In der Bibel steht beim ehel. Sex "mögen ihre Brüste dich für immer berauschen..." (Sprüche 5:18,19) -auf der anderen Seite "ertötet alle sexuellen Gelüste"?

26 Antworten

Um das Problem, das du hast, überhaupt zu verstehen, und damit auch eine Lösung zu finden, lohnt sich ein Blick in die Geschichte der Entstehung des westlichen Christentums.

Am Anfang stand Jesus von Nazareth, der sich selber regelmäßig als Jesus Menschensohn betitelte. Dieser Jesus entwickelte eine Lehre, die auf Nächstenliebe und auf gutem Tun beruht. In diesem Sinne sagte er auch, dass er die Welt von Sünden befreit und wer ihm folgt, wird frei von Sünde sein und das Himmelreich erlangen. Mit „ihm folgen“ meinte er, dass man seine Lehre beachten und nach ihr leben solle. Von einer Erbsünde oder einer Erlösung durch den Kreuzestod sprach er selber nicht. Daher fasste er seine Lehre in dem Satz zusammen (Matth. 7,12):

„Alles nun, was ihr wollt, daß die Leute euch tun sollen, das tut auch ihr ihnen ebenso; denn dies ist das Gesetz und die Propheten.“

Dieser Jesus bekämpfte die Priesterkaste (Matth. 23,1):

Da sprach Jesus zum Volk und zu seinen Jüngern: 2 Die Schriftgelehrten und Pharisäer haben sich auf Moses Stuhl gesetzt. 3 Alles nun, was sie euch sagen, das tut und haltet; aber nach ihren Werken tut nicht; denn sie sagen es wohl, tun es aber nicht.

Er predigte, dass diese für das richtige Tun nicht notwendig sei (Matth. 6,5-6):

„Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht sein wie die Heuchler; denn sie beten gern in den Synagogen und an den Straßenecken, um von den Leuten bemerkt zu werden. Wahrlich, ich sage euch, sie haben ihren Lohn dahin. 6 Du aber, wenn du betest, geh in dein Kämmerlein und schließ deine Türe zu und bete zu deinem Vater im Verborgenen; und dein Vater, der ins Verborgene sieht, wird es dir vergelten öffentlich.“

Außerdem verurteilte er die Priesterkaste deshalb, weil sie das Volk ausbeutete, um selber in Saus und Braus leben zu können. Dazu hatten sie den regelmäßigen Opferdienst im Jerusalemer Tempel eingerichtet und die dafür erforderlichen Opfertiere durften nur dort gekauft werden (bei den sogenannten Geldwechslern), damit die Priesterkaste ordentlich daran verdienen konnte. Jesus stürmte den Tempel und randalierte unter diesen Geldwechslern. Deutlicher kann ein Protest nicht formuliert werden.

Jesus war auch gegen einzuhaltende Rituale und Festtage. So aß und trank er entgegen der religiösen Vorschriften mit den Damen des horizontalen Gewerbes und Geldeintreibern am heiligen Sabbath.

Alles in allem führte das dann dazu, dass die Priesterkaste ihn unbedingt loshaben wollte und seine Kreuzigung betrieb.

Das, was für die Priesterkaste im Sinne der Religion alles Sünde war, spielte für Jesus keine Rolle. Er rettete sogar eine angebliche Sünderin vor der Steinigung und sprach: „Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein“. Er lehnte also die Bestrafung für Sünden ab.

Er hat auch nur selten über Sünden geredet. Du kannst ja selber mal suchen, wo in den wörtlichen Zitaten Jesu Sünde überhaupt vorkommt. Das ist sehr selten der Fall.

Im Prinzip hat Jesus nur drei Fälle genannt, die in seinen Augen als unverzeihliche Sünde zu werten sind:

- Lästerung wider den heiligen Geist

- andere daran zu hindern, seiner Lehre zu folgen, also daran zu hindern Gutes zu tun und Böses zu unterlassen

- Ehebruch. Der Ehebruch ist auch die einzige Stelle, wo sich Jesus überhaupt in das Sexualleben einmischt. In heutigen Worten müsste man sagen: „Wer in einer Beziehung lebt, hat treu zu sein“. Ansonsten hat Jesus nichts sexuelles verurteilt, weder Selbstbefriedigung noch irgendwelchen Spass, Fetische oder besondere Praktiken. Die Grenze liegt gemäß der Goldenen Regel nur dort, wo andere gegen ihren Willen zu etwas gezwungen werden oder gar beschädigt werden.

