Erkenntnistheorie: Idealismus - Realismus - Materialismus

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4 Antworten

Für die Frage sind die Gesichtspunkte der Ontologie (Seinslehre) und der Erkenntnistheorie entscheidend.

1) Idealismus ist in der Philosophie eine Richtung, die Ideen eine wesentliche Bedeutung zuspricht. Er kann auf verschiedene Bereiche bezogen sein (z. B. ontologischer Idealismus oder erkenntnistheoretischer Idealismus) und ist in verschiedenen Varianten vertreten worden.

a) Metaphysik/Ontologie: Wahres Sein hat die Idee/der Geist/das Geistige als Vernunft. Das Wesen der Welt liegt darin. Ideen/das Geistige sind ein letzter Grund des Geschehens. Idealisten nehmen an, die wahrnehmbare Wirklichkeit sei ein Abbild von Ideen bzw. von Prinzipien (die auch Materie organisieren) durchwirkt (objektiver Idealismus) oder materielle Dinge/die Gegenstände der sichtbaren Welt seien erst durch Ideen/geistige Einflüsse entstanden und deren Erscheinungsformen, wobei das Bewußtsein das Sein bestimmt (subjektiver Idealismus).

Gegensatz zum Idealismus ist ein Materialismus (ein begriffsgeschichtlicher Überblick zu ihm ist Wolfgang Nieke, Materialismus. In: Historisches Wörterbuch der Philosophie. Band 5: L – Mn. Basel ; Stuttgart : Schwabe, 1980, Spalte 842 – 850).

b) Erkenntnistheorie: Die Außenwelt ist dem Subjekt nicht fertig vorgegeben, indem sie einfach in einem getreuen Abbild passiv aufgenommen wird, sondern sie wird erst über Ideen erkannt. Das Denken der Vernunft ist grundlegendes Prinzip bzw. Ausgangspunkt. Gegensatz zum Idealismus ist Empirismus (die Erfahrung/die durch Sinneswahrnehmung beobachtbaren Einzeldinge bilden die Grundlage des Erkennens).

Besonders im Mittellalter gab es eine Auseinandersetzung über die Einstufung der Allgemeinbegriffe (Universalienstreit). Idealisten sahen in den Allgemeinbegriffen/dem Allgemeinen (Universalien; lateinisch = universalia) etwas Wirkliches, das den Dingen vorausgeht. Die Überzeugung von einer solchen Wirklichkeit (Realität) der Ideen wurde Realismus (Ideenrealismus) genannt. In diesem Zusammenhang sind also die Realisten die Idealisten. Gegensatz zum Idealismus = Realismus war der Nominalismus. Die Nominalisten hielten die Einzeldinge für die wahre Wirklichkeit, die Allgemeinbegriffe für bloße Namen (Name lateinisch = nomen) und nicht außerhalb der Einzeldinge existierend außer in Gedanken von Subjekten.

Idealismus ist als Begriff erst im 18. Jahrhundert aufgekommen. Vor allem im englischen und französischen Sprachraum sind teilweise auch Theorien, bei den „ideas“/,idées“ Vorstellungen meinen, durch welche die Dinge der Welt im menschlichen Bewußtsein repräsentiert werden (z. B. René Descartes und John Locke) als Idealismus bezeichnet worden, wobei Rationalisten und Empiristen zusammengestellt werden.

Hermann Zeltner, Idealismus. In: Historisches Wörterbuch der Philosophie. Band 4: I – K. Basel ; Stuttgart : Schwabe, 1976, Spalte 30 – 33

Spalte 30 – 31: „In polemischer Bedeutung ist ‹I.[]dealismus]› zuerst Gegenbegriff zu ‹Materialismus›, später auch zu ‹Realismus›.

Spalte 30 – 31: „Schöpfer einer idealistischen Metaphysik ist für Kant ebenso wie für Reid G. Berkeley. Wie schon bei Locke sind auch bei ihm »ideas« die unmittelbaren Objekte unseres Verstandes; wir empfangen sie entweder durch unsere sinnliche Empfindung oder bringen sie durch unsere Einbildungskraft hervor, keinesfalls aber haben sie eine außermentale Realität, sie sind vielmehr nur Umformungen unserer eigenen Affektionen. Ihr Sein ist »percipi«; es erschöpft sich in ihrem Wahrgenommenwerden. Finden wir ein Aggregat von sinnlichen Ideen in unseren Erfahrungen immer wieder zusammen, so nennen wir es ein wirkliches Ding, daher ist auch das Sein der »wirklichen« Dinge nicht anderes als bloßes Bewußtwerden. Es gibt so auch nicht zweierlei Wesen, geistige und materielle, sondern es existieren schlechthin nur Geister, d. h. denkende Wesen, deren Natur in Vorstellung und Willen besteht; die Objekte unserer Vorstellungen, die Ideen sind darum nichts Substantielles außerhalb des Geistes, sondern produktive Tätigkeit. Allerdings kommen uns die Empfindungen unserer Sinne ohne unser Zutun, sie sind sogar unleugbar stärker, deutlicher und geordneter als die Produkte unsere Phantasie; gleichwohl müssen auch sie Produkte eines Willens sein, und wir müssen aufgrund ihrer sich uns aufdrängender Überlegenheit über unsere eigene Produktion annehmen, daß sie von einem uns überlegenen Geist, von Gott geschaffen sind.“

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Kommentar von Albrecht
05.10.2011, 09:35

Spalte 31: „Im Unterschied nämlich zu Berkeley nimmt KANT die Existenz eines Dinges an sich an, das für uns unmittelbar nicht zu erkennen ist. Unserer Erfahrung zugänglich und erkennbar sind vielmehr immer nur Erscheinungen. Wir müssen aber weiter unterscheiden nach Form und Materie unseres Erkennens: material, inhaltlich erfaßt unsere Erfahrung ihrer Gegenstände als objektive, von uns unabhängige Gegebenheiten, die Formen unsere Anschauungen jedoch, Raum und Zeit, und damit die Formen unserer äußeren und inneren Erfahrung sind subjektiv, und damit ist alles, was uns in der Erfahrung vorkommen kann, keine »eigene vor sich bestehende Existenz«.“

Spalte 31 – 32: „Nach J. G. FICHTES Urteil ist der I.[dealismus] Kants auf halbem Wege stehen geblieben: Nicht nur die Formen der Anschauung und die Kategorien des Verstandes sind Schöpfungen der Vernunft, die Gegenständlichkeit selbst ist unsere Produktion: »Das Bewußtsein des Gegenstandes ist nur ein nicht dafür erkanntes Bewußtsein meiner Erzeugung einer Vorstellung vom Gegenstande« Allerdings steht es nicht in meiner Willkür, was ich als Außenwelt erlebe, ich finde mich in der Außenwelt ohne mein Zutun bestimmt; aber deren Realität liegt nur in der geistigen Bedeutung, dem geistigen Zweck der jeweiligen Erscheinungen, diese haben ihren Ursprung im Willen, seine Realität ist praktischer Natur.“

