Gewissen: Was sind dazu die Aussagen von Freud, Nietzsche, Kant, Platon?

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2 Antworten

Zum Thema Gewissen bei Kant gibt es eine ganz hervorragende Expertenantwort auf eine Frage von beshare. Du kommst darauf  über mein Beitragskonto.

Freud behauptet, dass Gewissen sei identisch mit dem von ihm gefundenen Über-Ich. Dies ist eine innere Instanz der Psyche, die sich nach dem Es und dem Ich bildet und in der das Kind die Werte und Normen verinnerlicht, die seine Eltern ihm beibringen. Es ist zu verweisen auf seine Vorlesung Das Es, das Ich und das Über-Ich von 1938 im Londoner Exil. Die kann man irgendwo in einer Werkausgabe nachlesen.

Das Über-Ich wird hier als eine Instanz gesehen, die bewusst oder auch unbewusst wirken kann.

Heute wird in der Psychoanalyse noch differenziert zwischen dem Ich-Ideal und dem Über-Ich, dass die Realität mit dem Ich-Ideal vergleicht.

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Kommentar von Ottavio
21.04.2016, 20:03

Kleine Korrektur: nicht beshare, sondern bishare. Pardon !

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Ich halte eine Darstellung in zeitlicher Reihenfolge für sinnvoll.

Platon (428/7 v. Chr. - 348/347 v. Chr.)

Bei Platon gibt es den Begriff »Gewissen« nicht. συνείδησις (syneidesis), was zuerst „Mitwissen“ und „Bewußtsein“ bedeutet, ist das antike griechische Wort, das am meisten in manchen Fällen auch so etwas wie „Gewissen“ meinen kann. Aber bei Platon kommt dies nicht vor.

In der »Apologie« (Verteidigungsrede des Sokrates) kommt das Daimonion (δαιμόνιον) vor, eine innere Stimme, die Sokrates für eine göttliche Eingebung hält und die ihn Fehlern warnt.

Es gibt ein Wissen/eine Erkenntnis über gut und schlecht, recht gehandelt oder Unrecht begangen zu haben.  Platon, Charmides 165 e versteht Besonnenheit/Maßhalten (σωφροσύνη [sophrosyne]) als etwas, das auf Selbsterkenntnis/Wissen um sich selbst (ἐπιστήμη ἑαυτοῦ) beruht. Der Mensch ist also zu einer Selbstreflexion fähig.

Platons Seelenlehre/Psychologie (z. B. im Dialog »Politeia«) unterscheidet drei verschiedene Seelenteile/Arten der seelischen Ausrichtung/seelische Strebeformen (die alle Denken, Fühlen und Wollen umfassen) und mit denen bestimmte Tugenden/Vortrefflichkeiten jeweils auf besondere Weise verbunden (auch wenn sie alle Vernunft voraussetzen):

  • das Vernünftige (τὸ λογιστικόν)
  • das Muthafte/sich Ereifernde (τὸ θυμοειδές; gemeint ist nicht wütend

sein, sondern eher etwas wie engagiert und tatkräftig sein)

  • das Begehrliche (τὸ ἐπιθυμητικόν).

Das Vernünftige ist mit Erkenntnis verbunden, das sich Ereifernde mit Meinung und das Begehrliche mit Sinneswahrnehmung. Die Vernunft soll die Leitung übernehmen, eine kluge Fürsorge/Voraussicht (προμήθεια). Platon beschreibt das Verhältnis bei gutem Zusammenspiel (dem gerechten Zustand) als Freundschaft (φιλία) Übereinstimmung/Einklang (συμφωνία) und Harmonie (ἁρμονία).

Platon hält eine Form des Strebens fürs schlecht, bei der die Begierden
unkontrolliert die Oberherrschaft übernehmen und Vernunft und Mut/Eifer auf
eine nur noch den Begierden in Unterordnung dienende Funktion herabgedrückt sind. Diese Form des Strebens wird von ihm als das Begehrliche bezeichnet.

Alle Seelenteile/Arten der seelischen Ausrichtung/seelische Strebeformen haben ein Eigenrecht. Begierden sollen nicht die Leitung übernehmen und nicht die Vernunft bloß als dienendes Hilfsmittel ohne Kontrollfunktion benutzen. Sie sind dafür anfällig, sich von einem Anschein täuschen zulassen („blind“ vor Begierde) und das angezielte Gute nicht zu erreichen. Das Begehrliche hat aber eine Zuständigkeit und das Vernünftige ist nicht dafür da, ein Lustgefühl wahrzunehmen, festzustellen (etwas fühlt
sich angenehm an) und zu melden.