Dann wurde Jesus letztlich aufgrund seiner Lehre gekreuzigt.

In den ersten Jahren nach Jesu Tod bildeten sich im Urchristentum ganz verschiedenen Zweige heraus, die sich in den ersten Jahrhunderten auch noch weiterentwickeln und getrennte Wege gehen konnten. Besonders zu erwähnen wären die Gnostiker oder auch die Manichäer oder Arianer, um nur einige zu nennen.

Eine dieser vielen Richtungen wurde durch Paulus begründet. Paulus führte aber nicht die Lehre Jesu fort sondern er begründete eine ganz neue Lehre. Er machte aus dem Verkünder einer Lehre (Jesus von Nazareth) den Verkünder einer ganz neuen Lehre (Jesus Christus). Im Mittelpunkt der paulianischen Lehre stand auch nicht mehr das rechte Tun, sondern der rechte Glauben. Nicht mehr die Goldene Regel Jesu stand nun im Mittelpunkt, die wurde ganz zur Seite gedrängt. Paulus formuliert einen ganz neuen Mittelpunkt seiner Lehre: „Wer nicht an die Auferstehung Jesu von den Toten glaubt, für den ist das Christentum hinfällig.“ Nicht umsonst ist daher Ostern bei den Pauluschristen mit der höchste religiöse Feiertag, während es einen Verkündungstag zur Feier der Lehre Jesu bzw. zur Feier der Bergpredigt erst gar nicht gibt.

Die Lehre des Paulus stand aber nicht nur im zentralen Punkt der Lehre Jesu entgegen, er pervertierte die Lehre des Jesus von Nazareth in vielen weiteren Punkten. So lehrte er auch Lust- und Frauenfeindlichkeit, was entgegen der Lehre Jesu steht. In der Lehre des Paulus stand plötzlich auch die Sündhaftigkeit der Welt und der Menschen ganz im Vordergrund und in den Schriften des Paulus wimmelt es plötzlich nur so von Sünden.

Der Zweig des Christentums, den Paulus begründet hat, wurde zur theologischen Grundlage des römischen Katholizismus. Dort pflanzte sich die Pervertierung der Lehre Jesu weiter fort. Es wurde erneut eine Priesterkaste eingerichtet, die nahmen das Volk noch mehr aus, als es die jüdischen Priester je taten, die Lust- und Frauenfeindlichkeit wurde noch weiter getrieben und die Pflicht zu religiösen Riten und Feierlichkeiten wurden noch weiter verschärft. Nicht mehr das rechte Tun stand im Mittelpunkt, falsches Verhalten konnte durch regelmäßiges Beichten und Sündenablass durch einen Priester leicht wieder aus der Welt geschafft werden. Der rechte Glauben wurde in den Mittelpunkt gestellt und wer dem nicht folgen wollte, wurde verfolgt, unterdrückt oder gar ermordet.

Genau diese Katholiken stellten dann im 4. Jahrhundert die Bibel zusammen. Dabei ließen sie nur zu, was ihrer, also der paulianischen Lehre entsprach. Deshalb nimmt Paulus auch einen so ungeheuer großen Raum im Neuen Testament ein. Alle anderen Schriften, die es aus den anderen Zweigen des Urchristentums gab, wurden dagegen verdammt und fast vollständig vernichtet. Zum Glück haben aber doch einige dieser verdammten (apokryphen) Schriften in ihren Verstecken wie z.B. bei Nag Hammadi oder in den Höhlen bei Qumram überlebt. Daher wissen wir heute, dass in diesen von den Paulianern verdammten Schriften, wie z.B. dem Thomasevangelium, das ausschließlich aus wörtlichen Zitaten von Jesus besteht, nichts für aber vieles entgegen der Lehre des Paulus steht. Dort wird von Jesus weder die allgemeine Sündhaftigkeit, die Frauenfeindlichkeit, die Gründung einer Kirche und Priesterkaste, die Lustfeindlichkeit oder die Einhaltung spezielle regeln gefordert sondern im Gegenteil, er spricht sich dort sogar ausdrücklich dagegen aus.