Spalte 32: „Indem Fichte eine prinzipiell unabhängige Realität leugnet, kehrt er zu Berkeley zurück, ja er radikalisiert dessen I.[dealismus] durch die Lehre vom absoluten Ich, das ursprünglich autonom und unbegrenzt ist und erst durch die Setzung des Nicht-Ich sich selbst begrenzt.“

Hermann Zeltner, Idealismus, subjektiver. In: Historisches Wörterbuch der Philosophie. Band 4: H – K. Basel ; Stuttgart : Schwabe, 1976, Spalte 43:

„Im Unterschied zu dem »materiellen« I.[dealismus] vor allem Berkeleys, dem KANTS ‹Widerlegung des I.[dealismus]› gilt, bezeichnet Kant seine eigene Theorie als »t.[ranszendentalen] I.[dealismus]«, nach welchen wir alle Erscheinungen »insgesamt als bloße Vorstellungen und nicht als Dinge an sich selbst ansehen«. Er ist das Ergebnis der Vernunftkritik und heißt daher auch »kritischer I.[dealismus]«.“

Oswald Schwemmer. Idealismus, transzendentaler. In: Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie. Herausgegeben von Jürgen Mittelstraß. Band 3: G – Inn. 2., neubearbeitete und wesentlich ergänzte Auflage. Stuttgart ; Weimar : Metzler, 2008, S. 505 – 508

S. 505 – 506: „Demgegenüber rückt Kant die Frage, ob und wie die ideale Bestimmtheit der Realität für ein Verständnis der objektiven Erkenntnis gedacht werden kann, in den Mittelpunkt seiner Philosophie. Seine Antwort soll zeigen, daß die Gegenstände unserer Erkenntnis nicht unabhängig von den (mit Wahrnehmung und begrifflichen Unterscheidungen erbrachten) Ordnungsleistungen des erkennenden Subjekts gegen sind (als ↑Dinge an sich), sondern (als ↑Erscheinungen) erst mit diesen Ordnungsleistungen des Subjekts erzeugt werden. Damit wird zwar die Realität nicht als real bestimmt durch unsere Ideen bzw. ›Anschauungsformen‹ (↑Anschauung) und ↑ ›Kategorien‹ gedacht, d. h., sie wird nicht als durch uns und unsere Ideen hergestellt verstanden. Doch daß etwas als real gelten kann, ist durch uns, durch unsere Ideen im Sinne der Ordnungsleistungen des erkennenden Subjekts bewirkt. Die Realität selbst wird damit als die uns erscheinende Realität idealistisch verstanden. Aus diesem Verständnis ergibt sich ferner, daß sie durch Ideen bestimmt sein muß.“

Siegfried Blasche, Idealismus, kritischer. In: Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie. Herausgegeben von Jürgen Mittelstraß. Band 3: G – Inn. 2., neubearbeitete und wesentlich ergänzte Auflage. Stuttgart ; Weimar : Metzler, 2008, S. 510

Oswald Schwemmer. Idealismus, transzendentaler. In: Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie. Herausgegeben von Jürgen Mittelstraß. Band 3: G – Inn. 2., neubearbeitete und wesentlich ergänzte Auflage. Stuttgart ; Weimar : Metzler, 2008, S. 511 - 512

Friedrich Voßkühler, Idealismus. In: Europäische Enzyklopädie zu Philosophie und Wissenschaften. Herausgegeben von Hans Jörg Sandkühler. Band 1: A – N. Hamburg : Meiner, 1999, S. 579 – 583

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Kommentar von Albrecht
05.10.2011, 09:39

2) Erkenntnistheoretischer Realismus vertritt den Standpunkt, es gebe eine vom Geist/Verstand/Bewußtsein/Vorstellen/Wahrnehmen eines Subjekts unabhängige Wirklichkeit (Außenwelt). Meistens gehört dazu auch die Auffassung, über diese seien zumindest grundsätzlich in gewissem Ausmaß Erkenntnisse/Wissen möglich.

Fritz Hoffmann, Realismus I.1. Begriff. In: Historisches Wörterbuch der Philosophie. Band 8: R –SC. Basel ; Stuttgart: Schwabe, 1992, Spalte 148 - 150

Realismus ist ein formaler Begriff, der seine Festlegung im Bereich der Erkenntnistheorie erhalten hat und dessen Anwendung auf bestimmte Richtungen immer umstritten war.

Tobias Trappe, Realismus I.2 Altertum. In: Historisches Wörterbuch der Philosophie. Band 8: R –SC. Basel ; Stuttgart: Schwabe, 1992, Spalte 150 – 156

Wilhelm Halbfass, Realismus II. 1 Realismus vs. Idealismus. In: Historisches Wörterbuch der Philosophie. Band 8: R –SC. Basel ; Stuttgart: Schwabe, 1992, Spalte 156 – 159

Spalte 156: „In der neueren, d. h. nachkantischen erkenntnistheoretischen Literatur bezeichnet ‹R.[ealismus]›, vornehmlich in der Konfrontation mit ‹Idealismus›, zuweilen auch mit ‹Phänomenalismus›, und ‹Illusionismus›, ein Feld von Standpunkten, denen zufolge Seiendes-an-sich als Grund des Gegebenen und als Bedingung wahrer Erkenntnis existiert und als Korrelat perzeptiver oder voluntativer Akte gleichermaßen zugänglich wie irreduzibel ist. Die Theorie des R.[ealismus} kann sowohl auf bestimmte Gegenstandsbereiche beschränkt wie auch auf das Verhältnis des Ansichseins und des Bewußtseins schlechthin bezogen sein; sie kann einerseits die Zugänglichkeit des Seienden in der Erkenntnis, anderseits die metaphysische Abhängigkeit des Bewußtseins (Denken) vom Seienden-am-sich ins Zentrum stellen.“

„I. Kant bezieht die zuvor in Hinsicht auf die Seinsstruktur und die Gegebenheitsweise der Universaloen gebrauchten Begriffe ‹Realist› und ‹R.[ealismus]› auf die Frage nach der Existenz und Existenzweise der ansichseienden Welt.“

Er weist die Auffassung eines transzendentalen Realismus zurück, Zeit und Raum seien aus sich heraus (unabhängig von unserer Sinnlichkeit) Gegebenes. Transzendentaler Idealismus ist bei ihm mit einem empirischen Realismus verbunden, demzufolge der Bestand und die Ordnung der raumzeitlichen Erfahrungswelt zwar nicht von einem empirisch-psychologischen Subjekt abhänge, jedoch in einem konstitutiven Bezug auf ein Bewußtsein überhaupt stehe.

