Empfindsamkeit... säkularisierter Pietismus... dafuq?! O.o

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Schau dir den Film "Der Name der Rose" an. Zu dieser Epoche wurde der Rationalismus ganz hoch bewertet. Erst mit dem Protestantismus in Deutschland gab es eine Revolte gegenüber dem Rationalismus. Die Empfindsamkeit steht als krassen Gegensatz zum Rationalismus, wurde aber noch weitaus übertrieben und schoss aus dem Ziel hinaus, als diese vollkommen übertrieben wurde.

Lass es mich auch mal mit meinen eigenen Worten und meinem Verständnis erklären:

Zu der damaligen Zeit des Rationalismus war die Kirche sehr mächtig und KEINER wagte es die Dogmen der Kirche anzurühren. Dementsprechend waren die Gelehrten und Geistlichen Führer sehr darauf bedacht das eigene Fundament der Kirchenlehre zu schützen und das Denken der Menschen so zu kontrollieren, dass niemand erst auf den Gedanken kam es zu hinterfragen.

Unter anderem wurde verhindert das die Bibel in einer modernen Sprache übersetzt wurde. Die meisten Texte waren nur in "toten Sprachen" vorhanden, wie Alt-Griechisch oder Latein. Die Laien waren sozusagen die Dummen die nichts zu sagen hatten und vollkommen abhängig von den Geistlichen.

Diese Era entsprach eigentlich einer Dystopie, einer Gesellschaft die von wenigen Elitären Führern kontrolliert wurde. Das Freie Denken war ein Tabu. Wehe wenn jemand Zweifel äußerte, dann waren Prügel die kleinste Sorge die man hatte. Viele verloren ihr Leben wenn sie es wagten an den Grundpfeilern der Kirche zu sägen.

Diese ganze angespannte Atmosphäre ließ freie Emotionen einfach nicht zu.

Erst als ein mutiger Mann die falschen Lehren der Kirche "anprangerte", explodierte die unterdrückte Gesellschaft. Das andere Extrem kam zu Tage, ein Extrem das man bis heute noch sieht. Heute ist das rationale Denken fast schon "out". Es zählen nur noch Gefühle, am besten die starken Gefühle gesteuert von den Endokrinen Drüsen.

Wie auch immer, alles hat eine Ursache und einen Effekt. Ich finde deine Frage übrigens wirklich interessant. DH!

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@Melanie19880203

Ja auch noch ein genialer Film ist Equilibrium, ein Sci-Fi Film mit Christian Bale in der Hauptrolle. Es versetzt diese Art der Epoche voller Kontrolle in die Zukunft, aber der Gedanke dahinter ist genau der selbe wie damals beim Rationalismus. Der Film ist natürlich wie alle Hollywood-Filme übertrieben dargestellt, ... es behandelt aber genau diesen Zustand bei dem einige wenige Elite Leute die ganzen Massen kontrollieren. Vor allem das Finale zeigt die Emotionen die "explosionsartig freigesetzt werden" nachdem sie für so lange Zeit illegal unterdrückt wurden.

http://de.wikipedia.org/wiki/Equilibrium_%28Film%29

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@Melanie19880203

Ich finde diese Filme auch sehr anregend und auch die darin gezeigten Spannungen zwischen "Kirchlichen" Zwängen und der allgemeinen Logik bzw. Ethik. Ob dies aber genau den Punkt anspricht, kann ich nicht genau sagen - denn es geht meiner Meinung nach eher um die sittlichen Werte, die die Kirche und deren Umfeld einem realen Werk oder den Menschen einhauchen und weniger um das, was sie ihm durch falsche Lehren etc. entziehen. Zur reinen Vernunft ohne diese ethischen Werte braucht man nicht viel zu sagen: Sie wäre unmenschlich.

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@Melanie19880203

Danke für deine Antworten! Sehr umfangreich. Besonders gut fand ich den Abschnitt mit der Anspannung der Zeit, da es mir selber nicht eingefallen wäre. Die Filme werde ich evtl schauen, wenn ich wieder etwas mehr Zeit hab :D Ich habe trz nochmal an der Flut von Informationen meinen Konformandenlehrer gefragt. Vielen Dank :D