Die paulianische Lehre wurde dann von den katholischen Kirchenlehrern noch weiter im Sinne der Priesterkaste zur Unterdrückung und Ausbeutung des einfachen Volkes ausgeweitet. So erfand dann auch Augustinus die Erbsündenlehre, wie sich in Dokumenten der Vatikanbibliothek nachlesen lässt. In der weiteren Geschichte spalteten sich dann von den Katholiken diverse andere Kirchen und Glaubensrichtungen ab, wie z.B. Protestanten, Evangelikale etc. pp., die im Prinzip aber immer noch auf der paulianischen Lehre basieren und den Schriften des Paulus folgen. Das sind die sogenannten Pauluschristen.

Kolosser 3,5-6 verbietet definitiv keine Lust am ehelichen Sexualverkehrt. Es geht dabei um schlechte Absichten und falsches Begehren von z. B. Fremdgehen oder außerehelichem Sexualverkehr. Das Sexualität in der Ehe keine Sünde ist, beziehen sich diese Verse nicht auf die Ehe.

Wenn man das Hohelied liest, stellt man fest, dass die Bibel nicht so prüde ist, wie manchmal behauptet wird: https://www.bibleserver.com/text/SLT/Hoheslied1

Viele Religionen - allen voran die christliche - haben per Definition ein Problem mit Sex.

In der Bronzezeit haben die (männlichen!) Religionsstifter bewährte Stammesregeln aus uralter Zeit ihren "unsichtbaren Chefs" in den Mund gelegt, um diesen Nachdruck zu verleihen. Das ganze Bohei um Vor- und Außerehelichen Sex und der daraus entstandene Jungfrauenkult, soll in erster Linie sicherstellen, dass die "Blutlinie" nicht verunreinigt wird und sich der Mann sicher sein, dass die in seinem "Besitz" befindlichen Frauen nicht von einem Nebenbuhler geschwängert wurden.

Aus Sicht eines Religionsstifters ist Sex ja ohnehin nur eine unerwünschte Ablenkung vom Wesentlichen (nämlich zu beten, missionieren usw.) und daher zähneknirschend zur Vermehrung (der Gläubigen) geduldet. Dies ist auch der Grund warum Verhütung, Abtreibung usw. meist ebenfalls verboten ist.

Religionen sind eifersüchtig auf die ekstatischen Gefühle beim Sex (selten fühlt man sich dem Universum näher, als beim Orgasmus), die eigentlich dem Gottesdienst vorbehalten bleiben sollen. Da man die Menschen in den Betten meist häufiger und inbrünstiger "Oh Gott!" rufen hört, als in Kirche, Tempel oder Moschee, lässt sich dieses Konkurrenz-denken gut nachvollziehen ;-) 

Es ist daher keine gute Idee, die Märchen aus der Bronzezeit, die von Männern zusammengestellt wurden, die nicht einmal wussten, wohin nachts die Sonne verschwindet, als Grundlage für unsere moderne Gesellschaft und die Beziehung zwischen zwei Menschen zu nehmen. Hier bietet der Humanismus wesentlich intelligentere und realistischere Konzepte!

Seid nett aufeinander!

R. Fahren

Woher ich das weiß:Beruf – Lange Jahre Erfahrung als Sex-Coach und Fachbuch-Autor
die nicht einmal wussten, wohin nachts die Sonne verschwindet

Naja, aus dem Arsch geschienen hat sie ihnen sicher nicht ;) Zumindest das sollten sie bemerkt haben.

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@GanMar

Sie haben schon bemerkt, dass die Sonne wandert. Daher gab es ja die unterschiedlichsten Erklärungen in der Geschichte - von Göttern, die den "Sonnenwagen" übers Firmament lenken, bis zum Mistkäfer (Skarabäus) der Ägypter....

Übrigens: Was ist der Unterschied zwischen dem Anbeten der Sonne und dem Anbeten eines Gottes?

Die Sonne existiert...

Seid nett aufeinander!

R. Fahren

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