Spalte 157: „Erst Descartes’ aus der Selbstgewißtheit gestellte Frage nach der Existenz der Welt stellt daher den für die Thematisierung des R.[ealismus] konstitutiven Alternativbezug her. In der nachcartesischen Philosophie, zumal in der Reaktion auf die immaterialistischen Konzepte G. Berkeleys und A. Colliers, wird - u. a. bei CH. WOLFF – zunächst vorzugsweise die Alternative von Idealismus und Materialismus, die Frage, ob den räumlich-materiellen Gegenständen außerhalb ihres Gegebenseins im Bewußtsein auch eine selbständige Existenz und womöglich auch in metaphysischer Hinsicht zukomme, erörtert. Auch späterhin steht die Seinsweise der Materie oft im Zentrum, und die erkenntnistheoretische, zumindest aber erkenntnistheoretisch notwendige Alternative Idealismus/R.[ealismus] wird nicht selten von der metaphysischen Alternative Spiritualismus/Materialismus überlagert. Schon von ihrem konkreten Ursprung her und im Sinne ihrer Prinzipien ist die Idealismus-R.[ealismus]-Problematik jedoch indifferent gegen die Scheidung des Räumlich-Materiellen und des Geistig-Seelischen und bezieht sich auch auf die in der inneren Wahrnehmung begegnende spezifische Realität: es geht um die »Loslösung des Seienden vom Meinen« schlechthin.“

Wilhelm Halbfass, Realismus II. 2 Kritischer Realismus. In: Historisches Wörterbuch der Philosophie. Band 8: R –SC. Basel ; Stuttgart: Schwabe, 1992, Spalte 159 – 160

Es gibt einen eingeengten Zugang zur Außenwelt. Es kommt zu keiner Herstellung bewußtseinsunabhängiger Realität in der Wahrnehmung und im anschauenden Verstand. Aber unanschauliches Denken ist in der Lage, Gemeinsames innerhalb des Gegenstandes, im Zusammenhang und in der Abfolge feststellbarer Merkmale zu erfassen. In ihrem eigenen Wesen sind die Merkmale freilich unzugänglich. Es gibt eine bewußtseinsunabhängige Wirklichkeit und Denken hat einen Gegenstandsbezug. Erkenntnis über einen Gegenstand setzt nicht ihre unmittelbare Präsenz im Bewußtsein voraus, sondern nur das Erfassen und die vermittelt gegebenen und zugleich real im Objekt vorhanden Charaktere der Prädikation.

Wilhelm Halbfass, Realismus II. 3 Naiver Realismus. In: Historisches Wörterbuch der Philosophie. Band 8: R –Sc. Basel ; Stuttgart: Schwabe, 1992, Spalte 160 – 161

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05.10.2011, 09:41

Marc Grünewald, Realismus II. 4 Ch. S. Pierce. In: Historisches Wörterbuch der Philosophie. Band 8: R –Sc. Basel ; Stuttgart: Schwabe, 1992, Spalte 161 – 162

Reale Gegenstände gehen dem Erkenntniswissen voraus und sind ein es hervorrufendes Objekt, wobei sich der Begriff von ihm annäherungsweise im langen Ablauf entwickeln läßt (Konvergenztheorie). Der Begriff von einem Objekt fällt somit letztlich in eins mit dem des realen Objekts.

Günter Abel, Realismus III. Analytische Philosphie. In: Historisches Wörterbuch der Philosophie. Band 8: R –Sc. Basel ; Stuttgart: Schwabe, 1992, Spalte 162 – 169

Holm Bräuer, Realismus. In: Handwörterbuch Philosophie. Herausgegeben von vWulff D. Rehfus. Göttingen : Vandenhoeck & Ruprecht, 2003 (UTB : Philosophie ; 8208), S. 581 – 585

Markus Willaschek, Realismus. In: Metzler Lexikon Philosophie : Begriffe und Definitionen. Herausgegeben von Peter Prechtl und Franz-Peter Burkard. 3., erweiterte und aktualisierte Auflage. Stuttgart ; Weimar: Metzler, 2008, S. 509 – 510 gibt als grundlegende Bedeutungen bei der Vielzahl unterschiedlicher Standpunkte an:

(1) Auffassung, Universalien (z. B. Eigenschaften, Relationen), abstrakte Gegenstände, Zahlen, Propositionen oder kollektive Einzeldinge (Mengen, Klassen), existierten als irreduzible (nicht zurückführbare) Bestandteile der Wirklichkeit (Gegensatz: Nominalismus)

(2) Auffassung, die Wirklichkeit sei von subjektiven Leistungen und Fähigkeiten wie Denken, Erkenntnis oder Sprache unabhängig (Gegensatz: Idealismus): Es gebe Dinge, deren Existenz unabhängig davon sei, ob in geistigen Vorgängen wie Denken, Verstehen oder Sprache darauf Bezug genommen wird (bzw. werden kann).

(3) Laut Michael Dumnet die sowohl (1) als auch (2) zugrundeliegende gemeinsame These, die Wahrheit einer Aussage und damit auch deren Bedeutung sie von der Möglichkeit ihrer Verifikation und Rechtfertigung unabhängig (Gegensatz: Anti-Realismus): Nach dieser semantischen These sind Aussagen über einen bestimmten Gegenstandsbereich eindeutig wahr oder falsch und zwar unabhängig von unserer Möglichkeit, dies festzustellen.

3) Erkenntnistheoretischer Realismus als These eines Existierens von Dingen einer Außenwelt, unabhängig von einem Subjekt, bezieht sich auf einen anderen Gesichtspunkt als erkenntnistheoretischer Idealismus allgemein. Daher können auf einer allgemeinen Ebene nicht systematisch Gemeinsamkeiten und Unterschiede angegeben werden.

Eine Variante des Idealismus auf der Grundlage neuzeitlicher Bewußtseinsphilosophie und mit stark subjektivistischer Ausrichtung kann in polemischem Zusammenhang als im Gegensatz zu einem erkenntnistheoretischen Realismus stehend eingeordnet werden. Zu sein wird dann als Wahrgenommenwerden/Vorgestelltwerden verstanden und die Dinge gewissermaßen in Bewußtseinsinhalte aufgelöst. Bei George Berkeley, der selbst seine Philosophie als Immaterialismus bezeichnete, nicht als Idealismus, ist nur noch eine Deutung der Welt als Perzeption Gottes (der somit eine vom einzelnen Subjekt unabhängige äußere Ursache darstellt) eine gewisse Schranke zu einem Antirealismus.

Als wichtig ist zu beachten: was in Texten kurz Realismus genannt wird, ist der Sache nach manchmal eine Weltsicht, die auch naiver Realismus genannt wird. Wenn dieser zurückgewiesen wird, ist damit nicht erkenntnistheoretischer Realismus allgemein verworfen.

Idealismus ist durchaus mit erkenntnistheoretischem Realismus vereinbar. Auch die Sinneswahrnehmung kann in einem idealistischen Ansatz als Erkenntnisvermögen eingestuft werden (Platons Ideenlehre tut dies, wobei zur Erkenntnis eine Leistung der Vernunft hinzutritt).

Einen Gegensatz zum Realismus stellt der ontologische und erkenntnistheoretische Solipsismus dar. Auch ein radikaler Konstruktivismus kann eine Gegenposition zum Realismus sein.

