Lebensgefühl der DDR Bürger

12 Antworten

Ich bin in den 60ern in der DDR geboren. Meine Familie hatte überhaupt keine Kontakte zu Westbürgern. Das hört sich sicher ganz schrecklich an, aber das war es nicht, da man ja keine Relation zu etwas anderem hatte. Wir sind da aufgewachsen, ganz normal in die Schule gegangen und hatten ebenfalls unsere normalen Kindersorgen. Ich hatte eine schöne Kindheit und habe nichts vermisst. Dieser Pionier- Krempel, den musste man halt mitnehmen, aber als Kind habe ich mir keine grossen Gedanken drüber gemacht. Ich habe viel Sport in Vereinen getrieben, bin viel rodeln und eislaufen gegangen, hatte eine Tante, die Hunde gezüchtet hat, wo ich sehr gern war, und meine Familie. Als Jugendliche sind wir jedes Wochenende zur Disko gegangen. Und als junge Familie haben wir viele spontane Feten in unserem Wohnblock gemacht zusammen mit anderen Familien. Man ist sich eben sehr oft besuchen gegangen, da wir kein Telefon hatten. Auch spontan, ist zusammen in den Urlaub gefahren und hat gemeinsam die Kinder gehütet oder gegenseitig. Wir jungen Frauen waren ja alle 100 % arbeiten. Dieser Zusammenhalt ist glaube ich verlorengegangen, aber vielleicht war das auch nur so, weil wir jung waren. Gleich nach der Wende sind mein Mann und ich in den Westen, weil mein Mann keine Arbeit mehr hatte. Erst da haben wir bewusst wahrgenommen, wie unser Leben in der DDR war. Denn nun hatten wir eine Relation. Unser Bild vom Westen war ein ganz anderes. Wir haben also viel dazu gelernt und uns ziemlich schnell ein neues Leben aufgebaut, dann aber auch festgestellt, dass die Leute dort eigentlich auf eine andere Art genauso unfrei sind, sie sind abhängig von ihren Krediten, von ihrem Lebensstandard etc. Und viele sind deshalb sehr unflexibel. Und als wir allen Wohlstand hatten, den wir in der DDR nicht hatten, haben wir gemerkt, dass der uns auch nicht glücklich macht und sind weiter gezogen nach SA. Wir sind dem Westen sehr dankbar für die vielen Möglichkeiten, die er uns geboten hat, aber wir sind auch nicht unzufrieden, in der DDR aufgewachsen zu sein, da wir auch hier vieles gelernt haben. Leben ohne Kredite, Flexibilität, Spontanität. Letztendlich waren wir in den letzten Jahren in der DDR in einer Weise auch nicht mehr so zufrieden, man ist ja älter geworden und da hat man sich doch die Frage gestellt, warum kann man nicht nach Griechenland reisen, wo doch die Welt eigentlich allen gehört. Es gab also zum Schluss schon politisches Interesse von uns, auch Aktivitäten und schlussendlich sind wir froh, dass die Grenze dann offen war, denn wer weiß, wo das hingeführt hätte. Mein Mann hatte z.B. unter Repressalien während der Armeezeit zu leiden, er war dort im Knast, weil er seine Meinung gesagt hat und musste auch nachdienen. Vermissen tun wir nichts mehr heute, das Leben geht weiter, ändert sich, man muss selbst das Beste daraus machen.

Wir sind dem Westen sehr dankbar für die vielen Möglichkeiten, die er uns geboten hat, ...

Ich habe keine Veranlassung dem Westen dankbar zu sein. Er kann eher dankbar sein, dass er mich bekommen hat.

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@2012infrage

Seine Würde. Das versteht aber nicht jeder. Lass es dabei bewenden.

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@exFlottiLotti

@exFlottiLotti

Ich habe keine Veranlassung dem Westen dankbar zu sein. Er kann eher dankbar sein, dass er mich bekommen hat.

DH!

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@Lazarius

Nun ja, wenn man seine Möglichkeiten nicht nutzen will, wir wären ohne ihn nicht dahin gekommen, wo wir jetzt sind und das macht uns schon dankbar.

