Eudaimonismus und Utilitarismus

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Eudaimonismus ist eine ethische Theorie, die das Glück (griechisch εὐδαιμονία; die Wortbildung geht auf die Vorstellung zurück, einen „guten Daimon“ zu haben, was bedeutet, ein wohlgeratenes, gesegnetes, gedeihliches, wunschgemäßes, preisenswertes Leben zu führen) in der Bedeutung eines guten Lebens in den Mittelpunkt stellt und für die Glück (lateinisch beatitudo; französisch bonheur; englisch happiness) das höchste Lebensziel ist. Die Frage „Was ist ein gutes Leben?“ ist grundlegend.

Beim Ethiktyp Eudaimonismus ist eine große Bandbreite möglich, je nach dem, was der Begriff „Glück“ genau bedeutet, welches grundlegendes Verständnis der Wirklichkeit herangezogen wird und nach welchen Kriterien von wem bewertet wird. Denkbar sind grundsätzlich zwei Ansätze, eine kluge Ausrichtung des für sich selbst guten Lebens nach dem Beurteilungsmaßstab des subjektiv erlebten Wohlbefindens und die Vervollkommnung der allgemeinen menschlichen /artspezifischen oder persönlichen Eigenschaften.

Fast alle ethischen Theorien der Antike waren eudaimonistisch (z. B. Platon, Aristoteles, die Stoa und Epikur). Ein Beispiel bei jemand, der dafür vielleicht nicht so allgemein bekannt ist und bei dem auch die Tugenden hineingebracht werden ist Platon, Symposion 205 a (Sokrates gibt eine Rede der Diotima wieder): „Denn durch den Besitz des Guten/der guten Dinge, sagte sie, sind die Glücklichen glücklich und es bedarf keiner weiteren Frage mehr, wozu jemand glücklich sein wolle, sondern das Antworten scheint ein Ende zu haben/an sein Ziel gelangt zu sein.“

Eine Ausnahme in der Antike stellen die Kyrenaĭker (Aristippos von Kyrene und seine Schüler) dar. Sie vertaten die Auffassung, die einzelne Lust sei das höchste Gut und um ihrer selbst willen wählenswert, das Glück dagegen um der einzelnen Lüste willen (Diogenes Laertios 2, 87 – 88). Die Kyrenaĭker meinten, Glück ergebe sich günstigenfalls aus der Anhäufung zahlreicher Lustaugenblicke. Da dies aber schwer zu erreichen sei, hielten sie Glück für ein zu hochgestecktes und nicht in sich wertvolles Ziel.

Anders als in der Antike (eher Verbindung von Wohlbefinden und Wohlergehen mit Glück als Erfüllungsglück und mit objektiv erstrebenswerten Zielen) ist später beim Glück das subjektive Empfindungsglück vorrangig geworden werden. Weil eine vereinheitlichende ontologische oder anthropologische Klammer verschwand, wurde von einer unüberwindbaren Vielfalt von Lebensentwürfen ohne gemeinsame Grundlage ausgegangen.

Beispiele für zeitgenössische Vermittlungsversuche in diese Lage sind das von Wilhelm Schmidt vertretene Lebenskunstmodell die „Ethische Ausrichtung“ von Paul Ricœur und die „Selbsterfüllung (verschränktes Ineinander von Wunscherfüllung und Fähigkeitenverwirklichung) von Alan Gewirt.

Vgl. insgesamt zum Eudaimomismus:
Christoph Hübenthal, Eudaimomismus. In: Handbuch Ethik. 2., aktualisierte und erweiterte Auflage. Herausgegeben von Marcus Düwell, Christoph Hübenthal und Micha H. Werner. Stuttgart ; Weimar : Metzler, 2006, S. 82 – 94

Utilitarismus ist nicht allgemein als solcher Eudaimonismus. Es kommt auf die Auffassung an, was Kriterium der Nützlichkeit ist. Wenn das Nützliche inhaltlich näher durch Glück bestimmt wird, ist eine utilitaristische Ethik auch eine eudaimonistische, zumindest wenn Eudaimonismus nicht ausschließlich auf ein Erfüllungsglück und objektiv erstrebenswerte Ziele eingeschränkt wird.

Jeremy Bentham und John Stuart Mill haben z. B. Nutzen durch das Ausmaß von Glück („happiness“) bestimmt. Die meisten utilitaristischen Ansätze sind eudaimonistisch. Theoretisch sind aber auf der Grundlage eines Nützlichkeitsprinzips auch andere Ansätze denkbar.

Bei Richard Mervyn Hare ist der Utilitarismus eher ein Metaprinzip, das in der Praxis zur Anwendung kommende intuitive Prinzipien überprüft, ob sei das gesellschaftliche Optimum realisieren. Die sozialmoralischen Normen selbst sind weitgehend deontologisch.

Im Präferenzutilitarismus wird Glück lediglich an äußeren Verhaltensmerkmalen gemessen und verglichen, was Nutzen an der Erfüllung der Wünsche und Strebungen leichter überprüfbar machen kann, aber den Bezug auf Glück abschwächt und die Wertegrundlage verschiebt.