Bei schlechtem Zusammenspiel gibt es Konflikte, nicht nur zwischen den Seelenteilen/Arten der seelischen Ausrichtung/seelische Strebeformen, sondern auch innerhalb des Sich Ereifernden/Muthaften und des Begehrlichen.

Bei Platon gibt es keine Begriffsbildung, eine Leitung durch die Vernunft als eine besondere Instanz namens „Gewissen“ zu thematisieren.

Immanuel Kant (1724 - 1804)

https://www.gutefrage.net/frage/kants-meinung-ueber-das-gewissen

Ab Mitte des 19. Jahrhunderts gibt es eine Tendenz, das Gewissen als sekundäres Ergebnis psychologischer Zusammenhänge zu begreifen, meist unter Auflösung seines Autoritätsanspruches.

Friedrich Nietzsche (1844 - 1900)

Nietzsche deutet mit einer phantasievollen Entstehungshypothese das schlechte und damit das ganze Gewissen als Krankheitserscheinung. Es beruhe auf einer in der Frühzeit der Menschheit erfolgten Zurückwendung ihres Grausamkeitsinstinkts auf das eigene Ich, verbunden mit einer gegen den Urahn (als Gottheit) empfundenen Schuld.

Zur Verhaltensbeeinflussung ausreichend starke Leidenschaften, die als normative Inhalte jder Handlung innewohnen, werden verinnerlicht. Ein Gefühl von Schuld wird mit Bestrafung gekoppelt. Es gilt als Unrecht, in Einklang mit bestimmten primitiven Instinkten zu handeln. Andererseits bringt Nietzsche das Gewissen auch mit einer Fähigkiet zur Selbstkontrolle in Verbindung, einer Leistung, Versprechen geben und halten zu können.

In „Ecce Homo“ steht eine kurze Zusammenfassung, zu „Zur Genealogie der Moral : eine Streitschrift“ :  

„Die zweite Abhandlung giebt die Psychologie des Gewissens: dasselbe ist nicht, wie wohl geglaubt wird, »die Stimme Gottes im Menschen« – es ist der Instinkt der Grausamkeit, der sich rückwärts wendet, nachdem er nicht mehr nach aussen hin sich entladen kann.“

Marco Brusetti, Vom Zarathustra bis zu Ecce Homo. In: Nietzsche-Handbuch : Leben - Werk - Wirkung. Herausgegeben von Henning Ottmann. Stuttgart ; Weimar : Metzler, 2000, S. 126:

Unterdrückte, nach innen gewendete Instinkte der Freiheit, vor allem die Grausamkeit, bilden eine erste, gleichsam vormoralische Form des Gewissens, die vom späteren moralischen schlechten Gewissen noch weit entfernt ist. Dieses bildet sich erst in einem langwierigen Prozeß heraus, zu dem die religiöse Interpretation und die „Moralisierung“ der ursprünglich anders gemeinten Begriffe „Schuld und Pflicht“ wesentlich gehöre.

Henry Kerger, Gewissen. In: Nietzsche-Handbuch : Leben - Werk - Wirkung. Herausgegeben von Henning Ottmann. Stuttgart ; Weimar : Metzler, 2000, S. 244 – 245

Das Gewissen sieht Nietzsche als Ergebnis der Entwicklung des Menschen, in sich ein Tier heranzuzüchten, das versprechen darf, um dem vergeßlichen Tier ein „Gedächtnis zu malen“, mit dessen Hilfe die Vergeßlichkeit für bestimmte sittliche Anforderungen ausgehängt wird. Zur Erlangung dieses „eigentlichen Gedächtnisses des Willens“ muß der „Mensch selbst vorerst berechenbar, regelmäßig, nothwendig geworden sein, auch sich selbst für seine eigene Vorstellung“. Am Ende der langen, ungeheuren „Arbeit des Menschen an sich selber, in derem Verlauf der Mensch „mit Hilfe der Sittlichkeit der Sitte und des socialen Zwangsjacke wirklich berechenbar gemacht [wurde]“, steht der „Freigewordene, der wirklich versprechen darf, dieser Herr des freien Willens“, der endlich „mit dieser Macht über sich und das Geschick“ sowie das Wissen darum das „Privilegium der Verantwortlichkeit“ errungen hat, welches sich „zum Instinkt“ verändert und was er „sein Gewissen“ nennt.