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Servus, vermutlich sollst du in dieser deutschen "Literaturepoche" den historischen Begriff "Empfindsamkeit" erläutern... Ich zitiere aus: Bark/Steinbach/Wittenberg (Hrsg.): Geschichte der deutschen Literatur, Band 1: Aufklärung - Sturm und Drang; Klett Verlag, Stuttgart 1983 (grüne Taschenbuchausgabe, insgesamt 6 Bände), Seiten 25 unten und 26 oben: "Der Pietismus als kirchliche und religiöse Reformbewegung übt Kirchenkritik als Institutionskritik: Das Individuum steht selbstbewußt vor Gott und lehnt die Vermittlung durch die Kirche ab. Wenn der Pietismus die Bewährung der Frömmigkeit in der Verchristlichung der Welt fordert, dann hat das mit der Vorstellung der Aufklärer von einem tugendhaften Leben in der Welt vieles gemeinsam. (Absatz) Die Verweltlichung (Säkularisierung) zeigt eine doppelte Wirkung: Indem das Religiöse säkularisiert wird, binden sich die frei gewordenen relgiösen Kräfte an Weltliches. Das sind vor allem die Kräfte des Gemüts. Die neue Ich-Erfahrung bringt die Erfahrung der Einsamkeit mit sich, die auch im Pietismus gründet. Ob aber die Einsamkeit erlitten oder genossen wird - das empfindsame Ich will sich nicht in sich selbst verschließen. es sucht nach Ausdruck, nach Kommunikation. Briefwechsel, Tagebuch, Autobiographie als literarische und vorliterarische Formen der Selbstdarstellung werden gepflegt. (Seite 26:) Der Pietismus wird auch von den unteren Schichten getragen. Vor allem im schwäbischen Pietismus zeigt sich eine soziale Komponente als bedeutsames Moment der Aufklärung. (Absatz) Kompliziert sind die Beziehungen zwischen Aufklärung, Pietismus und der Bewegung der Empfindsamkeit. Lange hat man in der Forschung einen Gegensatz zwischen Aufklärung und Empfindsamkeit postuliert. Das war ein Irrtum. In der Forderung nach einem Gleichgewicht von Denken und Empfinden waren sich die Anhänger der wahren Aufklärung wie auch die der wahren Empfindsamkeit einig. (Absatz) Die Empfindsamkeit muß als säkularisierter Pietismus verstanden werden. Das eigene Gefühl wird ernst genommen. Das bedeutet einen Protest gegen die Reglementierung des Gefühls durch die Etikette. Selbstbewußt wendet das Ich sich gegen die hierarchisch abgestufte Geltung der Person im höfischen Zeremoniell. (Im nächsten Absatz steht der englische Einfluss: z. B. Shaftesbury, Young und der Roman von L. Sterne "Sentimental Journey" - von Lessing in "Empfindsame Reise" übersetzt - bis zum Höhepunkt der deutschen Empfindsamkeit:) (...) Zum öffentlichen Durchbruch verhalf ihr Goethes "Werther" (1774)." Zitat-Ende - Die so genannten Dichterbünde bildeten sich: Der "Göttinger Hain" (beginnende 1770-er Jahre) war der Höhepunkt der deutschen Empfindsamkeit mit der geradezu religiösen Verehrung der Werke Klopstocks (vgl. Jeßing, Benedikt: Neuere deutsche Literaturgeschichte; Reihe: bachelor-wissen, Gunter Narr Verlag, Tübingen 2008, Seite101 unten). Der "Sturm und Drang" wirkte zur gleichen Zeit - bitte keine Verwechslungen, auch wenn es Ähnlichkeiten gibt. Viel Erfolg!

Danke :D Die Antwort war sehr hilfreich. Obwohl ich hoffe, dass du den Text nicht komplett abgeschrieben hast O.o

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@MysteryMoon100

Servus, doch, wie ich geschrieben habe (von "ich zitiere aus:" bis "Zitat-Ende"), ist dieser Text selbstverständlich fast komplett aus dem angegebenen Buch abgeschrieben und deshalb von dir als Zitat verwendbar (nicht als eigene Meinung bitte!) gemacht.

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@Skoph

Oh Gott O.o Ich hätte mir nicht die Arbeit gemacht xD Aber trotzdem danke. Hab mir allerdings nur eine kurze Zusammenfassung gemacht, da wir leider nur 6 Minuten zur Verfügung hatten :/

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@MysteryMoon100

Servus, no problem... Ich halte pro Woche mindestens einen ca. 2-3-Std-Vortrag über derartige Themen - meist vor und für Lehrer/innen jeder Schulart, deshalb muss mein Gehirn solches Wissen stets im Hintergrund haben - hilft ja nichts... Viel Erfolg gehabt, hoffe ich.

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Eingangs sei Dir gesagt, nur Wikipediatexte zu lesen, reicht heutezutage nicht aus, um einen ernsthafte Arbeit abzuliefern.

Die Epoche der " EMPFINDSAMKEIT " in Deutschland speist sich aus zwei Quellen, wobei dieser einmal als literarischer Stilbegriff verstanden wird und zum Anderen eine auf das protestantische Bürgertum übergreifende Gefühlsbewegung religiösen Charakters darstellt.

Die Hauptquelle ist der Pietismus, dessen Gefühlsinnerlichkeit zu einem Lebensmoment des protestantischen Bürgertums wird, das ist die sogenannte Verweltlichung des Pietismus, die andere Hauptquelle sind die Wochenschriften aus England, seit etwa 1715, später die Familien-und Tugendromane von Samuel Richardsons ( 1689 - 1701 ).