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@2012infrage

Weißt du, deine Antwort ist ja ansich gar nicht schlecht. Nur stört mich ungemein die devote Attitüde dieser "Dankbarkeit". Als ob uns "Wohltaten" ohne Gegenleistung erwiesen wurden und als ob wir dafür nicht einen hohen Preis gezahlt hätten. Und vor allem impliziert dieses "dankbar-sein", dass wir selbst nichts eingebracht hätten.

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@exFlottiLotti

Hola exFlottiLotti, ich bin nicht dankbar für Wohltaten, die brauche ich nicht, ich bin nur dankbar für die Möglichkeiten, die mir dadurch geboten wurden. Wir haben nie etwas genommen, wir haben immer für uns selbst gesorgt (das ist jetzt keinesfalls persönlich gemeint), wir sind losgegangen, haben uns umgeguckt, festgestellt, dass das im Westen sehr wohl auch seine Tücken und Macken hat und sind weitergezogen. Dieses Weiterziehen wäre ohne die Öffnung nicht möglich gewesen. Unser Blickwinkel hat sich so ungemein verändert. Ich kann nicht sehen, dass etwas gegeben wurde und etwas gezahlt wurde, das ist nicht mein Weltbild. Selber gucken was möglich ist und los... und damals war plötzlich so viel möglich. Ich bin ja auch dem Osten dankbar, weil ich auch da sehr viel fürs Leben gelernt habe, was mir heute noch zugutekommt.

Liebe Grüße

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Wie Du siehst, "kleintimon", hast du mit deiner Frage ein bis heute, und ich denke bis in weite Zukunft, kontroverses Thema losgetreten. Dein Interesse, resp. Frage kann so einfach nicht beantwortet werden, da es zu persönlich ist. Jeder Mensch fühlt in einer ähnlichen Situation unterschiedlich. Es ist schier unmöglich das Lebensgefühl von damals ca. 16 Millionen Menschen auf einen Nenner zu bringen. Oder versuch doch einmal eure Klasse zu einem Thema zu verallgemeinern. Keine Chance, dazu gibt es zu viele einzelne Meinungen, die von vielen Faktoren abhängen. So auch die Einstellung in der ehem. DDR.

Da du aber mit meiner Antwort auch nicht weiterkommst, empfehle ich dir, dich mit entsprechender Literatur zu beschäftigen. Hhm, nicht mehr viel Zeit dazu? O.K.

Da würde ich dir gern ein Taschenbuch empfehlen: "Der Spaziergang von Rostock nach Syrakus", von Friedrich Christian Delius. Hier ein kleiner Auszug aus einer Rezession von H.Mattias: "...Paul Gompitz ist ein "abgestürzter Intellektueller", dem die Akademikerkarriere in der DDR verwehrt blieb, weil er den Militärdienst verweigerte. Ein großer Widerstandskämpfer ist er deshalb aber nicht. Es geht ihm ja auch ganz gut in der DDR. Er arbeitet in den Sommermonaten als Kellner in verschiedenen Orten an der Ostsee und verdient dabei so gut, dass er sich im Winter ausruhen und dem Leben mit seiner Freundin Helga widmen kann. Doch materieller Wohlstand alleine kann ihm seinen Wunsch, einmal in den Westen und insbesondere nach Syrakus zu reisen, nicht austreiben. Nachdem er den Entschluss gefasst hat, seine Reisepläne zu verwirklichen, vergehen volle sieben Jahre. Die Planung seines illegalen Grenzübertritts ist langwierig; das Beschaffen eines Bootes, das Einfärben des Segels (es muss dunkelfarbig sein, damit es während der nächtlichen Flucht nicht sofort entdeckt wird), das Streichen des Masts - all das sind kleine Kunststücke der Täuschung, die sorgfältige Überlegung erfordern. Die totalitäre Überwachung der DDR-Bürger wird so deutlich genug ins Bild gerückt. Dass es für den Helden trotzdem nie in Frage kommt, der DDR dauerhaft den Rücken zu kehren, wird manche selbstgerechte Wessis vielleicht stören. Es ist aber menschlich und psychologisch überzeugend und zeigt, dass auch in einem totalitären Staat Gefühle wie Heimatverbundenheit existieren; und dass auch Leute, die keine lautstarken Systemkritiker waren, in kleinen Gesten ihre Freiheit und Selbstbestimmung zu affirmieren versuchten. So wie sein Held ist auch das Buch: eine kleine, ruhige, unaufgeregte, dabei aber umso eindringlichere Erzählung, die dazu auch noch spannend zu lesen ist...."