Materialismus ist eine ontologische Theorie, nicht direkt eine erkenntnistheoretische. Ontologie und Erkenntnistheorie sind allerdings nicht völlig bezugslos. Materialismus bedingt einen erkenntnistheoretischen Standpunkt. Erkenntnis für eine Modifikation von Materie zu erklären. Dies ergibt eine Neigung zu einem empiristischen Ansatz (mit zumindest einer starken sensualistischer Ausprägung). Wenn eine Verarbeitung von Sinnesdaten durch Verstandesleistungen angenommen wird (was eine Schranke gegenüber einer empiristischen Annahme unmittelbaren Gegebenseins von Realität in der Erfahrung darstellt), wird der Verstand wiederum materialistisch erklärt (üblicherweise als Funktion des Gehirns). Materialismus ist mit erkenntnistheoretischem Realismus verbunden. Mentale Zustände werden vom Materialismus mit physischen gleichgesetzt und Materie existiert unabhängig von einer Wahrnehmung oder einer Vorstellung von Subjekten.

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Kommentar von Albrecht
05.10.2011, 09:45

4) Kant

Der kritische Idealismus Immanuel Kants (von ihm auch transzendentaler Idealismus genannt) ist erkenntnistheoretisch. Er fragt nach den Bedingungen der Möglichkeit von Erkenntnis. Nicht der Gegenstand erzeugt die Erkenntnis über ihn, indem er über die Sinneseindrücke oder Nachdenken über ihn einfach unsere Erkenntnis bestimmt, sondern was in der Erkenntnis als Gegenstand auftritt (die Erscheinungen), richtet sich nach der Erkenntnis des Subjekts (mit für alle erkennenden Subjekte gültiger Notwendigkeit und Gesetzlichkeit seines Daseins und seiner Verbindungen/Verknüpfungen) Bei Kant ist die Außenwelt in ihrer Existenz und Realität aber nicht vom Subjekt abhängig, sondern es gibt das zugrundeliegende Ding an sich. In Bezug auf die Existenz einer Außenwelt vertritt Kant einen (empirischen) Realismus. Zwischen Subjekt und Objekt bleibt mit dem nicht zu erfassenden Ding an sich eine Spaltung.

Kant versucht eine Synthese von Empirismus und Rationalismus, mit Sinnlichkeit und Verstand als wechselseitig aufeinander angewiesenen Stämmen der Erkenntnis.

Immanuel Kant, Kritik der reinen Vernunft, A 51/B 75:
„Ohne Sinnlichkeit würde uns kein Gegenstand gegeben, und ohne Verstand keiner gedacht werden. Gedanken ohne Inhalt sind leer, Anschauungen ohne Begriffe sind blind."

A 368 - 369: „Unter einem Idealisten muß man also nicht denjenigen verstehen, der das Dasein äußerer Gegenstände der Sinne läugnet, sondern der nur nicht einräumt, daß es durch unmittelbare Wahrnehmung erkannt werde, daraus aber schließt, daß wir ihrer Wirklichkeit durch alle mögliche Erfahrung niemals völlig gewiß werden können.“

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05.10.2011, 09:49

A 370 – 371: „Denn ich bin mir doch meiner Vorstellungen bewußt; also existiren diese und ich selbst, der ich diese Vorstellungen habe. Nun sind aber äußere Gegenstände (die Körper) blos Erscheinungen, mithin auch nichts anders als eine Art meiner Vorstellungen, deren Gegenstände nur durch diese Vorstellungen etwas sind, von ihnen abgesondert aber nichts sind. Also existiren eben sowohl äußere Dinge, als ich selbst existire, und zwar beide auf das unmittelbare Zeugniß meines Selbstbewußtseins, nur mit dem Unterschiede, daß die Vorstellung meiner selbst als des denkenden Subjects blos auf den innern, die Vorstellungen aber, welche ausgedehnte Wesen bezeichnen, auch auf den äußern Sinn bezogen werden. Ich habe in Absicht auf die Wirklichkeit äußerer Gegenstände eben so wenig nöthig zu schließen, als in Ansehung der Wirklichkeit des Gegenstandes meines innern Sinnes (meiner Gedanken); denn sie sind beiderseitig nichts als Vorstellungen, deren unmittelbare Wahrnehmung (Bewußtsein) zugleich ein genugsamer Beweis ihrer Wirklichkeit ist.

Also ist der transscendentale Idealist ein empirischer Realist und gesteht der Materie als Erscheinung eine Wirklichkeit zu, die nicht geschlossen werden darf, sondern unmittelbar wahrgenommen wird. Dagegen kommt der transscendentale Realismus nothwendig in Verlegenheit und sieht sich genöthigt, dem empirischen Idealismus Platz einzuräumen, weil er die Gegenstände äußerer Sinne für etwas von den Sinnen selbst Unterschiedenes und bloße Erscheinungen für selbstständige Wesen ansieht, die sich außer uns befinden; da denn freilich bei unserem besten Bewußtsein unserer Vorstellung von diesen Dingen noch lange nicht gewiß ist, daß, wenn die Vorstellung existirt, auch der ihr correspondirende Gegenstand existire; dahingegen in unserem System diese äußere Dinge, die Materie nämlich, in allen ihren Gestalten und Veränderungen nichts als bloße Erscheinungen, d. i. Vorstellungen in uns, sind, deren Wirklichkeit wir uns unmittelbar bewußt werden.“

5) Deutscher Idealismus

Der Deutsche Idealismus ist nach seinem Selbstverständnis ein erkenntnistheoretischer Realismus. Er nimmt an, etwas Geistiges erfasse nicht nur Welt, sondern forme sie auch wirklich. Schwierigkeiten, den Idealismus mit erkenntnistheoretischem Realismus zu verbinden, treten bei einem Idealismus der Subjektivität auf, wie ihn Johann Gottlieb Fichte vertritt.

Der subjektive Idealismus Johann Gottlieb Fichtes hält Kants idealistisches Prinzip, daß die Gegenstände sich nach unseren Vorstellungen richten müssen, für von ihm selbst noch nicht folgerichtig ganz durchgeführt und möchte es vollenden. Dabei ergibt sich auch ein ontologischer (auf die Seinslehre bezogener) Idealismus. Die ganze Philosophie ist auf einem einzigen obersten Grundsatz aufgebaut. Er betrifft die Subjektivität (übernimmt von Kants Ansatz, es müsse von der Untersuchung des Subjekts ausgegangen werden) und bezieht sich auf eine notwendig vorauszusetzende nichtsinnliche Tätigkeit (Tathandlung, die etwas als wirklich hinstellt und mit diesem Denkbezug erst schafft und begründet), die Fichte „Setzen“ nennt. Identität und Differenz (bzw. Gegensatz) werden zu elementaren logischen Grundformen statt der Urteilsformen bei Kant.

Es tritt dadurch in stärkerem Ausmaß eine Dialektik auf. Der subjektive Idealismus Fichtes versucht, Subjekt und Objekt zusammenzubringen, indem die ganze Wirklichkeit von einem Prinzip der Subjektivität, einem überindividuellen Ich (der „Ichheit“) her verstanden wird. Ein Ding an sich, das (wie bei Kant) für das Erkennen unerreichbar ist, lehnt Fichte ab (Peter Rohs, Johann Gottlieb Fichte. Originalausgabe. 2., überarbeitete Auflage. München : Beck, 2007 (Beck´sche Reihe : Denker) , S. 26 – 50 enthält einige Gedanken über den Unterschied).

