Unterscheidung Operngesang und Klassischem Gesang?

9 Antworten

Gesang: entweder klassisch (Oper, Oratorium, Lied) oder nicht (Jazz, Pop, Rock). Die Techniken unterscheiden sich teilweise, vieles ist identisch (Atem, Stütze, Körperhaltung und -spannung...).

Der "klassische" Gesang setzt meist eine mehrjährige Ausbildung voraus, die meisten SängerInnen sangen auch als Kinder schon.

Beim klassischen Gesang ist die Gesangstechnik bei Oper, Lied und Oratorium die gleiche. Jedoch werden in der Praxis unterschiedliche Anforderungen gestellt: Für den Operngesang ist eine sehr tragende und fokussierte Stimme nötig, denn wir haben hier teilweise gigantische Räume zu beschallen (Opéra Bastille in Paris hat 2700 Plätze!), und zwar OHNE !!! Mikrofone und Verstärkung. Mit einer Piepsstimme kommt man da nicht weit. Außerdem muss mit (oder manchmal gegen)Orchesterklänge gesungen werden, das ist bei Mozart, Händel und Gluck meist einfacher als bei Wagner, Strauss oder Bellini. Top-Dirigenten achten aber darauf, dass die Singenden nicht im Getöse untergehen.

Ähnlich ist es bei Oratorien: da singt man in Kirchen oder Konzertsälen und muss seine Stimmkräfte den Räumlichkeiten und musikalischen Erfordernissen anpassen. Alte Musik auf alten Instrumenten klingt leiser und durchsichtiger (Bach, Händel, Schubert, Haydn, Mozart) als Werke mit modernen Instrumenten und großem Orchester (Verdi, Strauss, Mahler, Bruckner etc.). Aber auch da ist es möglich, mit einem gescheiten Dirigenten, ganz leise zu singen.

Das Allerschwerste beim Gesang ist das Singen von klassischen Liedern. Da hat "Ingemaria", s.o.) leider gar nicht recht. Das Singen eines Schubertliedes, oder eines Liedes von Schumann, Brahms, Loewe, Schoeck, Mahler, Strauss, Beethoven oder wem auch immer, erfordert eine noch differenziertere Beherrschung der Stimme, zudem die Fähigkeit, kreativ und perfekt mit der Sprache umzugehen, auch erfordert der Verzicht auf den Klang eines Orchesters, alle Klangfarben und den Ausdruck von Emotionen selbstständig herzustellen, nur mit Hilfe des Klavierbegleiters. Kein Kostüm. Keine Gesten. Nur die Stimme. Und es gibt noch einen wesentlichen Unterschied. Bei Werken mit Orchester stehst Du nicht alleine auf der Bühne, da sind singende Kollegen, ein Chor und Leute im Orchester. Bei einem Liederabend stehst Du fast mutterseelenallein auf der Bühne, Deine Pianistin oder Dein Pianist ist noch dabei - mit demselben Lampenfieber wie Du. Und nun sind vielleicht 100 Augen und Ohren nur auf Dich gerichtet, oder aber auch 10000 (Royal Albert Hall London, 5000 Plätze!!!). Da braucht man außer einer Superstimme auch noch Supernerven.

Die besten SängerInnen dieser Welt beherrschen ihre Stimme so, dass sie in allen Sparten, Oper, Oratorium oder Lied, diese den Gegebenheiten anpassen, so dass sie in der Lage sind, bei einer Oper das volle Stimmprogramm vom Fortissimo bis zum Piano abzuliefern, während sie vielleicht einige Wochen später Schumanns "Mondnacht" im berückendsten Pianissimo und in den feinsten Farbnuancen dem Publikum in die Ohren säuseln.

Einige Namen von SängerInnen, die Oper, Oratorium und Lied gleich gut singen oder sangen: Peter Schreier, Fritz Wunderlich, Elisabeth Schwarzkopf, Hermann Prey, Christa Ludwig, Christoph Prégardien, Dietrich Fischer-Dieskau, Renée Fleming, Olaf Bär, Christian Gerhaher, Christiane Oelze, Christine Schäfer, Thomas Quastoff, Anna Netrebko, Jonas Kaufmann und andere. Außer Herrn Quasthoff wagt sich da keine/r in die Jazz-Abteilung...

Es gab und gibt auch SängerInnen, die fast nur Opern sangen (Callas, Pavarotti) und andere, die fast nur Oratorien und Lieder singen, was oft damit zusammenhängt, dass deren Stimmen nicht das notwendige Volumen für Operngesang haben. Sie spezialisieren sich dann oft auf "Alte Musik" und Liedgesang. Es ist allerdings der allergrößte Trugschluss zu glauben, dass irgendwann, wenn die Stimme für die Oper nicht mehr ausreicht, der Liedgesang ein Ausweg wäre. Das geht garantiert in die Hose...

