gewinkt oder gewunken

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Das Verb winken ist ein Sonderfall. Es ist das einzige Verb in der deutschen Sprache, dass von einer schwachen Konjugation in eine starke überwechselt (normalerweise verläuft es andersherum, vgl.: backen, buk/backte, gebacken oder schon abgeschlossen: Mhd. pflegen, pflac, gepflogen zu Nhd. pflegen, pflegte, gepflegt). Winken ist zwar ursprünglich ein Verb mit schwacher Flexion, aber schon in mittelhochdeutscher Zeit haben sich in einigen Dialekten im süddeutsche Raum starke Formen herausgebildet: winken, wunk/wonk/wank, gewunken. Von diesen Formen hat sich bis heute nur das Partizip II gewunken erhalten, das seit etwa einem Jahrhundert die schwache Form gewinkt verdrängt. Dieser Vorgang wird in der Dudengrammatik (1998, S. 144) erwähnt: "Das unregelmäßige 2. Partizip gewunken dringt heute, obwohl es hochsprachlich als nicht korrekt gilt, über das Mundartliche hinaus." In der Ausgabe von 2005 wird gewunken kommentarlos neben die als Hauptform gekennzeichnete Form gewinkt gestellt (2005, S. 502). Offenbar waren die Verfasser der Dudengrammatik der Auffassung, dass sich gewunken als standardsprachlich durchgesetzt habe. Tatsächlich lässt sich beobachten, dass sich gewunken in immer mehr (auch standardsprachlichen!) Texten durchsetzt. Noch in den 1960er Jahren gab es kaum Belege für gewunken in den Textcorpora, seit den 1980er Jahren kommt gewunken deutlich häufiger vor als gewinkt. Hier ist also etwas zu beobachten, was Linguisten als "Sprachwandel" bezeichnen (Laien bezeichnen es gerne auch als Sprachverfall oder Verlotterung der Sprache, Sprachwandel ist jedoch ein Prozess, den die Sprache seit ihrem Anbeginn an durchmacht. Es würde ja keiner auf die Idee kommen, Französisch oder gar Italienisch als "verlottertes Latein" zu bezeichnen, obwohl sie die durch den Sprachwandel entstandenen Weiterentwicklungen des Lateinischen sind, ebenso, wie auch unser heutiges Deutsch auf das Mittelhochdeutsche, was wiederum auf das Althochdeutsche und dieses wiederum auf das Germanische zurück geht. Als Beispiel bringe ich hier die wunderschöne lateinische Form cantabo "ich werde singen", das im Vulgärlateinischen durch die "barbarische" Umschreibung cantare habeo ersetzt wurde, und diese dann durch die "schludrige" Aussprache der Gallier zu cantare aio und dann zu der französischen Form chanterai "heruntergewirtschaftet" wurde. Und es geht noch weiter: diese Form wird durch die Umschreibung je vais chanter verdrängt. Wir sehen also: alles Sprachwandel!). Wenn Sebastian Sick also schreibt, dass gewinkt die einzig richtige Form sei, dann bezieht er sich dabei auf die alte Dudengrammatik. Heute kann neben gewinkt auch gewunken gesagt werden. Beides ist angemessen.

Quellen:

Kubczak, Jaqueline; Mösch, Matthias: Gewinkt oder gewunken? Schwache oder starke Flexion. Kurzfassung der Informationseinheit in "Grammatik in Fragen und Antworten". In: Sprachreport 24 (2008), Heft 1, S. 28 - 30.

Keller, Rudi: Ist die deutsche Sprache vom Verfall bedroht? In: Aptum. Zeitschrift für Sprachkritik und Sprachkultur (2006), Heft 3, S. 193 - 205.

Also, nachdem hier sehr viele Äußerungen (und damit verbunden auch Unsicherheiten) aufgetaucht sind, möchte ich als Germanistik-Studentin die Verwirrung gerne auflösen: Es heißt auf Hochdeutsch gewinkt; Dialekte können abweichen und demzufolge gibt es dort die Variante gewunken. (Immerhin heißt es ja auch nicht gehunken.)

Da im TV und Radio gerne darauf geachtet wird, volksnah zu sprechen, also so nah wie möglich an die Sprache der Hörer heranzukommen, erklärt dies, weshalb die starke Form der Konjugation in den Medien vermehrt auftritt.

Natürlich heißt es richtig: gewinkt. Winken, winkte, gewinkt. Es ist wie hinken, hinkte, gehinkt. Dies sind regelmäßige Verben. Im Gegensatz dazu ist stinken, stank, gestunken unregelmäßig, was man schon beim Imperfekt sieht. Dieser ist stark gebeugt, so auch im Perfekt. Bei Winken hingegen wird im Imperfekt und im Perfekt schwach gebeugt. Das sind nun einmal die Regeln!

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