Ludwig Feuerbach

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Die Projektionstheorie ist keine Erfindung von L. Feuerbach. Bereits der Philosoph Xenophanes aus Kolophon (570–475 v. Chr.) hat diese Kritik geäußert, was sich bei antiken Materialisten wie Epikur oder Lukrez wiederholt. (Den Text des Xenophanes findest Du bei Wikipedia "Anthropomorphismus").

In dem Maße, wie sich Feuerbach von der idealistischen Philosophie Hegels ab- und einer materialistischen Philosophie zuwendet, lässt er sich selbstverständlich von solchen Theorien inspirieren. Ihm folgen ja Marx und Freud, denn natürlich brauchen Philosphen/Wissenschaftler mit materialistischer Grundüberzeugung eine Herleitung, wie es zu Götter- oder Gottesvorstellungen bei den Menschen kommen konnte und die große phantasievolle Verschiedenheit dieser Vorstellungen. Feuerbach kommt das Verdienst zu, diese Darstellung auf moderne Füße gestellt zu haben in einem Guss. Grundsätzlich kann man von einem Philosophen mit materialistischer Grundeinstellung keine theistische Überzeugung erwarten.

Ludwig Feuerbach vollzieht eine Abwendung von idealistischer Subjektphilosophie. Dabei versucht er sich auch an einer Umkehrung des spekulativen Denkens einer Philosophie des Geistes wie bei Georg Wilhelm Friedrich Hegel. Dies läuft bei Feuerbach darauf hinaus, geschichtlich-kulturelle Objektivierungen (Erscheinungsformen, in denen sich nach idealistischer Auffassung Geistiges entäußert) auf das menschliche Wesen als ihrem wahren Ursprungsort zurückzuführen (z. B. den absoluten Geist auf den konkreten Menschen, die verselbständigte Vernunft auf die Sinnlichkeit, die Religion auf sie Liebe).

Er versteht seine Anthropologie als Synthese (Verbindung) von Idealismus und Materialismus. Christine Weckwerth, Ludwig Feuerbach zur Einführung. 1. Auflage. Hamburg : Junius, 2002 (Zur Einführung ; 254), S. 85 – 86: „In der Schrift Wider den Dualismus von Leib und Seele, Fleisch und Geist, die einer Erläuterung zu den Grundsätzen darstellt, bekräftigt er noch einmal diesen Gedanken: «Wahrheit ist weder der Materialismus noch der Idealismus, weder die Physiologie noch die Psychologie; Wahrheit ist nur die Anthropologie.» (GW 10, 135). Mit einer solchen Synthese beabsichtigt Feuerbach, einen nichtreduktiven Subjektbegriff zu entwerfen, der die Einseitigkeit sowohl des Rationalismus als auch des Naturalismus umgeht.“

Feuerbach entwirft die Anthropologie als kritisch-genetische Theorie. Ihre Absicht ist, den Menschen spezifisch von seinem leiblichen, sinnlich-gefühlshaften und begehrenden Dasein her zu erschließen. Erkenntnis wird auf erlebnishafte, sinnlich-gegenständliche Anschauungen zurückgeführt, aus denen im weiteren zum Denken aufgestiegen werden soll.

Feuerbach bestimmt Religion als ein Verhalten des Menschen zu seinem Gattungswesen (Verhalten zu seinem – subjektiven - Wesen als zu einem anderen Wesen; das göttlich Wesen ist nichts anderes das von den Schranken des individuellen Menschen gereinigte und befreite Wesen des Menschen, als ein anderes, von ihm unterschiedenes, eigenes Wesen angeschaut und verehrt). Damit versteht er Religion als ein Produkt des Menschen selbst. Der Selbstbezug im Bereich der Religion werde allerdings nur indirekt bewusst. Der Mensch vergegenständliche sein Wesen und mache dann wieder sich zum Objekt dieses vergegenständlichten, in ein Subjekt verwandelten Wesens.

Die Projektionstheorie ist ein Kernstück der von Ludwig Feuerbach unternommenen Religionskritik, nicht ihr ganzer Inhalt.

Enthalten ist auch ein Versuch, die Projektion zu durchschauen und rückgängig zu machen, auf diese Weisen Lehren auf die Ebene des Menschlichen hinüberzuführen bzw. auf ihren anthropologischen Kern zurückzuführen.

Ludwig Feuerbach legt in der Vorrede zur 2. Auflage (1843) von „Das Wesen des Christentums“ dar, seine Schrift zerfalle in zwei Teile, von denen der erste der Hauptsache nach bejahend (Auflösung der Religion in ihr Wesen, ihre Wahrheit), der zweite größtenteils verneinend (Auflösung der Religion in ihre Widersprüche) sei. Im ersten Teil zeige er, daß der wahre Sinn der Theologie die Anthropologie sei, zwischen dem göttlichen und menschlichen Subjekt oder Wesen kein Unterschied bestehe. Im zweiten Teil zeige er dagegen, daß der Unterschied, der zwischen theologischen und anthropologischen Prädikaten gemacht wird oder vielmehr gemacht werden soll, sich ins Nichts, in Unsinn auflöse. Der erste Teil sei der direkte, der zweite Teil der indirekte Beweis dafür, daß die Theologie Anthropologie ist. Der zweite Teil habe keine selbständige Bedeutung, sondern den Zweck, die Richtigkeit seiner Auffassung von Religion (der Sinn, in welchem die Religion im ersten Teil genommen worden ist) zu beweisen, weil der entgegengesetzte Sinn Unsinn ist.