Vielem stimme ich zu was Du beschrieben hast. Nur die Sängerbeispiele würde ich nicht ganz so bestätigen. Du hast teilweise echte Liedsänger einen ebenso guten Operngesang zugesprochen.

Beispielsweise ein D.F. Dieskau hat zwar Opern gesungen, ist ihnen aber selten wirklich gerecht geworden. Mit Ausnahme solcher leichten Opern wie der Vogelfänger in Mozarts Zauberflöte.

Ebenso sehe ich das mit Christian Gerhaher oder Olaf Bär. Das sind Beispiele echter Mittelstimmregistersänger, die immer so ein wenig Mühe mit großer Oper haben und hatten. Selbst eingeschränkt sehe ich da Thomas Quasthoff, der zwar eine große Stimme hat, aber dessen "offener" Gesang auch nicht ideal für große Oper war. Was dieser wirklich sehr gut neben klassischem Lied konnte, war Jazz.

Das alles ist aber eine Frage der angewandten Gesangstechnik, die man hätte verbessern können.

Anders bei Hermann Prey, der konnte wirklich beides gleichermaßen, war aber auch kein Mittelstimmregistersänger.

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@Bellacanto

P.S. Natürlich auch ein Fritz wunderlich konnte beide Sparten herausragend bedienen.

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Für Opern, Kirchenmusik, Lieder und Klassik hat man zwar eine ähnliche Gesangstechnik, die Unterschiede liegen aber in der Gestaltung. Das geht sehr ins Detail, auch je nach Epoche und Komponist. In ein paar Sätzen lässt sich das nicht erklären. Rock, Jazz und Pop basieren auf einer anderen Gesangstechnik, die den natürlichen Klang der Stimme fördert. Hier wird allerdings sehr viel mit Elektronik nachbearbeitet, damit werden auch schöne junge Menschen mit etwas weniger Gesangstalent in Musikprojekte integriert. Es soll aber in der Rockmusik auch Künstler geben, die tatsächlich singen können.

Klassischer Gesang ist sicher mehr, als nur Oper, Oper ist ein sehr spezieller Teil des klassischen Gesanges.

Es gibt Chorkonzerte, Kirchenmusik usw, die alle mit klassischem Gesang arbeiten.

Rock und Pop gehört aber meines Erachtens definitiv nicht dazu.

ja, so ist es!

Ein Lied von Schubert kann ja auch schön klassisch sein...und ist doch keine Oper!

DH

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diese beiden begriffe hört man leider viel zu oft ohne genau beschreibung beider begriffe. der unterschied zwischen beidem müsste nämlich erst erfunden werden. es geht dabei lediglich um die anwendung: man kann gesang studieren, erlernt dann eine bestimmte gesangstechnik. die optimale technik ist in allen gesangsarten absolut gleich: in der oper/operette, im konzert, im jazz, im chor. ich studiere "klassischen gesang", wobei sich die grundtechnik grundlegend nich von der der jazz-sängern unterscheidet. es geht dabei immer um richtige atmung, richtige phonation, vokalbildung und musikalität. die gesangspraktiken unterscheiden sich NUR in der praxis.

Zu Klassischem Gesang gehört normalerweise auch die Oper. Also Oper, Lied und Oratorium.

Aber Du meinst mit Klassischem Gesang den Pop-Gesang aus der U-Musik.

Die Unterscheidung von der E-Musik zu U-Musik im Gesang ist alleine die Resonanzgestaltung. Die Grundtechnik sollte immer die selbe sein.

Leider wird das aber oft nicht erkannt. In der Klassik singen Frauen meist erst ab dem Mittelstimmregister an aufwärts, deshalb haben sie so schlechte Tiefen und der Gesang ist manchmal etwas hart und schepprig. Wohingegen die Frauenstimmen in der U-Musik mit dem Brustregister singen. Wenn es falsch läuft, ziehen sie dies, wie Männer ebenso, in die Höhe (=Belting).

Ideal ist es allerdings, wenn man immer im Brustregister bleibt und alle anderen Register hinein mischt, dann kann man in beiden Sparten bestens singen.

Aber wie gesagt die Resonanzgestaltung ist völlig unterschiedlich. Mit dem offenen Singen würde man Schwierigkeiten bekommen, wenn man damit über ein Orchester singen würde. Mit Mikrofonverstärkung klingt dies allerdings sehr gut und man verliert sich deshalb auch nicht so schnell ins Forcieren.

(Ein wenig aus der täglichen Unterrichtspraxis geplaudert!)

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