Warum haben klassische Dichter immer so schlechte Reime gehabt?
Heutzutage haben Rapper, die darauf Wert legen (mainstream autotune rap ist damit ausdrücklich nicht gemeint) ein immens hohes Niveau, was Reimtechnik angeht. Viele können einen kompletten Part mit ner 5silbigen Reimkette schreiben und noch viel krassere Dinge. In der Anfangszeit gab es sowas seltener, aber es hat sich ein hoher Standart etabliert unter Rappern, die etwas auf ihre Technik halten.
Warum hat es sowas früher in der Lyrik kaum gegeben? Seit Jahrtausenden schreiben Menschen Gedichte, bis heute lesen wir jahrhundertealte Klassiker, aber all die Zeit ist die Reimtechnik auf Kindergarten-Niveau mit Haus-Maus-Reimen geblieben. Soll kein Hate sein, die hatten andere Stärken und offensichtlich einfach keine Priorität auf mehrsilbige Reime gelegt und es war ja auch ne andere Zeit. Ich finde es aber trotzdem seltsam, dass in all der Zeit niemand angefangen hat, mehrsilbige Reime auf einem hohen Niveau zu verwenden. Oder hab ich da was verpasst?
3 Antworten
Bei einem Gedicht kommt es nicht nur auf das Reimschema an. Viel wichtiger sind Aussage und Sprachästhetik. Und da versagen die meisten Rapper erbärmlich.
Ja, die Rapper können besser reimen. Allerdings (das ist nur meine Meinung), können sie dafür nicht singen.
Vom Eise befreit sind Strom und Bäche, durch des Frühlings holden belebenden Blick.....
Festgemauert in der Erde, steht die Form, aus Lehm gebrannt....
Zum Kampf der Wagen und Gesänge auf Korintus Landesenge, der Griechen Stämme froh vereint.
Zog Ibikus, der Götterfreund.
und das geht Seitenlang so weiter....
Die klassische Dichtung verkörpert die Vollendung sprachlicher Kunst. Sie besticht nicht durch formale Spielereien, sondern durch die harmonische Verschmelzung von Gedankentiefe, sprachlicher Präzision und rhythmischer Eleganz. Ein Goethe-Sonett oder eine Hölderlin-Hymne wirken nicht durch äußerliche Reimkunststücke, sondern durch die vollkommene Einheit von Inhalt und Form, durch die meisterhafte Gestaltung von Metrum, Symbolik und sprachlicher Verdichtung. Jedes Wort ist hier bewusst gesetzt, jeder Vers ein in sich geschlossenes Kunstwerk. Dem gegenüber steht der moderne Rap, der zwar mit komplexen Reimstrukturen beeindruckt, doch oft bei formaler Virtuosität verharrt. Die perfekte Fünf-Silben-Reimkette bleibt leer, wenn ihr keine sprachschöpferische Kraft in Inhalt und Form zugrunde liegt. Während große Lyrik zum Nachdenken anregt, erschöpft sich vieler Rap in banaler Oberflächlichkeit. Zugegeben, es gibt Rapper mit künstlerischem Anspruch. Doch selbst ihre besten Reime erreichen selten die gedankliche Tiefes und sprachliche Intensität eines Goethe, Rilke oder Schiller. Wahre Dichtkunst liegt nicht in akrobatischer Reimerei, sondern darin, das Unsagbare sagbar zu machen! Klassische Lyrik ist zeitlose Kunst, die uns auch heute noch etwas zu sagen hat. Rap mag unterhalten; die große Dichtung aber verwandelt Sprache in wahre Kunst.