Rennpferde Training?

2 Antworten

Vorweg: Meine Erfahrung diesbezüglich ist ein paar Jahrzehnte her. Daher sind  Abweichungen zum heutigen Alltag auf der Rennbahn natürlich nicht auszuschließen.

Und, ganz stellt sich mir die Frage, was du unter einem normalen Reitpferd verstehst. Ich kenne aktuell eine Menge Pferde, die gewiss nichts mit Galopprennsport  tun haben und weder fett, noch mager, sondern ebenfalls gut bemuskelt sind.

Nun zum Training: 

nein, die werden nicht wirklich  dressurmäsig geritten, brauchen sie auch nicht, da sie weder schwer zu tragen, noch enge Wendungen zu laufen haben.

Und nein, im Training wird wurde nicht immer galoppiert. Wesentlich weniger, als wohl gemeinhin angenommen wird.

Und noch mal nein, die Muskeln kommem nicht nur vom Rennen, sondern auch sehr viel vom Schrittreiten.

Genausowenig wie bei jedem anderen Pferd ist galoppieren gleichbedeutend mit rennen.  „Rennen“ im eigentlichen Sinne gab  es im Trainingsalltag überhaupt nicht. 

(Näheres folgt als Kommentar)

Jedes Pferd wird natürlich individuell trainiert. Aber „im Durchschnitt“ könnte man sagen, sah das etwa so aus:

Jedes 2. Wochenende liefen die meisten Pferde ein Rennen. Und nur hier(!) „rannte“ das Pferd im wörtlichen Sinne. 

Am Tag, oder auch 2 - 3 Tage, nach dem Rennen, wurde nur ausgiebig Schritt geritten. Zur Regeneration, um Muskelkater zu berücksichtigen, und weil auch sowieso jeden weiteren Tag sehr viel ordentlicher Schritt gefordert war. Am langen Zügel, mit größtmöglichem Raumgriff. Ein Pferd, das keinen Schritt hat, hat auch keinen Galopp, hieß es immer; entsprechend viel Wert wurde auf den Schritt gelegt.

„Anlehnung“ ist ja ein etwas strittiger Begriff. Im Sinne von relativer Aufrichtung wurden die Rennpferde nie geritten; wohl aber in möglichst gleichmäßigem, feinem Zügelkontakt.

In den folgenden Tagen kam dann vermehrt Trab  hinzu. Immer im Leichttraben, und wir waren angehalten, dabei eine korrekte Dehnungshaltung anzustreben.

Nach ein paar Tagen  kam dann leichter Kantergalopp hinzu. Von Tag zu Tag etwas mehr davon und etwas flotter - aber immer nach Maßgabe des Trainers, und niemals durfte man überholen! Das wäre im Training eine   absolute Todsünde gewesen. Jeder hat hinter seinem vorgeschriebenen Vordermann zu bleiben,  noch strikter als beim Abteilungsreiten.

Die letzten 1-2 Tage vor dem nächsten Rennen wird wieder nur Schritt und eventuell etwas Trab geritten, damit das Pferd ausgeruht und voller Bewegungsdrang zum Rennen kommt.

 20 Minuten Schritt zu Beginn und ausgiebiges Trockenreiten am Schluss waren jeden Tag absolut unabdingbar.

Über das Futter kann ich dir nicht viel sagen. Das wird so individuell sein wie bei jedem Reitfperd. Natürlich kann ein Sportpferd, egal ob rennen, dressur oder springen, diese Leistungen nicht nur mit Heu liefern.

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@Urlewas

Ein Pferd, das keinen Schritt hat, hat auch keinen Galopp, hieß es immer; entsprechend viel Wert wurde auf den Schritt gelegt.

Interessant. Meine RL  sagt immer: eine gute Schrittarbeit ist die beste Galopparbeit. Sie meinte damit allerdings das Dressurreiten.

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Hallo, vielen Dank für die ausgiebige Antwort. Ich kenne mich nur mit dem Dressurreiten aus, reite seit einer Weile aber nicht aktiv. 

Ich kenne nur wenige Englische Vollblüter oder ehemalige Rennpferde. Diese wurden meistens irgendwann mal aussortiert und sind bei mehr oder weniger ambitionierten Freizeitreitern gelandet. 

Nur viele EV die man mal in Verkaufsanzeigen oder sonst wo sieht haben meistens eine wirklich gut ausgeprägte Muskulatur. Das von dir beschriebene Training unterscheidet sich jetzt natürlich nicht all zu sehr von dem eines Reiters der sein Pferd jeden Tag reitet (Vernünftig). Sprich ordentlich aufwärmen, abwechslungsreiche Arbeit, viel Wert auf wirklich ordentliches angaloppieren.... . Wie es halt sein sollte. 

Da es aber wahrscheinlich auch im Rennsport nicht nur Vollprofis gibt, wunderte mich das einfach und ich dachte dort würde eventuell vermehrt galoppiert. Ich dachte an ruhiges ausdauerndes galoppieren. 

