Investiturstreit: Inwiefern kann man von einer "Verweltlichung" des Kaisers, bzw. von einer "Verkaiserlichung" des Paspstes sprechen?

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3 Antworten

Um Prof. Martin Kaufhold, Mediävist von der Uni Augsburg sinngemäß zu zitieren: "Es ging nicht um die Macht, wer das in der Prüfung sagt, der kann gleich wieder gehen."

Das Problem waren die Lehensverhältnisse v.A. im Hl. Röm. Reich dt. Nation. Da hatten sich die Kaiser seit Karl dem Großen stark auf die Bischöfe verlassen. Sieht man später, da drei Kurfürsten Bischöfe ware (Mainz, Köln und Trier, wenn ich es noch richtig weiß). Ne anständige Lehenspyramide setzt voraus, dass die Lehnsnehmer primär ihrem Lehnherren loyal sind. Bischöfe sind aber primär dem Papst gegenüber loyal, deswegen hatte dieser Einfluss auf Reichspolitik, ergo war er verweltlicht.

Die Reformpäpste ab Leo IX. 1050 rum wollten u.A. eine absolute Loyalität gegenüber der klerikalen Hierarchie herstellen. Das sieht man am Zölibat: das hatte nix mit Keuschheit zu tun (sie dürfen ja nur nicht heiraten, Verkehr ist nicht verboten), da ging es um Loyalitätsverhältnisse. Im Mittelalter musste man seiner Familie ggü loyal sein. Ist n wichtiger Bischof jetzt mit der herrschenden Dynastie verheiratet, so ist er in einem Loyalitätskonflikt. Man muss Leo auch wirklich recht geben, dass es nicht angehen kann, dass ein Laie die Investitur vornimmt (also Bischöfe ernennt, wobei wir bei der Vergeistigung des Kaiser sind). Das ist einfach nicht sein Job. Und die Rolle des Oberpriesters hatte der Kaiser nur im römischen Reich inne, seit Karl dem Großen nicht mehr. Er hatte sich ja Weihnachten 800 von Leo III. zum Kaiser krönen lassen. Ziemlich dumm, weil so hatte er ne Gnade von jemand Anderem erhalten, war ihm damit nach mittelalterlichem Recht also Untertan (römische Kaiser hat niemand gesalbt, und die haben die Bischöfe von Rom, die späteren Päpste, ernannt).

Sprich, egal wie viel Einzelpäpste an der Macht interessiert waren (v.A. später die Renaissancepäpste), theoretisch ging es nur um eine Handelsautonomie des Klerus. Da Bischöfe aber v.A. im Reich auch mächtige Landesherren waren, konnte der Papst Einfluss auf das Geschehen nehmen, wurde also "verweltlicht". Ein starker Kaiser hat aber selbst Investitur vorgenommen und ihm mißliebige Päpste einfach abgesetzt (vergeistlicht), was im römischen Reich vollkommen OK war (Kaiser = Oberpriester), seit Karl dem Großen aber streng genommen nicht mehr.

Wenn mich nicht alles täuscht kam die Idee der zwei Herrschaftssphären (Schwert & Schlüssel) erst später auf. N klassisch römischer Imperator hatte noch beides inne, im Mittelalter mussten es sich Kaiser & Papst teilen.

Es geht schlicht und ergreifend um die Macht über die kirchlichen Fürsten. Wer sie berufen kann, kann seine Leute in weiten Teilen des Heiligen Römischen Reiches in Stellung bringen.

Man kann das vielleicht in dem Sinn interpretieren, dass der Kaiser auf seinen Einfluss über die weltlichen Fürsten reduziert wird und der Papst - nachdem er sich durchgesetzt hat (Canossa) - praktisch Funktionen ausübt, die vorher der Kaiser innehatte.

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