Es kommt zu einem Prozeß der Verinnerlichung. In der Umkehrung der nach außen gewendeten Triebe und Begierde gegen den Menschen liegt der Ursprung des schlechten Gewissens.

Richard Schacht, Gewissen. Übersetzung: F. Künstner. In: Nietzsche-Lexikon. Herausgegegeben von Christian Niemeyer. 2., durchgesehene und erweiterte Auflage. Darmstadt : Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 2011, S. 133 - 134

Friedrich Nietzsche, Zur Genealogie der Moral : eine Streitschrift (1887). Zweite Abhandlung: „Schuld“, „schlechtes Gewissen“ und Verwandtes. 3.  

„Sein Gewissen?… Es lässt sich voraus errathen, dass der Begriff „Gewissen“, dem wir hier in seiner höchsten, fast befremdlichen Ausgestaltung begegnen, bereits eine lange Geschichte und Form-Verwandlung hinter sich hat. Für sich gut sagen dürfen und mit Stolz, also auch zu sich Ja sagen dürfen — das ist, wie gesagt, eine reife Frucht, aber auch eine späte Frucht: — wie lange musste diese Frucht herb und sauer am Baume hängen! Und eine noch viel längere Zeit war von einer solchen Frucht gar nichts zu sehn, — Niemand hätte sie versprechen dürfen, so gewiss auch Alles am Baume vorbereitet und gerade auf sie hin im Wachsen war! — „Wie macht man dem Menschen-Thiere ein Gedächtniss? Wie prägt man diesem theils stumpfen, theils faseligen Augenblicks-Verstande, dieser leibhaften Vergesslichkeit Etwas so ein, dass es gegenwärtig bleibt?“… Dies uralte Problem ist, wie man denken kann, nicht gerade mit zarten Antworten und Mitteln gelöst worden; vielleicht ist sogar nichts furchtbarer und unheimlicher an der ganzen Vorgeschichte des Menschen, als seine Mnemotechnik. „Man brennt Etwas ein, damit es im Gedächtniss bleibt: nur was nicht aufhört, weh zu thun, bleibt im Gedächtniss“ — das ist ein Hauptsatz aus der allerältesten (leider auch allerlängsten) Psychologie auf Erden.“

16.