Danke, lG

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@schneiderl

Ja, sicher, da wird jede Gangart nur einmal ausdauernd bei jeder Trainingseinheit geritten ( bis auf den Schritt natürlich, mit dem die Arbeit ja sowohl beginnt als auch endet). Also wiederholtes Angaloppieren als gymnstizierende Übung wie beim Dressurtraining, das macht man nicht. Der Galopp findet, wenn er geritten wird,  schon ausdauernd an einem Stück statt; in Tempo und Länge variabel.

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@Urlewas

Darf ich noch eine Frage stellen? Ich gehe davon aus die Pferde leben in Boxen, werden sie einmal am Tag trainiert oder mehrmals täglich rausgeholt? Z.B. für Schrittrunden, Führanlage oder Paddock? Ich denke das ist ebenfalls ausschlaggebend.

liebe Grüße

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@schneiderl

Wie gesagt, meine Erfahrung ist einige Jahrzehnte her. Damals kannte ich nicht mal das Wort „paddock“.

Führanlagen gab es schon, wurden aber vom Besitzer abgelehnt. (Wird ja auch heute noch kontrovers diskutiert)

Und ja, sie lebten in Boxen, was damals allerdings als großer Komfort betrachtet wurde, weil in vielen Reitställen Ständerhaltung noch völlig normal war.

Und nein, die Pferde kamen meines Wissens jedenfalls im Normalfall kein zweites mal am Tag raus. Es war aber auch ein kleiner Stall mit begrenzten Möglichkeiten; nicht so einer, wo die Millionen fließen. 

Durch das optimal angepasste Training bin ich aber auch heute  der Ansicht, dass die Pferde wohl recht zufrieden waren. Ich hätte sofort ein ausgemustertes davon für mich privat gekauft. Denn ich habe mit ihnen nie die Probleme gehabt, wie ich sie von anderen Pferden her kannte. Kein Steigen, kein Bocken, kein Durchgehen, kein Problem wegen nem blöden Regenschirm....

Durch das gut abgestimmte Training waren sie einfach ausgeglichen, und wer einmal gesehen hat, durch welchen Rummel die Pferde teilweise vom Stall zum Sattelplatz geführt werden müssen, der weiß, dass jedes „ Antischrecktraining“  dagegen pillepalle ist.

Einzig mit der Grunderziehung hätte man etwas Arbeit. Sie kennen es nicht, stil zu stehen. Niemals wurden sie angebunden, und zum Aufsitzen stehen sie gleich gar nicht. Solche Kompetenzen werden bei Rennpferden völlig vernachlässigt, weil das ja dort niemand braucht. 

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Die tatsache, dass Vollbluter von der Rennbahn muskulös sind und "normale" Reitpferd oftmals eher unvorteilhaft aussehen, liegt darin, dass "Rennpferde" einfach intensiver und vor allem planmäßiger trainiert werden, als "normale" Reitpferd.

Beim Rennpferd steht die Leistung des Pferdes im Vordergrund und damit die Tiere diese Leistung erbringen können, brauchen sie einfach eine sehr ausgeprägte Muskulatur.

Beim "normalen" Reitpferd hingegen kommt es meist nicht auf die Leistung an. Das normale Reitpferd soll in erster Linie für seinen Reiter "brav" (und gefahrenfrei) zu reiten sein. Oder bei Ausrichtung Richtung Dressur oder Springen soll es eben die spezifischen Anforderungen (Springen oder Dressurlektionen) willig ausführen.

Das ist der wesentliche Unterschied zwischen einem Rennpferd und einem "normalen" Reitpferd.

Rennpferde werden grundsätzlich sehr viel mehr als normale Reitpferde im Galopp geritten - aber im Training (zumindest nicht absichtlich) nie so intensiv und schnell wie im Rennen. Meistens ist es ein eher "gemütlicher" Canter mit einigen etwas schnelleren Reprisen zwischendurch. Dazu kommen noch regelmäßige Schrittausritte im Gelände und natürlich auch der Trabarbeit.

Man kann natürlich auch einem "normalen" Reitpferd eine sportliche muskulöse Figur verschaffen. Dazu muss man allerdings das Training wirklich planmäßig angehen - ebenso planmäßig wie die Profis. Den meisten Freizeitreitern fehlt dazu jedoch einfach das Durchhaltevermögen (und oftmals auch die "richtige" Anleitung hierzu) und deshalb sehen dann halt "normale" Reitpferd so aus wie du beschrieben hast. Eine ausführliche praktische Anleitung zum Muskelaufbau für das "normale" Reitpferd findest du hier in meinem Blog-Beitrag: https://www.reitstrategie.at/muskelaufbau-pferd-praktische-anleitung/

Zur Fütterung: Die Fütterung eines Rennpferdes besteht meistens auch nur aus qualitiativ hochwertigem Heu und Hafer mit einem passenden Mineralfutter und in der Wettkampfphase noch entsprechende Zusatzfuttermittel (allerdings sind diese nicht für den Muskelaufbau verantwortlich, sondenr in erster Linie für die Regeneration des Muskels nach der Belastung). 

LG Anna

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