Erkenntnistheorie, Abstraktion beispiel?

1 Antwort

John Locke, An essay concerning humane understanding („Ein Versuch über den menschlichen Verstand“), gibt dazu auch Beispiele.

Bei einer Abstraktion wird geistig von etwas abgesehen.

Bei der Entstehung von Erkenntnissen sind nach der (empiristischen) Auffassung von John Locke grundlegend beteiligt:

  • Sinneseindrücke

  • Verarbeitung der bloßen Eindrücke durch eine aktive, Sinneseindrücke ordnende und bestimmte Vorstellungen erzeugende Fähigkeit, deren Wirksamkeit beobachtet werden kann

John Locke führt das Entstehen von Erkenntnis auf Erfahrung zurück, nämlich auf Sinneswahrnehmung und Wahrnehmung der Tätigkeiten/Operationen des Geistes bei deren Verarbeitung.

Der Verstand (der menschliche Geist/das Bewußtsein) ist seiner Meinung nach bei der Geburt eine tabula rasa (ein unbeschriebenes Blatt/eine leere Tafel) und erst die Erfahrung schreibt darauf. Dies geschehe durch den Sinneseindruck/die Sinnesempfindung (sensation) und die Selbstbeobachtung/innere Wahrnehmung geistiger Tätigkeit (reflection).

Idee/Vorstellung (idea) ist in seiner Theorie das, was Objekt/Gegenstand des Verstandes ist, wenn ein Mensch denkt. Dies kann jeder beliebige Bewußtseinsinhalt im Prozeß des Denkens sein.

Voraussetzungen sind Gedächtnis und Sprache.

Die einfachen Ideen/Vorstellungen (simple ideas) sind elementare Bausteine der Erfahrung. Dies beginnt mit durch einen Sinn vermittelten Ideen/Vorstellungen wie bestimmten Farben, Tönen, Geräuschen, Gerüchen, Geschmäcken. Der menschliche Verstand ist dabei nach Lockes Theorie passiv.

Durch Kombinieren einfacher Ideen/Vorstellungen entstehen zusammengesetzte Ideen/Vorstellungen (compound ideas) oder mit einem anderen Namen komplexe Ideen/Vorstellungen (complex ideas). Eine Bündelung einfacher Ideen/Vorstellungen geschieht. Auf der Stufe des Kombinierens setzt nach der vertretenen Erkenntnistheorie eine aktive Tätigkeit des Geistes ein. Die zusammengesetzten Ideen/Vorstellungen treten häufig in wiederkehrenden und beständigen Kombinationen auf, so daß sei mit Namen oder Wörtern benannt werden, deren Klang im Geist der Hörenden sofort eine entsprechende Idee/Vorstellung hervorruft.

Relationen (relations) drücken ein Verhältnis verschiedener Ideen/Vorstellungen zueinander aus, indem sie vergleichend in Beziehung zueinander gesetzt werden, unter Gesichtspunkten der Übereinstimmung und Nichtübereinstimmung.

Abstraktion (abstracting) wird von Locke als einziges Verfahren der Verallgemeinerung von einfachen Ideen/Vorstellungen behandelt.

Vgl. zu ihr vor allem John Locke, An essay concerning humane understanding II, 11, 9 und III, 3, 6 - 14

Mit Namen/Wörter (Zeichen für etwas) können Allgemeinbegriffe gebildet werden, die Abstraktionen einzelner, durch einfache oder Zusammengesetzte Ideen/Vorstellungen erfaßten Erscheinungen sind.

Von den Sinneseindrücken/Sinnesempfindungen (sensations) hervorgebrachte einzelne/besondere Ideen/Vorstellungen werden von den anderen Dingen und Umständen der realen Existenz wie Zeit und Raum oder anderen begleitenden Ideen/Vorstellungen weggezogen/losgelöst/abgetrennt aufgefaßt. Durch dieses Abtrennen (Abstraktion) werden Ideen/Vorstellungen zu allgemeinen Vertretern aller Dinge der gleichen Art bzw. Gattung, ihre Namen zu allgemeine Namen, die auf alles angewendet werden können, was der abgetrennten Idee/Vorstellung entspricht. Der begrenzte menschliche Verstand kann nur von wenigen Einzeldingen/Individuen halbwegs genaue Ideen/Vorstellungen bilden, obwohl auf viele Einzeldinge/Individuen zu reagieren hat. Abstraktion ist ein Notbehelf, der ermöglicht, viele Einzeldinge/Individuen zwar nicht in ihrer Individualität, aber zumindest mit einer gedachten Schablone zu erfassen.

Die Ideen/Vorstellumngen verarmen nach John Lockes Aufassung bei der Abstraktion, weil sie vieler ihrer Bestimmungen beraubt werden.