In den 60er Jahren des 18.Jhdt. begann der Einfluß von Laurence Sterne ( 1713 - 1768 ) mit " TRISTAN SHANDY " und " SENTIMENTAL JOURNEY THROUGH FRANCE ANS ITALY " zu wirken. Dann noch Oliver Goldsmith ( 1730 - 1774 ) mit " VICAR OF WAKEFIELD ". Ein Lieblingsbuch des 18.Jhdt. wurde " NIGHT THOUGHTS ON LIFE ", DEATH AND IMMORTALITY " von Edwards Young ( 1683 - 1765). Übersetzt von Johann Arnold Ebert 1754.

Die seelische Vertiefung des Pietismus äußerte sich zuerst in der Kunstlyrik von Immanuel Jakob Pyra im Gedicht " Tempel der wahren Dichtung " ( 1773 ), die ihren Höhepunkt in Klopstocks " Der Messias "" gefunden hatte.

Der empfindsame Roman umfaßt Dichter und Schrifsteller wie Gellert bis Sophie von Laroche sowie den Unterhaltungsschriftsteller August Lafontaine ( 1758 - 1831 ).

Im Zusammenhang mit der " EMPFINDSAMKEIT " ist die erste deutsche Roman-Theorie von Friedrich v.Blanckenburg zu erwähnen. Nach ihm sollte der deutsche Roman als Gegenstand " die im Innern des Menschen wohnenden Empfindungen " haben. Er war für den Charakter-Roman, aber gegen Abenteuer-und historischen Roman. Dieser zuerstgenannte Romantypus hatte die Aufgabe, die " innere Geschichte " von möglichen Menschen der wriklichen Welt darzustellen. Er lehnte Richardsons ab, weil er die Darstellung der " Naturwahrheit, der Kausalität und Anschaulichmachung der Gefühle " nicht berücksichtigte.

Wichtige literarische Kreise der EMPFINDSAMKEIT:

  • der ältere Hallener Kreis mit den Pietisten Lange und Pyra

  • Hain oder Bund, später Hainbund ( literarischer Freundschaftsbund junger Akademiker aus Nord-und Süddeutschland, Literar.Organ: Göttinger Musenalmanach seit 1770

-Darmstädter Kreis, mit J.H.Merck, Katharina Flachband, der spätere Herder Anfang der 70er Jahre des 18.Jhdt.

WICHTIGE AUTOREN:

Matthias Claudius, F.G. Klopstock, J.H.Voß, Nikolaus L.Graf v.Zinzenendorf, G.Tersteehegen. Imm.Jak.Pyra, Sam.Gotth.Lange, Christ.Fürchtegott Gellert, Salomon Geßner, Sophie v.Laroche, Heinrich Jung-Stilling, Theodor Gottlieb v. Hippel. Christian Graf zu Stolberg, Friedr.Leop.Graf z.Stolberg ( 2 Brüder ), Joh.Martin Müller, Ludw. H. Christop.Hölty, Georg Christ.Lichtenberg ( lehnte aber Klopstock und Goethes Werther ab ).

Das Wort " empfindsam " geht auf Lessing zurück, der es seinem Freund Joh.Joach.Bode zur Verdeutung des englishen " sentimental " empfahl.

Der Pietismus, als Quelle der Empfindsamkeit, teilte mit der Aufklärung den Kampf gegen jeglichen Dogmatismus, für die Überbrückung religiöser und sozialer Gegensätze. Zugleich stand er für die Steigerung des Gefühlslebens, was in der Literatur der Aufklärung zu kurz kam.

Trotz einzelner Motive wie Traum, Gefühlsüberschwang, tiefe Seufzer, Analyse des Innenleben, ist zwischen der Epoche des Sturm und Drang, Klassik und Romantik scharf zu unterscheiden.

Literarisch lebt die EMPFINDSAMKEIT Ende des 18.Jhdt.und während des gesamten 19.Jhdt. weiter in den vielen Frauenromanen, Liebesromanen, Hauszeitschriften und zuletzt, losgelöst von rein pietischen Gefühlsbewegungen, in den Romanen von Hedwig Court-Mahlers, weiter. Die letzetn Ausläufer sind die vielen zeitgenössischen Liebes-und Familienromane, mehrheitlich trivial und zum Teil kitschig.

Falls Dich diese literarische Stileepoche auch privat interessiert:

es gibt auch noch eine philosophische Behandlung dieses Themas durch Friedrich v.Schuller. In seiner Schrift " Über naive und sentimentalische Dichtung ", 1795, geht er sehr ausführlich, wenn es auch manchmal etwas schwer zu verstehen ist, auf beide Dichtungsarten ein und legt den Underschied frei.

Er unterscheidet dabei noch zwischen Rührung und Rührseligkeit, wobei das Letztere ein Merkmal der modernen Unterhaltungsliteratur, speziell bei Frauen- und LIebesromanen, geworden ist.

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@arevo

Vielen Dank für den umfangreichen Beitrag :) Leider hab ich schon mein Vortrag gehalten bevor ich deinen gesehen habe. Trotzdem hat er mich noch was gelehrt :)

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