür, daß eine Brücke gebaut wurde oder: Cäsar ließ eine Brücke bauen.

Hier steht mehr die Absicht als die Notwendigkeit im Vordergrund.

Häufig findet man diese Bedeutung, wenn das Gerundivum und das Wort, auf das es sich bezieht, im Akkusativ stehen.

Zum Dritten kann ein Gerundivum auch ein Gerundium ersetzen. Bekanntlich gibt es das Gerundium nur im Neutrum Singular und stellt ein substantviertes Infinitiv dar. Das gibt es auch im Deutschen: Das Laufen, das Schreiben usw.

Dabei richtet sich die Form des Gerundivums immer wie bei einem Adjektiv nach dem Bezugswort, während das Gerundium davon unabhängig ist.

Vergleiche: Consilium relinquendae Italiae (Gerundivum) und:

Consilium Italiam relinquendi (Gerundium).

In beiden Fällen kannst Du die gleiche Übersetzung wählen:

Der Entschluß, Italien zu verlassen.

Im Lateinischen ist aber Italien einmal Objekt zu relinquere: Wen oder was verlassen? Italien. Relinquendi bezieht sich dagegen auf consilium: Der Beschluß des Verlassens. Im anderen Fall hängt beides von consilium ab:

Was für ein Beschluß? Der Beschluß des Verlassens Italiens (bitte nicht so in der Klassenarbeit übersetzen, das wäre wirklich schlechtes Deutsch).

Hier steht weder Notwendigkeit noch Zweck im Vordergrund; ähnlich wie bei einem Gerundium würde das Gerundivum hier auch einfach den Inhalt des Beschlusses wiedergeben.

Die vielen Seiten, auf denen dies in der Grammatik erläutert wird, bestehen aus Beispielsätzen wie aus genauen Angaben, wann das Gerundium, wann das Gerundivum und wann beide benutzt werden können.

Einen kuriosen Satz haben ich entdeckt, in dem beides vorkommt:

Germanis neque consilii habendi neque arma capiendi spatium data est:

Den Germanen wurde weder ein Zeitraum der Fassung von Beschlüssen gegeben, noch zur Ergreifung von Waffen. (So wörtlich wie möglich übersetzt).

Bei consilli habendi ist habendi Gerundivum; es richtet sich nach dem Genitiv Singular consilii.

Bei arma capiendi ist capiendi Gerundium. Nur gehört zu spatium:

Ein Zeitraum des Ergreifens.

Arma ist dagegen Akkusativobjekt zu capiendi:

Ein Zeitraum des Ergreifens (des Ergreifens was? Des Ergreifens die Waffen in wörtlicher, aber schlechter Übersetzung).

Wenn eine nd-Form mit einer anderen Endung auftritt als im Genitiv, Dativ, Akkusativ, Ablativ Singular Neutrum, ist es auf jeden Fall ein Gerundivum.

Hat sie eine gleiche Endung wie sie auch ein Gerundium haben könnte, muß sie sich auf jeden Fall ihrem Bezugswort angleichen, wenn die ein Gerundivum ist.

Capiendi arma kann kein Gerundivum sein, weil capiendi eine andere Form als arma hat.

Spatium arma capiendi müßte im Gerundivum spatium armorum capiendorum lauten. Die nd-Form würde sich wie ein entsprechendes Adjektiv der Form von armorum angleichen.

Armorum stünde dann auch im Genitiv, weil es sich auf spatium bezieht. Es dürfte sich um einen Genetivus obiectivus handeln, der unter anderem das Ziel einer Handlung darstellt: Zeit wozu? Zeit für die Waffen, die man ergreift.

Herzliche Grüße,

Willy

Vielen Dank für den Stern.

Willy

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Du fragst nach dem Gerundivum, also bekommst du es auch erklärt, und zwar nur das Gerundivum.

Ein Gerundivum ist eine -nd-Form und wird vom Verb abgeleitet:
portare --- tragen (das ist das Verb)
portandus, -a, - um --- der, die, das zu tragende (Gerundivum)

Wenn du dir eine solche Rohübersetzung machst, kommst du damit immer am weitesten.

liber portandus --- das zu tragende Buch
Du merkst, dass damit auf die Zukunft und das Passiv gezeigt wird.
Das Buch soll erst noch getragen werden.
Da man das im Deutschen selten so ausdrücken möchte, übersetzt man es gern mit einem Nebensatz:
das Buch, das getragen werden wird (oder soll)

Das Gerundivum wurde wie ein adjektivisches Attribut benutzt (in der Rohübersetzung). Jetzt steht es da als Prädikat des Nebensatzes im Passiv Futur.

Soweit alles klar?
Nun kommt es noch darauf an, wie das Prädikat des Satzes aussieht, den du übersetzen wirst. Das so genannte Zeitverhältnis des Gerundivums ist nämlich die Nachzeitigkeit und eigentlich kein Tempus, sondern es wandert mit mit dem Tempus des Prädikats.

Librum portandum video. (video steht im Präsens)
Rohform: Ich sehe das zu tragende Buch.
frei: Ich sehe das Buch, das getragen werden soll.

Librum portandum videbam. (videbam steht im Imperfekt)
Rohform: Ich sah das zu tragende Buch.
frei: Ich sah das Buch, das getragen werden sollte.

Auch an anderen Stellen kann so ein Gerundivum auftauchen. Mit der "zu"-Übersetzung kannst du es erst einmal begreifen, bevor du dich mit den zusätzlichen Problemen auseinandersetzt.

Wenn aktuelle Fragen dazu kommen, helfe ich dir gern wieder.
Du brauchst nur einen Kommentar in diesen Thread zu schreiben. Das merke ich dann.

Woher ich das weiß:Eigene Erfahrung – Unterricht - ohne Schulbetrieb

Die -nd- Formen

Das Gerund ist der substantivierte Infinitiv, der nur mit den Endungen der O-Deklination gebildet wird, z.B

Infinitiv vocare = das Rufen
Genitiv voca-nd-i = des Rufens
Dativ (sehr selten) voca-nd-o = dem Rufen
Akkusativ voca-nd-um = zum Rufen
Ablativ voca-nd-o = durch Rufen

Beispiele: ars vivendi = die Kunst des Lebens
in redeundo = Beim Zurückkehren
morandi causa = Wegen des sich Aufhaltens

Das GERUNDIV hingegen ist ein Verbaladjektiv, das is Kasus (Fall), Numerus (Singular/Plural) und Genus (Geschlecht) mit einem Bezugswort übereinstimmen muss. Es kann daher alle Endungen der O- und der A- Deklination annehmen.

Ein paar Beispiele:
ars vitae agendae = Die Kunst ein Leben zu führen
paratus ad urbem defendendam = Bereit, um die Stadt zu verteidigen
(die Endung ist defendam, weil urbem feminin ist, aber in der 3. Deklination und nicht in der A- Deklination steht)
iniuriis ferendis = Durch das Ertragen von Unrecht

Dann gibt es beim Gerundiv noch das Prädikative Gerundiv.
Das heißt, dass nach der nd-Form noch eine Form von "esse" steht. Das wird mit "müssen" übersetzt.
Beispiele:
Amor arte regendus est. = Die Liebe muss durch die Kunst gelenkt werden.

Woher ich das weiß:Studium / Ausbildung

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