Aufgrund menschlicher Begrenztheit (Grenzen der Erfahrung, begrenzte Aufnahmefähigkeit; Beschränkung der Wahrnehmung auf wenige Sinne, vor allem aber aufgrund von Ungeduld und mangelnder Sorgfalt wird nur eine dürftige Anzahl von Eigenschaften in allgemeinen Ideen untergebracht. Allgemeine Ausdrücke werden gebildet, weil sonst keine angemessene sprachliche Verständigung möglich wäre. Abstraktion ermöglicht außerdem bündelweises, d. h. allgemeines Wissen über Einzeldinge/Individuen, womit sich die Zahl der Situationen vervielfacht, denen Menschen gewachsen sind.

Abstraktion wird von John Locke nicht als Erschließung der innersten Wesenheit von Dingen beschrieben, sondern als eine Tätigkeit, bei der die Aufmerksamkeit gelenkt wird, individuelle Bestimmungen zu übersehen.

Mehrere Teilideen werden gesammelt, die mehreren Individuen gemeinsam sind, und dann das Ergebnis durch Einordnung von Individuen in Gattungen und Arten (Klassifizierung) zu einer Wesenheit (essence) ernannt.

II, 11, 9: Der Geist verwandelte einzelne/ individuelle Ideen/Vorstellungen, die er von einzelnen/individuellen Dingen bekommt, indem er sie von anderen existierenden Dingen und den Umständen realer Existenz wie Zeit und Ort sowie von sonstigen begleitenden Ideen abtrennt und sie als bloße Vorstellungen im Geist betrachtet. Die abstrahierte Idee hat ihre Beziehung zu dem, was sie hervorgerufen/bewirkt (das ursprünglich wahrgenommene Individuum) und das sie repräsentiert hat, und zu dessen Umgebung verloren. Die Verbindung zu den Ideen, die sie bei ihrer Ankunft im Geist begleiteten, ist der abstrahierten Idee weggenommen. Der Geist hat sie isoliert und ihrer Außenbeziehungen entkleidete. Die abstrahierte Idee steht daher sozusagen nackt und aus allem herausgeschnitten da.

Abstraktion besteht darin, bestimmte Ideen von allen Ideen abzutrennen, die sie in ihrer realen (tatsächlichen) Existenz begleiten.

III, 3, 6: Ideen werden allgemein, indem die Umstände von Zeit und Ort und allen anderen Ideen, die sie zu dieser oder jener individuellen Existenz bestimmen können, von ihnen abgetrennt werden.

Allgemeine Ideen sind nach Locke absichtlich verstümmelte individuelle Ideen, die durch erlittene Verluste ungenau geworden sind und daher für mehrere Individuen stehen können.

Beispiele für Abstraktion:

1) John Locke, An essay concerning humane understanding II, 11, 9: In der Milch und im Schnee wird die gleiche Farbe bemerkt. Diese Farbe wird allein für sich genommen, abgetrennt von allem sonstigen bei der Milch und dem Schnee, aufgefaßt und zur Vertreterin aller Dinge der gleichen Art gemacht. Ihr wird ein Name gegeben (»weiß«) und dieser bezeichnet dieselbe Eigenschaft, wo auch immer sie vorgestellt oder angetroffen wird. Ein Allgemeinbegriff des Weißen ist entstanden.

2) John Locke, An essay concerning humane understanding III, 3, 7: Kinder haben mit einzelnen Personen Umgang und bilden Ideen/Vorstellungen von ihnen. Die ihnen gegebenen Namen beziehen sich zuerst nur auf diese einzelnen Personen. Mit der Zeit und weiteren Bekanntschaften bemerken die Kinder, daß es auch viele andere Wesen in der Welt gibt, die ihrer Mutter, ihrem Vater oder anderen Bekannten in manchen Eigenschaften gleichen. Sie bilden eine Idee/Vorstellung von dem, an dem, wie sie bemerken, alle diese einzelnen Wesen teilnehmen und geben ihr einen Namen, z. B. Mensch. So kommen sie zu allgemeinen Idee/Vorstellungen, indem sie von der zusammengesetzten Idee/Vorstellung, die sie von Individuen (z. B. Peter und Jakob, Maria und Johanna) haben, das ihnen Eigentümliche/Besondere weg und behalten nur das allen Gemeinsame.

Einführende Bücher können zur Erkenntnistheorie von John Locke weiterhelfen, z. B.:

Walter Euchner, John Locke zur Einführung. 2., überarbeitete Auflage. Hamburg : Junius, 2004 (Zur Einführung ; 300), S. 17 - 67

Rainer Specht, John Locke.2., überarbeitete Auflag, Originalausgabe. München : Beck, 2007 (Beck'sche Reihe : Denker ; 518), S. 47 - 107

2

Was möchtest Du wissen?