Aus welchem Grund gelangen die Nationalsozialisten nach 1945 wieder in Führungspositionen?

6 Antworten

Hallo.

Warum so viele Nazis in der Bundesrepublik wieder in Führungspositionen kommen konnten hatte verschiedene Gründe:

1. Es gab einfach viele Nazis.  Allein zur SS gehörten zu ihren Spitenzeiten ca. 800.00 Männer und eine Hand voll Frauen. Selbst die hätte man nicht alle einfach so liquidieren können. Die NSDAP hatte zu Kriegsende 7,5 Millonen Mitglieder. Dazu kommen noch unzählige Verwaltungsbeamte, sowie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die auch ohne Parteimitgliedschaft das Regime unterstützt haben. Dann waren da noch Richter, die Widertandskämpfer, Kriegsdienstverweigerer und Fahnenflüchtige zum Tode verurteilt haben. Außerdem haben fast alle Lehrerinnen und Lehrer daran mitgewirkt, die Kinder in der NS-Ideologie zu indoktrinieren - selbst in solchen Fächern wie Mathematik. Wer alles daran mitgewirkt hat Juden und andere Opfer des Regimes zu denunziern, lässt sich kaum noch erheben. Alle Leute für ihre Mitwirkung an den Verbrechen zu bestrafen, war einfach praktisch unmöglich, wenn man das Land regieren will.


2. Hatten die West-Allierten kein besonderes Interesse daran, die vereinbarte Entnazifizierung durchzuführen. In der Sowjetzone bzw. in der DDR hat man z.B. ehemalige NS-Lehrer möglichst schnell nach dem Krieg Berufsverbote erteilt und sie durch neue Lehrerinnen und Lehrer ersetzt, die dann entsprechend die neue Doktrin verbreitet haben. Funktionsträger der NSDAP wurden bis auf wenige Ausnahmen konsequent aus ihren Ämtern entfernt. Viele der neuen Machthaber in der Sowjetzone waren selbst Verfolgte des NS-Regimes und hatten daher ein wirkliches Interesse, die Täter zur Rechenschaft zu ziehen. Außerdem war man ja in der Sowjetzone drauf und dran möglichst schnell eine neue Diktatur aufzubauen - auch dafür braucht man Leute, welche der eigenen Ideologie nahestehen.

In den westlichen Besatzungszonen ging man eigentlich nur gegen die Haupttäter vor. Schon 1946 übergaben die US-Amerikaner die Verantwortung für die Entnazifizierung an die Deutschen. Sogenannte "Spruchkammern" entschieden, ob jemand ein Verbrecher oder nur ein Mittläufer war. Diese Spruchammern waren in vielen Fällen zahnlose Tiger. Selbst hochrangige NS-Richter, wurden entlastet oder als "Mitläufer" eingestuft.


3. Hatten die Westmächte mit dem Beginn des Kalten Krieges ganz andere Interessen. Nazis waren Anti-Kommunisten - so viel steht fest. Damit erschien aber jeder mit NS-Vergangenheit, der nicht zu den Haupttätern gerechnet wurde, als ein potentieller Verbündeter gegen Sozialismus und Kommunismus. Die Verbrechen des Nazismus sind Schnee von gestern, wenn man vereint gegen einen neuen Feind vorgehen kann.

Auch innerhalb Deutschlands wurde so agiert. Die CDU, die bekanntlich vielen Nazis wieder zu Machtpositionen verholfen hatte, war in Wahlkämpfen immer wieder sehr erfolgreich damit, die SPD in die Nähe des Stalinismus zu rücken.


4. War mit dem Ende der NS-Herrschaft ja nicht die NS-Ideologie und das nationalkonservative Gedankengut, welches der NS-Ideologie einst den Boden bereitet hatte, verschwunden. Die meisten Leute, die zwischen 1933 und 1945 aufgewachsen sind, wurden in der NS-Ideologie regelrecht zum Hass erzogen. Auch dort, wo dies in den Familien nicht geschah, sorge man in Schule, Hitlerjugend und Bund Deutscher Mädchen dafür. Es ist ein Stück weit verständlich, dass sich viele nicht vollständig von diesen Ansichten befreien konnten oder wollten - auch wenn sie sich später an die Spielregeln der liberalen Demokratie gehalten haben.

