Suche ein Beispiel zum Mitleid aufgrund der Bedingungen Schopenhauers?

1 Antwort

In "Die beiden Grundprobleme der Ethik" heißt es (S 208, 211f.), daß Mitleid unmittelbar sei, man leide mit ihm und damit in ihm. Dem entspricht auch inhaltlich "Die Welt als Wille und Vorstellung", Band I S. 444. Mitleid beruht auf einer Identifikation mit dem anderen [u.a. "Die Welt als Wille und Vorstellung", Band I S. 447, Band II S. 690, 695, "Die beiden Grundprobleme der Ethik", insb. S.  265f] und bedarf nur der Anschauung, nicht des Intellekts [u.a. "Die Welt als Wille und Vorstellung", Band II S. 690, "Die beiden Grundprobleme der Ethik", S. 215, 246]

Da sind Beispiele schwer, allenfalls der "durch Mitleid wissende Tor" in Wagners "Parsifal" fiele mir hier ein, der über sein Mitleid für Kundry auch Mitleid für Amphortas erfährt. [2. Aufzug: in Klingsors Zaubergarten]

Etwas einfacher und operationaler wäre die Darstellung des Mitleids als Gegengewicht zum Egoismus ["Die beiden Grundprobleme der Ethik", S.  245], als Phänomen der Sympathie ["Die beiden Grundprobleme der Ethik", S.  213] etc., nur hat man hier das Problem, daß man zu leicht Beispiele für scheinbares Mitleid anführte.

Vielen Dank, könnte man das Beispiel: jemanden töten um ihm vom leid zu erlösen nennen?

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@marlene114

Das kannst Du in dieser Form eher nicht, denn Schopenhauer hebt stark auf die Moralität des Handelns ab, was der Identifikation als Akt der Anschauung innezuwohnen hat, hier aber die Quantifizierung des Leids erforderlich wäre, aber auch die Intention und den Ursprung des Mitleids zu behandeln hätte. Dabei ist hier Mitleid vom Handeln abzutrennen, denn Quantifizierung beinhaltet Intellektualisierung, wobei Mitleid nach Schopenhauer keine intellektuelle  Instanz darstellt. Es könnte allenfalls eine auf Mitleid beruhende Handlung sein, aber damit nicht selber Mitleid.

Dabei ist Schopenhauer zwar eine Quantifizierung (bezüglich Tiere) nicht fremd ["Die beiden Grundprobleme der Ethik", S.  284], aber dennoch ist zu bedenken, daß, wenn auch bezüglich der Rechtfertigung des Leidens, "Tausende in Glück und Wonne gelebt hätten, höbe ja nie die Angst und Todesmarter eines Einzigen auf" ["Die Welt als Wille und Vorstellung", Band II S. 674]. Dieses Thema würde ich deshalb eher meiden, weil daß eine recht komplizierte Argumentation erforderlich werden ließe.

Entscheidend für die Darstellung wäre also das unmittelbar über Identifikation erfahrene Wissen darüber, daß es auch der Wille des anderen sei. Es ist eine Gewichtungsfrage und entsprechend mußt Du auf die Gewichtungsebene des Leidenden abheben. Die reine Beschreibung des Sachverhalts rechtfertigt nichts, denn es kann auf Analogieschlüsse und damit Egoismus resp. Egozentrik beruhen.

Empfehlen kann ich hier u.a.:

Hallich, Michael: Mitleid und Moral - Schopenhauers Leidensethik und die moderne Moralphilosophie, Königshausen u. Neumann (1998).

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@PolluxHH

Was eigentlich bedeutet vernunft für schopenhauer?

Denn ich muss Hume und Schopenhauer vergleichen. Bei hume ist es ja so das die vernunft passiv ist also keinen Einfluss auf die Handlung hat Aber wie ist es bei Schopenhauer? Danke

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@marlene114

Dazu ein Link mit Zitaten:

http://www.arthur-schopenhauer-studienkreis.de/Vernunft/vernunft.html

Allerdings sollte man sich vergegenwärtigen, daß Schopenhauer und Hume Verstand ganz unterschiedlich definieren. Schopenhauer ist in seiner Begriffsfassung stark durch Kant beeinflußt, d.h. er sieht Vernunft als auch und gerade über Induktion gebildet an, Hume nimmt hingegen Induktion (und der ihr eingeborenen Gefahr, falsch zu schließen, Hume orientiert sich recht deutlich an der Stoa) aus dem Begriff der Vernunft grundsätzlich heraus.Damit hat die Vernunft bei Schopenhauer recht wenig mit der Vernunft bei Hume gemein, man kann also nicht auf der Begriffsebene vergleichen, sondern muß schon die inhaltliche Ebene erörtern, also sich die Frage stellen, wie Hume das bezeichnet hätte, was Schopenhauer als Vernunft bezeichnet.

Übrigens würde ich mir die Aussage mit dem "passiv" genauer betrachten. Hume nimmt nicht nur vieles, was wir unter Vernunft fassen, aus dem Begriff der Vernunft heraus, sondern er betrachtet das menschliche Handeln als durch seine Gefühle dominiert, womit die Vernunft den Gefühlen untergeordnet ist, zu deren "Sklave" wird. A priori ist der Verstand bei Hume keinesfalls in diesem Sinn "passiv", sondern erst a posteriori.

Auch ist "passiv" zu hinterfragen, denn letztlich ist es eine Frage des "Zugriffsmodells", wie hier "passiv" zu verstehen wäre. So könnte man die Vernunft als eine abstrakte Instanz immer als faktisch aus sich heraus zur Handlung unfähig und damit passiv erachten, dann aber wäre Vernunft immer zunächst passiv. Wenn aber Handlungen immer nur allenfalls unter Beteiligung der Vernunft erfolgen, dann wäre zu fragen, ob hier die Vernunft initial für ein Handeln wäre (aktiv) oder nur einbezogen wird (passiv). Die Aussage passiv oder aktiv trifft noch keine Aussage darüber, ob die Vernunft das Handeln beeinflusse oder nicht. Selbst ein auf der Straße liegender Eisenträger vermag es, das Fahrverhalten eines Fahrers zu beeinflussen.

Auch hier müßte zunächst "aktiv" und "passiv" definiert und dann auf die beiden Philosophen übertragen werden, d.h. es müßte ein Handlungsmodell des Menschen in dem jeweiligen Denkmodell dargestellt werden. Wenn Du das leistest, dürfte dir sehr schnell auffallen, daß manche vermeintlichen Widersprüche sich einfach aufgrund anderer Begriffsbestimmungen ergeben. Vernunft ist nicht gleich Vernunft, passiv nicht gleich passiv etc. .

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@PolluxHH

Wie könnte man es einfacher und pointiert darstellen? Der elementare Unterschied zwischen Hume und Schopenhauer besteht in einem antiken Widerstreit: Stoa resp. Platon versus Aristoteles. Wo Stoa und Platon die Deduktion zum Maß aller Dinge machen, setzt Aristoteles die Induktion.

Hume rechnet eben gerade die Induktion als eine Form des Analogieschlusses und der diesem eingeborenen Möglichkeit, falsch zu schließen, aus der Vernunft heraus, Kant erkennt beides als Instanzen der Vernunft an, Schopenhauer letztlich auch, aber sieht die praktische Vernunft als über Erfahrungen  und Induktion gebildet an. Damit begreift Hume nur das als Vernunft, was Schopenhauer als eine theoretische Form ohne praktische Bedeutung für das menschliche Handeln erachtet.

Dies dürfte es vielleicht etwas verständlicher machen, was ich vorher gesagt haben wollte.

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