Ist das ein Prosa- oder ein Dramatext?

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4 Antworten

Traditionell (seit dem 18. Jahrhundert) wird Literatur in drei Gattungen eingeteilt: Lyrik (Gedichte), Epik (Prosa, Erzählliteratur) und Dramatik (Theaterstücke). Alle drei sind in der Regel leicht abgrenzbar, allerdings haben sich die Grenzen im letzten Jahrhundert zunehmend aufgelöst, da Autoren mit neuen Formen bzw. Vermischungen der Gattungen experimentiert haben. Weitere Gattungen (Didaktik, Essayistik) sind mittlerweile formuliert worden.

In deinem Fall ist es eigentlich recht deutlich – ich gehe mal davon aus, dass es die Präsentation des Textes ist, die dich verwirrt: Der Satzspiegel mit den kurzen Zeilen von nahezu gleicher Länge trotz Flattersatz sieht tatsächlich sehr nach Drama aus, hinzu kommt die Zeilenzählung am linken Vorsatz, wie man sie von den Reclam-Heften kennt. Die gehört aber nicht zum Drama an sich, sondern ist ein Hilfsmittel zur Verständigung, wie es einige Verlage verwenden - eben Reclam, aber auch andere: Für Schullektüre ist das unerlässlich, um sich über Textpassagen auszutauschen. („Dass die Reue nur gespielt ist, erkennt man in Zeile 327, wenn der Anwalt bekennt, dass …“ Alle blättern zur Zeile 327 und sehen sich die bezeichnete Stelle an. „Aber später in Zeile 518“, wendet ein Schüler ein, „behauptet er doch, dass er das nur gesagt habe, um seinen Freund zu schützen.“ ) Das ist nur ein graphisches Hilfsmittel, das mit der Gattung nichts zu tun hat und bevorzugt in Schullektüre auftaucht.

Der Unterschied lässt sich vereinfacht und zugespitzt etwa so formulieren: Die Lyrik präsentiert rein subjektiv die dichterische Selbstaussage (das „Lyrische Ich“), die Dramatik zeigt Handlung objektiv durch die handelnden Figuren, die Epik präsentiert Handlung vermittelt durch einen Erzähler. In der Dramatik bekommst du also nur die Figuren präsentiert, die durch ihr Reden und Tun die Handlung vorantreiben, in der Epik wird ein Erzähler dazwischengeschoben, der die Handlung und ihre Akteure präsentiert, kommentiert, auch Innensichten vermittelt, die im Drama nur durch das Handeln der Figuren mittelbar erschließbar sind.

Formal lassen sich viele (aber gerade in der Moderne bei weitem nicht alle) Dramen durch ihre Versform erkennen, das eigentliche Gestaltungskennzeichen ist aber die Beschränkung, wenn man so will, auf die Figurenrede. Die Handlung entfaltet sich in ihr bzw. auf dem Theater in der Realisation (Mimik, Gestik) durch die Schauspieler/Figuren. Der Autor tritt nur in den Regieanweisungen (in der Regel kursiv und in Klammern) in Erscheinung. Im Roman haben wir es mit einem Erzähler zu tun, der wiedergibt, was geschieht. (Der Erzähler ist übrigens nicht identisch mit dem Autor.)

In deinem Textbeispiel haben wir es neben gelegentlicher wörtlicher Rede vor allem mit einem sogenannten Ich-Erzähler zu tun, der erzählt, was geschieht, Hinweise zum Rahmen gibt, seine Eindrücke wiedergibt, die Figuren erklärt und so weiter. Allein schon, dass du Anführungszeichen siehst, die die wörtliche Rede der Figuren von der Erzählerrede abgrenzen, zeigt, dass es ein Erzähltext ist. Im (gedruckten) Drama hast du ausschließlich wörtliche Rede (plus Regieanweisungen), vor die der Name des jeweils Redenden gesetzt ist, Anführungszeichen entfallen.


