Ist Wirtschaft eine Wissenschaft?

6 Antworten

Vom Fragesteller als hilfreich ausgezeichnet

Die Wirtschaftswissenschaften/die Ökonomie versucht das Verhalten von Menschen (Individuen bzw. kleinere definierte Gruppen von Menschen wie Unternehmen: Mikroökonomie oder größere Einheiten wie Staaten: Markoökonomie) zu beschreiben und zu erklären.

Die Kritik an den Wirtschaftswissenschaften liegt aus meiner Sicht vor allem an drei Missverständnissen.

Das erste:

Eine Grundannahme der Ökonomie ist, Menschen seien rationale Nutzenoptimierer. Das wirkt bizarr, kennt doch jeder Menschen, die sich selbst im Weg stehen, Drogen konsumieren, einen Fehler nach dem anderen machen ... kurz: offensichtlich weder ihren eigenen Nutzen maximieren noch rational handeln.

Der Antritt der Ökonomie ist aber ein anderer: Für den starken Raucher hat der Genuss der Zigarette JETZT einen höheren Wert als seine Gesundheit IN DER ZUKUNFT. Dies ist seine persönliche Nutzenbewertung und die ist immer individuell und eben nicht objektiv rational. Wenn aber diese individuelle Nutzenbewertung bekannt ist (und als gegeben vorausgesetzt wird), dann kann man mit der Annahme des rationalen Nutzenoptimierers das Handeln des Rauchers erklären: Er kauft sich Zigaretten und steckt sich eine an. Weil genau das eben der rationale Weg ist, seinen (gemäß eigener -nicht zwingend rationaler - Bewertung) Nutzen zu mehren.

Das zweite:

Häufig wird behauptet, die Ökonomie bewerte alles nur mit Geld. Die Wirklichkeit der Ökonomie ist noch viel bizarrer: Es kann ALLES mit ALLEM bewertet werden. Ich kann den Wert eines Autos in Geld, in Äpfeln, in Lebenszeiteinheiten .. in was auch immer ausdrücken. Der einzige Grund, warum in der Regel Geldwerte herangezogen werden: Es ist einfach; Geld ist ein leicht teilbares universelles Tauschmittel und damit nützlich.

Das dritte:

Die Bedeutung der Unterschiede in der individuellen Bewertung von Handelsgütern wird nicht gesehen. Viele Denken, ein Handel sei dann fair, wenn das Gut, welches man gibt, den gleichen Wert habe wie das, welches man erhält. Die Wahrheit ist: Dann gäbe es keinen Handel. Ich habe einen Apfel, Du eine Orange. Mindestens einem von uns beiden sind Apfel und Orange gleich viel Wert. Warum tauschen? Der Aufwand lohnt sich nicht, man hat genau so viel wie vorher (gemäß eigener Bewertung)... Aber: Ich mag keine Äpfel, du bist gegen Orangen allergisch. Mir ist Deine Orange mehr wert als mein Apfel, bei Dir ist es umgekehrt. Durch den Handel gewinnen wir beide, der Tausch lohnt sich und nur deshalb machen wir ihn auch.

Dazu kommt noch, dass die Ökonomie keine exakte Wissenschaft ist.

Physik: Werfe ich einen Apfel (unter Einfluss irdischer Gravitation) in die Luft, fällt er wieder runter.

Wirtschaftswissenschaften: Senke/erhöhe ich die Steuern um 10%, eröffne ich damit einen Ereignisraum, in dem mit gewissen Wahrscheinlichkeiten verschiedene Dinge passieren KÖNNEN.

Diese "Schwammigkeit" führt dazu, dass die Wirtschaftswissenschaften oft als unwissenschaftlich angesehen werden. Merkwürdiger Weise ist das eine Kritik, die andere (verwandte) Disziplinen wie zum Beispiel die Soziologie selten treffen, obwohl hier ebenfalls keine exakten Aussagen getroffen werden. Und selbst in der vermeintlich exakten Physik verhält es sich mitunter ähnlich; man beschäftige sich nur mal mit dem Gedankenexperiment "Schrödingers Katze" oder stelle die (physikalisch unsinnige) Frage: Was war VOR dem Urknall?

 

 

 

 

 

 

 

Insgesamt - d'accord, aber ein paar Ergänzungen.

Die Annahme des rationalen Nutzenmaximierers (Mikroökonomische Theorie) ist klassische Ökonomie, über u.a. spieltheoretische oder chaostheoretische Ansätze sowie die Versuche, altruistisches Verhalten funktional abzubilden, ist dies aber mehr in den Bereich der "Grundausbildung" zu verbannen. Selbst die ehemalige Ausbildung im Grundstudium ging weiter.

