Tugend als Mitte Aristoteles

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Lehre von der Mitte (μεσότης [mesotes]): Aristoteles versteht Charaktertugend allgemein und die einzelnen Tugenden als richtige Mitte, die zwischen einem Zuviel (Übertreibung/Übermaß) und einem Zuwenig (Zurückbleiben/Mangel) liegt.

Aristoteles, Nikomachische Ethik 2, 6, 1106 b 36 – 1107 a 8: „Die Tugend/Vortrefflichkeit (ἀρετὴ [arete) ist also eine wählende/vorsätzliche Haltung (ἕξις [hexis]; lateinisch: habitus), die in der auf uns bezogenen Mitte liegt, die durch vernünftige Überlegung bestimmt ist, und zwar durch die, mittels derer der Kluge die Mitte bestimmen würde. Sie ist aber Mitte von zwei Schlechtigkeiten, einer des Übermaßes und einer des Mangels. Und ferner ist sie insofern Mitte, als die Schlechtigkeiten teils hinter dem, was in den Leidenschaften und Handlungen sein soll, zurückbleiben, teils darüber hinausschießen, die Tugend/Vortrefflichkeit aber das Mittlere sowohl findet als auch wählt. Daher ist die Tugend nach ihrer Wesenheit/Substanz (οὐσία [ousia]) und ihrem Begriffs, der angibt, was sie ist, Mitte, hinsichtlich des Besten und des Guten aber Äußerstes.“

Die Mitte (μεσότης) bei Aristoteles ist eine Einstellung, die auf ein richtiges Verhältnis zu Affekten (Leidenschaften) ausgerichtet ist und das in einer Lage angemessene Verhalten. Sie ist nicht mit Durchschnittlichkeit und Mittelmäßigkeit zu verwechseln, worauf volkstümliche Vorstellungen über einen goldenen Mittelweg (lateinisch aurea mediocritas) leicht hinauslaufen. Sie ist auch nicht etwas, das für alle und immer stets quantitativ genau das Gleiche ist: Die Mitte der Sache hat den gleichen Abstand von den beiden Extremen und ist für alle Menschen ein und dasselbe (2, 5, 1106 a 29 - 31). Das Mittlere in Bezug auf die Menschen ist dagegen weder zuviel noch zuwenig, dies aber nicht für alle als ein und dasselbe (2, 5, 1106 a 31 - 32). Ein Beispiel ist die Menge der Nahrungsaufnahme.

Kant lehnt z. B. eine Lehre von der Mitte ab, wobei er sich offensichtlich auf eine Aristoteles-Fehldeutung bezieht.

Immanuel Kant, Die Metaphysik der Sitten. Zweiter Theil. Metaphysische Anfangsgründe der Tugendlehre. Einleitung. XIII. Allgemeine Grundsätze der Methaphysik der Sitten in Behandlung einer reinen Tugendlehre: „Der Unterschied der Tugend vom Laster kann nie in Graden der Befolgung gewisser Maximen, sondern muß allein in der specifischen Qualität derselben (dem Verhältniß zum Gesetz) gesucht werden; mit anderen Worten, der belobte Grundsatz (des Aristoteles), die Tugend in dem Mittleren zwischen zwei Lastern zu setzen, ist falsch.“

Immanuel Kant, Die Metaphysik der Sitten. Zweiter Theil. Metaphysische Anfangsgründe der Tugendlehre. Ethische Elementarlehre. Erster Theil. Von den Pflichten gegen sich Selbst überhaupt. Erstes Buch. Von den vollkommenen Pflichten gegen sich selbst. Zweites Hauptstück. Die Pflicht des Menschen gegen sich selbst, blos als ein moralisches Wesen. II. Vom Geize. § 10 in einer Fußnote: „Der Satz: man soll keiner Sache zu viel oder zu wenig thun, sagt so viel als nichts; denn er ist tautologisch.“ Das Mittlere als Tugendpflicht könne nicht gezeigt werden. Das Mehr oder Weniger in der Anwendung werde von den Regeln der Klugheit vorgeschrieben, nicht denen der Sittlichkeit.

Ich nenne einige mir einfallende Argumente, die für und die gegen die Lehre von der Mitte bei Aristoteles sprechen.

Pro-Argumente

  • Erfahrung: Wie die Lebenserfahrung zeigt, kann es von der richtigen inneren Einstellung und einem dem, was sachlich erforderlich ist, gut entsprechenden Verhalten Abweichungen nach zwei Seiten/Richtungen hin geben (zuviel und zuwenig). Das Richtige nimmt insofern eine Zwischenstellung ein.

