"Glück" von Eve Strittmatter Interpretation?

1 Antwort

Naja, da hat die Verfasserin nach ganz verständlichen Beginn aber wohl gedacht, dass sie jetzt ins philosophische abdriften muss. Schauen wir uns mal an, ob man damit überhaupt irgendetwas anfangen kann:

Spricht man das Glück mit Worten aus,

Ist es von uns schon weit

Entfernt.

dieser erste Satz ist doch ganz vernünftig, wenn man davon ausgeht, dass das Bewusstsein, dass ich in Sprache ausdrückt, immer bereits einen rationalen Endzustand markiert, bei dem das schöne des Gefühls verloren gegangen ist.

Wir suchen schon

Nach dem neuen Aufschwung ins Nichts.

dieser Satz macht dann Sinn, wenn das nichts am Ende einfach bedeutet, dass der Prozess sich ständig wiederholt und man also tatsächlich einem end Ziel nicht näher kommt. Was dabei übersehen wird, ist, dass das Leben eben aus vielen kleinen Glücksmomenten besteht, die nun weit entfernt sind von nichts. Also hier hebt die Verfasserin mit ihrem Gedicht ganz schön ab.

Glück ist die Explosion von Zeit

An der Überfülle des Lichts.

am Ende hat dieses Gedicht dann jedes Maß verloren und flüchtet sich in Unverständlichkeit.

denn die bisherige Teil des Glücksablaufs hat nun wirklich nichts mit Explosion, wohl aber etwas mit Zeit zu tun. Der Begriff ist hier also völlig verfehlt.

die letzte Zeile macht Sinn, wenn das Licht gleichgesetzt wird mit dem vorhin erwähnten sprachlichen Bewusstsein. Aber auch der Begriff Überfülle schießt hier weit über das Ziel hinaus. Jeder, der merkt, wie mein gerade rundes Glück langsam weg fließt in die Normalität hinein, wird nie von Überfülle sprechen.

es wäre manchmal gut, wenn man bestimmte Autoren zwingen würde, ihr eigenes Gedicht zu interpretieren. Sie könnten am Ende immer noch sagen, das Gedicht enthält noch viel mehr Möglichkeiten. Aber eine Möglichkeit, die in sich stimmig ist, müsste erst mal da sein.

aber vielleicht irre ich mich ja auch und jemand erledigt die Arbeit der Autorin und erklärt mir die Unstimmigkeiten, die ich im Schlussteil sehe.

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da ich das hier eben beim wandern diktiert habe und der Wind immer kälter wird, habe ich keine Lust mehr, das noch mal auf Diktierfehler hin zu überprüfen. Sollten welche da sein, bitte ich um eine Rückmeldung, damit ich das korrigieren kann. ;-)

du gehst mittem gedicht

aba hart ins Gericht

Vielleicht in der warmen Stube - ohne kalten Gegenwind - noch einmal in Ruhe lesen?

;-)

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@earnest

Gerne, ich sehe das Verständnis und die Verständigung über einen poetischen Text ganz romantisch wie eine Wanderung, in der man sich einem Ziel nähert und der Blick dabei immer mehr Einzelheiten offenbart und man sich selbst als Betrachter auch ändert. Besonders schön ist es natürlich, wenn man zu mehreren unterwegs ist und man sich gegenseitig auf Dinge aufmerksam machen kann. Ansonsten sehe ich es wie der gute alte Marcel Reich-Ranicki, mit dem ich mich natürlich wieder messen kann noch will. Liebe zur Literatur bedeutet auch immer, dass man sich mal enttäuscht fühlen kann - und irgendwo in der Bibel steht, dass man kalt oder heiß sein kann, aber nie lau sein sollte. Von daher schauen wir einfach mal, ob sich noch andere Blicke auf den Text ergeben :-)

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@gutifragerno

Ich habe die Bibelstelle wiedergefunden, möchte sie aber – natürlich ist das Du im Hinblick auf den Text gemeint ;-) hier nur teilweise zitieren ;-)

Offenbarung 3:14-22 / LUT

Ach, daß du kalt oder warm wärest! Weil du aber lau bist und weder kalt noch warm,  ...

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@gutifragerno

Ach ja, noch ein kleiner Nachtrag: ich betrachte jede literarische Äußerung erst einmal unabhängig vom Verfasser. Der Text muss sich bewähren, dem kritischen Blick standhalten, ohne dass der ganze Schatz und manchmal auch Ballast der Rezeptionsgeschichte einem den Blick verstellt. Das ist zumindest für den Schulkontext unheimlich wichtig, wenn wir jungen Menschen zur Liebe zur Literatur verhelfen wollen. Denn Liebe schafft nicht nur Ebenbürtigkeit, sondern setzt sie am Anfang auch voraus. Das sollte beim Interpretieren vor allen Dingen zu einem Gespräch auf Augenhöhe zwischen Lehrern und Schülern führen.

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