Geld selber ist ein Forschungsgegenstand in der Ökonomie und üblicherweise wird Geld klassisch als Nominator betrachtet. Die mikroökonomischen Nutzenfunktionen verwenden nicht Geld, sondern die (individuelle)Nutzenbeimessung als Variable und leitet die sich ergebende Allokation der Güter als Prozeß der individuellen Nutzenmaximierung ab (siehe Punkt 3, das wurde dort gut dargestellt), Geld ist nur eine Möglichkeit, statisch eine mathematische Vergleichbarkeit operational herzustellen. In der klassischen Theorie ist Geld sogar eigentlich belanglos, da ohne Eigenwert, was auch auf der Betrachtung von Punktmärkten ohne Transaktionen beruht. Später entwickelten sich eigene Theorien zu der Frage, ob Geld sich wirklich neutral verhalte, was besonders bei Aufgabe der Annahme der vollständigen Erwartung in den Fokus gelangte, wodurch Geld (z.B. nominale versus reale Lohnerhöhungen) dynamisch als Faktor betrachtet wurde, welcher die ökonomischen Entscheidungen beeinflussen kann, u.a. die Aufteilung zwischen Spar- und Konsumquote. Geld wird erst dann wirklich interessant, wenn man Illusionen (und damit bedingte Irrationalität) zuläßt.

Die Frage, was vor dem Urknall war, ist, wenn man die Gesetze der Massen- und Energieerhaltung betrachtet, keinesfalls theoretisch unsinnig, nur aus heutiger Sicht praktisch unsinnig, da faktisch keine Möglichkeit besteht, etwaige Theorien zu validieren oder zu falsifizieren.

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@PolluxHH

Letztlich sind chaostheoretische oder spieltheoretische Modelle Erweiterungen des klassischen Nutzenmaximierers,, sie ersetzen ihn nicht. Auch altruistisches Verhalten passt hier gut rein; denn das Gefühl, gutes zu tun, kann für mich durchaus persönlich von hohem Wert sein.

Zum zweiten Punkt: Sicher ist das Thema "Geld" hier sehr verkürzt dargestellt, betrachtet man die Historie, ist aber unser heutiges Geld ein Substitut für eine "Geldware"; d.h. ein reales Handelsgut, welches aufgrund bestimmter Eigenschaften (hohe und allgemeine Wertschätzung, leicht teilbar, gut transportierbar), welches durch Konvention der Marktteilnehmer zur allgemeinen Tauschware wurde. Das waren historisch häufig Edelmetalle, mitunter Salz, manchmal Muscheln...

Heutiges Geld ist durchaus eigener Forschungsgegenstand, keine Frage.

 

Und was den Urknall angeht: Nach meiner Kenntnis entstand zum Urknall aus einer Singularität heraus Raum UND Zeit. Und damit, dass Zeit hier erst entsteht, macht die Frage nach dem davor keinen Sinn, sehr wohl aber die nach einem "Was spielt sich außerhalb des mit den menschlichen Sinnen erfassbaren 4-dimensionalen Raum-Zeitgefüge" um den Urknall herum ab?"

Als Metaphysiker würde man hier von Gott reden, als Physiker ... naja, von irgendetwas, dass wir derzeit (noch) nicht näher beschreiben können.

 

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Wirtschaftswissenschaften unterscheiden sich zwischen VWL und BWL, wobei VWL die ältere Form darstellt. Die Anfänge der modernen VWL werden auf David Hume und Adam Smith zurückgeführt, was deutlich macht, daß sie zunächst dem philosophischen Lager entstammen.

Dabei ist die VWL so strukturiert, daß Modelle entwickelt und dann empirisch überprüft werden. Bis in die 70er des 20ten Jahrhunderts waren die mathematischen Anforderungen noch eher gering, spätere Modelle arbeiten durchaus mit Matrizen, Vektorfunktionen, Infinitesimalrechnung etc., hier ist der Anspruch durchaus auf dem Niveau, wie es auch bei Chemie abgefordert wird.

Was macht nun eine Wissenschaft aus? Es ist gerade das Entwickeln von Modellen und die Überprüfung auf Belastbarkeit. Von daher kann man die VWL durchaus als Wissenschaft bezeichnen. Vom Sachverhalt her aber muß es eine empirische und damit weiche Wissenschaft bleiben.

Anders sieht es bei der BWL aus, der eine gewisse Eklektik eingeboren ist. Sie entwickelt keine eigenen Modelle, sondern nimmt Modelle der VWL, Soziologie etc. und wendet diese an. Da damit die Modelle zwar wissenschaftlich erzeugt wurden, aber fachfremd, kann man die BWL nicht als in sich geschlossen wissenschaftlich bezeichnen, da hier die Hauptmerkmale einer weichen Wissenschaft fehlen.

