Was sind wesentliche Kritikpunkte am Weltethos?

1 Antwort

Die Idee, einen religions-, kultur- und traditionsübergreifenden Grundbestand an ethischen Fundamentalnormen zu identifizieren, ist an für sich nichts Neues. Das Projekt Weltethos ist eine Neuauflage dieser Idee von Hans Küng, welcher aber

  • zum einen meint, sein Denken sei universal verständlich und würde viele Religionen, Kulturen und Traditionen inkludieren, wäre also eine Synthese aus den Weltkulturen, Weltreligionen und Tradition
  • zum anderen aber nur ein Produkt seiner Wertvorstellungen präsentiert, welche eben aus seinem religiösen, kulturellen Verständnis und Traditionen resultiert.

Das Problem liegt somit darin, dass die Konzeption des Projekt enger ist als ihr Ziel. Im Prinzip löst Küng nur die westlichen Wertvorstellungen auf, ohne die Wertvorstellungen z.B. aus Asien verstanden zu haben und zu berücksichtigen. Damit löst Küng mehr ein kulturelles Ethos auf, als dass das er ein universales zu schaffen imstande ist.

Danke :-)

Hättest du auch konkrete Beispiele, inwiefern sich die "anderen" Wertvorstellungen im Vergleich zu den westlichen im Rahmen des Weltethos differenzieren?

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@derManuel321

Aussagen aus dem WE: "Die Goldene Regel beispielsweise, nach der man sich seinen Mitmenschen gegenüber so verhalten soll, wie man selbst behandelt werden möchte, findet sich in allen Traditionen wieder. Ebenso die Forderung, dass alle Menschen menschlich behandelt werden müssen und Werte wie Gewaltlosigkeit, Gerechtigkeit, Wahrhaftigkeit sowie Partnerschaft von Mann und Frau."

Jedoch: Probleme in der Gleichberechtigung ("Partnerschaft"), in Afrika und arabische Staaten. Mit der "Partnerschaft" hat sich der WE sehr weit aus dem Fenster gelehnt, auch wenn der WE in der Aufzählung den Mann vor die Frau stellt.

Gerechtigkeit: Das ist nur ein Verweisbegriff. Die Vorstellungen, was gerecht ist und was nicht, differieren stark. Hier häufig sehr starke Unterschiede aufgrund der Religionen.

Menschlichkeit: Auch das ist noch ein Begriff, dessen Inhalt nicht einstimmig definiert wird. Zwar benutzt jeder den Begriff, aber unsere Menschenrechte (z.B. Rechte des Straftäters) werden z.B. in Asien, Afrika, Arabien nicht vollumfänglich anerkannt, auch nicht in deren Traditionen und Religionen. Dann hat der Buddhismus ein ganz anderes Verhältnis zum Leid der anderen als z.B. das Christentum.

Den anderen behandeln, wie man selbst behandelt werden will: Dieser grundsätzliche Empathie-Satz findet sich nicht in allen Traditionen wieder, insbesondere nicht in solchen, die Kastenwesen, Klassen und andere Kategorien in den Menschen behaupten.

Gewaltlosigkeit: Dieser Wert wurde zwar z.B. von Gandhi gelebt und gepredigt, hat sich jedoch in der Region Indien/Pakistan nicht durchgesetzt. Gewalt als religiöses Mittel ist teilweise erlaubt, z.B. nach manchen islamischen Lehrern, nach manchen asiatischen Ansätzen (z.B. die Verbindung von harten Kampfkünsten und Zen-Buddhismus als kulturelle Ausprägungen) . Auch wenn alle von Gewaltlosigkeit reden, meinen viele etwas anderes damit.

Wahrhaftigkeit: Z.B. geht der Hinduismus bewusst Widersprüche ein, er strebt kein System der Wahrheit an. Dass man nicht lügen soll, ist zwar eine soziale Notwendigkeit, als religiöser Wert ist es jedoch nicht vollumfänglich anerkannt. So haben Notlügen eine größere Erlaubnisbandbreite in nicht christlichen Religionen, da nur das Christentum Gott mit Wahrheit gleichsetzt. Im Prinzip geht es um Wahrhaftigkeit nicht um Tradition, Ethik und Religion, sondern um Sozialtechnokratie.

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Danke und meinen Respekt @nobytree2 für diese gelungene Antwort ,welche  die absurden Ideen eines Hans Küng auf den Punkt bringen ,Ein Konstrukt  welches die   Selbstaussagen der einzelnen Religionskonzepte  völlig aussen vor lässt.

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