„An dieser Stelle ist es nun nicht mehr zu umgehn, meiner eignen Hypothese über den Ursprung des »schlechten Gewissens« zu einem ersten vorläufigen Ausdrucke zu verhelfen: sie ist nicht leicht zu Gehör zu bringen und will lange bedacht, bewacht und beschlafen sein. Ich nehme das schlechte Gewissen als die tiefe Erkrankung, welcher der Mensch unter dem Druck jener gründlichsten aller Veränderungen verfallen mußte, die er überhaupt erlebt hat – jener Veränderung, als er sich endgültig in den Bann der Gesellschaft und des Friedens eingeschlossen fand. Nicht anders als es den Wasserthieren ergangen sein muß, als sie gezwungen wurden, entweder Landthiere zu werden oder zugrunde zu gehn, so ging es diesen der Wildnis, dem Kriege, dem Herumschweifen, dem Abenteuer glücklich angepaßten Halbtieren – mit Einem Male waren alle ihre Instinkte entwertet und „ausgehängt“. Sie sollten nunmehr auf den Füssen gehn und „sich selber tragen“, wo sie bisher vom Wasser getragen wurden: eine entsetzliche Schwere lag auf ihnen. Zu den einfachsten Verrichtungen fühlten sie sich ungelenk, sie hatten für diese neue unbekannte Welt ihre alten Führer nicht mehr, die regulierenden unbewußt-sicherführenden Triebe – sie waren auf Denken, Schließen, Berechnen, Kombinieren von Ursachen und Wirkungen reduzirt, diese Unglücklichen, auf ihr „Bewußtsein“, auf ihr ärmlichstes und fehlgreifendstes Organ! Ich glaube, daß niemals auf Erden ein solches Elends-Gefühl, ein solches bleiernes Mißbehagen dagewesen ist – und dabei hatten jene alten Instinkte nicht mit einem Male aufgehört, ihre Forderungen zu stellen! Nur war es schwer und selten möglich, ihnen zu Willen zu sein: in der Hauptsache mußten sie sich neue und gleichsam unterirdische Befriedigungen suchen. Alle Instinkte, welche sich nicht nach außen entladen, wenden sich nach innen – dies ist das, was ich die Verinnerlichung des Menschen nenne: damit wächst erst das an den Menschen heran, was man später seine „Seele“ nennt. Die ganze innere Welt, ursprünglich dünn wie zwischen zwei Häute eingespannt, ist in dem Maße auseinander- und aufgegangen, hat Tiefe, Breite, Höhe bekommen, als die Entladung des Menschen nach außen gehemmt worden ist. Jene furchtbaren Bollwerke, mit denen sich die staatliche Organisation gegen die alten Instinkte der Freiheit schützte – die Strafen gehören vor allem zu diesen Bollwerken –, brachten zuwege, daß alle jene Instinkte des wilden freien schweifenden Menschen sich rückwärts, sich gegen den Menschen selbst wandten. Die Feindschaft, die Grausamkeit, die Lust an der Verfolgung, am Überfall, am Wechsel, an der Zerstörung – alles das gegen die Inhaber solcher Instinkte sich wendend: das ist der Ursprung des „schlechten Gewissens“. Der Mensch, der sich, aus Mangel an äusseren Feinden und Widerständen, eingezwängt in eine drückende Enge und Regelmäßigkeit der Sitte, ungeduldig selbst zerriß, verfolgte, annagte, aufstörte, mißhandelte, dies an den Gitterstangen seines Käfigs sich wundstoßende Thier, das man „zähmen“ will, dieser Entbehrende und vom Heimweh der Wüste Verzehrte, der aus sich selbst ein Abenteuer, eine Folterstätte, eine unsichere und gefährliche Wildnis schaffen musste – dieser Narr, dieser sehnsüchtige und verzweifelte Gefangne wurde der Erfinder des „schlechten Gewissens“. Mit ihm aber war die größte und unheimlichste Erkrankung eingeleitet, von welcher die Menschheit bis heute nicht genesen ist, das Leiden des Menschen am Menschen, an sich: als die Folge einer gewaltsamen Abtrennung von der thierischen Vergangenheit, eines Sprunges und Sturzes gleichsam in neue Lagen und Daseins-Bedingungen, einer Kriegserklärung gegen die alten Instinkte, auf denen bis dahin seine Kraft, Lust und Furchtbarkeit beruhte. Fügen wir sofort hinzu, daß andrerseits mit der Tatsache einer gegen sich selbst gekehrten, gegen sich selbst Partei nehmenden Thierseele auf Erden etwas so Neues, Tiefes, Unerhörtes, Rätselhaftes, Widerspruchsvolles und Zukunftsvolles gegeben war, daß der Aspekt der Erde sich damit wesentlich veränderte. In der That, es brauchte göttlicher Zuschauer, um das Schauspiel zu würdigen, das damit anfing und dessen Ende durchaus noch nicht abzusehn ist – ein Schauspiel zu fein, zu wundervoll, zu paradox, als daß es sich sinnlos-unvermerkt auf irgendeinem lächerlichen Gestirn abspielen dürfte! Der Mensch zählt seitdem mit unter den unerwartetsten und aufregendsten Glückswürfen, die das „grosse Kind“ des Heraklit, heiße es Zeus oder Zufall, spielt – er erweckt für sich ein Interesse, eine Spannung, eine Hoffnung, beinahe eine Gewissheit, als ob mit ihm sich etwas ankündige, etwas vorbereite, als ob der Mensch kein Ziel, sondern nur ein Weg, ein Zwischenfall, eine Brücke, ein großes Versprechen sei...“

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Kommentar von Albrecht
22.04.2016, 07:04

Sigmund Freud (1856 - 1939)

Sigmund Freud hat über das Gewissen eine – mit Nietzsches Hypothese verwandte – psychoanalytisch-pathologische Theorie entwickelt.

Aus der in Wünschen vollzogenen Identifizierung mit dem zugleich gefürchteten und als Vorbild geliebten Vater (Autoritätsperson) entsteht ein ins Unbewußte abgespaltenes Über-Ich (Ich-Ideal), welches das bewußte Ich „überwacht“ und durch seine Strenge in diesem die Gewissensangst hervorruft. Damit wird eine spezielle, teilweise ins Unbewußte verlagerte Form des Gewissens der Folgsamkeit zum einzigen Gewissen erklärt (daneben kommt in Freuds Theorie die Reue vor, die darin besteht, sich wegen einer Normverletzung zu schämen; ob die Norm gut/richtig ist, wird in seiner Theorie des Gewissens nicht thematisiert).