Dein Textbeispiel in Prosa- und Dramenform - epische Elemente (Erzählerrede, Regieanweisungen) kursiv:

Prosa:

Auf halbem Weg kam Urs mir entgegen. „Stefanie hat einen Platten“, rief er mir zu. „Ich hole Flickzeug.“ Kurz darauf sah ich dann Stefanie, die an der Böschung saß. Ich stieg ab. „Das kann eine Weile dauern, bis Urs zurückkommt“, sagte ich. „Ich gehe mit dir, wenn du magst.“ Wir schoben unsere Fahrräder langsam den Hügel empor, hinter dem der Weiher lag. Ich hatte Stefanie nie besonders gemocht, vielleicht weil es hieß, sie treibe es mit jedem, vielleicht aus Eifersucht, weil Urs sich nie mehr ohne sie zeigte, seit die beiden zusammen waren. Aber jetzt, als ich zum ersten Mal mit ihr allein war, verstanden wir uns ganz gut und redeten über dies und jenes.

Drama:

U r s: Stefanie hat einen Platten. Ich hole Flickzeug.

(Beide setzen ihren Weg fort. Nach einiger Zeit begegnet Peter Stefanie. Er steigt ab.)

P e t e r: Hallo, Stefanie. Dein Freund Urs hat mich informiert. Das kann eine Weile dauern, bis er zurückkommt. Ich gehe mit dir, wenn du magst.

S t e f a n i e: Wie nennst du dich?

P e t e r: Die Frage scheint mir klein für eine, die das Wort so sehr verachtet.

S t e f a n i e: Bei euch, ihr Herrn, kann man das Wesen gewöhnlich aus dem Namen lesen, wo es sich allzu deutlich zeigt. Nun gut, wer bist du denn?

P e t e r: Ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft.

S t e f a n i e: Was ist mit diesem Rätselwort gemeint?

P e t e r: Ich bin der Geist, der stets verneint! Und das mit Recht; denn alles, was auf dieser Welt entsteht, ist wert, dass es zugrunde geht. (usw.)

(Ähm ... das klingt jetzt etwas nach Serienmörder ...)

(Die Rede wird üblicherweise eingerückt, aber das gibt das Textprogramm hier nicht her.)

"Dichtung" im literarischen Zusammenhang kommt übrigens von "verdichten", was darauf verweist, dass Literatur einmal als eine verdichtete Repräsentanz des realen Lebens konzipiert war, als (relativ) frei von Redundanzen und Banalem. Wie man an deinem Textbeispiel sieht, trifft das heute nicht mehr uneingeschränkt zu ... *gähn*

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Wow ich glaub ich habe 5 Minuten zum lesen gebraucht

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@DirectionFreak

Zu lang oder zu schwierig ausgedrückt?

Na ja, scheint dir ja trotzdem geholfen zu haben. :) Danke für den Pömpel!

(Falls du es nicht gemerkt und dich nur gewundert hast: Der Dramentext ist nicht von mir, den hab ich aus Goethens "Faust I" geklaut  ...:D )

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Es sollte eigentlich nicht besonders schwierig sein, diese zwei Gattungen zu unterscheiden. Prosa ist ungebundene, erzählende Sprache, Drama hingegen (meistens) für die Aufführung in einem Theater btw. für die filmische Umsetzung konzipiert (auch Drehbücher sind dramatische Texte).

Prosa: "Peter und Frank beschlossen, ins Kino zu gehen. 'Welchen Film möchtest du sehen?', fragte Peter. Frank begann zu grübeln. 'Ich weiß nicht, worauf hast du Lust?'"

Das Gleiche in dramatischer Form sähe dann so aus:

"Szene 1. Auftritt Frank, Peter.

Peter: Welchen Film möchtest du sehen?

Frank (nachdenklich): Ich weiß nicht, worauf hast du Lust?"

Die Existenz von Dialogen allein macht einen Text nicht zum Drama, sondern die Form.

Es sind keine Dialoge und keine Regieanweisungen, also kann es kein Drama (Theaterform) sein.

Natürlich kommen Dialoge vor

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@DirectionFreak

Aber es besteht nicht nur aus Dialogen und Regieanweisungen. Du kannst es keinem Schauspieler in die Hand drücken und sagen: Spiel das.

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