Dieter Birnbacher, Utilitarismus. In: Handbuch Ethik. 2., aktualisierte und erweiterte Auflage. Herausgegeben von Marcus Düwell, Christoph Hübenthal und Micha H. Werner. Stuttgart ; Weimar : Metzler, 2006, S. 101:
„Mit dem Präferenzutilitarismus verschiebt sich die Wertbasis des Utilitarismus grundlegend. Während es für Bentham, Mill und Sidgwick auf die Maximierung (‹pleasure›) ankam, kommt es für den Präferenzutilitaristen auf die maximale Erfüllung von Wünschen und Interessen an. Das Ziel der Moral ist nicht mehr die Herstellung bestimmter subjektiver Zustände, sondern die Herstellung bestimmter Weltzustände. Da sich Wünsche und Interessen auf Weltzustände jenseits individuellen Erfahrungshorizonts richten können, fällt die Interessenbefriedigung nicht mehr notwendig mit einem subjektiven Erleben des Wünschenden zusammen. Im Extremfall liegt die Wunscherfüllung sogar jenseits der Erlebnismöglichkeiten jedes beliebigen Subjekts, wie bei dem Wunsch nach Intaktheit der Biosphäre über das Ende der Menschheit hinaus. Anders als für den klassischen (‹Glücks›-)Utilitarismus ist es für Präferenzutilitarismus also gleichgültig, ob und wie der Akteur die Erfüllung seiner Wünsche erlebt. Es kommt lediglich darauf an, wie intensiv er einen bestimmten Weltzustand erstrebt. Der Nutzen der Erfüllung des Wunsches wird nicht von der Intensität des Erlebens der Wunscherfüllung abhängig gemacht, sondern von der Intensität der Wünsche danach.“

Otfried Höffe, Glück. In: Lexikon der Ethik. Herausgegeben von Otfried Höffe. Originalausgabe, 7., neubearbeitete und erweiterte Auflage. München : Beck, 2008 (Beck'sche Reihe ; 152), S. 117:
„Eine E[thik], die nicht die ↑ Pflicht, sondern das G.[lück] zum höchsten Prinzip menschlichen Handelns erklärt, heißt Eudaimonismus (gr.[iechisch] eudaimonia: G.[lück].“

Johannes Fischer, Stefan Gruden, Esther Imhof, Jean-Daniel Strub, Grundkurs Ethik : Grundbegriffe philosophischer und theologischer Ethik. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage. Stuttgart : Kohlhammer, 2008, S. 179:
„Man nennt Ethiken, die das Streben nach Glück zum Maßstab des moralischen Handelns machen, eudaimonistische Ethiken. In diesem Sinn lässt sich auch der Utilitarismus als eine eudaimonistische Ethik verstehen. Diesbezüglich sei an die 4. Lektion erinnert, in der John Stuart Mills Begründung des Utilitarismus dargestellt wurde. Danach ist das Glück der letzte Zweck aller Handlungen von Menschen, und daraus wird abgeleitet, dass wir so handeln sollten, dass das allgemeine Glück maximiert und das Leid minimiert wird. Allerdings unterscheidet sich der Utilitarismus in drei wesentlichen Punkten von der antiken Debatte. Das Glück ist hier das momentan empfundene oder gefühlte Glück, und es zeigt sich nicht erst im Ganzen eines Lebens. Zum anderen gibt der Utilitarismus – im Unterschied zur aristotelischen Ethik und deren Tugendlehre – keine inhaltliche Bestimmung des Glücks. Vielmehr hängt es von den subjektiven Dispositionen und Vorstellungen eines Menschen ab, worin das Glück für ihn besteht. Daher gibt der Utilitarismus drittens auch keine Anleitung, wie das Ziel des Glücks zu erreichen ist. Stattdessen versucht er zu begründen, dass und warum wir so handeln sollen, dass das allgemeine Glück auch vermehrt wird.“

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@Albrecht

Vielen Dank für diese erneut sehr ausführliche Antwort.

Ganz besonders interessant finde ich den Präferenzutilitarismus, da es mir so erscheint, als würde Politik eben nach diesem Prinzip handeln sollen (zumindest nach dessen allgemeinem Verständnis).

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Eudaimonismus war eine zentrale Frage der antiken Philosophie, zu der nahezu alle Philosophen Antworten beigesteuert haben von Platon bis Epikur oder der Kyreneischen Schule. Doch wurde sie je nach grundphilosophischen Annahmen sehr verschieden beantwortet. Man kann unterscheiden in idealistische Philosophie (Platon, Aristoteles,Stoa) und empirisch-materialistische Philosophie (Aristipp, Demokrit, Epikur).

Merkmal der empirischen Philsophie ist, dass Werte nicht von "oben" gegeben werden sondern sich aus dem gesellschaftlichen Miteinander entwickeln. Dabei spielen zwei Tendenzen eine regulierende Rolle: Einmal das Streben nach dem persönlichen Glück und zum andern der rational gesteuerte Ausgleich individueller Werte und gemeinschaftlicher Werte, was auf der Grundüberzeugung beruht, dass das Gemeinschaftswesen Mensch nur als Individuum sein Glück verfehlt.

