Was hat Nietzsche an Schopenhauers Mitleidsethik kritisiert?

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Grob gesprochen sieht Schopenhauer in seinem Werk "Die Welt als Wille und Vorstellung" erst einmal das Sein wie Kant: Es gibt eine reale aber uns unbekannte "Welt an sich". Zwischen uns und der Realität gibt es einen Austausch und unsererseits erfahren wir die Welt nicht direkt sondern über die Vermittlung des Verstandes. Dieser arbeitet - um die überwältigende Fülle der Informationen überlebensorientiert zu bewältigen - mit Filtern wie Raum, Zeit, Kausalität usw.. So entsteht uns eine Vorstellung der Welt, die eine "gefilterte" ist, eine vorgestellte.

Soweit folgt Schopenhauer dem Kant. In seinen Aussagen über die "Welt an sich" bleibt Kant allerdings recht zurückhaltend und geradezu blass. Hier orientiert sich Schopenhauer eher an David Hume, der den Verstand und die Vernunft bei Kant als überbetont erachtet, eher als Sortier- und gar als Rechtfertigungsinstrument, wenn die Emotionen etwas sehr Unvernünftiges wollen. Den Antriebsmechanismus der Emotionen vermisst Schopenhauer bei Kant, weil er das der reinen Vernunft nicht zutraut. Für ihn ist die "Welt an sich" nicht nur etwas Antriebsloses. Unsere Emotionen, unser Wille sind Aspekte und Ausprägungen einer in dieser "Welt an sich" herrschenden Antriebsenergie, aber nicht nur einer Lebensenergie, denn wie Heraklit es beschreibt, kann diese Energie auch zerströrerisch sein.

Nun lebt der Mensch in Gesellschaften und Kriege, Mord und Todschlag sind auch unter Menschen Ausdruck der zerstörerischen Seite der "Weltenergie", die er WILLE nennt, weil sie im menschlichen Willen als eigentliche Antriebskraft wirksam ist. Andererseits aber müssten bei Dominanz dieser zentrifugalen Kraft die Menschen sich selbst und ihre Gemeinschaften zerstören. Da das über jahrhunderte offensichtlich nie der Fall ist, muss diesen Kräften eine zentripedale, eine behütende, eine sorgende Kraft entgegenwirken. In der indischen Religiosität sieht er diese Kraft im Mitleiden der Menschen beschrieben. Die Antriebskraft (nicht die Begründung mit Argumenten) zu moralischem Handeln steckt in dieser Fähigkeit des Mitleidens. Er fragt, welche Kraft wirkt, wenn wir nicht unserem Egoismus folgen sondern im Sinne der Mitmenschen und der Gemeinschaft handeln.

Friedrich Nietzsches Philosophie ist stark in seinen Lebensumständen verhaftet. Als jemand, der ständig unter starken Kopfschmerzen leidet wehrt er sich gegen überwältigendes Mitleid, das ihn als schwach und hilfsbedürftig, allerdings auch als von außen steuerungsbedürftig abstempelt. So sieht er die ganze christliche Ethik der Nächstenliebe als heuchlerisch, womit sich die Schwachen über die Starken setzen wollen. Nietsche will eine positive Lebenseinstellung der Starken, die nicht immer mit scheinheiligen Gründen von den Schwachen eingebremst werden. Obwohl er anfangs sowohl von Epikur wie von Schopenhauer begeistert ist, sieht er beide letztlich als Feiglinge, die der Übermacht der Schwachen den Selbstbehauptungswillen der Starken geopfert haben.

Auch, dass Schopenhauer die wilde Kraft des Willens eher negativ sieht, die durch die Eigenschaft des Mitleidens eingebremst werden soll, stört ihn. Die wilde Kraft des Willens steckt in allem Schöpferischen, in allem Forscherdrang (es war die Zeit der Wissenschaft und erfolgreichen Ingenieurskunst, der Industrialisierung) und sie wird verkannt, wenn sie nur negativ dargestellt wird. Aller Fortschritt geht auf dieses Konto, während die Einstellung des Mitleidens und der Zögerlichkeit eher ein Bremsklotz auf den drängenden Aufbruch nach vorne ist. Hier prallen also vollkommen verschiedene Welterfahrungen aufeinander.

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