Bei Fichte ist die dingliche Welt außer uns Produkt des nichtsinnlichen überindividuellen Ich, indem es sich durch Setzung (in Form eines Entgegensetzens) ein Nicht-Ich gegenüberstellt. Das Nicht-Ich ist der Bezugspunkt der nach außen gerichteten Tätigkeit, das Andere des Ich. Aus dem ursprünglich unbestimmten Ich entsteht als Ergebnis einer Tathandlung das Nicht-Ich. Das Ich hat einen Bezug zu etwas, das es begrenzt.

Johann Gottlieb Fichte, Grundlage der gesammten Wissenschaftslehre (1794) II § 4, A2: „Das Ich setzt sich selbst als beschränkt durch das Nicht-Ich.“

Bei Fichte soll Erkenntnis nicht nur der Form, sondern auch dem Inhalt nach aus der reinen Tätigkeit des nun absolut verstandenen Ich entspringen. In der intellektuellen Einheit setzt das Ich sich selbst (Thesis) und das Nicht-Ich (Antithesis) und umgreift schließlich beide (Synthesis), indem es sich in der intellektuellen Anschauung seiner Tätigkeit von sich als dem reinen = absoluten Ich, das heißt Grund beider bewegt.

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Kommentar von Albrecht
05.10.2011, 09:54

Johann Gottlieb Fichte, Grundlage der gesammten Wissenschaftslehre (1794) II § 5
„Die Wissenschaftslehre ist demnach realistisch. Sie zeigt, dass das Bewusstseyn endlicher Naturen sich schlechterdings nicht erklären lasse, wenn man nicht eine unabhängig von denselben vorhandene, ihnen völlig entgegengesetzte Kraft an nimmt, von der dieselben ihrem empirischen Daseyn nach selbst abhängig sind. Sie behaupte aber auch nichts weiter, als eine solche entgegengesetzte Kraft, die von dem endlichen Wesen bloss gefühlt, aber nicht erkannt wird. Alle mögliche Bestimmungen dieser Kraft, oder dieses Nicht-Ich, die in die Unendlichkeit hinaus in unserem Bewusstseyn vorkommen können, macht sie sich anheischig, aus dem bestimmenden Vermögen des Ich abzuleiten, und muss dieselbe, so gewiss sie Wissenschaftslehre ist, wirklich ableiten können.“

„Ohnerachtet ihres Realismus aber ist diese Wissenschaft nicht transcendent, sondern bleibt in ihren innersten Tiefen transcendental. Sie erklärt allerdings alles Bewusstseyn aus einem unabhängig von allem Bewusstseyn vorhandenen; aber sie vergisst nicht, dass sie auch in dieser Erklärung sich nach ihren eigenen Gesetzen richte, und so wie sie hierauf reflectirt, wird jenes Unabhängige abermals ein Product ihrer eigenen Denkkraft, mithin etwas vom Ich abhängiges, insofern es für das Ich (im Begriff davon) da seyn soll.“

„Dies, dass der endliche Geist nothwendig etwas absolutes ausser sich setzen muss (ein Ding an sich) und dennoch von der anderen Seite anerkennen muss, dass dasselbe nur für ihn da sey (ein nothwendiges Noumen sey), ist derjenige Cirkel, den er in das unendliche erweitern, aus welchem er aber nie herausgehen kann. Ein System, das auf diesen Cirkel gar nicht Rücksicht nimmt, ist ein dogmatischer Idealismus; denn eigentlich ist es nur der angezeigte Cirkel, der uns begrenzt und zu endlichen Wesen macht: ein System, das aus demselben herausgegangen zu seyn wähnt, ist ein transcendenter realistischer Dogmatismus.

Die Wissenschaftslehre hält zwischen beiden Systemen bestimmt die Mitte, und ist ein kritischer Idealismus, den man auch einen Real-Idealismus, oder einen Ideal-Realismus nennen könnte."

Friedrich Wilhelm Joseph Schelling, Ideen zu einer Philosophie der Natur als Einleitung in das Studium dieser Wissenschaft (2. Auflage 1803). Zusatz zur Einleitung. Darstellung der allgemeinen Idee der Philosophie überhaupt und der Naturphilosophie insbesondere als notwendigen und integranten Teils der ersteren:
„Der erste Schritt zur Philosophie und die Bedingung, ohne welche man auch nicht einmal in sie hineinkommen kann, ist die Einsicht: daß das absolut-Ideale auch das absolut-Reale sey, und daß außer jenem überhaupt nur sinnliche und bedingte, aber keine absolute und unbedingte Realität sey.“

Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften im Grundrisse (3. Ausgabe 1830). § 91:
„Die Qualität als seiende Bestimmtheit gegenüber der in ihr enthaltenen, aber von ihr unterschiedenen Negation ist Realität. […].

Zusatz. […]. Betrachten wir nun ferner das Dasein als seiende Bestimmtheit, so haben wir an demselben dasjenige, was man unter Realität versteht. Man spricht so z. B. von der Realität eines Plans oder einer Absicht und versteht dann darunter, daß dergleichen nicht mehr ein nur Inneres, Subjektives, sondern ins Dasein herausgetreten sei. In demselben Sinn kann dann auch der Leib die Realität der Seele und dies Recht die Realität der Freiheit oder, ganz allgemein, die Welt die Realität des göttlichen Begriffs genannt werden. Weiter pflegt nun aber auch von der Realität noch in einem anderen Sinn gesprochen und darunter dies verstanden zu werden, daß etwas sich seiner wesentlichen Bestimmung oder seinem Begriff gemäß verhält. So z. B., wenn gesagt wird: dies ist eine reelle Beschäftigung, oder: dies ist ein reeller Mensch. Hier ist es nicht das unmittelbare, äußere Dasein, um welches es sich handelt, sondern vielmehr die Übereinstimmung eines Daseienden mit seinem Begriff. So aufgefaßt ist dann aber die Realität auch nicht weiter von der Idealität, die wir zunächst als Fürsichsein kennenlernen werden, unterschieden.“

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05.10.2011, 09:59

6) Schopenhauer

Arthur Schopenhauer deutet zwar an einigen Stellen das Sein der Dinge als Vorgestelltwerden, aber dies ist auf sie als Erscheinungen, auf die Welt als Vorstellung beschränkt, auch wenn dieser Hinweis nicht ausdrücklich erfolgt. Er vertritt einen erkenntnistheoretischen kritischen Realismus. Seine Ablehnung des Solipsismus, den er zwar nicht für mit zwingender Logik widerlegbar, aber irrsinnig hält, zeigt seine Annahme der realen Existenz der Welt.