  • Sachgemäßheit begrifflichen Denkens: Das Gute ist etwas Angemessenes. Ein Ziel kann getroffen oder (mit einem Mehr und einem Weniger) verfehlt werden. Eine bloße quantitative Steigerung ist nicht unbedingt der richtige Weg. Sowohl der Gesichtspunkt des mehr oder weniger Seienden als auch der Gesichtspunkt der Guten werden einbezogen (in wissenschaftlichen Untersuchungen werden diese Gesichtspunkte zum Teil ontologische Dimension und axiologische Dimension genannt). Die Lehre ist nicht auf das äußere Handeln beschränkt, sondern bezieht sich auch auf die innere Einstellung, aus der es sich ergibt.

  • flexibel die Individualität berücksichtigende Orientierungsleistung: Die Mitte als das passende Verhalten ist ein Stück weit von dem Individuum in einer Lage und seinen Fähigkeiten abhängig.

  • Förderung der Selbstbejahung und der Zufriedenheit mit dem eigenen Leben: Ein einheitlicher und reflektierter Umgang mit den eigenen Strebungen, Gefühlen und Leidenschaften, der auf einen Zusammenhang im Lebensentwurf und für die eigene Person inhaltlich wichtige Ziele achtet, ist für die Zufriedenheit mit dem eigenen Dasein günstig, zumindest bei Tugenden der Besonnenheit und der Standhaftigkeit.

Kontra-Argumente

  • Unklarheit: Die Lehre gilt als dunkel, nicht gut nachvollziehbar.

  • Leerheit: Die Lehre von der Mitte gilt als leere Tautologie.

  • Untauglichkeit für Anwendung: Die Lehre von der Mitte gilt als in der konkreten Praxis nicht anwendbar. Was die verlangte Mitte dabei sei, lasse sich über formale Aussagen hinaus nicht wohlbegründet herausfinden.

  • grundsätzlich Argumente in der Ethik gegen „gut“ und „schlecht“ als gültige Sachverhalte, gegen Eudaimonismus (Streben nach Glückseligkeit) als Grundlage der Ethik und gegen die Geltung Tugenden: Wenn das Vorhandensein inhaltlich objektiv guter Lebensziele aufgrund eines einheitlichen spezifisch menschlichen Werkes/einer Funktion/einer Aufgabe/einer Tätigkeit (ἐργον [ergon]) angezweifelt wird, kann eine Mitte kaum als allgemien verbindlich erklärt werden.

  • Abweichung der Gerechtigkeit vom Schema: Wie Aristoteles selbst darstellt (5, 9, 1133 b – 1134 a), ist Gerechtigkeit eine Mitte der Sache, nicht eine Mitte „für uns“. Gerechtigkeit ist nicht etwas, das bei Steigerung falsch ist, sondern die von der Mitte der Sache abweichenden Extreme sind jeweils Ungerechtigkeit (dies ist kein grundsätzliches die Richtigkeit der Lehre von der Mitte widerlegendes Argument, sondern eines gegen die starke Betonung der Mitte durch Aristoteles; Mitte zu sein, ist eine Erscheinungsform bei den Charaktertugenden, aber das entscheidende Wesensmerkmal ist das Angemessene und nach der praktischen Vernunft/Klugheit (φρόνησις; verbindet ein Wissen über allgemeine Prinzipien mit umsichtiger und geschickter Anwendung im Einzelfall) Richtige.).

In Büchern gibt es Darstellungen und zum Teil Argumente, z. B.: Otfried Höffe, Aristoteles. 3., überarbeitete Auflage, Originalausgabe. München : Beck, 2006 (Beck'sche Reihe : Denker ; 535), S. 225 - 227

S. 225: „Das Zweite Definitionselement der Tugend, der Begriff der Mitte, entfaltet eine ungewöhnliche Wirkungsmacht; heute gilt er aber als dunkel oder leer. Der Rechtstheoretiker Kelsen (Reine Rechtslehre,1960, 375) glaubt etwa, hier werde das moralisch Gute unzulässigerweise mathematisch-geometrisch bestimmt. Der Text spricht aber von einer Mitte „für uns“ (pros emâs) und weist eine mathematische Bestimmbarkeit, die objektive Mitte (pragmatos meson), ausdrücklich zurück (II5, 1106a29-31). Auch Kant erliegt einem Mißverständnis, wenn er gegen Aristoteles’ „Mittelstraße zwischen zwei Lastern“ einwendet, Tugend und Laster seien nicht gradmäßig, sondern in ihrer Qualität verschieden (Tugendlehre: Einleitung XIII; § 10). Die Antike versteht die Mitte nicht bloß im mathematischen Sinn eines Punktes, der von zwei gegebenen Punkten oder Linien gleich weit entfernt ist; die Mitte bedeutet auch etwas Vollkommenes. In diesem Sinn bestimmt Aristoteles die Tugend durch Superlative; er hält sie für das Beste, das Äußerste und für das der Vorzüglichkeit und dem Guten nach Höchste (II2, 1104b28; II5, 1106b22; II6, 1107aa und a23; vgl. IV7, 1123b14 u. ö.; […]).