Ein wichtiges Werk zum Thema ist „Das Unbehagen in der Kultur“. Nach Freud ist das Gewissen eine Funktion des Über-Ichs. In Anerziehung und Verinnerlichung von Autorität (soziale Abhängigkeit) entsteht aus Angst vor Liebesentzug und Bestrafung ein Schuldgefühl. Das Gewissen wirkt auf das von ihm beobachtete Ich ein und richtet sich strafend-verurteilend gegen das Es mit seinen unbewußten Trieben und den sich daraus ergebenden Wünschen.

Die Kulturentwicklung verlangt Triebverzicht/Triebeinschränkung. Eine Neigung zu Aggression und Zerstörung wird einzudämmen versucht. Dadurch kommt es allerdings zu einer Spannung.

Sigmund Freud, Das Unbehagen in der Kultur (1930). Kapitel 7:

„Die Aggression wird introjiziert, verinnerlicht, eigentlich aber dorthin zurückgeschickt, woher sie gekommen ist, also gegen das eigene Ich gewendet. Dort wird sie von einem Anteil des Ichs übernommen, das sich als Über-Ich dem übrigen entgegenstellt und nun als »Gewissen« gegen das Ich dieselbe strenge Aggressionsbereitschaft ausübt, die das Ich gerne an anderen, fremden Individuen befriedigt hätte. Die Spannung zwischen dem gestrengen Über-Ich und dem ihm unterworfenen Ich heißen wir Schuldbewußtsein; sie äußert sich als Strafbedürfnis. Die Kultur bewältigt also die gefährliche Aggressionslust des Individuums, indem sie es schwächt, entwaffnet und durch eine Instanz in seinem Inneren, wie durch eine Besatzung in der eroberten Stadt, überwachen läßt.“

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Kommentar von Albrecht
22.04.2016, 07:08

„Ein ursprüngliches, sozusagen natürliches Unterscheidungsvermögen für Gut und Böse darf man ablehnen. Das Böse ist oft gar nicht das dem Ich Schädliche oder Gefährliche, im Gegenteil auch etwas, was ihm erwünscht ist, ihm Vergnügen bereitet. Darin zeigt sich also fremder Einfluß; dieser bestimmt, was Gut und Böse heißen soll. Da eigene Empfindung den Menschen nicht auf denselben Weg geführt hätte, muß er ein Motiv haben, sich diesem fremden Einfluß zu unterwerfen. Es ist in seiner Hilflosigkeit und Abhängigkeit von anderen leicht zu entdecken, kann am besten als Angst vor dem Liebesverlust bezeichnet werden. Verliert er die Liebe des anderen, von dem er abhängig ist, so büßt er auch den Schutz vor mancherlei Gefahren ein, setzt sich vor allem der Gefahr aus, daß dieser Übermächtige ihm in der Form der Bestrafung seine Überlegenheit erweist. Das Böse ist also anfänglich dasjenige, wofür man mit Liebesverlust bedroht wird; aus Angst vor diesem Verlust muß man es vermeiden. Darum macht es auch wenig aus, ob man das Böse bereits getan hat oder es erst tun will; in beiden Fällen tritt die Gefahr erst ein, wenn die Autorität es entdeckt, und diese würde sich in beiden Fällen ähnlich benehmen.

Man heißt diesen Zustand »schlechtes Gewissen«, aber eigentlich verdient er diesen Namen nicht, denn auf dieser Stufe ist das Schuldbewußtsein offenbar nur Angst vor dem Liebesverlust, »soziale« Angst. Beim kleinen Kind kann es niemals etwas anderes sein, aber auch bei vielen Erwachsenen ändert sich nicht mehr daran, als daß an Stelle des Vaters oder beider Eltern die größere menschliche Gemeinschaft tritt. Darum gestatten sie sich regelmäßig, das Böse, das ihnen Annehmlichkeiten verspricht, auszuführen, wenn sie nur sicher sind, daß die Autorität nichts davon erfährt oder ihnen nichts anhaben kann, und ihre Angst gilt allein der Entdeckung. Mit diesem Zustand hat die Gesellschaft unserer Tage im allgemeinen zu rechnen.