Schopenhauer ist nach seinem Selbstverständnis transzendentaler Idealist wie Kant, auch wenn er in manchem von diesem abweicht. Hinsichtlich Idealismus und Materialismus nimmt er eine Zwischenstellung ein und entzieht sich letztlich einer eindeutigen Entscheidung. Beide Betrachtungsweisen kommen vor. Die Wirklichkeit an sich wird als Wille gedeutet, wobei kein strenger Erkenntnisanspruch erfüllt wird, sondern ein Analogieschluß (von der inneren Erfahrung – gilt als primär durch die Daseinsweise des Leibes, nicht des Intellekts vermittelt - auf die äußere) stattfindet. Der Wille soll das Umfassende sein. Eine deutlich festlegende Aussage, ob er etwas Geistiges oder etwas Materielles ist, kommt nicht vor.

Klaus-Jürgen Grün, Arthur Schopenhauer. Originalausgabe. München : Beck, 2000 (Beck'sche Reihe : Denker ; 559), S. 33 – 34:
„Dieses Selbstbewußtsein im denkenden Ich, in dem die Philosophie des Idealismus unser Wissen von uns selbst und von der Welt begründet sah, ist Schopenhauer von Anfang an verdächtig. Er hegt den Verdacht, daß der menschliche Verstand Wahrheiten aus sich heraus hervorbringe, die er im Anschluß so behandle, als seien sie der materielle Seinsgrund der Welt selbst. In Hegels Idealismus, worin die Entwicklung zur „absoluten Idee“ zum Bewußtwerden ihrer selbst nachgezeichnet ist, sieht Schopenhauer dieses Vorgehen auf die Spitze getrieben.

Aber auch das Fundament des mechanischen Materialismus – die ausgedehnte und undurchdringliche Materie – ist Schopenhauer verdächtig. Eine absolute Größe stelle auch die mechanische Materie nicht dar, wie Schopenhauer mit Verweis auf die Bedingtheit durch die reinen Anschauungsformen Raum und Zeit betont. Sie ist für Schopenhauer nicht weniger als das denkende Ich vom Subjekt konstituiert.

Somit baut Schopenhauer eine doppelte Front auf. Einerseits wendet sich seine Philosophie gegen den Idealismus, andererseits gegen den mechanischen Materialismus. Dabei geht er so, daß er die Unzulänglichkeiten des Materialismus mit Argumenten Kants entlarvt, während er zum Aufzeigen der erkenntnistheoretischen Begrenztheit des Idealismus vereinzelt Positionen des Materialismus bezieht.“

Arthur Schopenhauer, Die Welt als Wille und Vorstellung II Kapitel 1: Zur idealistischen Grundansicht:
„Demnach muß die wahre Philosophie jedenfalls idealistisch seyn; ja, sie muß es, um nur redlich zu seyn. Denn nichts ist gewisser, als daß Keiner jemals aus sich herauskann, um sich mit den von ihm verschiedenen Dingen unmittelbar zu identificiren: sondern Alles, wovon er sichere, mithin unmittelbare Kunde hat, liegt innerhalb seines Bewußtseyns. Ueber dieses hinaus kann es daher keine unmittelbare Gewißheit geben: eine solche aber müssen die ersten Grundsätze einer Wissenschaft haben. Dem empirischen Standpunkt der übrigen Wissenschaften ist es ganz angemessen, die objektive Welt als schlechthin vorhanden anzunehmen: nicht so dem der Philosophie, als welche auf das Erste und Ursprüngliche zurückzugehn hat. Nur das Bewußtseyn ist unmittelbar gegeben, daher ist ihre Grundlage auf Thatsachen des Bewußtseyns beschränkt: d.h. sie ist wesentlich idealistisch. – Der Realismus, der sich dem rohen Verstande dadurch empfiehlt, daß er sich das Ansehn giebt thatsächlich zu seyn, geht gerade von einer willkürlichen Annahme aus und ist mithin ein windiges Luftgebäude, indem er die allererste Thatsache überspringt oder verleugnet, diese, daß Alles was wir kennen innerhalb des Bewußtseyns liegt. Denn, daß das objektive Daseyn der Dinge bedingt sei durch ein sie Vorstellendes, und folglich die objektive Welt nur als Vorstellung existirte, ist keine Hypothese, noch weniger ein Machtspruch, oder gar ein Disputirens halber aufgestelltes Paradoxon; sondern es ist die gewisseste und einfachste Wahrheit, deren Erkenntniß nur dadurch erschwert wird, daß sie gar zu einfach ist, und nicht Alle Besonnenheit genug haben, um auf die ersten Elemente ihres Bewußtseins von den Dingen zurückzugehn. Nimmermehr kann es ein absolut und an sich selbst objektives Daseyn geben; ja, ein solches ist geradezu undenkbar: denn immer und wesentlich hat das Objektive, als solches, seine Existenz im Bewußtsein eines Subjekts, ist also dessen Vorstellung, folglich bedingt durch dasselbe und dazu noch durch dessen Vorstellungsformen, als welche dem Subjekt, nicht dem Objekt anhängen.“

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05.10.2011, 10:04

„Nichts wird so anhaltend, Allem was man sagen mag zum Trotz und stets wieder von Neuem mißverstanden, wie der Idealismus, indem er dahin ausgelegt wird, daß man die empirische Realität der Außenwelt leugne“

„Der wahre Idealismus hingegen ist eben nicht der empirische, sondern der transscendentale. Dieser läßt die empirische Realität der Welt unangetastet, hält aber fest, daß alles Objekt, also das empirisch Reale überhaupt, durch das Subjekt zwiefach bedingt ist: erstlich materiell, oder als Objekt überhaupt, weil ein objektives Daseyn nur einem Subjekt gegenüber und als dessen Vorstellung denkbar ist; zweitens formell, indem die Art und Weise der Existenz des Objekts, d.h. des Vorgestelltwerdens (Raum, Zeit, Kausalität), vom Subjekt ausgeht, im Subjekt prädisponirt ist.“

„Hingegen hat auch der Materialismus seine Berechtigung. Es ist eben so wahr, daß das Erkennende ein Produkt der Materie sei, als daß die Materie eine bloße Vorstellung des Erkennenden sei; aber es ist auch eben so einseitig. Denn der Materialismus ist die Philosophie des bei seiner Rechnung sich selbst vergessenden Subjekts. Darum eben muß der Behauptung, daß ich eine bloße Modifikation der Materie sei, gegenüber, diese geltend gemacht werden, daß alle Materie bloß in meiner Vorstellung existire: und sie hat nicht minder Recht.“

„Der Grundfehler aller Systeme ist das Verkennen dieser Wahrheit, daß der Intellekt und die Materie Korrelata sind, d.h. Eines nur für das Andere daist, Beide mit einander stehn und fallen, Eines nur der Reflex des Andern ist, ja, daß sie eigentlich Eines und das Selbe sind, von zwei entgegengesetzten Seiten betrachtet; welches Eine, – was ich hier anticipire, – die Erscheinung des Willens, oder Dinges an sich ist; daß mithin Beide sekundär sind: daher der Ursprung der Welt in keinem von Beiden zu suchen ist.“