Auch der Philosoph Martin Heidegger war im Nachkriegsdeutschland noch sehr populär, obwohl er sich niemals von seinem Engagement für den Nationalsozialismus distanziert hat. In den evangelischen Kirchen war die Mehrheit der Pfarrer ziemlich rechtsgerichtet, auch wenn sie keine Nazis waren und sich sogar in der "Bekennenden Kirche" gegen eine Gleichschaltung der Kirche engagierten. Nur eine Minderheit war liberal oder gehörte zu den "religiösen Sozialisten". So war es auch in anderen kulturellen Bereichen in der frühen Bundesrepublik.

Das sind jetzt nur Beispiele. Die Bundesrepublik war eine Demokratie. In einer Demokratie können die Bürgerinnen und Bürger auch ehemalige NS-Funktionäre zu Ministerpräsidenten wählen. Selbst wenn viele Leute im nachhinein das NS-Regime abgelehnt hatten - alle  Ansichten und Gewohnheiten abzustreifen ist kaum möglich.

Kurz: Die 68er sind nicht im Luftleeren Raum entstanden. Es dauerte noch ein oder zwei Generationen, bis Deutschland seine Vergangenheit wirklich bewältigt hatte.


Weil es die Deutschen nicht gestört hat. Sie fühlten sich grundsätzlich in ihrer überwiegenden Mehrheit, mit den Nazis solidarisch, da sie selbst ja in ihrer überwiegenden Mehrheit vor 1945 auch Nazis waren und da sich ja die Diskriminierung und Verfolgung und die Morde nicht gegen sie gerichtet hatten, daher war es ihnen egal...

Mich wundert es ehrlich gesagt auch, wie man mit so vielen frei herum rennenden Massenmördern (es gab mind. 100'000 Massenmörder, und nur sehr wenige wurden verurteilt) in der Nacht gut schlafen kann...

Aber die Deutschen schienen damit kein Problem zu haben.

Adenauer hat praktisch als ersten Verwaltungsakt die "Entnazifizierung" abgebrochen, und er hat die Verfolgung von den eigentlichen Verbrechern ziemlich aktiv behindert und blockiert. Er wollte das nicht.

Uebrigens war auch der viel gelobte Richard von Weizsäcker nicht unbedingt für die Strafverfolgung von Nazi-Verbrechern: sein eigener Vater hatte ja Deportationsbefehle für Tausende von Juden aus Frankreich und Holland unterzeichnet. Er war dafür in Nürnberg verurteilt worden, und Richard fand das sehr, sehr "ungerecht"... Also bis weit in 80er Jahre waren in Deutschland Leute an den Schalthebeln, denen jegliches Unrechtsbewusstsein fehlte...

Der öffentliche Grund nennt sich Entnazifizierung.
So gelangten Nazi wieder in Amt und Würden.
https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_ehemaliger_NSDAP-Mitglieder,_die_nach_Mai_1945_politisch_t%C3%A4tig_waren

Tatsächlich gelangte man in Ost und West, mit Zunahme der politischen Spannungen, zu der Erkenntnis, dass es "Verwaltungsfachleute" brauchen würde, das Land wieder aubauen und regieren zu können.
Da diese nicht aus dem luftleeren Raum fallen konnten, blieben nur ehemalige NSDAPler übrig.

Hier die vollständigen Listen für BRD und DDR
https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_ehemaliger_NSDAP-Mitglieder,_die_nach_Mai_1945_politisch_t%C3%A4tig_waren

"Hier die vollständigen Listen für BRD und DDR"

Sorry, aber diese Listen sind nicht ansatzweise vollständig. Allein Im Braunbuch BRD Albert Nordens werden 1.800 NS- und Kriegsverbrecher aufgezählt, die auch nach dem Krieg unverändert als Eliten fungierten. (Stand 1965, Fehlerquote laut Götz Aly unter 1%).

Ein gewisser Olaf Kappelt publiziert als vermeintliches "Gegenstück" solche Materialsammlungen bezogen auf den Osten, wobei allerdings regelmäßig eine einfache NSDAP-Mitgliedschaft der Flakhelfer Generation ausreicht, um dort als "NS-belastet" aufgenommen zu werden. Äpfel und Birnen...

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@Hegemon

Die von mir benannten Listen beziehen sich auf Parlamentszugehörigkeit.
Unbestritten fand dergleichen ebenso auf der Ebene der Stadt- und Dorfbürgermeister statt und auf allen anderen Ebenen der öffentlichen Verwaltung.

Man hat die ehemaligen NSDAPler auf allen Ebenen vom Saulus zum Paulus gewandelt, per Federstrich.

Ich fand es tapsig von Kanzlerin Merkel (CDU) zu erklären "Eliten- und Leistungsträger..." die man fördern müsse.

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