Eine große Änderung tritt erst ein, wenn die Autorität durch die Aufrichtung eines Über-Ichs verinnerlicht wird. Damit werden die Gewissensphänomene auf eine neue Stufe gehoben, im Grunde sollte man erst jetzt von Gewissen und Schuldgefühl sprechen. Jetzt entfällt auch die Angst vor dem Entdecktwerden und vollends der Unterschied zwischen Böses tun und Böses wollen, denn vor dem Über-Ich kann sich nichts verbergen, auch Gedanken nicht. Der reale Ernst der Situation ist allerdings vergangen, denn die neue Autorität, das Über-Ich, hat unseres Glaubens kein Motiv, das Ich, mit dem es innig zusammengehört, zu mißhandeln. Aber der Einfluß der Genese, der das Vergangene und Überwundene weiterleben läßt, äußert sich darin, daß es im Grunde so bleibt, wie es zu Anfang war. Das Über-Ich peinigt das sündige Ich mit den nämlichen Angstempfindungen und lauert auf Gelegenheiten, es von der Außenwelt bestrafen zu lassen.

Auf dieser zweiten Entwicklungsstufe zeigt das Gewissen eine Eigentümlichkeit, die der ersten fremd war und die nicht mehr leicht zu erklären ist. Es benimmt sich nämlich um so strenger und mißtrauischer, je tugendhafter der Mensch ist, so daß am Ende gerade die es in der Heiligkeit am weitesten gebracht, sich der ärgsten Sündhaftigkeit beschuldigen. Die Tugend büßt dabei ein Stück des ihr zugesagten Lohnes ein, das gefügige und enthaltsame Ich genießt nicht das Vertrauen seines Mentors, bemüht sich, wie es scheint, vergeblich, es zu erwerben.“

„Wir kennen also zwei Ursprünge des Schuldgefühls, den aus der Angst vor der Autorität und den späteren aus der Angst vor dem Über-Ich. Das erstere zwingt dazu, auf Triebbefriedigungen zu verzichten, das andere drängt, da man den Fortbestand der verbotenen Wünsche vor dem Über-Ich nicht verbergen kann, außerdem zur Bestrafung. Wir haben auch gehört, wie man die Strenge des Über-Ichs, also die Gewissensforderung, verstehen kann. Sie setzt einfach die Strenge der äußeren Autorität, die von ihr abgelöst und teilweise ersetzt wird, fort. Wir sehen nun, in welcher Beziehung der Triebverzicht zum Schuldbewußtsein steht. Ursprünglich ist ja der Triebverzicht die Folge der Angst vor der äußeren Autorität; man verzichtet auf Befriedigungen, um deren Liebe nicht zu verlieren. Hat man diesen Verzicht geleistet, so ist man sozusagen mit ihr quitt, es sollte kein Schuldgefühl erübrigen. Anders ist es im Falle der Angst vor dem Über-Ich. Hier hilft der Triebverzicht nicht genug, denn der Wunsch bleibt bestehen und läßt sich vor dem Über-Ich nicht verheimlichen. Es wird also trotz des erfolgten Verzichts ein Schuldgefühl zustande kommen, und dies ist ein großer ökonomischer Nachteil der Über-Ich-Einsetzung, wie man sagen kann, der Gewissensbildung. Der Triebverzicht hat nun keine voll befreiende Wirkung mehr, die tugendhafte Enthaltung wird nicht mehr durch die Sicherung der Liebe gelohnt, für ein drohendes äußeres Unglück – Liebesverlust und Strafe von Seiten der äußeren Autorität – hat man ein andauerndes inneres Unglück, die Spannung des Schuldbewußtseins, eingetauscht.“

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Kommentar von Albrecht
22.04.2016, 07:09

allgemeine Artikel mit Überblicken:

Reto Luzius Fetz, Gewissen. In: Enzyklopädie Philosophie : in drei Bänden mit einer CD-ROM. Unter Mitwirkung von Dagmar Borchers, Arnim Regenbogen, Volker Schürmann und Pirmin Stekeler-Weithofer herausgegeben von Hans Jörg Sandkühler. Band 1: A – H. Hamburg : Meiner, 2010, S. 498 - 501

Hans Reiner, Gewissen. In: Historisches Wörterbuch der Philosophie. Band 3: G – H. Basel ; Stuttgart : Schwabe, 1974, Spalte 574 – 592

Oswald Schwemmer, Gewissen. In: Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie. Herausgegeben von Jürgen Mittelstraß. Band 3: G – Inn. 2., neubearbeitete und wesentlich ergänzte Auflage. Stuttgart ; Weimar : Metzler, 2008, S. 132 – 135

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