Zur Religionskritik gehört auch eine Geschichtsauffassung von Stufen der Entwicklung, bei denen Religion eine Stufe der menschlichen Kindheit ist. Am Anfang steht die unmittelbare Einheit des Menschen mit sich und der Natur. Auf der nächsten Stufe, im reflektierenden Bewußtsein, wird die ursprüngliche Einheit des Wirklichen zerrissen, Was Wesen des Menschen vom wirklichen Menschen abgesondert und als vermeintlich Absolutes über ihn gesetzt (Wesens der Natur als göttliche Wesen der wirklichen Natur entgegengestellt). Ein tiefer Riß spalte die Welt in ein Diesseits und ein Jenseits, eine Kluft trenne Gott und Mensch voneinander. Diese frühe Stufe ist die Stufe der Religion. Später entstandene Religion bedeuten zwar gewisse Veränderungen und Vergeistigung, verbleiben aber auf dieser Stufe und bilden nichts wesentlich Neues.

Moderne Theologie und Philosophie haben noch nicht die praktische Neuerung, daß alles im menschlichen Leben zur Gegenstand menschlicher Selbsttätigkeit wird, in einer theoretischen Einsicht erreicht, damit der Widerspruch zwischen Theorie und Praxis verschwindet, sondern sind auf halben Weg stehengeblieben. Feuerbachs Programm ist die Auflösung der Theologie in Anthropologie.

Beispielhaft für eine grundlegende Krise in der Gegenwart ist für ihn das moderne Christentum, das er als geschichtlich überholte Kulturform beurteilt. Die christliche Religion habe sich unumkehrbar in äußere, aufgestellte Gesetze und Dogmen (tote Objektivität) einerseits, einen Bereich reiner Innerlichkeit (bloße Subjektivität) aufgespalten. Das moderne Christentum fixiere in seiner Orientierung auf einen persönlichen, transzendenten Gott und auf die Unsterblichkeit der einzelnen Seele den Menschen auf sein abschließendes Personsein und trenne ihn damit von den anderen Menschen ab. Die Ausrichtung lasse den Menschen die diesseitige Welt verkennen und besiegele die tatsächliche Entfremdung.

Eine Erklärungsweise neben der Rückführung der Gottesvorstellung auf das Wesen des Menschen ist die Rückführung auf die Natur. In „Vorlesungen über das Wesen der Religion“ (im Winter 1848/9 in Heidelberg gehalten, 1851 auch als Buch erschienen) legt Feuerbach dar, wie beiden Erklärungsweisen zusammengenomemn das Wesen der Religion zeigen und in notwendigen Zusammenhang stehen. Bei einer von der Natur abstrahierenden Geistreligion wie dem Christentum sei Gott nach seinen moralischen und geistigen Eigenschaften betrachtet nichts anderes als das vergötterte und vergegenständlichte geistige Wesen des manschen, bei einer Naturreligion drücke Gott als Ursache der Natur nichts anderes aus als das vergötterte, personifizierte Wesen der Natur.

In der Schrift „Das Wesen der Religion“ (1845) erklärt Feuerbach die Religionsentstehung einerseits mit einem Abhängigkeitsgefühl (subjektiver Faktor), andererseits mit der Natur (objektiver Faktor). Der Mensch ist von der Natur abhängig und fühlt sich von ihr abhängig. Die Aufhebung der Abhängigkeit von der Natur, die gefühlte Abhängigkeit in Freiheit zu verwandeln, sei Sinn des Opfers, in dem sich das ganze Wesen der Religion versinnliche und konzentriere. Das Gefühl der Abhängigkeit, die Gottheit der Natur sei Grund der Religion, die Freiheit von der Natur, die Gottheit des Menschen Zweck/Endzweck der Religion.

Insofern Gegenstand der Religion damit menschliche Zwecke und Bedürfnisse sind, tritt die Folgerung hervor, der Wunsch (aus einem Gefühl des Mangel, der Beschränkung der Fähigkeiten entstanden, Gott Lückenbüßer zur Erfüllung der Wünsche) sei eigentlicher Ursprung.

In „Das Wesen des Christentums, Schlußanwendung“ wendet sich Feuerbach dagegen, Moral und Recht auf Theologie zu gründen, statt alle wesentlichen Verhältnisse wie Moral und Recht durch sich selbst zu begründen.