„Bei mir hingegen sind Materie und Intellekt unzertrennliche Korrelata, nur für einander, daher nur relativ, da: die Materie ist die Vorstellung des Intellekts; der Intellekt ist das, in dessen Vorstellung allein die Materie existirt. Beide zusammen machen die Welt als Vorstellung aus, welche eben Kants Erscheinung, mithin ein sekundäres ist. Das Primäre ist das Erscheinende, das Ding an sich selbst, als welches wir nachher den Willen kennen lernen. Dieser ist an sich weder Vorstellendes, noch Vorgestelltes; sondern von seiner Erscheinungsweise völlig verschieden.“

Volker Spierling, Schopenhauer-ABC. 1. Auflage. Leipzig : Reclam, 2003 (Reclams Bibliothek Leipzig ; Band 200052), S. 138 (Materialismus):
„In erkenntnistheoretischer Hinsicht erscheint Schopenhauer, daß der Materialismus der Bedeutung, die der Intellekt bei der Erkenntnis und Konstitution der Welt hat, nicht gerecht wird. Der Materialismus sieht nicht, daß die erkannten Dinge - durch die Vermittlung des Intellekts – keine Dinge an sich, sondern Erscheinungen sind. Materialismus heißt Subjekt-Vergessenheit.“

S. 139: „In Schopenhauers Metaphysik rücken die auf mehreren Ebenen reflektierte und interpretierte »Materie« und der »Wille« zusammen. »Im Grunde ist auch die Materie mit dem Willen identisch, da unser Leib nur die Objektivität, Sichtbarkeit unseres Willens ist, und ebenso jeder Körper Objektivität des Willens auf irgend einer Stufe, demnach Materie = Wille: und was für die Vorstellung Materie, das ist an sich Wille.« (HN IV, 192f. […].“

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Kommentar von Albrecht
07.10.2011, 06:19

Arthur Schopenhauer, Die Welt als Wille und Vorstellung II Kapitel 22:
„Objektive Ansicht des Intellekts: „ja, daß man berechtigt ist, zu behaupten, die ganze objektive Welt, so gränzenlos im Raum, so unendlich in der Zeit, so unergründlich in der Vollkommenheit, sei eigentlich nur eine gewisse Bewegung oder Affektion der Breimasse im Hirnschädel. Da fragt man erstaunt: was ist dieses Gehirn, dessen Funktion ein solches Phänomen aller Phänomene hervorbringt? Was ist die Materie, die zu einer solchen Breimasse raffinirt und potenzirt werden kann, daß die Reizung einiger ihrer Partikeln zum bedingenden Träger des Daseyns einer objektiven Welt wird? Die Scheu vor solchen Fragen trieb zur Hypostase der einfachen Substanz einer immateriellen Seele, die im Gehirn bloß wohnte. Wir sagen unerschrocken: auch diese Breimasse ist, wie jeder vegetabilische oder animalische Theil, ein organisches Gebilde, gleich allen ihren geringeren Anverwandten, in der schlechtem Behausung der Köpfe unserer unvernünftigen Brüder, bis zum geringsten, kaum noch apprehendirenden herab; jedoch ist jene organische Breimasse das letzte Produkt der Natur, welches alle übrigen schon voraussetzt. An sich selbst aber und außerhalb der Vorstellung ist auch das Gehirn, wie Alles Andere, Wille.“

„Beim Menschen geht nun aber die, in letzter Instanz freilich doch vom Willen verliehene, Spontaneität der Gehirntätigkeit noch weiter, als zur bloßen Anschauung und unmittelbaren Auffassung der Kausalverhältnisse; nämlich bis zum Bilden abstrakter Begriffe aus jenen Anschauungen, und zum Operiren mit diesen, d.h. zum Denken, als worin seine Vernunft besteht. Die Gedanken sind daher von den Affektionen des Leibes, welche, weil dieser die Objektivation des Willens ist, selbst in den Sinnesorganen, durch Steigerung, sogleich in Schmerz übergehn können, am entferntesten. Vorstellung und Gedanke können, dem Gesagten zufolge, auch als die Efflorescenz des Willens angesehn werden, sofern sie aus der höchsten Vollendung und Steigerung des Organismus entspringen, dieser aber, an sich selbst und außerhalb der Vorstellung, der Wille ist. Allerdings setzt, in meiner Erklärung, das Daseyn des Leibes die Welt der Vorstellung voraus; sofern auch er, als Körper oder reales Objekt, nur in ihr ist: und andererseits setzt die Vorstellung selbst eben so sehr den Leib voraus; da sie nur durch die Funktion eines Organs desselben entsteht. Das der ganzen Erscheinung zum Grunde Liegende, das allein an sich selbst Seiende und Ursprüngliche darin, ist ausschließlich der Wille: denn er ist es, welcher, eben durch diesen Proceß, die Form der Vorstellung annimmt, d.h. in das sekundäre Daseyn einer gegenständlichen Welt, oder die Erkennbarkeit, eingeht.“

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Kommentar von Albrecht
07.10.2011, 06:22

Volker Spierling, Arthur Schopenhauer zur Einführung. 3., verbesserte Auflage. Hamburg : Junius, 2020 (Zur Einführung ; 331), S. 41 – 58

S. 45: „Schopenhauer philosophiert in seiner Erkenntnistheorie von verschiedenen Standunkten aus. Die auf wechselseitige Ergänzung angelegte Perspektivenvielfalt ist ein Kennzeichen seiner Philosophie überhaupt. Infolge dieser Standortwechsel hat es einmal den Anschein, als sei er ein unbedingter strenger Anhänger von Berkelyes subjektivem Idealismus sowie von Kants Transzendentalphilosophie. Hierfür, insbesondere für Berkeley, steht die Formel: »Kein Objekt ohne Subjekt«. Das andere Mal sieht es so aus, als sei er in Wahrheit ein eingefleischter Materialist und entstamme der französischen Tradition um Pierre Cabanis. Diese Tradition lehrt auf radikale Weise: Wie das Verdauen eine Funktion des Magens ist, so ist das Denken eine Funktion des Gehirn. Dies drückt die Formel »Kein Subjekt ohne Objekt« aus."

S. 53: „Mit dem Satz »Kein Subjekt ohne Objekt« wird eine zweifache Betrachtungsweise des Intellekts möglich, durch die dem zugespitzen idealistischen Ansatz die gegenläufige Position eines dezidierten physiologischen Materialismus eingeschrieben wird. Entgegen seiner eher harmonisierenden Absicht, Einseitigkeiten im Denken ausgleichen zu wollen, richtet Schopenhauer dadurch eine brodelnde Hexenküche ein. Es hat fast den Anschein, als wolle er das hermetische Gehäuse der Welt als Vorstellung, den Bewusstseinskäfig des Individuums, durch den Funkenflug von Widersprüchen, Unvereinbarkeiten und Standortwechseln theoretisch aufsprengen.“

S. 54: „Die erste Betrachtungsweise des Intellekts ist die subjektive (»subjektiv« ist hier nicht im individuell-psychologischen Sinn gemeint). Sie geht gleichsam von innen aus und untersucht die apriorischen Funktionen des Intellekts. Die empirische Realität wird als Resultat des Erkenntnisvorgangs aufgefasst. Die zweite, neu hinzukommende Betrachtungsweise ist die objektive. Sie hebt gleichsam von außen an und betrachtet den Intellekt als empirisches Ding unter Dingen, als Gehirn. Die empirische Realität erscheint jetzt als Voraussetzung des Erkenntnisvorgangs. Die Welt als Vorstellung wird materialistisch als physiologisch abhängig und bedingt vorgestellt.“