Der Utilitarismus ist vor allem in der englischen Aufklärung entwickelt worden und seine Protagonisten wie Hobbe oder Hume und Smith sind stark von Epikur beeinflusst. Darum kann man viele Merkmale des Utilitarismus bereits bei Epikur finden. In Deutschland allerdings wird Epikur nicht als der Vater der empirischen Philosophie vorgestellt (wie z.B. in englischen Enzyklopädien) sondern nur als "Glücksphilosoph" in seiner Bedeutung stark unterschätzt. Dabei ging es Epikur eben nicht nur um das rein persönliche Glück, was ja eine schlechte Übersetzung von Eudaimonaia ist, sondern darum, dass auch in Gemeinschaften ein "guter Geist" herrscht. Der "Garten" war eine Gemeinschaft und Freundschaft wurde von den Epikureen so groß geschrieben wie für die Christen die Liebe. Ebenso ist Utilitarismus eben nicht die Dominanz des individuellen Nutzens sondern eine Staats- und Wirtschaftstheorie, die den Ausgleich zwischen individuellen und öffentlichen Werten sucht.

Danke für diese ebenfalls sehr erhellende Unterscheidung der antiken Glücksphilosophen.

Mir ist inzwischen aufgefallen, dass Sie des öfteren auf Epikur zu sprechen kommen. In dem Sinne, dass seine Lehre oft missverstanden wird. Diesen Fehler möchte ich nicht begehen, daher würde es mich freuen, wenn ich mich (nach meinem 1 wöchigen Urlaub) über den Nachrichtendienst mit Ihnen darüber austauschen könnte :)

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@MaNic22

In der gesamten Antike - die Vorsokratiker evtl. ausgenommen - ging es bis zu Marc Aurel um die Frage, wie ein Leben gelingen kann. Nicht die Frage unterscheidet die Philosophen sondern die Antworten. Was Epikur angeht, hat er sehr interessante Antworten auf diese Frage gegeben, doch was im deutschsprachigen Raum gern übersehen wird, ist, dass er d e r große Gegenspieler zu Platon und Aristoteles ist, der als erster eine konsequente empirische Philsophie begründet hat, die dann in Teilen bereits über den Humanismus (sogar bei Nikolaus von Kues finden sich deutliche Spuren) die moderne empirische Philosophie begründet hat und dann über Pierre Gassendi in Frankreich vor allem über die französiche und englische Aufklärung. Mein Beispiel dazu ist immer, dass zum 300. Geburtstag von Hume zwei deutsche Biografien erschienen sind, in denen Epikur nicht mal im Stichwortverzeichnis auftaucht, obwohl Hume in seinem Hauptwerk "Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand" im 11. Kapitel Epikur ausdrücklich als sein Alter-Ego benennt. Wir ist diese "Verdrängung" erklärbar?

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@berkersheim

Was gäbe es denn überhaupt für Motive seine Relevanz zu verdrängen?

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@MaNic22

Peter Sloterdijk schreibt in seiner kurzen Abhandlung über Platon: "Tatsächlich war die europäische Philosophie in ihrer idealistischen Hauptströmung gleichsam die Folge einer platonischen Patristik; sie prozessierte als ein Komplex von Lehrsätzen und Machtworten, die in letzter Instanz aus einer einzigen zeugungsmächtigen Quelle zu fließen schienen. Die platonischen Meisterschriften haben wie eine Samenbank der Ideen gewirkt, aus der sich zahllose spätere Intelligenzen befruchten ließen, oft über große zeitliche und kulturelle Entfernungen hinweg." Allerdings verschweigt er, dass die Kirchen über ein Jahrtausend die Auslese getroffen haben, welche Samenbank fruchtbar werden durfte.

Selbst Gassendi hat versucht, Epikur zu christianisieren (d.h. teils zu platonisieren) und Hume erklärt in seinem 11. Kapitel, dass die Lehre Epikurs nicht a-religiös sei. Das hat ihm nichts geholfen. Der Bischof von Schottland konnte dennoch verhindern, dass er eine Professur bekam. Ebenso ging es Feuerbach oder Marx. Wer den Kirchenmächtigen bis ins 19. JH nicht in den Kram passte, konnte akademisch nichts werden. Der diktatorische Arm der Kirchen und ihrer speichelleckenden Schleppe aus Platoniker und Aristotelikern hat weit über die Inquisition hinaus Einfluss ausgeübt. Man sollte nicht vergessen, dass von den Berliner Kirchenoberen selbst einem Kant kurzzeitig der Mund verboten wurde. So kommt es, dass selbst die Atheisten in unserem Land sich als Hüter von absoluten Gegenwahrheiten aufspielen und man zwischen allen Stühlen sitzt, wenn man wie Feyerabend die Sichtweisen relativiert und verabsolutierende Abstraktionen kritisch hinterfragt.

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