Ludwig Feuerbach, Das Wesen der Religion : ausgewählte Texte zur Religionsphilosophie. Herausgegeben und eingeleitet von Albert Esser. 4., überarbeitete Auflage. Darmstadt : Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 2005 (Bibliothek klassischer Texte), S. 212 – 21: „Aber die Religion hat nicht das Bewußtsein von der Menschlichkeit ihres Inhalts; sie setzt sich vielmehr dem Menschlichen entgegen, oder wenigstens sie gesteht nicht ein, daß ihr Inhalt ein menschlicher ist. Der notwendige Widerspruch der Geschichte ist daher dieses offene Bekenntnis und Eingeständnis, daß das Bewußtsein Gottes nichts anderes ist als das Bewußtsein der Gattung, daß der Mensch sich nur über die Schranken seiner Individualität oder Persönlichkeit erheben kann und soll, aber nicht über die Gesetze, die Wesensbestimmungen seiner Gattung, daß der Mensch kein anderes Wesen als absolutes, als göttliches Wesen denken, ahnen, vorstellen, fühlen, glauben, wollen, lieben und verehren kann als das menschliche Wesen.

Unser Verhältnis zur Religion ist daher kein nur verneinendes, sondern ein kritisches; wir scheiden nur das Wahre vom Falschen – obgleich allerdings die von der Falschheit ausgeschiedene Wahrheit immer eine neue, von der alten wesentlich unterschiedene Wahrheit ist. Die Religion ist das erste Selbstbewußtsein des Menschen. Heilig sind die Religionen, eben weil sie die Überlieferungen des ersten Bewußtseins sind, Aber was der Religion das Erste ist, Gott, das ist, wie bewiesen, an sich, der Wahrheit nach das Zweite, denn er ist nur das sich gegenständliche Wesen des Menschen, und was ihr das Zweite ist, der Mensch, das muß daher als das Erste gesetzt und ausgesprochen werden. Die Liebe zum Menschen darf keinen abgeleitete sein; sie muß ursprünglich werden. Dann allein wird die Liebe einen wahre, heilige, zuverlässige Macht. Ist das Wesen des Menschen das höchste Wesen des Menschen, so muß auch praktisch das höchste und erste Gesetz die Liebe des Menschen zum Menschen sein. Homo homini Deus est – dies ist der oberste praktische Grundsatz – dies ist der Wendepunkte der Weltgeschichte.“

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S. 215 – 216: „Im Christentum werden die moralischen Gesetze als Gebote Gottes gefaßt; es wird die Moralität selbst zum Kriterium der Religiosität gemacht; aber die Moral hat dennoch untergeordnete Bedeutung, hat nicht für sich selbst die Bedeutung der Religion. Diese fällt nur in den Glauben. Über der Moral schwebt Gott als ein vom Menschen unterschiedenes Wesen, dem das Beste angehört, während dem Menschen nur der Abfall zukommt. Alle Gesinnungen, die dem Leben, dem Menschen zugewendet werden sollen, alle seine besten Kräfte vergeudet der Mensch an das bedürfnislose Wesen. Die wirkliche Ursache wird zum selbstlosen Mittel, eine nur vorgestellte, eingebildete Ursache zur wahren, wirklichen Ursache. Der Mensch dankt Gott für die Wohltaten, die ihm der andere selbst mit Opfern dargebracht. Der Dank, den er seinem Wohltäter ausspricht, ist nur ein scheinbarer, er gilt nicht ihm, sondern Gott. Er ist dankbar gegen Gott, aber undankbar gegen den Menschen. So geht die sittliche Gesinnung in der Religion unter! So opfert der Menschen den Menschen Gott auf!“

S. 219: „Wo die Moral auf die Theologie, das Recht auf göttliche Einsetzung gegründet wird, da kann man die unmoralischsten, unrechtlichsten Dinge rechtfertigen und begründen.“

„Etwas in Gott setzen oder aus Gott ableiten, das heißt nicht weiter als etwas der prüfenden Vernunft zu entziehen, als unbezweifelbar, unverletzlich, heilig hinzustellen, ohne Rechenschaft darüber abzulegen. Selbstverblendung, wo nicht selbst böse, hinterlistige Absicht, liegt darum allen Begründungen der Moral, des Rechts durch die Theologie zugrunde.“

S. 219- 220: „Hat die Moral keinen Grund in sich selbst, so gibt es auch keine Notwendigkeit zur Moral; die Moral ist dann der bodenlosen Willkür der Religion preisgegeben.

Es handelt sich also im Verhältnis der selbstbewußten Vernunft zur Religion nur um die Vernichtung einer Illusion – einer Illusion aber, die keineswegs gleichgültig ist, sondern vielmehr grundverderblich auf die Menschheit wirkt, den Menschen, wie um die Kraft des wirklichen Lebens, so um den Wahrheits- und Tugendsinn bringt;“

Einführungen können Ausgangspunkt sein, darin enthaltene Literaturhinweise weiterführen: Ludwig Feuerbach, Das Wesen der Religion : ausgewählte Texte zur Religionsphilosophie. Herausgegeben und eingeleitet von Albert Esser. 4., überarbeitete Auflage. Darmstadt : Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 2005 (Bibliothek klassischer Texte), besonders S. 9 - 34

Christine Weckwerth, Ludwig Feuerbach zur Einführung. 1. Auflage. Hamburg : Junius, 2002 (Zur Einführung ; 254), besonders S. 14 – 19 und S. 65 – 80

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Die Projektionstheorie ist ein Teil von Feuerbachs Religionskritik.

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