S. 55 – 56: „Schopenhauers komplexe Erkenntnistheorie entzieht sich einer einfachen Etikettierung. Sicher ist, dass er Kants transzendentalen Idealismus durchbricht, wenngleich er ihn in seinem Selbstverständnis beibehalten möchte. Eine materialistische oder physiologische Wende im Sine einer sich letztlich durchsetzenden Position kann bei ihm aber nicht herausgelesen werden, auch nicht unter Berücksichtigung seiner Metaphysik. Dies hieße die Pluralität seiner Betrachtungsweisen beschränken.“

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Für den Idealismus ist der Ausgangspunkt allen Denkens und aller Existenz etwas GEISTIGES, eine Ideenwelt (Platon, Aristoteles), ein Göttliches (Stoa, Ploin), Gott (Augustinus, Leipnitz), sprich das GEISTGIGE PRINZIP ist vor der Existenz der materiellen Welt, strukturiert und leitet die materielle Welt und nur durch Verknüpfung mit dem Geistigen (Vernunft, Seele, Geist) sind wir Menschen in Wahrheit Erkennende. Vereinfacht gesagt, die Idealisten schauen von oben nach unten. Das, auch wenn Sie dieses Geistige teils sehr verschieden auffassen. Der Gott des Augustinus ist nicht der Logos der Stoa.

Der Realismus (auch nicht sehr einheitlich in Detaillauffassungen), schaut im Wesentlichen von unten nach oben. Realismus und Empirismus sind fast deckungsgleich. Denn Realisten gehen davon aus, dass die Dinge unserer Erfahrung real existieren und wir unser Wissen über sie über die Erfahrung und dann erst eine geistige Weiterverarbeitung (Gesetze, Hypothesen) entsteht. Dieses Geistige ist aber Teil der Realität, nicht darüber. Rationalität ist beiden eigen.

Man kann das schön an der Auffassung zu Begriff und Status der Tugenden sehen. Für Epikur ergeben sich die Tugenden aus dem vernünftigen Abwägen des gesellschaftlichen Miteinanders. Für die Stoa sind Tugenden Leitlinien des Logos, seinen Ordungen zu folgen. In vielen praktischen Fragen sind sich Epikureismus und Stoa sehr ähnlich, die Unterschiede werden erst deutlich, wenn man auf die zu Grunde liegende Metaphysik zurückgeht.

Kant ist in soweit schwierig, als er ja eindeutig in der Erkenntnistheorie als Empirist beginnt. Dann aber - vor allem in seinen Anleitungen zum Handeln - gewinnt die Vernunft eine außergewöhnliche Eigenständigkeit (anders als Hume verwirft er die Bedeutung der Emotion) und einige seiner Empfehlungen wirken derart wirklichkeitsfremd, dass sogar Schiller ihm nicht mehr zu folgen vermag. Etwas vergröbert gesprochen kommt er zu der Einstellung, man müsste einen setzenden, wachenden und strafenden wie belohnenden Gott als Zuchtmeister erfinden, um unsere menschliche Schwäche in Zaum zu halten.

Anders Schopenhauer, der sich als Gegen-Hegel vom Idealismus Hegels absetzen will. Doch weil auch er wie Hegel ein vollständiges philosophisches System anstrebt, auch er von Kant kommt aber spürt, dass Kants Vernunft nicht in sich Treibendes hat, anders als Humes Emotion und ihm wohl auch Kants "offene" Welt an sich (weshalb Kant eigentlich kein geschlossenes philosophisches System hat!) den Makel der nicht klaren Bestimmung hat, setzt er die Welt an sich als abgeschlossenes, in sich determiniertes (hier folgt er wie viele in seiner Zeit lieber dem Demokrit als Epikur) WILLE. Das kann man im demokritischen Sinn noch als materialistisch betrachten. Doch seine Abschweifungen in Ideen der Seelenwanderung wie sein NonVelle als Weg der Erlösung haben religiöse Züge. Man könnte es wagemutig durchaus noch als "materialistische, diesseitige Mystik" gelten lassen, ähnlich wie Marxens Utopien des Kommunismus.

Du siehst aber, das sind Grenzfälle, wie sie auch im Existentialismus auftachen. Die einen sind klar Materialisten, die anderen theistisch. Man kann sich in einer gewissen Grundströmung den Phänomenen immer von verschiedenen Perspektiven nähern.

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Kommentar von MaNic22
04.10.2011, 13:04

Danke für die Antwort und einen Verweis zu den Philosophen. Dazu habe ich aber doch gleich eine weitere Frage. Sie setzen in die Klammer hinter Ideenwelt auch Aristoteles, was mich ein wenig verwirrt. Mir ist nicht sehr viel darüber in Erinnerung geblieben, wie Aristoteles Metaphysik ausschaut, aber das eine hatte ich mir doch gemerkt, dass er ein Gegner von Platons Ideenlehre war. Also wie ist diese Andeutung ihrerseits zu verstehen?

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Mit dem Idealismus geht der Rationalismus einher: Ratio ist Vernunft oder Verstand.

Ein Ideaist ist jemand,d er davon ausgeht, dass die Welt aus dem Ratio kommt und alles seinen Ursprung nicht ind er Empirie selbst, sondern im Denken des Menschen hat.

Ein Ding ist nur ein Ding, weil ein Mensch das Ding schon im Kopf hatte und es wiedererkannt hat. Diese Ideen kommen nicht von außen, doer sind in der Wahrgenommenen Welt vorhanden. Sie kommen, aus einem ideenreich, oder aus Gott und ob Gott real ist, das wäre eine ganz andere Frage.

Realismus oder Empirismus sind die Lehren, dass es nichts von Innen gibt, man ist lediglich ein Leeres Gefäß.

Vereint werden die lehren im Kritizismus von kant, der meinte, dass im Kopf die Möglichkeiten sind und die Dinge von außen eingespeißt werden.

Der Materialismus ist eigentlich keine philosophische Richtung im engeren Sinne, denn der Materialismus kommt aus dem Empirismus und bezieht sich auf die Menschliche Auffassung von Dingen, die Notwendigkeit und andere Faktoren.

Kant ist, wie gesagt nicht einzuordnen,w eil er der erste ist,d er beides vereint. Schopenhauer ist ja eher Skeptiker, ich habe ihn leider nie gelesen, darum kann ich dir dazu nicht viel sagen. Der Deutsche Idealismus ist aber auch Realistisch geprägt, der er besonders nützliche Dinge betont. Letztlich sagt aber das Wort schon, dass der Idealsimus hauptsächlich auf metaphysischen Dingen besteht.

Hoffe konnte dir helfen.

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Kommentar von MaNic22
04.10.2011, 13:01

Ja, Danke. Das war schonmal hilfreich.

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