Ich bin selbst in der DDR gross geworden und habe ähnlich Erfahrungen machen müssen wie der "Romanheld". Da dieses Buch sehr realistisch geschrieben ist, habe ich es dir empfohlen. Möglicherweisse musst du es auch zwei mal lesen, aber ich garantiere dir einen ziemlich guten Einblick in die Lebensweisen und das Denkverhalten in der ehemaligen DDR.

Schreib mir doch bitte deine Erfahrungen mit dem Aufsatz und die Reaktionen deiner Mitschüler und Lehrpersonen dazu.

LG Ramon

ramon - EIN Sujet EINES Buch EINES Autoren, der nicht mal selbst aus der DDR kommt, als"sehr realistisch" zu bezeichnen, zeugt von sehr viel Selbstvertrauen!

Es könnten ja auch die Phantasien eines v. Däniken über Landungen von Aliens auf der Erde als "stark realistisch" bezeichnet werden.

Ich fürchte nur, dass ich dann in der Klapse lande!

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@BigTumbler

Hallo BigTumbler

Danke erst einmal für ihren Beitrag. Bezüglich des Selbstvertrauen, würde mich interessieren wie sie das gemeint haben. Zu dem Buch, kann ich nur wiederholt bestätigen, es ist ausgezeichnet geschrieben und absolut realistisch. Ich kann es ihnen nur empfehlen, zumal es nach einer wahren Begebenheit geschrieben wurde.

Viele Grüsse

ramon

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Ich war damals 22, Student und voller Zuversicht. Meine bis dahin so überschaubare Zukunft in der DDR schillerte plötzlich so verheißungsvoll in ganz neuen Farben. Ich verliebte mich gerade in meine spätere Frau und wohl auch deshalb erlebte ich alles so grell und intensiv. Im Sommer '89 kam Dirty Dancing in die ostdeutschen Kinos und der Film traf den Nerv jener Zeit. Es passte einfach alles. Time of my life. Mit dem Fall der Mauer im Herbst ergaben sich bis dahin ungeahnte Möglichkeiten. Aus einstigen Träumen wurden Perspektiven. Alles schien möglich. Ich spürte das Leben damals als eine Art Feuerwerk, das in mir zündete und zu immer neuen Höhepunkten kulminierte.

So war das damals. So war die Gefühlslage jedenfalls bei mir.

Inzwischen bin ich wieder Single und manche Träume von einst mussten der Realität von heute weichen. Auch wenn dieses Lebensgefühl jener Zeit mit den Jahren verlorenging, bin ich unendlich dankbar für das Erlebte.

Gelegentlich komme ich an die Orte von damals, spüre den alten Zeiten nach und bin dann für einen Moment wieder drin in diesem irren Gefühl. Auch wenn meine Jugend eigentlich Vergangenheit ist, damit hole ich sie mir für diesen Moment zurück.

Liebe Grüße Volker K.

Unbestreitbarer Vorteil heute gegenüber damals: Meinungsfreiheit und die Möglichkeit, staatliches Handeln gerichtlich kontrollieren u. ggf. korrigieren zu lassen (über Verwaltungs-, Sozial-, Finanz- und Verfassungsgerichte - sowas gab es in der DDR nicht).

Unbestreitbarer Vorteil damals gegenüber heute: Es gab nur in verschwindend geringem Maße die Möglichkeit, dass Leute auf Kosten anderer - insbesondere durch deren Ausbeutung - reich werden konnten.

Lebensgefühle sind natürlich immer von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Ganz klar war jedoch der Gemeinschafts-Sinn deutlicher ausgeprägt als jetzt, da man in vielen Situationen stark auf andere angewiesen war. Schau doch auch mal im Internet unter: http://www.born-in-the-gdr.de

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