Nehmen wir als Beispiel das richtige Handeln angesichts von Gefahren. Daß die andreia, die Tapferkeit und Zivilcourage als Mitte zwischen Tollkühnheit und Feigheit bestimmt wird, besagt zwar auch, daß der Tollkühne über zuviel Mut und der Feige über zuwenig Mut verfügt. Wichtiger ist jedoch, daß sich beide einer natürlichen Neigung hingeben, wobei der eine vor keinen Gefahren zurückschreckt und der andere sich vor jeder Gefahr drückt. „Tapfer“ heißt hingegen, wer sich gegenüber Gefahren unerschrocken und standhaft verhält und sie daher souverän zu meistern versteht. Worin die Haltung liegt, läßt sich aber – darauf spielt der Zusatz „(Mitte) für uns“) an – nicht subjektunabhängig sagen. Von dem, der vor Gefahren eher zurückschreckt, ist etwas anderes zu erwarten als von dem, der lieber „blind vorprescht“; außerdem kommt es auf Art und Größe der Gefahr an.

Der Tapfere folgt nun insofern einer mittleren Haltung, als er weder alle Gefahren auf sich nimmt noch vor allen zurückweicht. Die entsprechende Einstellung gewinnt er aber nur dadurch, daß er sich zu seinen Affekten in das richtige Verhältnis setzt. Man kann auch sagen, daß er sie vernünftig organisiert; der Tugendhafte steht zu seinen Affekten in einer überlegten, zudem überlegenen Beziehung.“

Ursula Wolf, Der Sinn der Aristotelischen Mesoteslehre. In: Aristoteles: Nikomachische Ethik. Herausgegeben von Otfried Höffe. 3., gegenüber der 2. bearbeiteten, unveränderte Auflage. Berlin : Akademie-Verlag, 2010 (Klassiker auslegen ; Band 2), S. 83 – 108

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S. 83: „Die Aristotelische Lehre von der Tugend als einer mesotês, einer mittleren Verfassung, gilt allgemein als dunkel und zugleich als entweder leer oder nicht anwendbar oder nicht hilfreich […]. Ich möchte zu zeigen versuchen, daß diese Lehre einen rationalen und haltbaren Kern hat, der jedoch in seiner Reichweite begrenzt ist: Die Konzeption von der Tugend als mesotês ist m.[eines] E.[rachtens] sinnvoll im Kontext der Frage nach dem guten Leben und der Einheit der Person, während sie auf die moralischen Tugenden nicht paßt.“

S. 97: „Das Argument würde dann lauten, daß es für ein Wesen, das überlegen kann, und in der Affektivität den Rückstoß seines bisherigen Lebens erfährt, eine Bedingung der Selbstbejahung und der Zufriedenheit mit seinem Leben insgesamt ist, daß es sich von seinen faktischen Wollensinhalten nicht blind bestimmen läßt, sondern sich zu ihnen verhält oder zu einem reflektierten Umgang mit ihnen fähig ist, so daß sie sich in Überlegungen über das das gute Leben im ganzen einpassen lassen.“

S. 97 – 98: „Fassen wir den Begriff des Besten zunächst unabhängig von Aristoteles so, daß Menschen Wesen sind, die Ziel- und Wertsetzungen haben, deren Realisierung ihnen wichtig sind, so sind wir hier mit der Tatsache konfrontiert, daß die Realisierung solcher Ziele häufig auf Widerstände stößt, welche den aktiven Seinsvollzug hemmende negative Affekte hervorrufen. Da andererseits die Zielsetzungen solche sind, an denen uns affektiv liegt, wird derjenige, der sich bei negativen Erfahrungen in Untätigkeit zurückzieht, wiederum an den Rückwirkungen dieser Lebensweise leiden; denn er wird mit sich selbst und seinem Leben unzufrieden sein, weil er nicht das getan hat, was ihm wichtig war. Auch auf der passiven Seite der Existenz, auf der wir mit Hindernissen oder Scheitern des eigenen Wollens konfrontiert sind, ergibt sich daher als Bedingung der Zufriedenheit mit dem eigenen Leben, daß man den negativen Affekten wie Furcht oder Mutlosigkeit nicht einfach überläßt, sondern mit ihnen auf eine Weise umgehen kann, die die aktive Verfolgung der eigenen Zielsetzung nicht verunmöglicht.“

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Es geht um die Tugendhaftigkeit. Nehmen wir das Leibliche: Der Zügellose wird sich durch Konsum des Leiblichen (Nahrung z. B.) umbringen und der übermässig Verzichtende wird sich auch umbringen (verhungern). Die goldene Mitte wäre also anzustreben. Was dagegen spricht? In Ausnahmefällen kann Zügellosigkeit das Überleben sichern z. B. Ansonsten halte ich das aber für einen begehbaren Weg (--> Nikomachische Ethik).

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