Es sei aber angemerkt, daß ich hier Wissenschaft etwas weiter definiere, als es manch andere tun, aber dann fiele selbst Mathematik und Medizin nicht mehr unter Wissenschaft. Letztlich ist es eine Definitionsfrage. Ich definiere Wissenschaft methodisch, nicht inhaltlich.

Und auch wenn das nun nicht viele gern hören: Wirtschaft ist keine Wissenschaft. Genauso wie Theologie keine Wissenschaft sein kann. Oder die Erforschung von, sagen wir, Donuts. Es ist eine gesuchte Lehre.

Wissenschaft ist das Ansammeln von immer mehr Wissen über Dinge, welche gemessen werden können. Was wir so wahrnehmen können, können wir beurteilen, erforschen. So gesehen, geht es bei der Wissenschaft vor allem darum, möglichst diese Wahrnehmungskurve in Richtung gewachsener Erkenntnisse zu verschieben. Die Kunst ist dabei, durch eine Theorie auch jene Teile gedanklich abzudecken, welche noch nicht in unserer Wahrnehmung liegen können. Und nicht, diese Teile zu dominieren oder zu verändern. Das ist in etwa so, wie wenn ich eine Gleichung so verändere, damit ein vorher gefasstes Resultat stimmt. Genau das versuchen die Wirtschaftswissenschaften. Und es ging denn auch reichlich schief. Nur äußerst selten traf (und trifft) zum Beispiel eine Konjunkturprognose wirklich zu.

https://www.xing.com/news/klartext/warum-sie-heute-nicht-mehr-wirtschaft-studieren-sollten-1406?sc_o=da536_bn

Generell ist es wohl als Wissenschaft anerkannt, aber es gibt auch Kritiker, die mit einer Begründung wie der oben genannten dem widersprechen.

Ich denke, mit Deiner Definition von "Wissenschaft" stehst Du ziemlich alleine da - und im Regen. Denn selbstverständlich gibt es nicht nur die Naturwissenschaften, sondern auch Geistes-, Religions- und Wirtschaftswissenschaften. Wirtschaftswissenschaften lediglich auf Prognosen zu reduzieren, wie du das tust, ist ein wenig dümmlich.

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@manni94

Und ich denke, es ist ein wenig dümmlich einen Text nicht genau zu lesen, dann aber gleich Vermutung über seinen Verfasser anzustellen.

Wenn du genau gelesen hättest, hättest du gesehen, dass 

  1. ich einen Passage aus einer Kolumne zitiert habe. Eine Kolumne, die ich nicht selber verfasst habe.
  2. ich nirgendwo geschrieben habe, dass ich dieser Meinung bin.
  3. Ich nie gesagt habe, dass Wirtschaftswissenschaft keine anerkannte Wissenschaft ist, sondern das sie es ist und es lediglich Kritiker gibt, die das anders sehen.

Der Fragesteller wollte wissen, warum manche Menschen Wirtschaftswissenschaft nicht für eine Wissenschaft halten. Das habe ich beantwortet und nicht mehr. In meiner Antwort findet sich keinerlei Wertung oder meine Meinung zu dem Thema.

Bevor du also das nächste Mal jemand, weil du einer anderen Meinung bist, wegen seiner Antwort als dumm bezeichnest, würde ich dich bitten kurz Abstand zu nehmen, einmal tief durchzuatmen und nochmal nachzudenken.

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Hier wird aber die VWL recht verkürzend dargestellt. Zunächst werden Modelle - sei es nun in der Makro- oder Mikroökonomie - entwickelt, diese anhand von Statistiken auf Haltbarkeit überprüft und dann werden auf der Basis dieser Modelle Prognosen erstellt. Hier alles auf Prognostik zu beschränken, weil es das ist, was in der Öffentlichkeit am häufigsten als Ausfluß der VWL bekannt wird, ist eine massive Reduktion. Das wäre, als wenn man sagte, daß eine Operaton ohne physiologische Kenntnisse und vorhergehende Forschung stattfände.

In der Definition wird die über die subjektive Wahrnehmung gebildete Meinung über die VWL absolutiert und als wahr dargestellt, was aber nun wieder eher etwas mit Bildung von Vorurteilen zu tun hat.

Du hast es als Beispiel dagegen zitiert, deshalb richtet sich diese Kritik auch nicht gegen Dich, denn es verdeutlicht, wioe manche zu eben dieser Auffassung gelangen. Ich wollte nur zeigen, daß auch solchen Aussagen durchaus Fehler innewohnen können. Es wurde nicht einmal geschafft, Wissenschaft operational zu definieren, äußerst unwissenschaftlich.

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